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Über dieses Buch

Der Titel des Buches geht auf das Thema der 20. Tagung für Angewandte Sozialwissenschaften des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen zurück, die im Mai 2019 in München durchgeführt wurde.

Die Frage, welche Beiträge soziale Innovationen beim Übergang zu Formen des nachhaltigen Zusammenlebens und Wirtschaftens konkret leisten können, steht in diesem Buch ebenso im Mittelpunkt wie die Frage, welchen Beitrag die Sozialwissenschaften leisten können. Es geht also zum einen um konkrete soziale Innovationen, die uns bei dem Ziel, nachhaltig zu leben und zu wirtschaften, weiterhelfen, zum anderen aber auch darum, in welcher Weise die Sozialwissenschaften – nicht zuletzt durch entsprechende theoretische und methodische Ausbildung – in die gesellschaftliche Verantwortung für das Gelingen solcher sozialinnovativen Prozesse genommen werden kann.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Es war die dritte Tagung des BDS in Reihenfolge, die sich mit sozialer Innovation beschäftigte. Mit jeder Tagung haben wir das Thema konkreter in Angriff genommen, zugleich jedoch ausgeweitet. Ging es in Frankfurt 2015 noch darum, das Phänomen „Soziale Innovation verstehen“ (vgl. BDS 2015) zu wollen, so hob die Tagung in Dortmund 2017 schon darauf ab, „Soziale Innovationen lokal gestalten“ zu wollen (Franz und Kaletka 2018).
Hans-Werner Franz

In Webers Schuhen und mit Dahrendorfs Geleit: Die Wirkung sozialer Innovationen durch soziologische Klassiker verstehen

Zusammenfassung
Das Wissen um nachhaltig veränderte Handlungspraxen und deren Einfluss auf sozialstrukturelle Mechanismen ist ein genuin soziologisches. Sozialwissenschaften besitzen qua ihren Methoden und Theorien die Möglichkeit, strukturell wirksame Gesellschaftstransformationen systematisch aufzuarbeiten, abzubilden und Erkenntnisse daraus abzuleiten. Ohne soziologische Theoriebildung wäre es undenkbar, den Einfluss veränderter Handlungsrepertoires auf die Lebensgestaltung der Individuen (Mikroebene) und auf die Gesamtgesellschaft (Makroebene) zu erkennen und abzubilden (ganz in der Tradition Max Webers). Die Betrachtung sozialer Innovationen entfaltet sowohl für die Mikro- als auch für die Makroebene Relevanz. Dieser Beitrag möchte sich dem Erklärungsgehalt soziologischer Theorien für die Betrachtung gesellschaftlich relevanter Mechanismen in Form von sozialen Innovationen widmen. Dabei soll konzeptionell sowohl für die Mikro- als auch für die Makroebene durchdekliniert werden, welchen Einfluss soziale Innovationen, die nicht selten zu einem sozialen Wandel führen, auf die Lebenschancen der Individuen und der Gesamtgesellschaft haben. Die grundlegende These dieser Betrachtung lautet: Soziale Innovationen führen zu einem Mehr an Lebenschancen. Als theoretischer Unterbau soll das Lebenschancen-Konzept von Ralf Dahrendorf dienen, anhand dessen neben der grundlegenden Darstellung des Terminus der Lebenschancen eine Diskussion um soziale Innovationen entwickelt werden soll. Expliziert werden soll der Versuch, die Wirkung sozialer Innovationen anhand des Lebenschancen-Konzepts nach Dahrendorf zu erfassen, und zwar anhand der empirischen Befunde aus meiner Doktorarbeit zum Thema Internetnutzung von Seniorinnen und Senioren. Die gewonnenen Ergebnisse ermöglichen zum einen, die Motivationen, die hinter innovativem Handeln stehen, anhand dieses Beispiels aufzuzeigen, und vergegenwärtigen zum anderen, wie sich die Wirkungen einer sozialen Innovation für die Protagonistinnen und Protagonisten im Lichte des Lebenschancen-Konzeptes vergegenwärtigen. Der Beitrag möchte eine Perspektive auf die Erklärungskraft sozialwissenschaftlicher Theoriekonzepte im Hinblick auf die Wirkung sozialer Innovationen werfen und bedient sich dabei der Unterstützung empirischer Daten aus einer eigenen Erhebung.
Claudia Obermeier

