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29.12.2020 | Mobilitätskonzepte | Im Fokus | Onlineartikel

Neun Herausforderungen für die Automobilbranche

Autor:
Christiane Köllner
6 Min. Lesedauer

Die Automobilbranche befindet sich in einer historischen Transformationsphase. BearingPoint hat die neun zentralen Herausforderungen, die die Autokonzerne meistern müssen, identifiziert. 

Elektromobilität, Digitalisierung und zunehmende Automatisierung: Die Automobilbranche steht großen Strukturveränderungen gegenüber. Damit die Neuaufstellung der Unternehmen gelingt, müssen allerdings zahlreiche Herausforderungen gemeistert werden. Die Veränderungen werden weitreichend sein und neben den Unternehmen auch den Arbeitsmarkt massiv betreffen. Das Beratungsunternehmen BearingPoint hat dazu gemeinsam mit der Personalberatung dla digital leaders advisory neun zentrale Herausforderungen für die Automotive-Branche definiert und die wichtigsten Handlungsempfehlungen für eine erfolgreiche Transformation erarbeitet: 

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01.07.2019 | Entwicklung | Ausgabe 7-8/2019

Herausforderungen bei der digitalen Transformation der Automobilindustrie

Der Wandel der Automobilindustrie wird umfassender ausfallen als gedacht. Die Bereiche Mobilitätsdienstleistungen und Connected Services werden das zukünftige Geschäft stark beeinflussen - neben Elektromobilität und automatisiertem Fahren. Wichtiger als die Beherrschung der erforderlichen Digitalisierungstechnik wird es sein, alle Mitarbeiter eines OEM zum Fortschritt zu motivieren, wie ein Branchenexperte der IBM mit langjähriger Erfahrung hier ausführt.

1. Abteilungsübergreifende IT-Skills

"Die rasante Digitalisierung, hochentwickelte Cloud-Architekturen und der Bedarf an Arbeitskräften mit breit gefächerten Kenntnissen und Fertigkeiten verwischen die klassische Trennung zwischen IT und Fachbereichen", erklären die Berater. IT-Skills seien inzwischen in allen Bereichen und Abteilungen gefragt. Cross-funktionale, agile Kollaborations- und Rollenmodelle erforderten eine wesentlich stärkere Beschäftigung mit Informationstechnologien im gesamten Unternehmen.

Damit hat die Digitalisierung "weitreichende Auswirkungen auf zukünftige Tätigkeitstypen und Kompetenzfacetten der Mitarbeiter", wie die Springer-Autoren der Uni Potsdam und IG Metall im Artikel Herausforderungen und Handlungsempfehlungen betrieblicher Weiterbildungspraxis in Zeiten der Digitalisierung aus der HMD 3/2020 betonen. Dies führe zu erweiterten Kompetenzanforderungen, die sich ebenfalls stark auf Weiterbildung als Instrument der Kompetenzentwicklung auswirkten. Folglich müsse sich auch die betriebliche Weiterbildungspraxis an die zukünftigen Anforderungen anpassen. Wie das gelingen kann, erläutern die Autoren.

2. Neue Anforderungen durch Mobility Services

Elektromobilität, Konnektivität und autonomes Fahren "führen zu neuen Anforderungen an Mobilitätsdienstleistungen, vor allem in Bezug auf Infrastruktur, Versicherung, Wartung und Entertainment", wie die Berater erläutern. Cloud-basierte Mobilitätsdienste sollen dabei helfen, die Verkehrsprobleme von heute und morgen zu lösen. Dazu gehören sowohl flexible Konzepte als auch Services, die das Autofahren selbst sicherer, stressfreier und effizienter machen, wie Bosch im Artikel Mobilität 4.0 – Auf dem Weg zur Dienstleistung aus der ATZ 1/2019 erläutert. Dadurch werden etablierte Märkte völlig neu definiert. "Das eröffnet Unternehmen einerseits neue Geschäftsmodelle, führt aber auch dazu, dass sie ihre Prozesse, Organisation und IT an die sich verändernde Marktsituation anpassen müssen", so die Berater.

3. Von der Hardware zur Software

Software wird den Beratern zufolge zum vorherrschenden Faktor für die Produktentwicklung, da der Softwareanteil in den Fahrzeugen stark zunimmt, während die Hardwarekomplexität in der Elektromobilität abnimmt. "Die wesentlichen Aufgaben der Software sind mess‐, steuer‐ und regelungstechnische Aufgaben, die Überwachung und Diagnose sowie [...] die Kommunikation mit anderen Steuergeräten", wie Springer-Autor Kai Borgeest im Kapitel Software des Buches Elektronik in der Fahrzeugtechnik erklärt. Für Automobilhersteller und -zulieferer bedeute diese Verschiebung einen drastischen Wandel in den benötigten Qualifikationen und ein zunehmendes Konkurrieren um knappe IT-Ressourcen, so die Berater. Für die Unternehmen gelte es bei der Software-Innovation voranzukommen, wollen sie nicht zu reinen Hardware-Anbietern mutieren.

