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17.09.2019 | Mobilitätskonzepte | Fragen + Antworten | Onlineartikel

Was Sie über E-Scooter wissen müssen

Autor:
Christiane Köllner

Sauberere Luft und weniger Staus – das erhoffen sich Befürworter von E-Scootern. Doch es gibt auch Kritik. Sind E-Scooter umweltfreundlich? Leisten sie einen Beitrag zur Mobilitätswende? Wir klären auf.  

Mehr als eine Viertelmillion E-Scooter fahren seit der Zulassung Mitte Juni in Deutschland – Tendenz steigend. Die elektrisch betriebenen Tretroller gelten als flexibel, trendy und umweltfreundlich. Nach Ansicht des Verkehrsministeriums sind sie eine ideale Ergänzung zu Entwicklung und Ausbau der Elektromobilität. Doch Verkehrs- und Sicherheitsexperten haben an der praktischen Umsetzung Zweifel. Immer häufiger kommt es zu Unfällen und zur unsachgemäßen Nutzung von E-Scootern. Grund für uns nachzuhaken: Wie sinnvoll sind E-Scooter wirklich? Die wichtigsten Fragen und Antworten haben wir in einer Übersicht zusammengestellt. 

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Was sind E-Scooter?

E-Scooter, auch E-Stehroller oder E-Tretroller genannt, sind Elektrokleinstfahrzeuge und dürfen seit dem 15. Juni 2019 am Straßenverkehr in Deutschland teilnehmen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 20 km/h. Die E-Scooter haben eine Reichweite von rund 40 Kilometern. Fahrende müssen mindestens 14 Jahre alt, für das Mieten jedoch volljährig sein. Gefahren wird auf dem Radweg. Ist keiner vorhanden, müssen Fahrer auf die Straße ausweichen. Fußwege und Fußgängerzonen sind tabu. Wichtig ist, mit Versicherung und Zulassung unterwegs zu sein. Als Nachweis des Versicherungsschutzes gilt die Versicherungsplakette.

Warum werden E-Scooter genutzt?

Aktuell steht die Nutzung der E-Scooter in Sport und Freizeit im Vordergrund, wie eine Online-Befragung des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU) herausgefunden hat, an der im Juni/Juli 2019 knapp 300 Befragte teilgenommen haben. Aber auch der praktische Nutzen als Shuttle zum öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sowie auf dem Weg zum Arbeitsplatz steht hoch im Kurs. Bei den praktischen Einsatzmöglichkeiten sehen die Befragten aus dem städtischen und ländlichen Raum kaum Unterschiede: Insgesamt besteht im ländlichen Raum leicht weniger Interesse, einzig als Shuttle zum Pkw haben die Befragten im ländlichen Raum höheres Interesse.

Sind E-Scooter umweltfreundlich?

Laut Umweltbundesamt (UBA) sind E-Scooter zurzeit kein Gewinn für die Umwelt. Der E-Scooter fährt zwar lokal emissionsfrei, doch vor allem bei der Herstellung des Fahrzeugs und des Akkus werden Emissionen produziert. Für E-Scooter-Akkus liegen dazu noch keine spezifischen Berechnungen vor, aber Zahlen für Pedelec-Akkus können hier einen ersten Ansatz liefern. Bei der Herstellung eines durchschnittlichen Pedelec-Akkus entstehen circa 27,5 bis 37,5 kg CO2-Emissionen. Da die meisten E-Scooter aus China stammen, kommt der Strom für die Produktion hauptsächlich aus Kohlekraft.

Aufgrund der hohen Umweltrelevanz der Akkuherstellung ist die Lebensdauer des Akkus für die Klima- und Umweltwirkungen des E-Scooters ein entscheidender Parameter: Eine lange Lebensdauer des E-Scooters und seines Akkus verringert die Umweltauswirkungen pro gefahrenem Kilometer. Allerdings ist die Lebensdauer der Leih-Roller und Akkus offenbar gering. Erste unbestätigte Zahlen aus Kentucky, Louisville (USA), deuten bei Verleihern von E-Scootern auf eine relativ kurze Nutzungsdauer von 28 bis 32 Tagen hin. Andere Quellen gehen von drei Monaten aus, obwohl manche Verleiher für neue Modelle inzwischen auch schon eine Lebensdauer von über 12 Monaten angeben. Die Lebensdauer der E-Scooter bei der Nutzung in Haushalten werden sich durch geringere Abnutzungserscheinungen von denen im Verleih unterscheiden. Klar ist: Je früher sie kaputt gehen, desto schlechter ist ihre CO2-Bilanz.