Das „Atlas-Subjekt“ und neue Formen von Subjektivierung im Zeitalter der Nachhaltigkeit

Zusammenfassung
Bekanntermaßen muss in den Erzählungen der griechischen Mythologie der Titan Atlas (übrigens: Prometheus’ Bruder) zur Strafe das Himmelsgewölbe (also die Erdkugel) auf seinen Schultern tragen, da er sich auf die Seite von Kronos und damit gegen die ‚neuen Götter‘ des Olymps gestellt hat. In meinem Beitrag möchte ich eine besondere (neue) Form der Individualisierung der Spätmoderne thematisieren und die damit verbundenen negativen Folgen für gesellschaftliche Erneuerung. Ich möchte also auch – vor dem Hintergrund einer Unterscheidung der Dynamiken von Innovation versus Revolution – die Orientierung an Nachhaltigkeit als ein regimestabilisierendes Phänomen thematisieren, das den Spielraum für genuine gesellschaftliche Transformationen erheblich einschränkt. Ausgehend von alternativen Modellen der Wissensproduktion und Weltdeutung (Rhizom, Cyborg, Cthulhu) werde ich eine gesellschaftliche Gegenwartsdiagnose der „totalen Immanenz“ formulieren, die hinsichtlich klaustrophobischer Ohnmachtseffekte kaum zu übertreffen ist. Nicht nur erscheint uns die Welt „ohne Ausgang“ (Adornos und Horkheimers geradezu prophetisches Einläuten der zweiten Moderne), sie muss nun auch von jedem Einzelnen – und zwar um jeden Preis – gerettet werden.
Diego Compagna

Auf dem Weg zu nachhaltiger Arbeit? Zur Rolle von Arbeit in der Entwicklung nachhaltiger sozialer Innovationsprozesse

Zusammenfassung
Der Artikel diskutiert die Rolle der Arbeit für die Entwicklung nachhaltiger sozialer Innovationsprozesse. Transformationspolitiken in Richtung Nachhaltigkeit zielen bisher oftmals einerseits auf nachhaltigen Konsum, andererseits auf möglichst nachhaltige Produktion durch die Übernahme einer unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung. Dabei geraten jedoch die Beschäftigten und ihre konkreten Formen der Naturaneignung häufig aus dem Blick. Deren Arbeitstätigkeiten sind jedoch sowohl in ihren produktiven wie auch destruktiven Aspekten in sozial-ökologischer Hinsicht bedeutsam und bilden daher einen entscheidenden Ort der Entwicklung sozialer Innovationen für nachhaltiges Leben und Arbeiten. In dem Beitrag werden unter Bezug auf das von dem UNDP (Bericht über die menschliche Entwicklung 2015: Arbeit und menschliche Entwicklung, Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Berlin, 2015) formulierte Leitbild der „Nachhaltigen Arbeit“ diese Innovationspotentiale für den Übergang hin zu Nachhaltigkeit dargestellt. Dabei werden zunächst Innovationen in der Erwerbsarbeitssphäre diskutiert. Die Beschäftigten werden hierbei sowohl als Protagonisten wie auch als Betroffene von Konversionsprozessen eine Berücksichtigung finden. Eine sozial verträgliche und partizipative Gestaltung der Transformationsprozesse wird als eine unabdingbare Voraussetzung für deren Gelingen angesehen. Ausgehend vom erweiterten Arbeitsbegriff, der neben Erwerbsarbeit auch nicht bezahlte Arbeiten (z. B. Sorge-, Eigen-, und Gemeinwesensarbeit) berücksichtigt, werden sodann die Potentiale einer Neubestimmung des Verhältnisses dieser verschiedenen Sphären zueinander für die Nachhaltigkeitstransformation aufgezeigt. Abschließend wird für eine die arbeitsökologischen Innovationen unterstützende politische Gestaltung der strukturellen Rahmenbedingungen plädiert.
Georg Jochum, Thomas Barth