4. Automatisierung in Produktion und Logistik

"Die exponentiell fortschreitende Automatisierung in den Bereichen Produktion und Logistik geht mit einem massiven Rückgang von Industriearbeitsplätzen einher", so die Berater. Das bestätigen auch die Springer-Autoren Julian Schneider und Thomas Hanke im Kapitel Logistik 4.0 – Grundvoraussetzungen für zukunftsfähige Geschäftsmodelle in der Logistik des Buches Geschäftsmodelle in die Zukunft denken: "Die Vernetzung von Arbeitsbereichen und die Automatisierung von Prozessen werden weiter zunehmen, und wie in anderen Branchen wird die Digitalisierung auch in der Produktion und Logistik Arbeitsprozesse und Geschäftsprozesse stark verändern". Insbesondere würden Maschinen und Roboter den Menschen zunehmend ersetzen. Die Berater fordern daher, dass die Unternehmen dem schon heute begegnen müssten, indem sie ihre Mitarbeiter für neue und veränderte Einsatzmöglichkeiten frühzeitig qualifizieren.

5. Kollaboration: von Lieferketten zu komplexen Ökosystemen 

Den Beratern zufolge wird "die verstärkte Zusammenarbeit zwischen OEMs, BigTech-Firmen und spezialisierten Start-ups [...] unerlässlich, um den steigenden Bedarf an Software-Know-how, neuen Technologien und spezifischem Humankapital zu decken". In diesem Zuge werde sich die Automobilindustrie weg von Lieferketten hin zu komplexen Ökosystemen entwickeln, in denen jeder seinen Platz neu finden und definieren muss. Im besten Fall ermöglicht solch ein "effektives Ökosystem […] einen Austausch von Ideen, Produkten, Dienstleistungen und/oder Informationen auf Basis übergreifender, operativer Prozesse und Datenströme […]", wie es Springer-Autorin Doris Kortus-Schultes im Kapitel Partner-Ökosysteme erschließen datengetriebene Smart Mobility Services und schaffen Wert des Buches Neue Dimensionen der Mobilität beschreibt. Und zwar mit dem Ziel, so Kortus-Schultes, "die daraus geschaffenen Vorteile zwischen den Partnern aufzuteilen". 

6. Veränderte Kundenbeziehungen

"Neue digitale Vertriebskanäle und direkte Kundenkontakte führen zu einem raschen Anstieg der Direktverkäufe seitens der Automobilhersteller, wodurch die Rolle und Relevanz der Händler dramatisch geschwächt wird", so die Berater. Durch das "Connected Car" und "den von den Herstellern auf dieser Infrastruktur bereitgestellten mobilen Online-Services besteht erstmals für die Hersteller die Möglichkeit, direkt mit dem Endkunden in Kontakt zu treten und über die komplette Nutzungszeit des Fahrzeugs in Kontakt zu bleiben", betont Springer-Autor Jürgen Padberg im Kapitel Connected Car – Connected Customer: Die Automobilindustrie entdeckt den direkten Kundenkontakt des Buches CRM goes digital. Für die Händler bedeute das den Beratern zufolge akuten Handlungsbedarf, denn sie müssen ihre zukünftige Rolle und ihre Geschäftsmodelle definieren und den Bedürfnissen ihrer Kunden anpassen.

7. Digitaler After Sales

Den Beratern zufolge revolutionieren "datenbasierte Fehlererkennung, Over-the-Air-Updates und reduzierte Hardware-Komplexität" den After-Sales-Markt. Die zukünftige Rolle und Bedeutung der Werkstätten im Ökosystem der Automobilindustrie soll sich drastisch verändern. "Im After-Sales werden zunehmend Software-Spezialisten gefragt sein, während klassische Mechaniker an Bedeutung verlieren", so die Berater. Diese Entwicklung werde durch Elektromobilität zusätzlich verstärkt.

8. Optimierte Verwaltung und datengetriebene Entscheidungsprozesse

Big Data und maschinellem Lernen haben zur Folge, dass manuelle Transaktionen in IT-Systemen hinfällig werden, was weltweit Organisationen und ihre Angestellten stark beeinflussen wird. "Das erfordert für Automobilhersteller und ihre Zulieferer ein gewaltiges Change Management in der gesamten Organisation und Struktur", so die Berater. Dabei unterstützt Change Management "vor allem den kulturellen Aspekt von Verbesserungsprozessen und Veränderungsabläufen", wie Frank Bertagnolli im Kapitel Change Management des Buches Lean Management erklärt.

9. Nachhaltigkeit

Weg von der reinen Gewinnmaximierung hin zu mehr CSR-basierten Unternehmensentscheidungen, sehen die Berater den Trend. "Die Automobilindustrie richtet Produktion und Angebot immer stärker an den Prinzipien der Nachhaltigkeit aus. Dabei geht es darum, ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Ziele vertikal, also über alle Wertschöpfungsstufen hinweg, zu verankern und notwendiges, nachhaltiges Handeln sicherzustellen", so die Springer-Autoren Martin Koers und Philipp Ellett im Kapitel Die Straße zur Klimaneutralität – Ansatzpunkte der Automobilindustrie zu einem nachhaltigen Verkehrssystem des Buches CSR und Institutionen. Die Berater folgern: In der "Automobilindustrie werden sich Anbieter der Frage stellen müssen, ob ihr Image, ihre Produktpalette und ihre Positionierung im Markt zukunftsfähig sind und den veränderten Konsumenteninteressen entsprechen".

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