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19.05.2021 | Nachhaltigkeit | Gastbeitrag | Onlineartikel

Drei Schritte zur Kreislaufwirtschaft

Autoren:
Vincenzo Giordano , Andre de Fontaine
6 Min. Lesedauer

Kreislaufwirtschaft spart Zeit, Energie und Ressourcen. Die EU stärkt sie durch den Green Deal. Doch wie installiert man eine funktionierende Kreislaufwirtschaft? Lesen Sie hier den 2. von 2 Teilen.

Unternehmen, die nachhaltiger agieren wollen, können sich ein Beispiel an der Natur nehmen. Regenwälder beispielsweise stabilisieren das Weltklima, bieten Nahrung und erhalten den Wasserkreislauf. Pflanzen und Tiere sowie Mikroorganismen teilen sich die vorhandenen Ressourcen und verwerten Abfälle. Auf diese Weise wird das Ökosystem über die Zeit bewahrt, es entsteht eine Symbiose. Diese ressourcenfreundliche Praktik ist jedoch nicht auf die Natur beschränkt. Eine Kreislaufwirtschaft maximiert auch in der Industrie die Ressourceneffizienz. Der zweite Teil des Zweiteilers zum Thema Kreislaufwirtschaft zeigt drei Schritte, eine industrielle Symbiose zu erreichen.

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Eine Zwischenbilanz

Die Implementierung der Kreislaufwirtschaft bedeutet eine große Transformation von einer ressourcenvernichtenden, linearen zu einer enkeltauglichen, zirkulären Wirtschaftsweise. Sie ist nicht konzipiert ohne Wachstum auszukommen. Allerdings ist …

Unternehmen betrachten ihre Ressourcen mit einem neuen Blick und suchen nach Möglichkeiten, ihre bisherigen Abfallströme wiederzuverwenden, zu teilen oder zu verkaufen. So kann der Abfallstrom des einen Unternehmens zu wertvollen Ressourcen eines anderen werden. Eine industrielle Symbiose identifiziert und steigert den wirtschaftlichen Wert von Abfällen und Nebenprodukten und wird schon in vielen Branchen angewendet. Fertigungsbetriebe beispielsweise nutzen ihre Abwärme zum Erwärmen von Rohstoffen, lokale Kläranlagen bereiten das Abwasser zur Pflanzenbewässerung auf und in Kraftwerken werden CO2-Emissionen in Benzin für die Kraftfahrzeuge gewandelt. So reduzieren die Unternehmen Umweltverschmutzung und Kosten, generieren zudem neue Einnahmequellen und stärken ihre Lieferketten.

Oft scheitert das Vorhaben einer industriellen Symbiose jedoch an Kapital, Technologie, Partnern oder regulatorischen Anreizen. Stakeholder, Geschäftsinteressen und Ressourcenströme in Einklang zu bringen und eine Kreislaufwirtschaft zu erreichen, ist ein komplexes Unterfangen. Aktuelle Entwicklungen wie die Ende Oktober 2020 in Kraft getretene Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes, der steigende Druck seitens der Stakeholder, nachhaltig zu agieren, und technische Fortschritte bauen diese Hindernisse wiederum ab und erhöhen den Wert, den Kreislaufmodelle generieren.

Der folgende dreiteilige Prozess unterstützt Unternehmen dabei, neue Treiber zu nutzen, Hindernisse zu überwinden und die Strategien einer Kreislaufwirtschaft in vollem Umfang zu erfassen. Voraussetzung für den Erfolg ist die Anpassung von Ressourcenströmen, Stakeholdern und Geschäftsmodellen.

1. Mehrwert eines Shared-Ressource-Modells entwickeln

Eine klare Roadmap zeigt das Potenzial einer symbiotischen Nutzung von Ressourcen auf und schafft die richtigen Voraussetzungen für gemeinsames Handeln. Diese erste Maßnahme wird gemeinsam mit allen relevanten industriellen Akteuren umgesetzt. Es bietet sich an, einen externen Moderator einzubeziehen (z. B. die Hafenbehörde in einer Hafenumgebung).

Regionale Ressourcen identifizieren

Der erste Schritt besteht in einer geoinformationssystembasierten Bestandsaufnahme (GIS) der verfügbaren Ressourcen innerhalb des direkten industriellen Clusters. Zusätzlich können auch andere mögliche Abnehmer in der näheren Umgebung oder neue Akteure mit ergänzenden Profilen einbezogen werden. Als zu berücksichtigende Ressourcen kommen beispielsweise industrielle Abfall- oder Nebenprodukte in Frage. Aber auch Potenziale für erneuerbare Energien oder die verfügbare Infrastruktur sollten geprüft werden. Eine klare Übersicht der verfügbaren Ressourcen zeigt auf, was zur Verfügung steht, um den lokalen Bedarf zu decken.

Synergien erkennen

Voraussetzung für das Umdenken von Geschäftsmodellen ist, dass Unternehmen verstehen, wie Ressourcenströme wiederverwendet werden können und welchen Wert zuvor ungenutzte Abfallströme haben. Dazu müssen komplementäre Ressourcenströme identifiziert sowie auf dieser Basis die relevantesten industriellen Symbiose-Szenarien bewerten werden.

Effekte quantifizieren

In diesem Schritt ermitteln Unternehmen die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur und definieren mögliche Finanzierungsoptionen sowie Value-Sharing-Vereinbarungen zwischen den Akteuren. Die richtige Strategie, wie der entstehende Mehrwert unter den Hauptakteuren aufgeteilt werden kann, kann aus einstigen Konkurrenten Kollaborateure werden lassen.