Leitbildentwicklung in Organisationen

Ein interaktiver Lernprozess zur nachhaltigen Transformation
Zusammenfassung
Auch wenn die aktuellen Veränderungsdynamiken in Wirtschaft und Gesellschaft nahezulegen scheinen, das Paradigma des Agilen gewänne gegenüber dem Strategischen die Oberhand, so bleibt in Organisationen die Suche nach einem Kompass für die Zukunft unverändert oder gewinnt sogar an Bedeutung. Sei es unter der Überschrift Vision, Mission, Marke, Corporate Identity oder, etwas allgemeiner, Leitbild, Organisationen versuchen in der Praxis auf unterschiedlichste Weise, den Heiligen Gral allgültiger Grundsätze und Leitlinien für die weitere Entwicklung aus der Vielfalt aller Möglichkeiten zu destillieren und in ein kommunizierbares Format zu übertragen. Im Beitrag wird untersucht, inwiefern Leitbildprozesse mit ihrem Fokus auf Werte- und Zukunftsfragen geeignet sind, um nachhaltige Veränderungen in Organisationen anzustoßen. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung einer neuartigen Prozesslogik, die anerkannte pädagogische, ingenieurwissenschaftliche und designorientierte Gestaltungsschemata in einem sog. „Interaktiven Lernparcours“ bündelt und als Planungshilfe eingesetzt wird. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Bedeutung von Prinzipien wie Partizipation, Perspektivwechsel und Konstruktivität gerichtet, um diese Prozesse erfolgreich zu gestalten. Im Rahmen eines konkreten Anwendungsbeispiels wird anschließend geprüft, wie die Implementierung dieses Planungsinstruments in der Praxis gestaltet werden kann und welche Auswirkungen sich daraus auf nachhaltiges Handeln in der Organisation ergeben.
Peter Dürr

Gemeinwohlbilanz und Balanced Scorecard – Überlegungen für eine Annäherung

Zusammenfassung
Seit 2010 hat die Initiative der Gemeinwohl-Ökonomie in Europa und Südamerika eine Vielzahl von Menschen, Unternehmen und Kommunen inspiriert, ihr Handeln am Gemeinwohl auszurichten. Hintergrund ist die Vision der Gemeinwohl-Ökonomie, eine Marktwirtschaft zu etablieren, die wirtschaftliches Handeln in Einklang mit ethischen Werten bringt. Eine Werte-Bezugsgruppen-Matrix dient hierbei als Orientierungssystem der Berichterstattung und Entwicklung sowie als Zielsystem für die externe Bewertung unternehmerischen Handelns. In diesem Beitrag wird die Verbindung der Gemeinwohl-Matrix mit der Balanced Scorecard vorgestellt. Durch die Verknüpfung beider Systeme fungiert die Gemeinwohl-Matrix über ihre Funktionen als Nachhaltigkeitsbericht und Organisationsentwicklungsinstrument hinaus auch als Teil der betriebswirtschaftlichen Steuerung und profitiert somit von der strategischen Relevanz des etablierten Management-Tools. Die in vielen Organisationen verfügbare Datenbasis zur Kennzahlenermittlung im Rahmen der Balanced Scorecard-Erstellung erleichtert den Einstieg in ein gemeinwohlorientiertes Wirtschaften und befruchtet durch einfache Anpassungsprozesse die Strategieimplementierung. Es wird davon ausgegangen, dass eine nachhaltige Einflussnahme umso mehr wirkt, je tiefer die Zielorientierung auf das Gemeinwohl hin in der DNA des wirtschaftlichen Denkens und Handelns von Organisationen implantiert ist.
Wolfgang Gehra, Julia Schmidt

Open Space: Räumliche, zeitliche und soziale Flexibilisierung der Bürowelt als Antwort auf die Herausforderungen von Arbeit 4.0 – Empirische Befunde

Zusammenfassung
Voneinander Lernen, gegenseitige Inspiration, interaktiver Austausch und innovative Lösungen: Unternehmen tendieren in letzter Zeit verstärkt zu neuen Raumkonzepten zur Gestaltung agiler und flexibler Arbeitsflächen (Die Berliner Smart City Vision. Eine diskursanalytische Zukunftsforschung, Institut Futur, Berlin, 2017). Diese lassen sich als Open Space-Büros begreifen, die als offene und flexible Arbeitslandschaft konzipiert sind (Arbeit der Zukunft: Digital, multilokal, dynamisch. Thesen und Gestaltungsansätze für den Arbeitsplatz der Zukunft, ISF München, München, 2018). Der vorliegende Beitrag stellt die Ergebnisse einer empirischen Forschungsarbeit dar, in welcher das Phänomen „Open Space“ aus arbeitssoziologischer Perspektive untersucht wird. Dabei geht es um die Praxis von Open Space: Welche Motive und Gründe sehen Unternehmen für die Einführung dieser Büros? Wie gestalten die Beschäftigten ihre Arbeit unter den arbeitsorganisatorischen Veränderungen? Welche Herausforderungen ergeben sich hier für die Beschäftigten und wie werden diese gelöst? Diese Fragen werden anhand der empirischen Datengrundlage (Interviews mit Beschäftigten und ChangebegleiterInnen) beantwortet. Im Umgang mit der veränderten Arbeitsumgebung lassen sich Spannungsfelder herausarbeiten, die abschließend unter Berücksichtigung arbeitssoziologischer Theorien und von Konzepten der Subjektivierung von Arbeit diskutiert werden.
Theresa Arnold

