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21.09.2018 | Mobilitätskonzepte | Kolumne | Onlineartikel

Auf dem Rechtsweg ins Verderben

Autor:
Heino Hilbig

Wer seinen Markt als Eigentum betrachtet und Neueinsteiger juristisch bekämpfen will, kann nur verlieren, meint Springer-Autor und Zukunftsmanager Heino Hilbig. Denn die Klage eines Taxifahrers gegen Moia wird neue Verkehrskonzepte nicht verhindern. 

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Der Unternehmer und Taxifahrer Ivica Krijan hat geklagt. Gegen den Hamburger Senat. Er möchte sicherstellen, dass er und seine Angestellten auch in Zukunft von ihrer Arbeit als Taxifahrer leben können.

Übrigens darf ich Ihnen solche höchstpersonenbezogenen Details trotz DSVGO erzählen, weil er das selbst auf seiner Internetseite veröffentlicht hat. Herr Krijan klagt, weil der Senat das Mobilitätskonzept Moia des Wolfsburger Autobauers VW für Hamburg zugelassen hat.

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Elektrobusse von VW ergänzen das Nahverkehrsangebot

Bereits im kommenden Jahr will Volkswagen einen kleinen Elektrobus unter diesem Namen in Hamburg als neues Verkehrsmittel einsetzen und damit insbesondere die sogenannte letzte Meile überbrücken: Moia soll dem Nahverkehr ähnliche Preise als eine Art Individual-Bus überall dort zum Einsatz kommen, wo aufgrund dünner Linienplanung und magerer Fahrpläne der Weg zur nächsten Haltestelle recht weit ist. Mit einer App meldet man sich für eine Fahrt mit Start und Ziel an und Moia holt die Fahrgäste dann in optimierter Reihenfolge ab. Ohne feste Fahrpläne oder Fahrtstrecken berechnet die App die laufenden Touren und stellt sicher, dass keiner der Fahrgäste größere Umwege in Kauf nehmen muss.

Dieses Konzept gefällt dem Taxifahrer nicht, vermutet er doch damit eine Aushöhlung seines Geschäftes: Moia könnte das hergebrachte Taxi obsolet machen. Medien gegenüber begründet er seine Klage damit, dass er das Taxi-Geschäft nicht in die Hände großer Konzerne verschenken will.

Abgesehen davon, dass

  • jeder Taxiverband eine App zum Fahrtenteilen hätte auf den Markt bringen können,
  • die Nutzung von Elektrofahrzeugen ebenfalls keinen unfairen Wettbewerbsvorteil  darstellt – schließlich kann jeder Taxibetrieb heute elektrisch angetriebene Busse einsetzen
  • und deshalb das Konzept der Wolfsburger bis dahin eben nicht besonders originell ist,

warten Krijan und seine Kollegen höchst selten in den Bereichen, die Moia bedienen soll, auf neue Kunden - was jeder Vorortbewohner der größeren Städte sofort bestätigen wird.

Nie richtig erfolgreich: Juristische Mittel gegen die Zukunft

 

Nun ist der Versuch, sich Konkurrenz mit rechtlichen Mitteln vom Leibe zu halten, nicht besonders neu. Allerdings war er auch noch nie besonders erfolgreich. Man denke nur an das Unternehmen Apple, das den Kampf um die runden Ecken bei Smartphones ebenso vor Gericht verloren hat, wie Kodak es nicht geschafft hat, mit seinem Patent zur Digitalkamera den Fotomarkt zu kontrollieren.

Dennoch gibt es immer wieder Versuche. Nicht jeder klagt, aber die Auffassung, den eigenen Markt als Eigentum zu betrachten, in den niemand anders eintreten dürfe, gibt es in fast jedem Unternehmen.

Wie falsch so eine Auffassung ist, sieht man besonders gut an der Taxi-Klage. Denn tatsächlich ist die Einführung von Moia in Hamburg ja nur eine Vorstufe dessen, was den Markt auf den Kopf stellen wird: Das Konzept Moia ist von VW erdacht, um in den ersten Jahren des kommenden Jahrzehnts diese Fahrzeuge autonom durch die Straßen fahren zu lassen. Autonome Fahrzeuge sind das lange, selbst von sogenannten Experten völlig unterschätzte erste Ergebnis der Zusammenarbeit von Big Data, Künstlicher Intelligenz und superschnellem Internet und werden ohne jeden Zweifel in wenigen Jahren unser heutiges Denken zur Mobilität komplett verändern. Die Unterschiede zwischen Carsharing, Taxi und öffentlichem Nahverkehr werden erst verschwimmen, um dann völlig zu verschwinden.

Zukunft muss man aktiv planen, statt Veränderungen zu verhindern

Die Frage, die sich Taxiverbände und engagierte Unternehmer eigentlich stellen sollten, muss daher lauten: Wie verändern wir unser Geschäftsmodell jetzt, wenn autonome Fahrzeuge nicht nur zur Konkurrenz werden, sondern wenn in wenigen Jahren in den Innenstädten von Menschen gelenkte Fahrzeuge nur noch mit Sondergenehmigungen und nur auf wenigen, ausgewiesenen Strecken fahren dürfen? Am Beispiel der Taxifahrer oder auch der Fahrlehrer lässt sich schnell erkennen, wie umfassend und disruptiv neue Technologien sein werden. Übrigens in fast jeder Branche!

Kein Wunder, dass sogar der ADAC heute bereits darüber nachdenkt, wie er sich in Zukunft aufstellen muss, um überhaupt noch eine Bedeutung für Menschen zu haben. Eine der Headlines der aktuellen Imagekampagne lautet:

Wir sind nicht Automobil. Wir sind einfach so mobil. Und manchmal laufen wir auch.

Hoffen wir also, dass der ADAC einen echten Zukunftsprozess hinter sich hat – und nicht nur seine Kommunikation anpasst. Und hoffen wir, dass die Taxi-Innung sich noch besinnt und Maßnahmen zur Zukunftsgestaltung rechtzeitig und ernsthaft in Angriff nimmt. Untergegangene Marken wie Nokia oder untergehende Branchen wie die kamerabasierte Fotografie sind Mahnmale dafür, sich aktiv mit Zukunft zu befassen, statt nur Pfründe verteidigen zu wollen.

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