2. Vertrag und zuständige Instanz

Dieses Vorgehen stellt sicher, dass die komplexe Koordination der Symbiose von einer einzigen Instanz übernommen wird. Der Vertrag gewährleistet, dass die industriellen Akteure ein klares Preissignal für die langfristige Vergütung der von ihnen gemeinsam genutzten und verbrauchten Ressourcen (z. B. CO2, Wärme, grünes H2 etc.) haben.

Investitionsentscheidungen zentralisieren

Ziel ist, dass Investitionen von einer einzigen Instanz gesteuert werden. Dazu werden regulatorische und rechtliche Bedingungen im lokalen Kontext analysiert und verschiedene Mechanismen, etwa Zweckgesellschaften, untersucht. Die Etablierung einer einzigen Instanz, die in der Lage ist, Investitionen über mehrere Parteien hinweg zu verwalten, verringert den Wettbewerbsdruck unter den Teilnehmern innerhalb des industriellen Ökosystems.

Bedingungen festlegen

Im nächsten Schritt werden vertragliche Vereinbarungen für alle Beteiligten getroffen, um Investitionen zu vergüten. Eine Möglichkeit besteht darin, diese in Abhängigkeit von Ergebnissen, Leistung und Dauer des Engagements zu setzen. Innovative vertragliche Vereinbarungen ermöglichen es den Unternehmen und anderen Teilnehmern, langfristig Mehrwert aus den getätigten Investitionen zu ziehen.

Die Gemeinschaft verwalten

Auch sollten die Prozesse zur Verwaltung der Symbiosepartner definiert werden. Dies schließt auch Ausstiegsbedingungen und Verfahren zur Integration neuer Mitglieder mit ein. So kann der industrielle Cluster wachsen und sich an veränderte Bedürfnisse, technische Entwicklungen und hinzukommende Industrien anpassen.

3. Wertsteigernde Modelle fördern, Verbrauch reduzieren

Eine industrielle Symbiose macht nur einen Teil der Nachhaltigkeitstransformation eines Unternehmens aus. Eine vollständige Nachhaltigkeitsstrategie strebt danach, den Ressourcenverbrauch von Anfang an zu reduzieren. Dazu gehört, industrielle Prozesse effizienter zu gestalten, umweltfreundliche Konstruktionsverfahren einzuführen und eine effizientere Nutzung von Rohstoffen zu fördern. Dieser andauernde Prozess kann mit kleinen Schritten starten, etwa der Reduzierung und Wiederverwendung von Abfällen. Weiter kann dann das Geschäftsmodell grundlegend verändert werden, etwa durch den Wechsel von auf Fertigung und Eigentum basierenden Modellen hin zu solchen, die auf Verfügbarkeit und Dienstleistungen basieren. Dies hat beispielsweise Philips erfolgreich umgesetzt: Das Unternehmen hat sich zu einem B2B-Geschäft entwickelt, das Beleuchtungsdienstleistungen anstelle von Glühbirnen verkauft. Durch diesen Wandel hat das Unternehmen sich selbst Anreize geschaffen, langlebigere Glühbirnen zu produzieren, die im Laufe der Zeit gewartet werden. So wurde das ressourcenintensivere Modell ersetzt, bei dem alte Glühbirnen alle paar Jahre ausgetauscht und weggeworfen wurden.

Eine ganzheitliche Kreislaufwirtschaftsstrategie entwerfen

Das derzeitige Geschäftsmodell mag den aktuellen Anforderungen genügen. Doch der wachsende Druck auf Unternehmen und Regionen, Kohlenstoffemissionen, Wasser und Abfall zu reduzieren, erfordert radikale Veränderungen. Eine Strategie sollte sowohl die industrielle Symbiose fest verankert haben als auch die grundlegenden Elemente nicht aus den Augen verlieren. So wird der gesamte Ressourcenverbrauch minimiert und die betriebliche Effizienz in der Wertschöpfungskette gesteigert.

Regelmäßige Überprüfung der lokalen Partner

Die GIS-basierte Bestandsaufnahme aus Schritt eins hilft dabei, aktiv nach Möglichkeiten zu suchen, neue Teilnehmer mit komplementären Ressourcenströmen zu gewinnen. Neue Unternehmen oder neue Abfallströme können für neue zirkuläre Möglichkeiten und Einnahmequellen sorgen.

Reichweite erweitern

Es lohnt sich über die regionale Gemeinschaft hinauszudenken, um Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette einzubinden. Die Bemühungen um Ressourceneffizienz sind gemeinsame Treiber zur Entwicklung neuer, zirkulärer Wertschöpfungsmodelle (z. B. As-a-Service-Modelle oder gemeinsame Einsparungen), die die gesamte Wertschöpfungskette umfassen.

Kreislaufwirtschaft beginnt heute

Die kommenden Jahre werden zahlreiche ökologische, betriebliche und finanzielle Fragen aufwerfen. Unternehmen müssen entscheiden, wie sie sich in eine sich ständig wandelnde Geschäfts- und Gesetzeswelt einfügen. Mithilfe der Kreislaufwirtschaft und der industriellen Symbiose können sich Unternehmen besser positionieren, um von einer nachhaltigeren Zukunft zu profitieren. Unternehmen, die zusammenarbeiten, um ein symbiotisches industrielles Ökosystem zu schaffen, werden feststellen, dass die Kooperation die beste Form des Wettbewerbsvorteils ist.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Zweiteilers.

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