Komplementärwährungen und monetäre Werkzeuge als soziale Innovation

Zusammenfassung
Viele soziale und ökologische Innovationen scheitern oft an Renditezwängen. Etliche Ökonomen sprechen dem Geld einen neutralen Charakter zu. Dies entspringt der Vorstellung, Geld sei ein Ding, auf das der Mensch nur begrenzt Einfluss habe. Ein Blick in die historische Entwicklung des Geldwesens lässt an dieser Theorie starke Zweifel aufkommen: Geld entsteht bereits in der Antike, jedoch spätestens in der Neuzeit durch Kollektive, die ausgehend von bestimmten Zielen und Normen einen abstrakten Wert- und Rechenmaßstab festlegen und mittels eines Zahlungssystems verwirklichen. Mit dieser Perspektive eröffnet sich das Geld selbst als eine formbare Institution. Die Handlungsspielräume werden einerseits durch die Zusätzlichkeit einer Währung stark erweitert, andererseits aber auch durch Regeln und Normen begrenzt. An Beispielen von Regionalwährungen in Wörgl, im Chiemgau und auf Sardinien werden unterschiedliche Umweltbedingungen betrachtet und die Zielrichtung und Lösungsansätze der jeweiligen Währungsinitiativen vorgestellt. Das neu geschaffene „Geld“ wirkt dabei wie ein Bindemittel, das die Beteiligten dynamisch und dauerhaft zu Kooperationen anregt. Welchen Beitrag leisten solche alternativen Währungen im Hinblick auf globale Herausforderungen wie demographischer Wandel, Klimaerwärmung und soziale Ungleichheit? Sind sie vielleicht sogar Wegbereiter eines grundlegenden Transformationsprozesses im Geldwesen?
Christian Gelleri

Eine philosophische Annäherung an die Identität von Orten

Zusammenfassung
Die Ergebnisse des Projekts „Demografiewerkstatt Kommunen“ zeigen, dass Kommunen, die tragfähige Lösungen als Antwort auf den demografischen Wandel finden wollen, früher oder später an den Punkt kommen, an dem sie sich mit ihrer Identität auseinandersetzen müssen. Sie können ihre Zukunft nicht planen, ohne sich Gedanken über ihre Identität zu machen. Daher stellt sich die Frage nach der Art dieser Identität und ob die Kommunen als Orte eine eigene Identität besitzen oder ihnen diese ausschließlich von Menschen zugeschrieben wird. Dieser Überlegung soll auf der Grundlage philosophischer Ansätze nachgegangen werden, um damit Diskurse, die in anderen Disziplinen geführt werden, anzureichern. Bei dieser philosophischen Spurensuche wird nach Anhaltspunkten in der Identitätstheorie, aber auch in der Anthropologie, der Metaphorik sowie der Topografie gesucht.
Martina Wegner

Gesellschaftliche Transformation durch Partizipation – eine kommunale Praxis mit Bevölkerung und Betroffenen

