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Der Omnibus parkt quer auf der Überholspur

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Wer Nachhaltigkeit jetzt ausbremst, gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit seines Unternehmens und Europas, warnt Expertin Nuvia Maslo angesichts des EU-Entwurfs eines Omnibus-Pakets zur Entbürokratisierung der ESG-Pflichten. 

Nuvia Maslo ist Expertin für Nachhaltigkeit und Führung.


Die Omnibus-Verordnung der EU-Kommission stellt nicht nur zentrale Anforderungen der Nachhaltigkeitsberichterstattung zur Disposition. Sie offenbart auch eine beunruhigende Botschaft an die Wirtschaft: "Nachhaltigkeit ist eine Belastung".

Sie wird dabei als bürokratisches Monstrum diskutiert, das Zeit, Geld und Innovationskraft frisst. Gerade in Führungsetagen wächst die Sorge, im regulatorischen Dschungel den strategischen Fokus zu verlieren. Doch wer Nachhaltigkeit nur als Pflicht begreift, verkennt ihr Potenzial. Es geht nicht um Häkchen für Brüssel, sondern um stabiles Wachstum, Resilienz und Zukunftsfähigkeit.

Statt über Paragrafen zu stöhnen, sollten Entscheider die eigentliche Frage stellen: Wie nutzen wir ESG als Hebel für unternehmerischen Erfolg? Der wirtschaftliche Imperativ ist längst da. Jetzt braucht es Leadership, die das erkennt und vorangeht. Wir benötigen dringend einen Richtungswechsel in der Debatte - weg vom Jammern über Berichtspflichten, hin zu einer aktiven Gestaltungsrolle. Für wettbewerbsfähige, krisenfeste und profitable Unternehmen.

Wie die politische Führung an der Unternehmensrealität vorbeisteuert 

Dass das Bekenntnis zur unternehmerischen Nachhaltigkeit von politischer Seite seit der US-Wahl immer stärker ins Wanken gerät, zeigt sich in Brüssel wie in Berlin. Die EU-Kommission hat im Rahmen eines Omnibus-Pakets weitreichende Ausnahmetatbestände, Entschärfungen und Verschiebungen rund um die Nachhaltigkeitsberichterstattung auf den Weg gebracht. Auch der Koalitionsvertrag der designierten Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD lässt wenig Spielraum für Optimismus, formuliert er doch das Ziel, dem deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz ein Ende zu setzen.

Beide Prozesse reihen sich ein in eine Diskursentwicklung, bei der Nachhaltigkeitsberichte als "Bürokratiemonster" verunglimpft werden und der dahinterliegende Zweck sowie die damit verbundenen Potenziale nur noch eine Nebenrolle spielen. Diese Entwicklung ist fatal.  

Denn während politische Akteure und die Lobby-Armeen besonders umweltschädlicher Industrien den Versuch unternehmen, Nachhaltigkeitspflichten zu reduzieren oder auszubremsen, sind sie in der Realität der meisten Unternehmen längst eine geschäftskritische Größe. Und auch wenn der Ruf nach (bürokratischer) Entlastung verständlich ist, lenkt er am Ende doch vom Wesentlichen ab: Nachhaltigkeit ist nicht primär ein regulatorisches Muss. Sie ist längst ein unternehmerischer Imperativ.  

Nachhaltigkeit als strategische Kernzutat der Unternehmensführung 

Warum dann eine Berichtspflicht? Da ist zum einen die Vergleichbarkeit. Ein einheitlicher und umfassender Berichtsstandard ist notwendig, weil er eine Vergleichbarkeit ermöglicht beziehungsweise vereinfacht. Deshalb wird er von vielen Unternehmen dringend benötigt und nach wie vor gefordert. 

Darüber hinaus ist Nachhaltigkeit weit mehr als ein Reporting-Projekt. Entscheidend ist vielmehr, dass im Regelfall nicht das Commitment zu ESG, sondern ein mangelnder strategischer Fokus zu den größten Herausforderungen führt. Es sind ebendiese Nachhaltigkeits-Reportings, die die Chance auf einen tiefgreifenden profitablen Wandel bieten. Unternehmen müssen Nachhaltigkeit als strategischen Wachstumstreiber verstehen und sie ins Zentrum ihrer Unternehmensstrategie stellen. Der Bericht dient lediglich als Beleg dessen und ist Basis für die notwendige Kommunikation an Stakeholder. 

Der Nachhaltigkeitsbericht als Investition in neue Handlungsspielräume 

Das zentrale Argument der Kritiker von CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive), Lieferkettengesetz und Co. ist dabei nicht mal von der Hand zu weisen. Ja, Nachhaltigkeitsberichte verursachen bürokratischen Aufwand; sie brauchen Expertise und das entsprechende Personal. Doch dieser Aufwand ist eine lohnende Investition.  

Unternehmen gewinnen durch diese Prozesse neue Handlungsspielräume. Denn wenn sie sich strukturiert mit ESG-Daten auseinandersetzen, werden Innovationspotenziale sichtbar, was wiederum positive Auswirkungen auf die Produktentwicklung hat. Unternehmen identifizieren zudem Prozesse, die sich effizienter gestalten lassen. Vor allem aber erschließen sie sich neue Zielgruppen, wenn sie sich nachhaltiger aufstellen - und darüber hinaus auch neue Mitarbeiter, die immer mehr Wert auf ESG-Kriterien bei ihrem potenziellen Arbeitgeber legen. Aber nicht nur für die Gewinnung neuer Mitarbeiter, sondern auch die Bindung bestehender Angestellter, ist die Frage der eigenen Aufstellung in puncto Nachhaltigkeit immer bedeutender.  

