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26.11.2020 | Mobilitätskonzepte | Im Fokus | Onlineartikel

Wenn Taxis den Luftraum erobern

Autor:
Christiane Köllner
6:30 Min. Lesedauer

Urban Air Mobility wird bis 2050 ein Marktpotenzial von jährlich 90 Milliarden US-Dollar vorausgesagt. In dreißig Jahren sollen 160.000 Flugtaxis im Einsatz sein. Noch sind die Nutzer aber skeptisch. 

Verkürzte Reisezeiten, Infrastruktur-Entlastung, flexibler Individualverkehr: Urban Air Mobility (UAM) soll einige Vorteile bringen. Flugtaxis und deren Integration in urbane Mobilitätssysteme gelten aktuell als eine der innovativsten Lösungen für urbane Verkehrsprobleme. Die ersten Metropolen testen und planen die Ausweitung städtischer Transportsysteme in den Luftraum bereits: In Guangzhou, China, werden seit 2018 Demoflüge durchgeführt, in Paris, Frankreich, sollen ab 2024 erste Maschinen Menschen transportieren und in Dallas, USA, stehen demnächst Testflüge auf dem Programm. 

Wie eine aktuelle Studie des Unternehmensberatung Roland Berger zeigt, soll das Segment der bemannten Urban Air Mobility bis 2050 ein Marktpotenzial von jährlich 90 Milliarden US-Dollar erreichen. "Wir schätzen, dass 2050 etwa 160.000 kommerzielle Flugtaxis in der Luft sein werden", prognostiziert Manfred Hader, Partner bei Roland Berger. "Unternehmen, die heute Autos, Flugzeuge oder Helikopter produzieren aber auch Neueinsteiger, können einen großen Markt erschließen, wenn sie sich in den kommenden Jahren entsprechend positionieren." Insbesondere zwischen 2030 und 2050 rechnen die Experten von Roland Berger mit einem dynamischen Wachstum. 

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2020 | OriginalPaper | Buchkapitel

Wie autonome Flugtaxis den Geschäftsmodellkontext von morgen beeinflussen könnten

Eine Trendforschung auf Basis geführter Experteninterviews

Seit langer Zeit besteht die Vision der autonomen Fortbewegung. Heute ahnen wir, dass diese Vision nicht mehr weit entfernt zu liegen scheint. Erste Fahrzeuge fahren bereits teilautonom und weitestgehend ohne Eingriff des Fahrers (Jacoby und Wappelhorst 2016).

Urban Air Mobility trotz Corona im Auftrieb

Bereits heute gibt es laut Studie mehr als 110 städtische oder regionale Projekte rund um den Globus zur Bereitstellung autonomer Lufttransportangebote. Die Hälfte davon stammt aus Europa. Eines der jüngsten Beispiele ist das Verbundprojekt iLUM, das an einem Gesamtkonzept für luftgestützte Mobilitätslösungen in der Metropolregion Hamburg arbeitet. Start-ups und etablierte Unternehmen, etwas Hersteller von Flugzeugen, Helikoptern und Fahrzeugen, entwickeln Flugtaxis und Services für unterschiedliche Bereiche. 

Aktuell geben zwei Entwicklungen der Branche Auftrieb. "Die Akzeptanz der Technologie in der Bevölkerung wächst mit jedem Testflug und die Regulierungsbehörden in Europa und den USA beschäftigen sich inzwischen so ernsthaft mit dem Thema, dass rechtliche Hürden in absehbarer Zeit überwunden werden können", sagt Stephan Baur, Principal bei Roland Berger. Auch die Corona-Krise scheint dem Aufstieg der Urban Air Mobility zuletzt nicht geschadet zu haben: In der ersten Hälfte 2020 hätten sich laut Analyse die Investitionen in Start-ups in dem Bereich auf 907 Millionen US-Dollar summiert – mehr als im Gesamtjahr 2016 (circa 40 Millionen US-Dollar).

Drei Einsatzbereiche: City-Taxis, Airport-Shuttles und Intercity-Jets

Die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass sich für die Zukunft drei unterschiedliche Einsatzbereiche bestimmen lassen: City-Taxis mit einer Reichweite von 15 bis 50 Kilometern, Airport-Shuttles mit derselben Reichweite sowie Intercity-Jets, die Distanzen von bis zu 250 Kilometern zurücklegen können. Die Branche dürfte sich demnach etwa zu gleichen Teilen auf die Fertigung dreier unterschiedlicher Typen spezialisieren. (City Taxi: 36 Prozent, Airport-Shuttle: 35 Prozent, Intercity-Jets: 29 Prozent).

Die Margen, die sich mit den jeweiligen Flugtaxis erzielen lassen, unterscheiden sich allerdings deutlich voneinander: "Bis 2050 werden die Flughafen-Shuttle- und Inter-City-Dienste den Löwenanteil unter sich aufteilen, etwa 90 Prozent der Einnahmen", sagt Manfred Hader. Bereits um 2025 sollen erste Anbieter in den Markt drängen und diese Services anbieten. "In der Folge erwarten wir einen Übergang zu einem Premium-Modell des öffentlichen Verkehrs, bei dem die UAM-Dienste den heutigen Taxidiensten immer ähnlicher werden."

Kein Massentransportmittel, sondern Randerscheinung?