Zusammenfassung
Der Alltag in unseren Kommunen wird zunehmend komplexer, undurchschaubarer und dabei notgedrungen auch vieldeutiger. Politik und Verwaltung, die verantwortlich sind für die Bewältigung der vielfältigen Alltagsaufgaben – wie Digitalisierung, Beschleunigung, Diversity, Umwelt, Demographie, Mobilität –, geraten dabei oft in Konflikte zwischen bürokratischen Regelungslogiken, politisch motivierten Vorgaben, im Alltag machtvoll vorgetragenen Erwartungen von Interessengruppen sowie sozialen, kulturellen, ökonomischen, verkehrlichen u. a. Bedarfen in der Allgemeinheit der BürgerInnen. Konflikte können, wenn sie nicht bearbeitet und gelöst werden, zur Erstarrung in der Struktur und zur Verhärtung von Konfliktfronten führen. Folge davon ist oft ein selbst erzeugter Erneuerungs- und Investitionsstau nicht nur bei investiven, sondern v. a. bei nicht-investiven Aufgaben. Wir im Schäuble Institut haben mit der Entwicklung von passgenauen Dialog-Prozessen sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn mit ihnen die zum Erliegen gekommene Kommunikation erneut angeschoben, ein tragfähiges, respektvolles Miteinander gemeinsam entwickelt wird und Resilienz der Kommune bei Ambiguitätstoleranz hergestellt wird. Innovative kommunale Strukturen, andere Organisationsformen und zielführende Veränderungsprozesse sind unverzichtbar. Aufbau und Gliederung: Schilderung der Blockaden in kommunalen Entwicklungen, Reflexionen zu dialogischen Lösungswegen, günstige und ungünstige Rahmenbedingungen, Schlussfolgerung für praktisch Tätige aus Kommunalpolitik und -verwaltung, innovationsfreudige Betroffene, ModeratorInnen/MediatorInnen. Zum Innovationspotential: Wir verwenden die positiven Potentiale der rationalen sowie emotionalen Intelligenz und fördern die mentale Offenheit, aus deren wacher Kombination Resilienz und zukunftsfähige, nachhaltige Innovationen möglich werden.
Ingegerd Schäuble, Oranna Erb

Transformativer Wandel im Handwerk

Sozialwissenschaft als „Infiltration“ und Arrangement
Zusammenfassung
Das Handwerk im Allgemeinen und die Branche Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK) im Speziellen sehen sich mit einem zunehmenden Fachkräftemangel konfrontiert. Die Innung SHK Berlin hat daher ein Modellprojekt initiiert, in dem ein Soziologe an der Konzeption von Maßnahmen gegen Ausbildungsabbrüche mitarbeitet und bei der Bearbeitung empirisch-analytischer Fragestellungen unterstützt. Modellprojekte haben das Ziel, soziale Innovationen als wissenschaftlich begründete Veränderungen der Praxis zu erzeugen. Sozialwissenschaftler werden dabei selbst zum gestalterischen Akteur im Transformationsprozess. Es existieren verschiedene Formen sozialwissenschaftlicher Gestaltung. Im aktuellen Fall ist die empirische Sozialforschung zweierlei. Sie ist erstens „Infiltration“ aufgrund/mittels des ethnografischen Zugangs und sie ist zweitens „Arrangement“ durch die Initiierung von Dynamik. Sozialwissenschaften unterstützen die Selbststeuerung der Akteure und stoßen Veränderungen an, die von den Praktikern getragen werden. Der Forschungsprozess lässt sich insgesamt als soziale Anreicherung (innovative Sublimation) verstehen, d. h. als Prozess steigender Reflexivität der Akteure und der Ausformung von Möglichkeitshorizonten. Im Beitrag werden begünstigende und hinderliche Faktoren sowie Kompetenzanforderungen an den Soziologen erörtert.
Peter Biniok

Transdisziplinäre Forschung am Beispiel des Projekts „Media Future Lab“

Zusammenfassung
Transdisziplinäre Praxis ist „gesellschafts- oder lebensweltorientierte Forschung“ (Vilsmaier und Lang, Nachhaltigkeitswissenschaften, Bd. 104, Springer, Heidelberg, S. 89, 2014). Damit meinen die Autor*innen, dass „Fragen und Problemstellungen der Forschung nicht aus einer wissenschaftlichen Tradition heraus generiert werden […] sondern sich an gesellschaftlich relevanten Fragestellungen oder Problemen orientieren“ (Vilsmaier und Lang, Nachhaltigkeitswissenschaften, Bd. 104, Springer, Heidelberg, S. 89 f., 2014). In diesem Artikel wird Vilsmaier und Langs Verständnis von transdisziplinärer Forschung eingehend erläutert. Nach einer kurzen Vorstellung des kommunikationswissenschaftlichen Projekts „Media Future Lab“ werden die Merkmale von Transdisziplinarität an diesem konkreten Beispiel erklärt. Bei dieser Reflexion orientiere ich mich in Aufbau und Inhalt an dem Aufsatz „Transdisziplinäre Forschung“ von Ulli Vilsmaier und Daniel J. Lang aus dem Jahr 2014. In jenem Aufsatz erläutern die Autor*innen Transdisziplinarität am Beispiel der Nachhaltigkeitswissenschaften. Ich fasse die davon für das Projekt „Media Future Lab“ relevanten Punkte zusammen und ordne das Projekt auf der Basis dieser Punkte in den Kontext der Transdisziplinarität ein. Damit passt der Artikel gut in den Tagungsband, der u. a. danach fragt, wie „wir als Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler das Verstehen und die Entwicklung nachhaltiger sozialer Innovations- und Transformationsprozesse erleichtern [können]“, „[w]elche Rollen […] wir selbst im jeweiligen Kontext [spielen] und [w]elcher theoretischen und methodischen Hilfsmittel […] wir uns dabei [bedienen].“
Sevda Can Arslan

