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Erschienen in: Berliner Journal für Soziologie 3-4/2021

Open Access 26.10.2021 | Mitteilungen und Berichte

Nachruf auf Carlo Mongardini (1938–2021)

verfasst von: Hans-Peter Müller

Erschienen in: Berliner Journal für Soziologie | Ausgabe 3-4/2021

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Carlo Mongardini war ein leidenschaftlicher Soziologe, ein stolzer Römer und ein überzeugter Europäer. Direkt nach dem Abitur im Jahre 1957 schrieb er sich an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Rom ein. La Sapienza wurde seine Alma mater, der er ein Leben lang treu verbunden bleiben sollte. Nach erfolgreichem Studium und einer Laurea mit Spitzenabschluss (110/110 e lode) im Jahre 1961 eröffnete ihm ein Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung von 1964 bis 1967 die Möglichkeit, die deutsche Soziologie näher kennen und schätzen zu lernen. Bereits mit einem Stipedium des Goethe-Instituts hatte er im Jahre 1958 in München seine deutsche Frau Bettina kennengelernt, mit der er eine große Familie mit vier Söhnen und einer Tochter begründen sollte. Nach der Habilitation 1967 nahm er Lehraufträge und Professuren an den Universitäten von Salerno und Catania (1967–1973), der Sapienza (1973–1981) sowie der katholischen Universität in Mailand (1985–1990) wahr, um von 1984 bis 1998 als ordentlicher Professor für Soziologie, von 1998 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2011 dann für Politikwissenschaft an der Sapienza in Rom zu wirken.
Was wie ein konventionelles Wissenschaftlerleben aussieht, wurde freilich durch zahlreiche Auslandsaufenthalte und Gastprofessuren unterbrochen, sei es in den Vereinigten Staaten (Princeton, Harvard, NYU und Georgetown), in Deutschland (Leipzig und Dresden), in Österreich (Wien) oder in Frankreich (Paris). Carlo Mongardini war ein begnadeter Netzwerker, der mit freundlicher Beharrlichkeit und eisernem Willen Menschen und Institutionen produktiv zusammenspannen konnte. Sein freundliches und bescheidenes Wesen, seine Großzügigkeit und sein Sinn für Freundschaft, aber gleichzeitig auch ein gewisses Maß an Distanz, Diskretion und Takt – Simmels Dreiklang für erfolgreiche Geselligkeit – mögen ihm diese Organisations‑, Kohäsions- und Integrationsaufgaben erleichtert haben. Wen Carlo Mongardini anfragte, der konnte schlecht Nein sagen. So vermochte er auch unter Zuhilfenahme von Erasmus mundus den Studentenaustausch zwischen Amman, Athen, Quito und Rom zwischen 1996 und 2010 zu beleben – um nur ein Beispiel für solche soziologisch eher unwahrscheinlichen Netzwerke zu nennen.
Der Radius seiner eigenen Forschung war trotz aller dieser organisatorischen Aktivitäten extrem weit gespannt. Was die Geschichte der Soziologie anbetrifft, so ist Mongardini vor allem mit Studien zu Hippolyte Taine, Georg Simmel und Vilfredo Pareto hervorgetreten. Er war es, der mit einer gelungenen Textsammlung den italienischen Klassiker Pareto der deutschen Soziologie nahegebracht hat. Seine „Ausgewählten Schriften“ sind so einschlägig, dass sie 2007 in zweiter Auflage erneut aufgelegt wurden. Mongardini war aber auch ein begeisterter Kultursoziologe, der u.a. Studien zur Ideologie (1969, 1978), zum Konsensus (1980), zum Spiel (1989), zur Postmoderne (1993) und zur Massenkommunikation (1993) vorgelegt hat. Seine Überlegungen zu Magie und Moderne (1983) mündeten in einen deutschen Band mit Arnold Zingerle (1987) gleichen Titels. Sein Forschungsprogramm, das sich auf seiner doppelten Verankerung in den Disziplinen Soziologie und Politikwissenschaft stützen konnte, drehte sich zum einen um das Verhältnis von Wirtschaft und Politik, zum anderen um die Beziehungen zwischen Politik und Kultur. „Economia come ideologia“ (1997), „Le dimensioni sociali della paura“ (2004), „Capitalismo e politica nella era di globalizzazione“ und „La società del nuovo capitalismo“ (beide 2007) umschreiben den ersten Schwerpunkt, „Il futuro della politica“ (1990), „Forme e formule della rappresentanza politica“ (1994), „La società politica“ (2001), „Ripensare la democrazia“ (2002) und „Pensare la politica“ (2011) betreffen den zweiten.
