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29.10.2018 | Nachhaltigkeit | Interview | Onlineartikel

"Transformation der Chemie in Richtung Nachhaltigkeit"

Autor:
Nico Andritschke

Ein fehlender ganzheitlicher Blick auf Leistungen und Wirkungen von Produkten und Chemikalien führt zu aktuellen Problematiken. Friedrich Barth plädiert für ein neues Selbstverständnis der Chemie.


Springer Professional: Etwa 100.000 Chemikalien sind aktuell weltweit auf dem Markt. Viele der globalen Herausforderungen und Umweltprobleme sind mit dem Einsatz von Chemikalien verbunden. Bedarf es eines neuen Selbstverständnisses der Chemie und der Industrie bei der Entwicklung neuer Chemikalien und Materialien?

Friedrich Barth: Chemie spielt eine zentrale Rolle in unserer modernen Lebenswelt. Ca. 90 Prozent aller Produkte, die wir nutzen, erfordern in der Produktion den Einsatz von chemischen Stoffen oder Verfahren. Wenn wir nach der Verantwortung der Chemie fragen, geht es also mehr als um die Anzahl von Chemikalien. Die Chemie ist in vielen Bereichen ein Motor von Innovation. Gleichzeitig muss man aber fragen, welche Auswirkungen die Innovationen haben und ob sie am Ende nachhaltig sind.

Ein Beispiel ist das Thema "Kunststoffe". Der Einsatz von Kunststoffen hat nicht nur neue Produkte ermöglicht, sondern auch Konsummuster, die vor rund 50 Jahren noch nicht vorstellbar waren – denken Sie nur an den ubiquitären Einsatz von Kunststoffverpackungen. Heute stellen wir fest, dass uns diese Möglichkeiten vor große Probleme stellen. Und nicht nur das, mit dem 3-D-Druck kommt eine neue Technologie auf den Markt, die ohne den Einsatz moderner Kunststoff- und Verbundmaterialien nicht möglich wäre. Wie die Nachhaltigkeitsbilanz des 3-D-Drucks aussehen wird, ist völlig offen.

Wenn Sie nun fragen "Brauchen wir ein neues Selbstverständnis in der Chemie?", so ist die Antwort ganz klar "Ja". Wir brauchen in der Chemie ein Bewusstsein dafür, dass wir den gesamten Lebenszyklus von Produkten in Richtung Nachhaltigkeit steuern müssen. Und das ist genau das, was hinter der Idee einer "nachhaltigen Chemie" steckt: Ein ganzheitlicher Blick auf die Leistungen und Auswirkungen von Produkten, um diese - vom Labor bis zum "end of use" eines Produktes - nachhaltiger zu machen.

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Vor einem Jahr wurde das Internationale Kompetenzzentrum Nachhaltige Chemie gegründet. Sie haben sich vorgenommen, die Chemie zu verändern. Was muss sich national wie international ändern und welchen Beitrag kann das Kompetenzzentrum dazu leisten?

Beim ISC3 geht es uns vor allem um zwei Dinge: Zum einen wollen wir die Innovationskraft der Chemie für eine nachhaltige Entwicklung besser nutzbar machen, indem wir nachhaltige neue Lösungen und Start-ups auf aller Welt identifizieren und fördern. Wir sehen, dass es viele spannende Ansätze gibt, Stoffe, Materialen und Verfahren grundlegend anders zu gestalten. Diese Ideen haben es aber sehr schwer, sich am Markt durchzusetzen. Hier wollen wir mit einem globalen Start-up Service helfen. 

Zum anderen geht es darum, mögliche Problemfelder frühzeitig anzusprechen und gemeinsam mit den betroffenen Akteuren Lösungen entwickeln. Ein Beispiel ist die zunehmende Nutzung von Kunststoffen im Bereich Bauen und Wohnen. Hier ist heute schon absehbar, dass Fragen der Innenraumbelastung, aber auch des Recyclings auf uns zukommen, für die wir heute noch keine Lösungen haben. Solche Herausforderungen gehen wir an, um heute schon die Probleme von morgen zu lösen.

Sie arbeiten an Schnittstellen wie zum Beispiel Klimaschutz oder Trinkwasser. Wo sehen Sie die wichtigsten Themenschwerpunkte?

Chemie ist in fast allen Bereichen relevant. Für uns ist daher wichtig, einen Gesamtblick auf die Themen zu haben und die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Bereichen aufzuzeigen. Wir werden deshalb einen globalen Szenario-Prozess starten, um im Dialog mit internationalen Experten zu diskutieren, welche Auswirkungen eine Transformation der Chemie Richtung Nachhaltigkeit haben kann und was die Folgen des Nichthandelns wären. Wir wollen den Handlungsbedarf deutlich machen und Wege in eine "Zukunft der nachhaltigen Chemie" aufzeigen.   

Der Verbrauch von Chemikalien soll sich bis 2030 gegenüber 2015 verdoppeln. Einen Großteil der benötigten Chemikalien stellen zunehmend Länder wie Indien, Indonesien, Vietnam, die Philippinen oder China her. Welche Herausforderungen bringt das mit sich und wie kann damit umgegangen werden?

China ist schon heute der größte Chemieproduzent und wird in den kommenden Jahren immer wichtiger werden. Dabei geht es auch um den Handel mit Chemikalien, der mehr und mehr über Plattformen wie Alibaba läuft. 

Internationale Kooperation und gemeinsame Ziele und Rahmensetzungen für das Chemikalienmanagement und den Aufbau einer nachhaltigen Chemie sind daher umso wichtiger. Ohne eine engere Zusammenarbeit werden wir diese Herausforderungen nicht meistern. Politik, Industrie und Wissenschaft müssen dazu gemeinsam ins Boot geholt werden. Das ISC3 –International Sustainable Chemistry Collaborative Centre – versteht sich als Motor einer stärkeren internationalen Kooperation. Mit der Idee einer nachhaltigen Chemie arbeiten wir an einer globalen Transformation, die gerade auch für Schwellen- und Entwicklungsländer neue Chancen bietet.

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