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21.04.2021 | Nachhaltige Geldanlagen | Im Fokus | Onlineartikel

Green Finance braucht durchdachte Klimapolitik

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
7:30 Min. Lesedauer

Mit welchen Finanzinstrumenten kann das Ziel der Klimaneutralität erreicht werden und wer sind die treibenden Akteure auf dem Weg zur grünen Transformation? Diesen Fragen rund um Green Finance stellten sich Experten in einer virtuellen Diskussion.

"Der Klimawandel gehört zu den drängendsten Herausforderungen der Gegenwart", schreiben die Experten von KfW Research in ihrer Analyse "Klimaneutral bis 2050: eine große Transformationsaufgabe für die deutsche Industrie" vom März 2021. "Um einen wirksamen Beitrag zur Bekämpfung des globalen Klimawandels zu leisten, hat sich Deutschland wie die Europäische Union dazu bekannt, Klimaneutralität bis 2050 als langfristiges Ziel zu verfolgen." Ab dann sollen "netto" keine neuen Treibhausgase (THG) mehr ausgestoßen werden. "Um das langfristige Ziel der Klimaneutralität erreichen zu können, sind erhebliche Anstrengungen in allen Wirtschaftssektoren erforderlich." 

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CO2-Preis ist wichtiges Mittel der Klimapolitik

Und diese bedürfen nicht nur einer zielgerichteten Finanzierung, sondern auch eines politischen Rahmens, der auch über die Grenzen der Bundesrepublik hinausblickt. Zu diesem Ergebnis kam die virtuelle Expertenrunde "Leibniz debattiert – Green Finance" des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE Mitte April. "Ein adäquater CO2-Preis ist ein zentrales politisches Mittel auf dem Weg zur Klimaneutralität", sagte Sabine Mauderer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, in ihrem Redebeitrag. Die hierzu nötigten technischen Lösungen können der Expertin zufolge aber nicht nur durch die Banken finanziert werden. Auch die Finanzmärkte werden hierzu einen wichtigen Teil beitragen. 

Aktuelle Zahlen einer im Februar veröffentlichen Studie des Beratungshauses Bain belegen, dass sich das Volumen der ESG-gebundenen Kredite an europäische Unternehmen von 27 Milliarden Euro im Jahr 2017 auf 102 Milliarden Euro im Jahr 2019 mehr als vervierfacht hat. Die globalen Wachstumsraten des an Environmental-, Social- und Governance-Kriterien (ESG) ausgerichteten Emissionsvolumens liegen Bain zufolge bei 268 Milliarden Euro. Dies entspreche allerdings erst einem Prozent aller Unternehmensanleihen.

Zentralbanken fungieren als Katalysator

"Die Zentralbank ist ein Katalysator des ganzen Prozesses", erläuterte Mauderer die Rolle der Notenbanken und der Europäischen Zentralbank (EZB) im Bereich Green Finance. So würden zum Beispiel Klimarisiken bei den Aufgaben der Institute als Aufsichtsbehörden bereits berücksichtigt. "Eine Zentralbank ist aber kein Ersatz für fehlende Klimapolitik", mahnte die Bundesbankerin. Ihr fehle dazu schlicht "der Werkzeugkasten".  

Allerdings sei die Gründung des Network for Greening the Financial System (NGFS) ein wichtiger Schritt gewesen. Mauderer selbst gehört zu dessen Lenkungsausschuss. Das weltweite Netzwerk von Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, darunter auch die Bundesbank sowie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), macht sich nach eigenen Angaben für ein nachhaltigeres Finanzsystem stark. Das Ziel sei es, die Folgen des Klimawandels für das Finanzsystem zu analysieren und globale Finanzströme so umzulenken, dass ein kohlenstoffarmes Wirtschaftswachstum ermöglicht wird.