Interaktive Formate zur gesellschaftlichen Teilhabe von Seniorinnen und Senioren am Beispiel sozialverantwortlicher Technikgestaltung

Zusammenfassung
Unser Projekt „TP3: Technikgestaltung“ ist Bestandteil des bayernweiten Forschungsverbandes ForGenderCare (www.​forgendercare.​de). Die Herausforderungen bestehen in den durch demografischen Wandel veränderten Lebenssituationen und -bedarfen älterer Menschen und in den Chancen einer partizipativen Technikentwicklung, hier zielgruppenorientierte Lösungen anzubieten. „Nachhaltiges Wirtschaften“ lässt sich durch sozialverantwortliche Technikentwicklung ergänzen und erweitern. Wir beziehen uns auf Trontos (Caring Democracy. Markets, Equality, and Justice, New York University Press, New York and London, 2013) Begriff der „Personal Responsibility“ und auf ein Verständnis von Care als Achtsamkeit (Brückner, Care und Migration. Die Ent-Sorgung menschlicher Reproduktionsarbeit entlang von Geschlechter- und Armutsgrenzen, Verlag Barbara Budrich, Opladen, 2010). Diese haben wir als Grundlage für unseren praxisorientierten, innovativen Ansatz New Care Spaces herangezogen. Zugleich zeigt sich sozialverantwortliche Technikentwicklung (Rommes, Technologies of inclusion, Tapir Academic Press, 2011; Björgvinsson, Participatory design and democratizing innovation. Proceedings of the 11th Biennial participatory design 4 conference, ACM Library, 2010; Beruchashvili, Mensch und Computer 2018 – Workshopband, Gesellschaft für Informatik e. V., Bonn, 2018) ebenso als soziale Innovation, da sie prozesshaften und übergreifenden Charakter aufweist, der Unternehmen und mit ihrer Umwelt verbindet (Stiess, Soziale Innovation und Nachhaltigkeit, Springer Fachmedien, Wiesbaden, 2013). Darüber hinaus entwickelten wir ein experimentelles und interdisziplinäres Workshop-Design. Wir praktizierten direkte Nutzer_innen-Integration unter besonderer Berücksichtigung von gender- und diversityrelevanten Faktoren. Als Methoden verwendeten wir teilnehmende Beobachtung (Passaro, Anthropological Locations: Boundaries and Grounds of a Field Science, University of California Press, Berkeley, 1997) und Zusammenfassende Inhaltsanalyse (Mayring, Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken, Beltz Pädagogik, Weinheim, 2015). Dadurch lässt sich die transferierende Rolle von Sozialwissenschaftler_innen verdeutlichen. Diesen Ansatz schlagen wir Unternehmen, Non-Profit Organisationen und dem öffentlichen Dienst als Innovationsmethode vor, um Skepsis zwischen Unternehmern und Anspruchsgruppen (inkl. Marginalisierten) aufzulösen (Rommes, Technologies of inclusion, Tapir Academic Press, 2011; Jeanrenaud et al., Study decisions, entrance and academic success of Women and Men in STEM. Gender&IT’18, Association for Computing Machinery (ACM), New York, S. 157–160, 2018) Dadurch ändern sich die Organisationskulturen, und externe Kooperationen eröffnen sich. Jedes Gesellschaftsmitglied kann so an „nachhaltigem Leben und Wirtschaften“ mitgestalten.
Tamar Beruchashvili, Elisabeth Wiesnet, Yves Jeanrenaud