Doch nicht nur die Hersteller von Flugtaxis wollen sich ihren Anteil am Milliardengeschäft sichern. Ein ganzes Ökosystem unterschiedlicher Geschäftsmodelle in verschiedenen Segmenten soll rund um die Urban Air Mobility wachsen. "Es geht weit über das reine Flugtaxi hinaus – der Markt wächst mit der Infrastruktur, wie beispielsweise Landeplätzen, Dienstleistungen, Flight-Operations, Ticket-Vermittlung und Reparaturen", sagt Stephan Baur. "Wir gehen im Moment davon aus, dass die Hersteller der Flugtaxis – ähnlich wie es in der Automobilindustrie der Fall ist – anfangs den Markt dominieren werden. Auf jeden Fall müssen sich die Unternehmen in diesem neuen Ökosystem klar positionieren."

Weniger euphorisch hinsichtlich des Potenzials von Flugtaxis ist eine Studie auf Basis von fünf Experteninterviews, die von der MHP Management- und IT-Beratung GmbH und der Universität Göttingen durchgeführt wurde. Die Autoren, die ihre Trendforschung im Buchkapitel Wie autonome Flugtaxis den Geschäftsmodellkontext von morgen beeinflussen könnten darlegen, geben als Fazit aus den Interviews wieder, dass autonome Flugtaxis aktuell eher eine Randerscheinung innerhalb der Gesamtmobilität seien, was unter anderem am hohen Energieverbrauch der Flugtaxis liege. Die Autoren halten fest, dass das autonome Flugtaxi mittel- und langfristig kein Massentransportmittel sein wird, das für jedermann zugänglich und nutzbar sei. Es stelle "eine innovative Art des Transports, insbesondere innerhalb der Stadt dar, welche im herkömmlichen Mobilitätssystem aus Bus, Bahn und Automobil koexistieren wird", schreiben die Autoren.

Akzeptanzstudie FlyingCab

Ob das Flugtaxi nur eine Randerscheinung bleibt oder mehr Marktpotenzial hat, hängt auch von der Akzeptanz der Bürger ab und von der Bereitschaft, sich fliegend durch Städte zu bewegen. Wie Bürger zur Eroberung des urbanen Luftraums stehen, hat das Forschungsteam des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Kooperation mit der Volocopter GmbH untersucht. Dazu wurden im Mai 2019 insgesamt 320 Personen innerhalb von drei Tagen befragt. Mithilfe eines ausgestellten Flugtaxi-Prototyps konnten sich Interessierte einen realen Eindruck davon verschaffen, wie Flugtaxis funktionieren, aussehen und sich anfühlen. Aufgestellte Monitore zeigten reale Testflüge und simulierte Hochlaufszenarien. Außerdem hatten sie die Möglichkeit vertiefende Gespräche mit Mobilitätsexperten zu führen.

Laut Befragung haben 40 Prozent der Teilnehmenden, die im Flugtaxi-Prototyp saßen, ein "eher sicheres" bis "sicheres" Gefühl empfunden. Die Fraunhofer-Forscher stellten einen hohen Bedarf an technischen Sicherheitsvorkehrungen fest: 72 Prozent der Befragten haben die Notlande-Funktion als "sehr wichtig" bewertet, gefolgt von der Notruffunktion mit 65 Prozent. In Bezug auf die Steuerung des Flugtaxis waren sich die Teilnehmenden uneinig: 35 Prozent ist es lieber, wenn ein Pilot oder eine Pilotin das Flugtaxi steuert, wiederum 35 Prozent ist es egal und 26 Prozent vertrauen bereits auf die Technik für eine autonome Steuerung. Allerdings ist es den meisten wichtig, dass zumindest in der Anfangsphase ein menschlicher Pilot mit an Bord ist.

Studie legt weiteren Forschungsbedarf offen

Der Großteil der Teilnehmenden findet die Vorstellung sinnvoll, Dienstreisen mit dem Flugtaxi zurücklegen zu können. Eine große Mehrheit würde ein Flugtaxi gern als Alternative zum Auto oder dem öffentlichen Nahverkehr auf dem Weg zur Arbeit in Anspruch nehmen. Als Vorteile wurden genannt: vergleichsweise kurze Reisezeit, große Flexibilität, direkte Flugverbindung ohne Umstiege sowie besonderes Reiseerlebnis. Ideale Start- und Landeplätze sind für die Befragten Bahnhöfe, Flughäfen und Park-and-Ride-Standorte. Mögliche Taxi-Sharing-Angebote stießen bei den Befragten auf positive Resonanz. Allerdings legt die Studie auch weiteren Forschungsbedarf bezüglich Personenkapazität, Gepäckmitnahme und Innenraumgestaltung offen. Auch das teils fehlende Sicherheitsgefühl der Fluggäste bei autonom betriebenen Maschinen müsse genauer analysiert werden, so die Forscher.

"Die größte Herausforderung auf diesem Gebiet scheint es, den Flug mit dem autonomen Flugtaxi für die breite Masse attraktiv zu gestalten", so die Springer-Autoren der MHP Management- und IT-Beratung GmbH und der Uni Göttingen im oben erwähnten Buchkapitel. Dazu gehören laut der Autoren etwaige Betriebskonzepte wie der Individual- und Linienverkehr, die sich an die Bedürfnisse der Nutzer anpassen müssten, sodass das Flugtaxi nicht im Status der Nischenmobilität verbleibe. Passend hierzu liege laut einer bundesweit durchgeführten Studie vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt aus dem Jahr 2017, die Mitflugbereitschaft in einem autonomen Flugtaxi bei nur zehn bis 13 Prozent. Daher resümieren die Autoren: "Demzufolge bleibt es abzuwarten, wie die langfristige Erscheinung autonomer Flugtaxis auf die Gesellschaft wirkt und sich in diesem Zusammenhang das Nutzerverhalten ändert".

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2020 | OriginalPaper | Buchkapitel

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Quelle:
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Quelle:
CSR und Energiewirtschaft

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