Was Carlo Mongardini indes weit über die Grenzen Italiens hinaus bekannt machen sollte, war seine Erfindung und Organisation des Amalfi-Preises im Rahmen der italienischen Gesellschaft für Soziologie und der Fakultät für Soziologie und Politikwissenschaft der Sapienza. Was für Literatur und Ökonomie der Nobel-Preis ist, das sollte der „Premio Europeo Amalfi per la Sociologia e le Scienze Sociali“ für die Soziologie werden. Zwischen 1987, dem ersten Treffen zum Werk von Robert K. Merton, und 2010, dem letzten Treffen, wurde nahezu jedes Jahr das beste sozialwissenschaftliche Buch in Europa ausgezeichnet. In der Selbstbeschreibung des Preises wird das Selbstverständnis dieses Instituts deutlich: „Die Intention des Preises zielt darauf ab, den wissenschaftlichen und humanistischen Charakter der Soziologie zu steigern, an die klassische und europäische Tradition der Disziplin zu erinnern und eine fruchtbarere Debatte, einen größeren Kontaktradius und einen intensiveren Austausch von Ideen zwischen europäischen Wissenschaftlern der Sozialwissenschaften zu ermöglichen.“ (Übersetzung H.-P. M.) Der malerische Küstenort Amalfi wurde als Veranstaltungsort gewählt, weil in der ersten Seerepublik die Ursprünge des modernen Europas im 10. und 11. Jahrhundert liegen, die in ihrem Handel, einer der ersten Münzen, dem Tari, dem wissenschaftlichen und humanistischen Geist der medizinischen Schule von Salerno wie auch den Wurzeln einer ersten Universitätsgemeinschaft zum Ausdruck kamen. Die Liste der Preisträger liest sich wie das „Who is who?“ der europäischen und nordamerikanischen Soziologie dieser Jahre: Norbert Elias (1987), Serge Moscovici (1988), Zygmunt Bauman (1989), Rainer Lepsius und Wolfgang Mommsen (1990), Louis Dumont (1991), Charles Tilly (1994), Raymond Boudon und François Furet (1995), Niklas Luhmann (1997), Alain Touraine und Richard Sennett (1998), Shmuel N. Eisenstadt (2000), John B. Thompson (2001), Suzanne Keller (2004), Sergio Fabbrini (2005), Pierre Rosanvallon (2007) und Juan Linz (2009).
Die Preisverleihung war freilich nur der Höhepunkt einer wissenschaftlichen Tagung zu relevanten Themen dieser Zeit, dessen Referate ein Jahr später als Sammelband von Carlo Mongardini herausgegeben wurden. In achtzehn Bänden, die von „Moderno e Postmoderno“ (1989) bis zu „Crisi o decadenza della cultura occidentale?“ (2011) reichen, kann man die Erträge dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzungen auch heute noch nachlesen.
Wer wie ich als Mitglied des Preiskomittees die alljährlichen Anstrengungen zur Finanzierung und Organisation dieser Treffen miterlebt hat, konnte sich nur wundern, wie Carlo Mongardini und sein Team von verschworenen Mitstreitern es geschafft haben, über einen so langen Zeitraum diese wichtige Preisverleihung fast jedes Jahr möglich zu machen. Denn jedes Jahr mussten erneut Anträge bei den Stiftungen, bei der Universität und beim italienischen Staat gestellt werden, um das nötige Budget für diese kostspieligen Tagungen in dem idyllischen Hotel „Capuccini Convento“ einzuwerben, einem ehemaligen Kloster aus dem 13. Jahrhundert hoch oben terassenförmig in den Berg gebaut und mit einem unbeschreiblichen Blick auf das Meer der amalfitanischen Küste. Jedes Jahr konnte das letzte sein – und mirakulöserweise ging es dann doch immer irgendwie weiter bis zu Mongardinis Emeritierung. Es ist leider nicht gelungen, diese eminent wichtige Invention und Innovation eines europäischen Preises für die Soziologie zu einer Institution zu machen. Und doch stellt der Amalfi-Preis die Krönung des Lebenswerkes von Carlo Mongardini dar. Auch als Emeritus hat er nicht nur unermüdlich weiter gearbeitet und geforscht, sondern wohl auch an einer Fortsetzung des europäischen Preises in Frascati gebastelt. Sein Tod in Grottaferrata, nach einem langen erfüllten Leben mit 82 Jahren am 19. Juli 2021, hat diesen seinen letzten großen Plan vereitelt.
Die italienische wie auch die europäische Soziologie verliert mit Carlo Mongardini einen ihrer vorzüglichsten, weitherzigen und hervorragenden Vertreter ihres Faches. Seinem Andenken wäre am besten gedient, wenn die jüngere Generation in Europa die Idee eines europäischen Preises wiederbeleben und endlich zu einer Institution vergleichbar dem Nobel-Preis machen würde. Das wäre sicherlich ganz im Sinne von Carlo Mongardini.
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Metadaten
Titel
Nachruf auf Carlo Mongardini (1938–2021)
verfasst von
Hans-Peter Müller
Publikationsdatum
26.10.2021
Verlag
Springer Fachmedien Wiesbaden
Erschienen in
Berliner Journal für Soziologie / Ausgabe 3-4/2021
Print ISSN: 0863-1808
Elektronische ISSN: 1862-2593
DOI
https://doi.org/10.1007/s11609-021-00454-6

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