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09.06.2021 | Mobilitätskonzepte | Im Fokus | Onlineartikel

Warum sich Auto-Abos bislang nicht durchsetzen

Autor:
Christiane Köllner
4:30 Min. Lesedauer

Immer mehr Start-ups und Autohersteller bieten Auto-Abos an. Die Flatrates für die Autonutzung stoßen bei Kunden zwar auf Interesse. Doch vielen sind die Preise noch zu hoch und die Kündigungsfristen zu unattraktiv. 

Den eigenen Pkw im Abo – wie ein Handyvertrag mit Flatrate, eine Zeitschrift oder Musik vom Streaming-Dienst? 35 % der Deutschen können sich vorstellen, für eine flexible Pkw-Nutzung lieber monatlich eine Rate zu bezahlen, anstatt ein Fahrzeug zu kaufen, wie eine Umfrage der Strategieberatung Oliver Wyman herausgefunden hat. In Frankreich liegt die Bereitschaft zum Auto-Abo mit 36 % geringfügig höher als in Deutschland – die USA (24 %) und Italien (19 %) liegen deutlich zurück. Für die zum dritten Mal im Jahresabstand erhobene Studie wurden je 500 Menschen in den vier Ländern befragt. 

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Das Abo-Model – der Game Changer im Automotive?

Flatrates und Abonnements (Abos, engl. subscriptions) sind in sämtlichen Branchen en vogue. Neben den traditionellen Anwendungen bei Zeitungen und Fitnessstudios erfreuen sich digitale Formate wie Netflix oder Spotify insbesondere bei jüngeren Konsumenten großer Beliebtheit. Flexibilität und ein hoher Grad an Freiheit das Angebot nach individuellen Wünschen anzupassen, verändern oder kündigen zu können, bilden die zentralen Vorteile für Kunden.

Die flexiblen Abo-Modelle positionieren sich zwischen einer Kurzzeitmiete und dem Leasing, das eine Mindestlaufzeit von zwei Jahren hat. Gegen eine monatliche Gebühr erhält der Kunde beim Auto-Abo ein Fahrzeug seiner Wahl aus einem definierten Pool und darf dieses in einer vorgegebenen Häufigkeit wechseln. Dabei fallen keine Nebenkosten für Versicherung und Wartung an, lediglich den Kraftstoff muss der Kunde selbst zahlen. 

Markt für Abo-Fahrzeuge noch klein

In der Studie vor einem Jahr signalisierten in Deutschland noch 38 % Interesse am Auto-Abo. Somit ging das Interesse an Flatrates für die Autonutzung in Deutschland geringfügig zurück. 14 % haben das Abo-Modell hierzulande nach eigenen Angaben bereits genutzt. Joachim Deinlein, Mobilitätsexperte und Partner bei Oliver Wyman, wertet die erkennbare Stabilisierung als Hinweis auf das realistische Kundenpotenzial. Unter den Interessierten deuteten immerhin 32 % die Bereitschaft an, ihr gegenwärtiges Fahrzeug zugunsten eines Abo-Autos abzuschaffen. 17 % könnten es sich als zusätzliches Fahrzeug vorstellen. "Auch wenn man auf eine höhere Affinität bei jungen Menschen tippen würde, zeigt sich altersmäßig ein gleichmäßiges Interesse am 'Car as a Service'-Gedanken", sagt Deinlein.

Bislang ist der Markt für Abo-Fahrzeuge noch klein und "diese Form des nachfrageorientierten Mobilitätsangebotes auf dem aktuellen Automobil-Markt [spielt] eine eher untergeordnete Rolle", so die Springer-Autoren Teichert, Knöchel und Lüken im Kapitel Das Abo-Model – der Game Changer im Automotive? des Buchs Neue Dimensionen der Mobilität. Das Abo-Modell entspreche nicht dem gängigen Beschaffungsmodell für Kraftfahrzeuge, so die Autoren. Bis 2030 könnten es aber bis zu einer Million abgeschlossene Verträge pro Jahr sein, so eine Studie des CAR-Instituts gemeinsam mit dem Technologieanbieter IBM

Abos zu teuer, lange Kündigungsfrist unattraktiv

Derzeit sind die Kunden aber noch zögerlich. Für Interessenten an einem Auto-Abo ist es laut Umfrage wichtig, sich nicht allzu lange zu binden. Kürzere Kündigungsfristen werden bevorzugt. So haben 46 % der von Oliver Wyman Befragten für ein monatlich kündbares Auto-Abo plädiert, 9 % wollen sich 2 Monate binden, 20 % der Befragten maximal 3 Monate. Lediglich 11 % der Befragten akzeptieren Laufzeiten von mindestens sechs Monaten. Für 75 Prozent aller Interessenten ist damit eine Kündigungsfrist von mehr als drei Monaten unattraktiv. "Es entspricht dem Zeitgeist, auch beim Auto lediglich eine kurzfristig auflösbare Bindung einzugehen", sagt Deinlein. Das Problem: Je nach Anbieter beträgt die Laufzeit zwischen einem und sechs Monaten, in der Regel drei oder sechs Monate. Hier klaffen die bisherigen Angebote und die Kundenwünsche also auseinander.

Auch an anderer Stelle gibt es Probleme: Die Abos sind zu teuer. So hat die Zahlungsbereitschaft gegenüber den Vorjahren abgenommen: 70 Prozent der 500 Befragten in Deutschland wollen höchstens 300 Euro im Monat ausgeben. "Dabei ist der Kunde aber durchaus zu Kompromissen bereit", sagt Steffen Rilling, Co-Autor der Oliver-Wyman-Analyse. So würden mehr als 80 Prozent der Befragten einen Gebrauchtwagen bei niedrigeren Kosten akzeptieren, und die Mehrheit wäre mit höchstens zwei Fahrzeugwechseln pro Jahr zufrieden. Die Experimentierfreude zeige sich auch beim Antrieb: Ein Viertel der Befragten in Deutschland würde gerne zu einem Elektro- oder Hybridmotor greifen. "Kunden nutzen Auto-Abos auch als Möglichkeit, neue Technologien im eigenen Alltag zu testen", sagt Rilling. Anbieter wie Fleetpool reagierten und hielten bereits mehr als 12 % Batterie- und Hybridfahrzeuge in ihrer Flotte, so Rilling.  

Wunsch nach digitaler Abwicklung

Laut der Umfrage schätzen Kunden neben Gebrauchtwagen im Abo-Modell auch die flexible Rückgabemöglichkeit und auch die reibungslose Onlineabwicklung. Die Erkenntnisse könnten Hersteller nutzen, um ihren gesamten Vertriebsprozess auf den Prüfstand zu stellen. "Denn wer die Logik der Abos versteht, erkennt die Schwachstellen des klassischen stationären Autohandels und kann den Absatz insgesamt optimieren", heißt es. Denn für 40 % der Deutschen ist die komplette Digitalisierung des Einkaufs ein wichtiges Argument für Auto-Abos, zeigt die Analyse. 

"Für die Hersteller entwickelt sich das Auto-Abo zu einem interessanten Absatzkanal", sagt Joachim Deinlein, Mobilitätsexperte und Partner bei Oliver Wyman. "Auch wenn das Auto-Abo wohl kein Massenverkaufsmedium werden wird, ist es für die Industrie wegweisend, denn es offenbart wichtige Kundenpräferenzen", resümiert Deinlein.

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