Eine Studie der University of North Carolina hat die gesamte Emissionsbilanz von amerikanischen Leih-E-Scootern untersucht, von der Materialgewinnung über die Herstellung bis zur Nutzung. Das Ergebnis: Die Produktion und die Materialien sollen für die Hälfte der ausgestoßenen Klimagase sorgen. Das Einsammeln der E-Scooter durch die sogenannten "Juicer", die die E-Scooter nachts mit Pkw oder Kleintransportern zum Aufladen zu Ladepunkten transportieren, mache 43 Prozent der Emissionen aus. Der Rest der Emissionen werde von Import und Unterhalt verursacht. Die Forscher haben dafür insgesamt ein CO2-Äquivalent von 202 Gramm pro Passagiermeile (1,61 km), also 125 Gramm pro Kilometer, errechnet.

Dabei gingen die Forscher von einer durchschnittlichen Nutzung von 18 Monaten aus. Sollten die E-Scooter zwei Jahre lang halten, würden sich die durchschnittlichen Lebenszyklusemissionen auf ein CO2-Äquivalent von 141 Gramm pro Passagiermeile reduzieren, also auf 87 Gramm pro Kilometer. Im Vergleich dazu führen die Wissenschaftler das CO2-Äquivalent in einem Bus mit 51 Gramm pro km und beim Radfahren mit fünf Gramm pro Kilometer an.

Leisten E-Scooter einen Beitrag zur Verkehrswende?

Aktuelle Erhebungen zeigen, dass E-Scooter oft den umweltfreundlicheren Fuß- und Radverkehr ersetzen. Erste Zahlen zu Nutzungsweiten in Berlin lassen laut UBA vermuten, dass zurückgelegte Wege mit dem E-Scooter durchschnittlich etwa zwei Kilometer lang sind und vor allem abends und am Wochenende zurückgelegt werden. Eine Umfrage unter über 4.000 Nutzenden von Verleih-E-Scootern in Paris habe gezeigt, dass fast die Hälfte der Befragten ohne Roller zu Fuß gegangen wäre (47 Prozent), 29 Prozent hätten den ÖPNV genutzt und neun Prozent wären per Fahrrad ans Ziel gekommen. Nur acht Prozent der Befragten haben mit dem geliehenen E-Scooter eine Auto- oder Taxifahrt ersetzt. 

Nach Angaben von Agora Verkehrswende sollen internationale Erfahrungen und Untersuchungen darauf hindeuten, dass Fußwege die mit E-Tretrollern am häufigsten ersetzten Wege sind, dass allerdings gleichzeitig ein Potenzial zur Substitution von Pkw-Wegen bestehe. Laut dem Beratungsunternehmen Civity gibt es weder große Vorteile noch eine ernste Gefahr für den ÖPNV – disruptiert werden maximal die touristischen Segway-Verleiher.

Wie verkehrssicher sind E-Scooter?

Die Stiftung Warentest hat die vier Verleiher Circ, Lime, Tier und Voi in Berlin einem Schnellcheck unterzogen. Im Praxistest wurden drei Tester mit den Miet-Scootern auf eine vorgegebene Strecke in die Berliner Innenstadt geschickt. Das Ergebnis: Das Cruisen auf ebenem Untergrund mache mit allen vier Modellen Spaß, doch sobald man mit ihnen über Kanten, Kopfsteinpflaster oder Huckel fahre, sei der Fahrspaß vorbei. Teilweise seien die Tester so durchgeschüttelt worden, dass sie die Fahrt wegen Sicherheitsbedenken abbrachen. Auch das Abbiegen habe sich als gefährliche Angelegenheit erwiesen, die Scooter seien für Handzeichen und einhändiges Fahren viel zu wackelig. Obwohl sie erst seit einigen Wochen durch die Straßen fahren, hätten mehrere Scooter bereits mitgenommen ausgesehen. Mal sei die Klingel kaputt gewesen, mal der Lenker verzogen, mal hätten die Bremsen nicht ordentlich funktioniert. Oft seien die Rahmen lädiert gewesen. 

