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10.06.2020 | Mobilitätskonzepte | Im Fokus | Onlineartikel

Verändert die Corona-Krise langfristig unsere Mobilität?

Autor:
Christiane Köllner
6 Min. Lesedauer

Das Coronavirus hat Auswirkungen auf die Mobilität. Bewegen wir uns nach der Corona-Krise anders fort? Wird sich unser Mobilitätsverhalten ändern? Vieles spricht dafür, und zwar aus vier Gründen. 

Im Zuge der Corona-Krise haben die Menschen weltweit ihre Mobilität eingeschränkt. Doch auch nach der Lockerung von Ausgangsbeschränkungen wird sich in vielen Regionen das Mobilitätsverhalten verändern, mit Auswirkungen auf die Automobilindustrie und Mobilitätsanbieter. "Die Mobilität wird sich aus vier Gründen verändern: gesamtwirtschaftliche Lage, Regulierung, Technologie und Kundenverhalten", sagt Timo Möller, Partner im Kölner Büro der Unternehmensberatung McKinsey, die in einer aktuellen Studie untersucht hat, wie Covid-19 die Mobilität verändert. "Nach der akuten Krisenbewältigung gilt es für die Anbieter, ihre Strategie diesen Veränderungen anzupassen", so Möller weiter. 

Gesamtwirtschaftliche Lage

Zunächst ist festzuhalten: Die Corona-Krise führt "zu einer massiven Reduktion des Welthandels", wie Professor Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel und Professor an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, im Artikel Welthandel post Coronam aus der Zeitschrift Wirtschaftsdienst 5-2020 erklärt. Die WTO gehe gemäß einer aktuellen Studie von einer Schrumpfung des Handelsvolumens im Jahr 2020 um bis zu einem Drittel aus, so Felbermayr. Das liege zum einen an Betriebsschließungen in vielen Ländern, die zu Unterbrechungen von Lieferketten und damit zu Produktionsausfällen bei Industriegütern führen. Zum anderen führen fallende Einkommen zu einem Rückgang der Nachfrage nach langlebigen Wirtschaftsgütern, deren Kauf man aufschieben kann, wie zum Beispiel Autos. 

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Welthandel post Coronam

Nach McKinsey-Angaben sind durch das Herunterfahren der Fabriken bisher rund 7,5 Millionen weniger Autos produziert worden als ursprünglich geplant. Auf dem Höhepunkt der Krise standen über 90 Prozent der Autowerke in China, Europa und den USA still. Auch auf der Nachfragseite zeigen sich die Folgen: Insgesamt dürfte die Markt für neue Pkw in diesem Jahr weltweit um rund 20 bis 25 Prozent zurückgehen. Allein im April wurden in Deutschland rund 60 Prozent weniger Autos verkauft als im Vorjahr. In Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien betrug der Rückgang sogar bis zu 95 Prozent. Mobilitätsanbieter leiden ebenfalls: Die ÖPNV-Nutzung ist in vielen Städten um 70 bis 90 Prozent eingebrochen; Ridehailing-Dienste verzeichnen 60 bis 70 Prozent weniger Kunden. Zahlreiche Anbieter von E-Scootern haben ihren Dienst in Deutschland zeitweise eingestellt. 

"Die Schwäche einzelner Mobilitätsanbieter kann mittelfristig zu mehr Fusionen und Übernahmen führen – die Konsolidierung der Auto- und Mobilitätsindustrie wird durch die Coronakrise beschleunigt", sagt Kersten Heineke, Partner im Frankfurter Büro von McKinsey. Die Unternehmensberatung Roland Berger geht in ihrer Szenario-Analyse für das "New Normal" davon aus, dass einige Hersteller ihre globale Präsenz zurückfahren und sich auf ihre Kernmärkte fokussieren werden. OEMs in Europa und den USA könnten ihre Lieferketten zunehmend regionalisieren und Wettbewerber werden häufiger Partnerschaften eingehen, um Investitionen in Zukunftstechnologien zu stemmen. Einen Trend zur Deglobalisierung macht auch Monika Wohlmann, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der FOM Hochschule in Düsseldorf, im springerprofessional-Interview aus. 

Die Corona-Krise bremst auch Mobilitäts-Start-ups. Laut dem Beratungshaus Oliver Wyman zeigen sich im aktuellen "Mobility Start-up-Radar" erste Anzeichen abnehmender Investitionen. "Die Zeiten sind hart für Mobilitäts-Start-ups . Doch wer seine Liquidität sichern kann und ein solides Geschäftsmodell hat, kann die Krise durchstehen", Andreas Nienhaus, Partner bei Oliver Wyman.

