Zum Inhalt

"Ecodesign kann die CO₂e-Emissionen reduzieren"

Aktivieren Sie unsere intelligente Suche, um passende Fachinhalte oder Patente zu finden.

search-config
loading …
print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Im Interview beleuchtet Nachhaltigkeitsexperte Bernhard Gerl, inwieweit deutsche Industrieunternehmen bereits systematisch ökologische Kriterien in ihrer Produktgestaltung berücksichtigen.

Bernhard Gerl ist Manager Center of Excellence Ecodesign bei Körber. Mit einem ausgeprägten Sinn für Technik, Nachhaltigkeit und Teamführung verbindet er Innovationsgeist mit zukunftsorientierter Produktentwicklung.


springerprofessional.de: Herr Gerl, was steckt konkret hinter dem Begriff "Ecodesign" und welchen Stellenwert besitzt dieser Ansatz in der deutschen Industrie?

Bernhard Gerl: Der Begriff "Ecodesign" beschreibt die systematische Integration ökologischer Kriterien in die Produktgestaltung. Ziel ist es, Umweltwirkungen über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts hinweg zu minimieren – von der Rohstoffgewinnung über die Herstellung und Nutzung bis hin zur Entsorgung oder Wiederverwertung. Dabei geht es nicht nur um Energieeffizienz, sondern auch um Materialwahl, Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Kreislauffähigkeit. In der deutschen Industrie hat dieser Ansatz in den vergangenen Jahren deutlich an Relevanz gewonnen. Getrieben durch gesetzliche Vorgaben, steigende Erwartungen von Kunden und Investoren sowie den Druck zur Dekarbonisierung, wird Ecodesign zunehmend als strategisches Instrument verstanden – nicht nur zur Einhaltung von Standards, sondern auch zur Differenzierung im Markt.

Welche Branchen sind hier Vorreiter und warum?

Besonders engagiert zeigen sich Branchen, die entweder aufgrund des hohen ökologischen Fußabdrucks der Produkte stark reguliert sind oder einen Wettbewerbsvorteil durch Differenzierung erreichen. Dazu zählen etwa der Maschinen- und Anlagenbau, die Elektronikindustrie, die Textilbranche sowie die Bauwirtschaft. Diese Sektoren stehen vor der Herausforderung, komplexe Produkte mit vielen Komponenten und langen Lebenszyklen nachhaltiger zu gestalten. Gleichzeitig bieten sie großes Potenzial für Innovationen – sei es durch modulare Designs, den Einsatz recycelter Materialien oder digitale Lösungen zur Optimierung von Energieverbrauch und Wartung. Die Vorreiterrolle ergibt sich oft aus einer Kombination von regulatorischem Druck, technologischem Know-how und dem Willen, Nachhaltigkeit als Teil der Unternehmensstrategie zu verankern.

Um welche wichtigen Aspekte erweitert beziehungsweise ergänzt die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) die bisherige Ökodesign-Richtlinie – und wer ist konkret davon betroffen?

Die ESPR erweitert die bestehende Richtlinie um mehrere Aspekte:

  1. Die alte Richtlinie umfasste vor allem energieverbrauchsrelevante Produktgruppen. Die ESPR hingegen umfasst nahezu alle physischen Güter. Im ersten Working Plan 2025 bis 2030 liegt der Fokus auf den Produktgruppen "Stahl und Aluminium", "Textilien2 (mit Schwerpunkt "Bekleidung"), "Möbel", "Reifen" und "Matratzen" – mit der Erweiterung auf weitere Produktgruppen in den Folgejahren.
  2. Sie führt neue horizontale Anforderungen ein, die für alle Produktgruppen gleichzeitig gelten, etwa zur Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit und Ressourceneffizienz.
  3. Besonders hervorzuheben ist der digitale Produktpass, der künftig verpflichtend wird und umfassende Umweltinformationen für Verbraucher, Behörden und Unternehmen bereitstellt.

Betroffen sind Hersteller, Importeure und Händler – also alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette, die Produkte in den europäischen Markt bringen. Die ESPR markiert damit einen Paradigmenwechsel: weg von freiwilligen Ökolabels, hin zu verbindlichen Nachhaltigkeitsanforderungen für die breite Produktlandschaft und hoher Transparenz für den Endkunden.

Inwieweit kann Ecodesign die CO2-Emissionen eines Unternehmens tatsächlich reduzieren?