Wie gefährlich E-Scooter sein können, zeigt zum Beispiel auch eine US-amerikanischen Analyse. In Austin, Texas, sind laut einer Studie des Austin Public Health Department in zwei Monaten 190 E-Scooter-Fahrer verunglückt. Dabei zogen sich 48 Prozent der Fahrer bei dem Unfall Kopfverletzungen zu. Und der TÜV-Verband hat aus Sicherheitsgründen jüngst Blinker für E-Tretroller gefordert. Die Erfahrungen der vergangenen Monate hätten gezeigt, dass das Abbiegen häufig zu gefährlichen Verkehrssituationen führe, sagte Geschäftsführer Joachim Bühler.

Sind E-Scooter ein kostengünstiges Verkehrsmittel?

Wer sich einen eigenen Roller kauft, zahlt dafür nach ADAC-Angaben zwischen 400 und 2.400 Euro. Wer sich den E-Tretroller lieber leihen möchte, als ihn zu kaufen, lädt die App eines Sharing-Anbieters herunter, registriert sich und hinterlegt die Zahlungsmethode. Anbieter von E-Scootern sind vergleichsweise teuer. Zu einer Entsperrgebühr von einem Euro kommen Minutenpreise. Je nach Stadt liegen sie zwischen 15 und 25 Cent pro Minute. 

Beispielsweise müssen E-Scooter-Fahrer für die neun Minuten lange Fahrt vom Hackeschen Markt zum Checkpoint Charlie in Berlin mit Circ, Tier Mobility und Voi Scooter 2,35 Euro und mit Lime 2,80 Euro zahlen. Das hat das Verbraucherforum Mydealz, das für sechs deutsche Großstädte untersucht hat, wie Bewohner und Touristen möglichst günstig von A nach B kommen, ermittelt. Deutlich preiswerter sind im Vergleich Leih-Fahrräder. Auf der gleichen Strecke kostet die Fahrt mit dem Bikesharing-Anbieter Nextbike nur einen Euro.

Wie sieht es mit dem Datenschutz bei den E-Scooter-Apps aus?

Die Stiftung Warentest hat sich auch die Apps von Circ, Lime, Tier und Voi genauer angesehen und untersucht, wie diese mit den Nutzerdaten umgehen. Um das herauszufinden, haben die IT-Experten der Stiftung Warentest außerdem den Datenstrom zwischen den Apps und Servern im Internet ausgelesen und festgestellt: Alle geprüften Verleih-Apps senden sowohl in der iOS- als auch in der Android-Variante mehr Daten, als für ihre Funktion notwendig ist. Das sieht die Stiftung Warentest kritisch. 

Fazit

Die E-Tretroller sollten "als Chance" und nicht nur als Problem verstanden werden, heißt es in einer Handreichung für Kommunen, die Agora Verkehrswende gemeinsam mit dem Deutschen Städtetag (DST) und dem Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) ausgearbeitet hat. Bislang sind die E-Scooter aber eher ein Spaßmobil für Touristen. "Ersetzen sie die Pkw-Nutzung bewirken sie positive Effekte, substituieren sie hingegen vorrangig Fuß- und Radwege steht ihr verkehrlicher und ökologischer Nutzen infrage", fasst es Agora Verkehrswende zusammen. Dabei verschlechtern vor allem die E-Scooter-Herstellung und die kurze Lebensdauer der Gefährte die Umweltbilanz.  

Angesichts der bisherigen Erfahrungen kann man also noch nicht behaupten, dass E-Scooter im Verleih einen positiven Nutzen für die Mobilität hätten. Grundsätzlich ist es allerdings begrüßenswert, neue Transportmittel auf ihre Potenziale hin zu analysieren. Die E-Scooter könnten dabei helfen, die für das Auto optimierten Strukturen in den Städten aufzubrechen und die Frage aufwerfen, wie viel Raum welcher Art der Fortbewegung eingeräumt werden soll.

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