Klimaschutz durch Green Climate Fund reicht nicht

Und es gibt weitere Maßnahmen: "Zukünftig soll der multilaterale Green Climate Fund (GCF), der im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen gegründet wurde, einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten", berichtet Silvia Stenitzer im Buch "CSR und Klimawandel" (Seite 204). Der GFC hat einen Fokus auf der Finanzierung klimafreundlicher Projekte in Entwicklungsländern. Im Pariser Klimagipfel wurde der Beschluss gefasst, dass für den Fonds von 2020 bis 2025 ein Niveau von 100 Milliarden Euro gehalten und für die Zeit danach ein neues, globales Finanzierungsziel festgelegt werden solle. 

Doch laut Kritikern reichen diese finanziellen Anstrengungen nicht aus. "Allein die Kosten der Anpassung an den Klimawandel in den Entwicklungsländern könnten bis zur Jahrhundertmitte auf 520 bis 790 Milliarden US-Dollar pro Jahr anwachsen. Und auch dann würde nur ein Teil der ökonomischen Folgeschäden des Klimawandels vermieden, die 2050 in den Entwicklungsländern insgesamt 1,2 bis 1,8 Billionen US-Dollar pro Jahr erreichen könnten", heißt es in einem aktuellen Dokument der Entwicklungsorganisation Oxfam.

Auch laut Springer-Autorin Stenitzer sei davon auszugehen, dass eine Finanzierungslücke bestehen bleibt, da die öffentlichen Mittel allein nicht ausreichen werden, um die zur Eindämmung des Klimawandels nötigen Investitionen zu stemmen. "Daher ist es unumgänglich, zusätzlich private und institutionelle Investoren zu mobilisieren", so die Autorin. 

Als Mittel der Wahl gelte bei institutionellen Investoren dabei die sogenannte Grüne Anleihe, in Englisch Green Bond. "Eine grüne Anleihe unterscheidet sich von einer traditionellen Anleihe durch den klar definierten Verwendungszweck mit dem Ziel, den Emissionserlös ausschließlich zur (Re-)Finanzierung von neuen oder bestehenden grünen Projekten zu verwenden", erläutert Stenitzer. 

Kritik an der Wirkung von Grünen Anleihen

Ob jedoch eine solche indirekte Investitionssteuerung tatsächlich den gewünschten Effekt der Klimaneutralität bewirkt oder zumindest dazu beiträgt, bezweifelt Jan Pieter Krahnen. Im Rahmen der virtuellen Diskussion erläuterte der Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE: "Es gibt keine kausale Beziehung zwischen der Investitionsseite und der Finanzierungsform." Insofern trage die Emission Grüner Anleihen nicht zur Green Transition bei. Dass partielle Eingriffe auf dem Finanzmarkt nicht zwangsläufig die Zielerreichung sichern, hätte bereits die indirekte Investitionssteuerung in Entwicklungsländer früherer Jahre gezeigt. 

Krahnen erforscht als Professor für Finanzen am Finanzhaus der Goethe-Universität schwerpunktmäßig die Auswirkungen der Finanzturbulenzen 2007 bis 2010 auf das Bankwesen, das Systemrisiko und die Finanzmarktregulierung. In seinem Vortrag plädiert er für direkte Zielvorgaben in Form von Subventionen sowie für sognannte Impact Investments. 

Mehr Nachhaltigkeit mit Impact Investing

Dabei handelt es sich laut Rolf Ostmann um "eine besondere Form der Anlage am Primärmarkt". Im Buchkapitel "Wirkung nachhaltigen Investierens und des Engagements im Speziellen" schreibt der Springer-Autor, dass beim Impact Investing "die Erzielung einer positiven Nachhaltigkeitswirkung mindestens gleichberechtigt neben möglichen monetären Anlagezielen steht". 

Möglich sei das im Wege eines zweistufigen Wirkmechanismus für mehr globale Nachhaltigkeit: 

  • Schritt 1: Das Anlagesubjekt bewirkt durch seine Anlageentscheidung eine Veränderung auf der Ebene des Emittenten (Mittelzufuss). 
  • Schritt 2: Die Veränderung auf der Ebene des Emittenten bewirkt eine Veränderung der Umwelt (zum Beispiel Umsetzung der geplanten nachhaltigkeitsfördernden Maßnahmen durch Einsatz des überlassenen Kapitals).