Ecodesign kann die CO₂e-Emissionen eines Unternehmens auf mehreren Ebenen reduzieren. Besonders relevant ist der sogenannte Scope 3, also die indirekten Emissionen entlang der vorgelagerten Lieferkette und in der anschließenden Nutzungsphase beim Kunden. Die größte Reduktion wird erreicht, indem bestehende Prozesse hinterfragt und gezielt überarbeitet werden. Die Verlängerung der Lebensdauer und Nutzungsphase einer Maschine hat einen erheblichen Einfluss auf den CO₂e-Fußabdruck. Einerseits benötigt das Produkt über eine längere Lebensdauer hinweg Energie, was die Notwendigkeit eines energieeffizienten Designs mit sich bringt. Andererseits ermöglicht eine lange Nutzungsdauer, dass die hohen mit der Herstellung verbundenen Emissionen über einen längeren Zeitraum verteilt werden. Um das zu erreichen, braucht es eine effiziente und wirtschaftliche Reparatur sowie Wartung. Ebenso ist es wichtig, dass verschleißanfällige und defekte Komponenten gut zugänglich und einfach austauschbar sind. Der während des Betriebs einer Maschine verwendete Energietyp bietet eine wichtige Möglichkeit zur Optimierung. Durch eine Elektrifizierung aller Prozesse in einer Maschine und den Umstieg auf erneuerbare Energiequellen können die Emissionen, die bei der Erzeugung von Strom und Druckluft entstehen, reduziert werden.

Was sind die Herausforderung und Schwierigkeiten in der Ecodesign-Entwicklung?

Eine der größten Hürden ist die Verfügbarkeit und Qualität von Material- und Umweltdaten, insbesondere bei komplexen Produkten mit vielen Zulieferern und umfangreichen Supply Chains. Oft fehlen standardisierte Informationen zu CO₂e-Emissionen, Materialherkunft oder Recyclingfähigkeit. Auch die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in bestehende Entwicklungsprozesse ist anspruchsvoll, da technische, wirtschaftliche und ökologische Anforderungen miteinander in Einklang gebracht werden müssen.

Was sind die Aufgaben eines Life Cycle Assessments (LCAs) im Unternehmen und welche Bedeutung messen Sie einer regelmäßigen Lebenszyklusanalyse bei?

Das Life Cycle Assessment ist ein zentrales Instrument zur Bewertung und Steuerung von Umweltwirkungen. Das LCA ermöglicht es, die ökologischen Auswirkungen eines Produkts über alle Phasen hinweg zu quantifizieren – von der Rohstoffgewinnung bis hin zur Entsorgung. LCAs helfen dabei, sogenannte "Hotspots" zu identifizieren, also besonders emissionsintensive Komponenten oder Prozesse. Sie dienen als Grundlage für strategische Entscheidungen in der Produktentwicklung, für die Kommunikation mit Kunden und Stakeholdern sowie für die Einhaltung regulatorischer Anforderungen. Wir betrachten LCAs nicht als punktuelle Maßnahme, sondern als zentralen Bestandteil eines Produktentwicklungsprozesses. Wir versuchen, eine Lebenszyklusanalyse bereits zu Beginn einer Entwicklung basierend auf Erfahrungswerten und Vergleichsprodukten durchzuführen, um gezielt Maßnahmen für den weiteren Produktentwicklungsprozess zu identifizieren. Im Vergleich mit einer anschließenden auf konkreten Material- und Beschaffungsdaten basierenden LCA im Verlauf des Entwicklungsprozesses erreichen wir damit eine Nachverfolgung der Wirksamkeit der Maßnahmen.

print
DRUCKEN

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Entscheidungsorientiertes Life Cycle Sustainability Assessment

  • 2025

Jan-Linus Popien entwickelt mit dem entscheidungsorientierten Life Cycle Sustainability Assessment (eoLCSA) einen neuen Ansatz zur Bewertung und Gestaltung von Produktionssystemen entlang der drei Nachhaltigkeitsdimensionen. Aufbauend auf …

EcoDesign

  • 2008

Anhand konkreter Fallbeispiele wird die Umsetzung des EcoDesigns in der industriellen Praxis unter verschiedenen Aspekten aufgezeigt. Praxisnah und nachvollziehbar finden sich hier die Ergebnisse eines DFG-geförderten Forschungsbereichs an der Tec

    Bildnachweise
    Bernhard Gerl/© Anja Jost, AvePoint Deutschland GmbH/© AvePoint Deutschland GmbH, NTT Data/© NTT Data, Wildix/© Wildix, arvato Systems GmbH/© arvato Systems GmbH, Ninox Software GmbH/© Ninox Software GmbH, Nagarro GmbH/© Nagarro GmbH, GWS mbH/© GWS mbH, CELONIS Labs GmbH, USU GmbH/© USU GmbH, G Data CyberDefense/© G Data CyberDefense, Vendosoft/© Vendosoft, Kumavision/© Kumavision, Noriis Network AG/© Noriis Network AG, WSW Software GmbH/© WSW Software GmbH, tts GmbH/© tts GmbH, Asseco Solutions AG/© Asseco Solutions AG, AFB Gemeinnützige GmbH/© AFB Gemeinnützige GmbH, Ferrari electronic AG/© Ferrari electronic AG