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06.11.2020 | Nachhaltigkeit | Gastbeitrag | Onlineartikel

Wie die Versicherungswirtschaft nachhaltiger wird

Autor:
Matthias Schober
3:30 Min. Lesedauer

Nachhaltige Kapitalanlagen werden eines der Zukunftsthemen der kommenden Jahrzehnte sein. Eine Studie zur Integrierung nachhaltiger Kapitalanlagen zeigt den aktuellen Stand bei deutschen Versicherern – und welche Auswirkungen Covid-19 auf die Entwicklung hat.

Spätestens seitdem Ursula von der Leyen am 11. Dezember 2019 den EU Green Deal vorstellte, mit dem Europa als erster Kontinent bis 2050 klimaneutral werden soll, ist allen klar: Nachhaltigkeit und insbesondere nachhaltige Kapitalanlagen werden in den kommenden Jahrzehnten eines der bestimmenden Themen sein. Die EU-Kommission nimmt dabei explizit die Finanzwirtschaft in die Pflicht, die ihre Aufgabe erkannt hat und angehen möchte. Wie geht sie dabei in der Kapitalanlage vor? Was kann man voneinander lernen?

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01.06.2020 | Titel | Ausgabe 6/2020

Nachhaltig handeln und vorsorgen

Nachhaltigkeit ist der Zukunftstrend. Das sieht auch die Versicherungsbranche so und baut ihre Unternehmen sowie Produkte dementsprechend um. Manche erklären das Thema sogar zur Chefsache. Die Corona-Krise hat die Ambitionen hart ausgebremst. Für viele Häuser aber kein Grund, das Vorhaben aus dem Blick zu verlieren, auch weil die Nachfrage der Kunden hier anzieht. 

Integration von ESG-Faktoren in der Kapitalanlage

Diese Fragestellungen aus der Versicherungswirtschaft hat eine gemeinsame Studie des Asset Managers Candriam und der Versicherungsforen Leipzigin untersucht. 15 teils überraschende Thesen sind in den Tiefeninterviews mit sechs Versicherungsunternehmen unterschiedlichster Couleur entstanden, die den Lesern einen Leitfaden an die Hand geben, wie die Integration von Nachhaltigkeit vollzogen wird. Nachfolgend die wichtigsten Thesen auszugsweise auf einen Blick: 

  • Die Implementierung von ESG in die Kapitalanlage beginnt bei Versicherungsunternehmen in der Regel mit Aktien
    Ausgangsbasis zur Umsetzung der ESG-Implementierung bilden Ausschlusslisten, welche bei Ak­tien beginnen. Begründung findet dies in deren vergleichsweise guter Datengrundlage. Die Um­setzung kann auf Basis freiwillig nutzbarer Empfehlungen mit wenig harten Eingrenzungen bis hin zur Implementierung eines strengeren Ausschlussniveaus erfolgen. Bei Auslagerung der Verwal­tung des Aktienportfolios auf externe Manager erfolgt die Überprüfung, inwieweit der externe In­vestmentansatz mit den internen Vorstellungen übereinstimmt.
  • Für die Umsetzung der validen ESG-Konzepte bei Corporate Debt mangelt es derzeit an internen Ressourcen
    Anleihen werden parallel oder zügig nach den Aktien angegangen. Unternehmensanleihen verzeichnen bei der ESG-Integration einen erhöhten Aufwand, da die Abdeckung bei externen Datenlieferanten für das mitunter illiquide und nicht geratete Portfolio an Unternehmensanleihen nicht gegeben ist. Die für diese Anlageklasse nötige Primär- und Sekun­däranalyse mit anschließender Bond-Auswahl gestaltet sich damit sehr ressourcenintensiv und ist nicht für alle Unternehmen durchführbar. Abhilfe schafft zentrales Research von externen Asset Managern, deren auf Nachhaltigkeitsaspekte ausgerichtete Datenbanken skalierbar auf Versiche­rungsunternehmen angewendet werden können.
  • Die Wahl der Nachhaltigkeitsstrategie ist bei alternativen Investments unterschiedlich
    Auf Alternative Investments, zu denen insbesondere Immobilien, Private Equity, Private Debt und Infrastruktur zählen, werden unterschiedliche Nachhaltigkeitsstrategien auf ihre Effekte untersucht und bislang kaum angewendet. Hier besteht insbesondere Austausch mit externen Asset Managern in der jeweiligen Assetklasse, um eine inhaltliche und methodische Übereinstimmung mit den Ansätzen der anderen Assetklassen zu gewährleisten. 
  • Bewährungsprobe Covid-19
    Darüber hinaus begünstigte die Corona-Krise den Fokus auf Nachhaltigkeitsaspekte, da diese Strategien aufgrund von drei Faktoren eine klare Outperformance zeigten. Zum ersten waren diese Strategien weniger von der Ölkrise betroffen. Hinzu kommen vermehrt Anlagen in innovative Stromerzeugungsunternehmen und emissionsarme fossile Energieträger, deren Korrelation mit dem Ölpreis gering war. Übergewichtung fanden zudem Technologie, Gesundheitswesen und ausgewählte Basiskonsumgüter. Zudem war ausschlaggebend, die Geschäftsabläufe aufrecht zu erhalten. Elementar war dabei der richtige Umgang mit Humankapital, unter anderem im Sinne langfristiger Beziehungen zu den Mitarbeitern und den Lieferketten.
  • Gute Governance
    Nicht zuletzt zeigte auch der G-Faktor, welcher die Unternehmensführung beschreibt, seine bedeutende Rolle im Zusammenhang mit einer guten Performance während der Corona-Krise. Von einer guten Governance spricht man, wenn das Unternehmen eine transparente Führung aufzeigt, finanzielle Vorsichtsprinzipien achtet und ein proaktives Risikomanagement vorweist. Da Unternehmen Teil des gesellschaftlichen Gefüges sind, bekamen jene während der Pandemie positive Aufmerksamkeit, die nicht nur Geld verdienen, sondern auch Gutes tun. So wurden Unternehmen, die die Gehälter von Führungskräften kürzten, um die Last der Krise zu teilen, gelobt und konnten dadurch ihre Reputation stärken.

Fazit: Die Versicherungsgesellschaften nutzen in den jeweiligen Assetklassen unterschiedliche Nachhaltigkeitsstrategien, wobei mit abnehmender Liquidität die Komplexität zu- und der Fortschritt bei der Implementierung abnimmt. Die Corona-Krise hat jedoch die Argumentation vereinfacht, da Nachhaltigkeitsstrategien grundsätzlich robuster performten und dadurch den Fokus nochmals verstärkten.

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