"Besonders erfolgversprechend sind das Einräumen von Vorzugskonditionen für besonders nachhaltiges Emittentenverhalten sowie die Überlassung von Mitteln an Emittenten, die ansonsten keinen guten Zugang zum Kapitalmarkt hätten", resümiert Ostmann. Doch trotz der positiven Wirkungsprognose sei die Bedeutung solcher Anlagen am Primärmarkt noch vergleichsweise gering.

Der Green Deal der EU als Hoffnungsträger

Vor diesem Hintergrund müsse die Politik dringend für passende Rahmenbedingungen sorgen, erläuterte Ottmar Edenhofer, Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), in seinem Diskussionsbeitrag. "Die Finanzmarktakteure sind ein schlafender Riese. Sie wachen auf, wenn die Politik agiert." Er warnte, dass zuletzt in den Schwellen- und Entwicklungsländern die Finanzierungskosten so hoch angestiegen seien, "dass sie die finanziellen Vorteile etwa aus grüner Energie auffressen". 

Seine Hoffnungen ruhen unter anderem auf dem EU-Green-Deal-Paket. Im Juni 2021 sollen laut offiziellem Fahrplan zum Grünen Deal die Vorschläge für die Überarbeitung der einschlägigen Legislativmaßnahmen zur Erreichung der ambitionierteren Klimaschutzziele vorgelegt werden. Voraus geht eine Überprüfung 

  • der Richtlinie über das Emissionshandelssystem, 
  • der Lastenteilungsverordnung, 
  • der Verordnung über Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft, 
  • der Energieeffizienz-Richtlinie, 
  • der erneuerbare-Energien-Richtlinie und 
  • der CO2-Emissionsnormen für Personenkraftwagen und leichte Nutzfahrzeuge.

Public Private Partnerships fördern die grüne Transformation

Für Bundesbankvorständin Mauderer liegt ein weiterer Schwerpunkt zur Finanzierung der Green Transition in mehr Public Private Partnerships (Öffentlich-Private Partnerschaften, kurz ÖPP). "Der private Partner übernimmt sowohl die Planung und den Bau als auch die Instandhaltung, den Betrieb und gegebenenfalls sogar die Finanzierung der Investition. Bei der öffentlichen Hand verbleiben die Zielsetzung, die Investitionsentscheidung sowie Aufsicht und Controlling", beschreibt Antje-Silja Tetzlaff das Grundprinzip im Buchkapitel "Vertragscontrolling für Öffentlich-Private Partnerschaften" (Seite 62). 

Obwohl die Finanzierungskosten bei Bereitstellung privater Finanzierungsmittel nominal höher sind als jene einer Finanzierung durch die öffentliche Hand zu Kommunalkreditkonditionen, trägt die konsequente Begleitung und Überwachung des Projektes (Due Diligence und Monitoring) durch die Kapitalgeber zur Erhöhung der Stabilität und der wirtschaftlichen Tragfähigkeit des Gesamtvorhabens bei", nennt Corinna Hilbig im Buchkapitel "Anlageklasse PPP" (Seite 18) weitere Vorteile des Konzepts. 

Internationale Entwicklungsbanken mit wichtiger Funktion

"In einer vollständig vernetzten Welt gibt es kein privat ohne öffentlich", konstatiert auch Stefan Brunnhuber im englischsprachigen Buch "Financing our Future" (Seite 51). Gerade in Ländern mit niedrigem Einkommen, geringen Steuereinnahmen und hoher Schuldenlast gebe es eine Vielzahl von Möglichkeiten für den privaten und öffentlichen Sektor, um zusätzliche Liquidität zu generieren. Als wichtige internationale Akteure in diesem Szenario macht der Autor auch die internationalen multilateralen Entwicklungsbanken wie die Europäische Investitionsbank, die Weltbank, aber auch asiatische wie afrikanische Entwicklungsbanken aus. Brunnhuber schreibt: 

Richtig gemacht, kehren sie Kurzfristigkeit in eine langfristige Sichtweise um, kehren Fälligkeit in Richtung langfristiger Rendite um und stärken so die örtliche Infrastruktur für eine gemeinsame nachhaltige Zukunft."

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