Ein weiterer entscheidender Faktor: Nachhaltigkeitsberichterstattung wird auch insofern zum Hebel, als sie mehr Transparenz gegenüber Investorinnen, Kunden und Mitarbeitern schafft und vor allem eine glaubwürdige Positionierung im Wettbewerb zulässt.  

Und was nicht in Vergessenheit geraten darf: Für viele Unternehmen sind die entsprechenden Dokumentationen die Basis, um weiterhin an Aufträge und Finanzierungen zu kommen. So berücksichtigen zum Beispiel rund zwei Drittel der Banken heute bereits Nachhaltigkeitskriterien bei der Kreditvergabe. Und auch Investoren erwarten Klarheit über Haltung, Strategie und Wirkung. 

Die Studienlage ist klar: Nachhaltigkeit lohnt sich 

Schauen wir auf die Studienlage, wird deutlich, dass Unternehmen von einer starken Nachhaltigkeitsstrategie profitieren. So ermittelt eine Accenture Studie, dass Unternehmen mit einer konstant hohen ESG-Performance in der Regel eine 2,6-fach höhere Gesamtrendite für ihre Aktionäre erzielten und eine 4,7-fach höhere operative Marge.   

Nachhaltig agierende Unternehmen haben dabei begriffen, dass ESG-Informationen, genauso wie Finanzdaten, kein Selbstzweck sind. Sie sind die Voraussetzung für faktenbasierte und kluge Entscheidungen. Sie setzen dabei meist auf intelligente Software, um Nachhaltigkeitsinformationen kollaborativ zu erfassen, wirksam auszuwerten und daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten. 
Was ein Eigentor ist es nun also, genau jetzt unsere Vorreiterposition als Europa - einmal mehr - aufzugeben? Und vor allem jetzt, wo die Unternehmen sich eh bereits auf die Pflichten eingestellt hatten - viele sie sogar bereits umsetzen?  

Verbindlichkeit ist zudem ein Prinzip, das in den Führungsetagen von Unternehmen als Hygienefaktor gilt. Zeit, dass die politische Führung sich darauf zurückbesinnt - und dem Aktionismus den Rücken kehrt: Denn nur mit Vertrauen von Unternehmen in Institutionen und Politik können wir als Europa nach vorne gehen und wettbewerbsfähig bleiben. 

Europäische Zukunft braucht Mut, Aufbruchstimmung und Verbindlichkeit 

Nun steht dieser Omnibus also quer auf der Überholspur unserer europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Und wir müssen davon ausgehen, dass die politischen Dynamiken, die ihn dort abgestellt haben, nicht wegräumen werden. Einmal mehr ist das Verursacherprinzip außer Kraft.

Es gilt also mehr denn je: Führungskräfte und Unternehmer sind gefordert, die Zukunft proaktiv zu gestalten. Nicht nur fürs Quartal oder Jahr, sondern auch für danach. Es geht darum, Narrative, die Menschen schaden und die Lebens- und Wirtschaftsgrundlage untergraben, zu erkennen - und umzuerzählen.  Es geht darum, nicht mehr nur "weg von", sondern "hin zu" zu denken. Darum, eine gemeinsame Vision von einer erfolgreichen und lebenswerten Zukunft zu schaffen. Und sie so attraktiv und lebendig zu machen - wirtschaftlich und in Sachen der Lebensqualität. 

Auf dem Weg zur Umsetzung der gemeinsamen Vision - was jetzt zu tun ist 

Was also konkret tun? Unternehmer und Führungskräfte sind gefordert, ökologische und soziale Faktoren als zentrale Steuerungsgrößen zu begreifen, nicht nur, um gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden, sondern um die oben genannten Potenziale für die langfristig erfolgreiche Ausrichtung ihrer Unternehmen abzuschöpfen. Es geht um Marktzugänge, Finanzierungen, Talente, Einsparungen, Innovation und Unternehmenswerte. Insofern muss die nachhaltige Transformation heute als Führungsaufgabe und -kompetenz in allen Bereichen betrachtet werden. Vergleichbar mit der digitalen Transformation. Nur noch bedeutender. Noch umfassender. Noch komplexer. 

Es braucht Regulierung, die klug ist. Und ja, auch über die Sinnhaftigkeit der Ausprägung mancher Reportings muss ergebnisoffen diskutiert werden dürfen. Entscheidend bleibt jedoch: Nachhaltigkeit ist nicht in erster Linie ein Kostenfaktor oder Bürokratie. Wir müssen sie vielmehr als Werttreiber begreifen. Und als Voraussetzung für den unternehmerischen Erfolg in der Welt von morgen. Denn genau das ist der Kern unternehmerischer und politischer Verantwortung im 21. Jahrhundert: gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen nicht als externe Zumutungen zu betrachten, sondern Chance auf Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit.  

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    Bildnachweise
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