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04.09.2017 | Nachhaltigkeit | Interview | Onlineartikel

"Erste Wasserfußabdrücke ganzer Unternehmen erstellt"

Autor:
Nico Andritschke
Interviewt wurde:
Dr.-Ing. Markus Berger

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technischen Umweltschutz der Technischen Universität Berlin. Sein Fachgebiet ist Sustainable Engineering.

Die Herstellung von Produkten bedingt oft hohe Wasserverbräuche. Dr. Markus Berger erklärt, wie es gelingen kann, direkte und versteckte Wassernutzungen in Wertschöpfungsketten sichtbar zu machen.

Springer Professional: Sustainable Engineering steht für die Entwicklung von wissenschaftlichen Lösungen für die Nachhaltigkeitsbewertung von Produkten und Technologien. Was bedeutet das konkret?

Markus Berger: Die Frage, welche Produkte oder Technologien "nachhaltig" sind, ist oftmals nicht einfach zu beantworten. So können beispielsweise Biokraftstoffe dazu beitragen, die Klimabilanz des Autofahrens zu verbessern und den Verbrauch von Erdöl zu minimieren. Auf der anderen Seite führen sie durch ihren Anbau zu einem erhöhten Flächen- und Wasserverbrauch und können sogar mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren. Aus diesem Grund brauchen wir wissenschaftlich valide und praktisch anwendbare Bewertungsmethoden und –tools, mit denen Technologien entlang ihres Produktlebensweges analysiert werden können und die verschiedene Nachhaltigkeitsaspekte bewerten. Genau diesen Fragestellungen widmet sich unser Fachgebiet für Sustainable Engineering.

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2017 | OriginalPaper | Buchkapitel

Das Prinzip der Nachhaltigkeit

Wer den Begriff der Nachhaltigkeit adäquat verwenden will, muss verstanden haben, was Nachhaltigkeit ist. Um dies klar herauszuarbeiten, ist es hilfreich, auch deutlich zu machen, was Nachhaltigkeit nicht ist. 


Im kürzlich gestarteten Verbundprojekt WELLE möchten Sie globale Wertschöpfungsketten analysieren, Ziel ist dabei die Reduzierung von Wasserknappheit an lokalen Hotspots. Bitte charakterisieren Sie das Projekt genauer.

Unternehmen messen und managen ihren Wasserverbrauch meist nur direkt an ihren Produktionsstandorten, obwohl sich hinter ihren Energie- und Materialvorketten oft deutlich relevantere Wassernutzungen verbergen. Aus diesem Grund wird eine Methode zur Analyse des gesamten Unternehmens-Wasserfußabdrucks entwickelt, der neben der direkten Wassernutzung im Werk auch eine Betrachtung der versteckten Wassernutzungen in den Wertschöpfungsketten ermöglicht und die daraus resultierenden lokalen Auswirkungen analysiert. Um dieses Konzept praktisch anwendbar zu machen werden eine Wasserinventardatenbank sowie ein Online Water Footprint Tool bereitgestellt. Diese werden bei Industriepartnern aus verschiedenen Branchen (Volkswagen AG, Evonik AG, Neoperl GmbH, Deutsches Kupferinstitut e. V.) getestet und so die ersten Wasserfußabdrücke ganzer Unternehmen erstellt. Anknüpfend an die Ergebnisse des Wasserfußabdrucks, der Hotspots in den globalen Energie- und Materialvorketten identifiziert hat, werden Maßnahmen mit Zulieferern und lokalen Akteuren ergriffen, um die Wasserknappheit zu reduzieren.

Wie sieht es in der Praxis aus? Welche Relevanz hat die Abbildung des Wasserfußabdrucks in den Unternehmen derzeit und wie wird er nach außen sichtbar?

Viele Unternehmen interessieren sich im Moment für den globalen Wasserfußabdruck ihrer Produkte. Sie bestimmen ihn meist intern um herauszufinden, wie hoch der in den Lieferketten versteckte Wasserverbrauch ist und ob dies zu Problemen in wasserknappen Regionen führen kann. Einige Unternehmen, wie zum Beispiel Volkswagen oder Neoperl, publizieren die Ergebnisse in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Andere Unternehmen, insbesondere aus der Textil- und Nahrungsmittelindustrie, kommunizieren den Wasserfußabdruck ihrer Produkte sogar direkt an ihre Kunden, teilweise sogar mithilfe eines Water Footprint Labels.

Der Anfang grenzüberschreitender Wertschöpfungsketten liegt ja meist außerhalb Europas. Welche Chancen und Möglichkeiten sehen Sie, die Wasserverbräuche bei den dortigen Herstellern und Zulieferern zu analysieren und Maßnahmen zu deren Reduzierung anzustoßen?

Die Erfassung des Wasserverbrauchs in den Wertschöpfungsketten ist heute dank umfangreicher Datenbanken und des Kontaktes von Unternehmen zu ihren Zulieferern meist kein großes Problem mehr. Deutlich schwieriger ist es hingegen, Maßnahmen zur Reduzierung anzustoßen, die ein wichtiger Bestandteil des WELLE-Projektes sind. Hierfür sollte zunächst ein Bewusstsein für die Risiken einer sich verschärfenden Wasserknappheit und die Vorteile eines effizienten Umgangs mit der Ressource Wasser geschaffen werden. Neben der Einsicht in die Notwendigkeit, spielen Anreize für die jeweiligen Zulieferer (unter anderem längerfristige Verträge, Beteiligung an Kosten) eine wichtige Rolle. Um eine Reduzierung der lokalen Wasserknappheit zu erreichen, genügt es meist nicht, sich auf einen einzelnen Wassernutzer zu konzentrieren. Aus diesem Grund, möchten wir so genannte Water Stewardship Prozesse anstoßen. Hierbei sollen in Zusammenarbeit mit lokalen Anspruchsgruppen (andere Unternehmen, Landwirtschaft, lokale Wasserversorger, Behörden, NGOs) Lösungen zur Reduzierung der Wasserknappheit erarbeitet werden. Ein Engagement von Unternehmen in den Hotspots ihrer globalen Wertschöpfungsketten ist meist wesentlich effizienter als weitere Wassersparmaßnahmen an oft durchoptimierten Standorten im wasserreichen Deutschland.

Ist der Wasserfußabdruck für europäische Unternehmen bereits ein Kriterium um sich für oder gegen die Zusammenarbeit mit Herstellern und Zulieferern zu entscheiden?

Das hängt sehr von der Branche ab. In klassischen Industriezweigen (Automobil, Maschinenbau, Elektronik) beobachten wir das momentan noch nicht. In der Nahrungsmittel- und Textilindustrie hingegen schon, da Wasser bei der Herstellung der Vorprodukte eine entscheidende Rolle spielt. Hier kann es zu sehr konkreten Produktionsrisiken kommen, wenn nicht genug Wasser für den Anbau der landwirtschaftlichen Produkte (zum Beispiel Getreide, Zucker, Baumwolle) zur Verfügung steht. Darüber hinaus bestehen auch Imagerisiken, wenn beispielsweise Unternehmen für eine zunehmende Wasserknappheit in einer Region verantwortlich gemacht werden.

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