Regulierung

McKinsey geht auch davon aus, dass sich die Rolle des Staates verändern wird. Aktuell sei die Reaktion der Regulierer weltweit unterschiedlich: Während in manchen Regionen Umweltvorgaben gelockert werden, hat China die Förderung für Elektrofahrzeuge als Reaktion auf Corona verlängert. Roland Berger prognostiziert, dass China beim Umstieg auf die E-Mobilität führend bleibt. Europa könnte mit einer ambitionierten politischen Agenda aufholen. Senken die USA ihre Emissionsziele, fielen sie weiter zurück.

"Nicht nur in Deutschland wird über Kaufanreize diskutiert, die eine umweltpolitische Lenkungswirkung hin zu E-Autos beinhalten", so McKinsey-Analyst Möller. Ein weiterer Corona-Effekt: Stadtverwaltungen haben im Lockdown Straßen für Fußgänger und Radfahrer umgewidmet und werden erfolgreiche Projekte auch nach der Lockerung der Ausgangsbeschränkungen voraussichtlich beibehalten – auch, um den Abstand zwischen Verkehrsteilnehmern zu gewährleisten.

Technologie

Kurzfristig werden nach McKinsey-Analyse Investitionen in neue Technologien wie das autonome Fahren zurückgestellt; langfristig könnten solche Technologien gewinnen, die den physischen Abstand zwischen Menschen befördern – wie eben autonomes Fahren oder Sharing-Angebote. Die E-Mobilität soll nicht signifikant beeinträchtigt werden, so ein weiteres Ergebnis der Studie. "Die Verkäufe von E-Autos waren im März und April in China und Europa erstaunlich stabil", so McKinsey-Analyst Heineke. Nur in den USA, wo wegen der geringeren Besteuerung der Benzinpreis stärker mit dem Rohölpreis korreliere, könnten durch das aktuell niedrige Preisniveau Autos mit Verbrennungsmotoren wieder attraktiver werden. 

Kundenverhalten

McKinsey geht davon aus, dass künftig viele Kunden die Wahl ihres Transportmittels nicht nur auf Basis von Preis und Komfort treffen, sondern auch anhand der wahrgenommenen Infektionsgefahr. Das heißt: Menschen mit privatem Pkw werden diesen stärker nutzen; auch Fahrradfahren und Laufen werden kurzfristig gewinnen zu Lasten des ÖPNV – ein Effekt, der in China zu beobachten sei. Zudem könnte die Erfahrung mit dem Arbeiten von zu Hause aus dazu führen, dass die Pendelmobilität in Zukunft insgesamt zurückgehen wird. Roland Berger glaubt hingegen, dass Verbraucher tendenziell weniger und billigere Autos kaufen werden.

Zu einer ähnlichen Einschätzung wie McKinsey kommt das Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Es ist eindeutig, dass die Coronapandemie unser Mobilitätsverhalten grundlegend verändert. Insbesondere die öffentlichen Verkehrsmittel müssen eine Durststrecke überbrücken und brauchen Unterstützung. Vieles weist darauf hin, dass Auto und auch Fahrrad als Gewinner aus der Krise hervorgehen werden", fasst Professor Barbara Lenz, Direktorin des DLR-Instituts für Verkehrsforschung, das Ergebnis einer DLR-Befragung zusammen, die die Auswirkungen der Coronakrise auf das Mobilitätsverhalten der deutschen Bevölkerung untersucht hat. "Im Kontext der Corona-Krise kann man durchaus von einem 'Revival' des Privatautos sprechen. Das Gefühl der eigenen Sicherheit scheint aktuell die Auswahl des Verkehrsmittels stark zu beeinflussen", so Institutsdirektorin Lenz weiter. Das könnte unter Umständen ein Nachteil für ein neues, künftiges "Mobilitätsökosystem" sein, wie es Springer-Autor Tom Kirschbaum im Kapitel Keine Smart City ohne smarte Mobilität aus dem Buch Smart City – Made in Germany nennt, da der öffentliche Personennahverkehr "von der Grundstruktur her am besten geeignet [ist], die ganzheitliche Sicht einzunehmen, die dem Smart-City-Konzept zugrunde liegt", so Kirschbaum.

Auch eine Umfrage der HUK-Coburg zeigt, dass das Auto als Fortbewegungsmittel nach wie vor erste Wahl bleibt. Langfristige Auswirkungen auf das eigene Mobilitätsverhalten erwarten die wenigsten. Zwei von drei Befragten (67 Prozent) gehen laut Umfrage nicht davon aus, dass die Corona-Krise ihr Mobilitätsverhalten langfristig verändert: Sie werden auch nach der Corona-Krise überwiegend das Auto verwenden, um von A nach B zu kommen. Allerdings steigert die Corona-Pandemie steigert Interesse an E-Scootern: Nach einer vom E-Scooter Hersteller Moovi beauftragten Umfrage können sich 34,8 Prozent der Deutschen den Kauf eines E-Scooters vorstellen.

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