Die Kunst der sozialen Transformation

Empowerment durch soziale Kunst für eine Erhöhung der Chancengleichheit in Europa
Zusammenfassung
Eine der zentralen aktuellen Herausforderungen ist die (Aus)Bildung und Integration von Menschen in Gesellschaft und Arbeitsmarkt, die aufgrund ungleicher biografischer Chancen benachteiligt sind. Dazu sind neuartige Ansätze und Formen der Kooperation zwischen verschiedenen Akteuren notwendig. Ein sozial innovativer Ansatz, der dazu einen Beitrag leisten will, ist der der sozialen Kunst. In diesem werden Hierarchien aufgelöst, und Kunst wird zu einem integrativen Kooperationsprozess, der auf vielfältige Weise Raum zum Erfolgserleben, gemeinsamer Verständigung und persönliche Entwicklung schafft und zum Empowerment benachteiligter Gruppen beiträgt. Auf dieser Basis haben sich in Deutschland bereits Formen der Kombination aus Theaterarbeit und sozialer Arbeit durchgesetzt, die traditionellen Methoden der Integration benachteiligter Menschen in Arbeitsmarkt und Gesellschaft im Ergebnis stark überlegen sind. Die Übertragung dieses Ansatzes auf andere europäische Länder wird im EU-Projekt JobAct Europe – Social Inclusion by Social Arts mit sozialwissenschaftlicher Begleitung verfolgt. Im vorliegenden Beitrag werden der Ansatz und die europäischen Formen seiner Adaption vorgestellt. Es wird gezeigt, wie auch transnational für biografisch benachteiligte Gruppen die Chancen der Arbeitsmarktintegration mithilfe sozial innovativer künstlerischer Ansätze erhöht werden können.
Christine Best, Kerstin Guhlemann

Get Online Week 2019 – Eine Intervention zur Verbesserung der digitalen Teilhabe

Zusammenfassung
Im Zuge der Digitalisierung findet eine Verlagerung vieler Lebenswelten in digitale Medien statt. Bestimmte Personengruppen profitieren davon jedoch weniger als andere. Hier setzt seit 2010 die europaweite Kampagne „Get Online Week“ an. Studierende der Rehabilitationspädagogik der TU Dortmund beteiligten sich im März 2019 zum fünften Mal in Folge an dieser Kampagne und boten rund 40 kostenlose Kurse zu digitalen Themen für benachteiligte Menschen an. Ziel war es, die Gesellschaft für digitale Exklusion zu sensibilisieren und Medienkompetenz sowohl an Zielgruppen als auch an Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens zu vermitteln. Die anschließende Evaluation überprüfte Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der Interventionen (Befragung der Teilnehmenden und Leitfaden gestützte Interviews in Einrichtungen). Der Beitrag stellt die Evaluationsergebnisse vor und skizziert Ansätze zum Transfer der Kampagne in andere Einrichtungen.
Bastian Pelka

A story about storytellers – Innovationspotenziale in Bürger*innenstiftungen und Freiwilligenagenturen

Zusammenfassung
Wie erfüllen Bürger*innenstiftungen und Freiwilligenagenturen, unter Berücksichtigung ihrer organisationalen Verfasstheit, die ihnen zugeschriebene Innovationsfunktion durch die Förderung von Engagement? Mit einem Blick auf den sozialwissenschaftlichen Diskurs um die „neueren“ Organisationen, die Engagement fördern (Roß/Roth, Engagement und Zivilgesellschaft, Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden, S. 225, 2018; Klein et al., Engagementpolitik. Die Entwicklung der Zivilgesellschaft als politische Aufgabe, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 55, 2010; Jakob, Engagementpolitik. Die Entwicklung der Zivilgesellschaft als politische Aufgabe, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 233, 2010), wird dieser Frage sekundäranalytisch nachgegangen. Dabei wird auf empirische Daten rekurriert, die Einschätzungen zu den Organisationsformen Bürger*innenstiftung und Freiwilligenagentur im Hinblick auf ihre Verfasstheit ermöglichen, die die Erfüllung der ihnen zugeschriebenen Innovationsfunktion begünstigt. Die relevanten Aspekte der sekundäranalytischen Betrachtung umfassen sowohl quantitative Angaben wie die Anzahl der Organisationen, ihre Finanzausstattung und Personalstruktur als auch qualitative Daten, die aus wissenschaftlichen Befunden zur Selbsteinschätzung der in den Organisationen agierenden Professionellen und ihrem organisationalen Umfeld generiert worden sind (u. a. Wolf und Zimmer, Lokale Engagementförderung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2012; Speck et al. 2012). Im Ergebnis wird deutlich, dass die Organisationsformen quantitativ an Bedeutung gewinnen und qualitativ Innovationspotenziale freisetzen. Legitimität für Innovationen wird in den Organisationen insbesondere durch das „Erzählen“ einer glaubwürdigen bzw. einer „Erfolgsgeschichte“ (Luhmann, Organisation und Entscheidung. 3. Auflage, VS Verlag, Wiesbaden, S. 440, 2011) erzeugt. In der wettbewerbsbasierten Sozialwirtschaft verschafft sich die Organisation Vorteile, die von den Mittelgebenden als innovativ(ere) wahrgenommen wird. Ressourcenstarke Mittelgebende fungieren als Treibstoff von Innovationen in den Organisationen, und zugleich ist die Ressourcenausstattung von Engagierten Voraussetzung ihres Engagements und damit auch der Möglichkeit, über legitime Innovationen mitentscheiden zu können.
Janine Kuhnt

RePair Democracy – Soziale Innovationen als Werkstätten für demokratische Gestaltung

Zusammenfassung
In diesem Beitrag werden Soziale Innovationen als Werkstätten für demokratische Gestaltung diskutiert. Vor dem Hintergrund der „Krise der Repräsentation“ (Diehl, Aus Politik und Zeitgeschichte, 40–42: 12–17, 2016) und der „ökologisch-ökonomischen Zangenkrise“ (Dörre, Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie, Springer VS, Wiesbaden, S. 3–33, 2019) erscheint die Gestaltung gesellschaftlichen Wandels zunehmend drängender und komplexer. Soziale Innovationen können Beispiele für alternative gesellschaftliche Praktiken darstellen und dadurch Vorbild für die Gestaltung von Wandel sein. Mit Blick auf Initiativen der Reparaturszene gehen wir der Frage nach der Möglichkeit demokratischer Gestaltung nachhaltigen Lebens nach. Können in Initiativen sozialer Innovation wie Reparaturcafés, offenen Werkstätten oder solidarischen Landwirtschaften eingeübte „demokratische Mikropraktiken“ dazu beitragen, politische Selbstwirksamkeit in andere Lebensbereiche zu tragen? Mit dem im Beitrag vorgestellten „Demokratiecafé“ soll ein Raum der Begegnung von Menschen mit ihren lokalen Anliegen angeboten werden, in dem diese Anliegen kollaborativ bearbeitet und Probleme gemeinsam gelöst werden sollen.
Gerald Beck, Robert Jende

Wenn viele Menschen etwas anders machen – Soziale Innovationen und Nachhaltigkeit im Phänomen des Flaschensammelns

Zusammenfassung
Der Konsens der Tagung zu Innovation lautete: „Wenn viele etwas anders machen.“ Solcherlei definiertes innovatorisches Handeln möchte ich am Beispiel des Flaschensammelns aufzeigen. Anstatt dies einzig als letzten Rückhalt einer erschöpften Unterschicht anzusehen, schlage ich vor Pfandgebende und -nehmende auch als im Zusammenspiel mit objektivierter Materie kommunikativ handelnde Subjekte zu begreifen. Innovatorisches Handeln beginnt dann schon in den kleinsten kommunikativen Zusammenhängen, in denen Pfandflaschen z. B. nicht bloß herumstehen, um als Müll eingesammelt zu werden. Gerade die frei herumstehende Flasche verbindet vielmehr die reziproke subjektive Aufmerksamkeit von Pfandgebendem und -nehmendem. Im Gegenstand der Pfandflasche kulminieren versachlichtes und eigensinniges (Handlungs-)Wissen rund um das Phänomen ‚Pfandsammeln‘. Die Flasche im öffentlich sichtbaren Raum ist eben nicht frei, sondern stellt eine andere Art kommunikativer Bezüge her. In Form der Pfandringe zeigt sich dann z. B., dass städtischer Raum von ‚vielen, die etwas anders machen‘, im Anschluss an die Bezüge, die die freistehende Flasche anbietet, auf materieller und symbolischer Ebene gezielt neu gedacht und geformt wird. Anhand einer kombinierten Text- und Bildanalyse möchte ich diesen häufig unsichtbar ablaufenden kommunikativen Verstrickungen in Form der Pfandflasche nachspüren. Denn in ihren raumzeitlichen Bezügen verstehe ich sie als relevanten Aspekt sozialer Innovationen in städtischen Lebensräumen.
Florian Engel
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