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Narrative der Deponie

Kulturwissenschaftliche Analysen beseitigter Materialitäten

  • 2020
  • Buch
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Über dieses Buch

Die Deponie ist eine paradoxe, risikobehaftete Einrichtung. Die moderne Gesellschaft erhofft sich durch sie, weggeworfene, unbrauchbare oder gefährliche Dinge, Stoffe oder Substanzen ein für alle Mal sich selbst überlassen zu können. Zugleich erfordern die entsprechenden Ablagerungsstellen erhebliche Aufmerksamkeit und technischen Aufwand. Auch wenn die Deponie ihre Legitimation aus der Annahme zieht, den auf ihr angesammelten Müll zu domestizieren, ist sie trotz aller Versicherungen und Vorkehrungen nämlich eines gerade nicht: abgeschlossen. Die Beiträge dieses Bandes nehmen diese Beobachtung zum Ausgangspunkt. Sie fragen nach den ökologisch problematischen und ästhetisch produktiven Implikationen der Anhäufung beseitigter Materialitäten und deren Verknüpfungen mit literarisch-kulturellen Diskursen. In exemplarischen Probebohrungen eröffnen sie Perspektiven einer literatur-, medien- und kulturwissenschaftlichen Untersuchung der Deponie. Zwei bisher eher getrennt voneinander operierende akademische Wissensbereiche werden dazu zusammengebracht: Studien auf dem Gebiet des Ecocriticism mit solchen der kulturwissenschaftlichen Analyse von Praktiken und Poetiken des Sammelns und Archivierens. Die Deponie wird so sichtbar als ein dynamisch-agentielles Konglomerat aus sozialen Praktiken, Diskursen und Materialitäten, mit denen Narrative u.a. aus Literatur, Fotografie, Film und Computerspielen verwoben sind.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Diskurse und Materialitäten der Deponie

    Zur Einführung David-Christopher Assmann
    Zusammenfassung
    Der Begriff der Deponie bezeichnet die gleichfalls „älteste und ‚natürlichste‘“ wie „einfachste und billigste Form der Beseitigung“. Schon für die Prähistorie nachgewiesen, gewinnt die großflächige Ablagerung von Abfällen in Europa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts an diskursiver Bedeutung und wird in hygienischen, verwaltungstechnischen und kommunalpolitischen Kontexten zunehmend intensiv erörtert.
  3. Raum und Gedächtnis der Deponie

    1. Frontmatter

    2. Virtuelles Deponieren

      Orte der Müllentsorgung in digitalen Spielen Markus Engelns
      Zusammenfassung
      Insbesondere Mülldeponien sind für digitale Spiele regelrecht unmögliche Orte und das sogar gleich auf mehreren Ebenen: Grafisch gesehen ist es für 3D-Technologien äußerst schwierig, unzählige Objekte mit unterschiedlicher Beschaffenheit in diversen kaputten Formen und verschiedenen Aggregatszuständen auf komprimiertem Raum zu simulieren. Die meisten Grafiktechnologien basieren auf Polygonen, also Drahtgittermodellen aus kleinen zusammengesetzten Dreiecken, die, je mehr Polygone für ein Objekt verwendet werden, auch runde und gebogene Strukturen darstellen können. Jedes verwendete Polygon kostet dabei aber Rechenkraft.
    3. Sporen, Spuren, Müllhalde

      Zur Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit in Marcel Beyers Roman Spione Lorella Bosco
      Zusammenfassung
      Marcel Beyers Roman Spione (2000) kreist – wie der Titel bereits andeutet – um sinnliche Wahrnehmung und um Medien. Das Titelwort bezeichnet nicht nur Geheimdienstagenten, sondern auch Sehdispositive wie die Gucklöcher in Wohnungstüren. Diese Motive werden im Text immer wieder aufgegriffen, um die erzählte Geschichte und Geschichten zu perspektivieren bzw.
    4. Bituminöse Bilder

      Zur materiellen Semiotik von Industriegewässern und ihrem bildästhetischen Darstellungsversuch Florian Auerochs
      Zusammenfassung
      Die Müllverbrennungsanlage und die Mülldeponie – dem französischen Anthropologen Cyrille Harpet zufolge verweisen die beiden Archetypen industrieller Müllbeseitigung über ihre ökonomisch-ökologische Komponente in der materiellen Realität hinaus auf ein für die Psychohygiene des kollektiven Imaginären existenzielles Moment: nämlich auf die Dualität von Erlösung und Verdammnis, kathartisches Durcharbeiten und kontaminierendes Verdrängen, eingefangen in der Dichotomie des sublimierten, ‚erhabenen Mülls‘, déchet sublimé, und des nicht zu genüge bewältigten, ‚gefallenen Mülls‘, eines déchet déchu. Während die Müllverbrennungsanlage kathartische Reinigung verspricht, stellt die Deponie den Ort einer langsamen, langwierigen Arbeit dar und es gäbe, so Harpet, „tout lieu de croire qu’elle incline à ‚ressasser‘ nos viles actions, nos actes manqués et nos ‚trous‘ de mémoire par cette longue ‚macération‘ des ordures“.
    5. Müll und Kontingenz

      Die Deponie als locus terribilis und poetischer Fundort Lis Hansen
      Zusammenfassung
      Diese Einschätzung von Monika Gora und Gunilla Bandolin zur gesellschaftlichen Bedeutung von Mülldeponien zeigt wesentliche Punkte auf, die ebenfalls für literarische Darstellungen von Deponien charakteristisch sind. Mit der Inszenierung von Deponien wird das Prinzip ‚Aus den Augen aus dem Sinn‘, welches eng mit der kulturellen Praktik des Wegwerfens verbunden ist, konterkariert. Die aussortierten und weggeworfenen Dinge, die doch eigentlich im imaginären Raum des ‚Weg‘ verschwinden sollten, werden wieder ins Blickfeld gerückt.
  4. Herausforderungen des Anthropozäns

    1. Frontmatter

    2. Lokalisierung, Simplifizierung, Fokussierung von Praktiken

      Mülldeponien in Dokumentarfilmen von Candida Brady, Fatih Akin und Lucy Walker Benjamin Bühler
      Zusammenfassung
      Der Dokumentarfilm scheint ein besonders geeignetes Genre für die Darstellung ökologischer Probleme und damit auch der Müllproblematik zu sein. Schließlich zeigen die Bilder in aller (vermeintlichen) Evidenz das, was tatsächlich ist und was in der realen Welt geschieht. Allerdings setzen auch Dokumentarfilme rhetorische, narrative, visuelle und technische Strategien ein, um ihr Material zu formen und zu organisieren, wie der Filmtheoretiker Bill Nichols schreibt.
    3. Zeichen des Anthropozäns auf den Gehwegen Turins

      Überlegungen zu Abfall und Widerstand Serenella Iovino
      Zusamenfassung
      Vor etwas mehr als zehn Jahren hat ein Notfall die Grenzen Italiens überschritten und der Welt ein äußerst unangenehmes Bild gezeigt: die Müllkrise in Neapel. Im Juni 2008 ist die Stadt von 400.000 Tonnen Müll heimgesucht worden. Berge entsorgter Dinge, die sich in den Straßen stapeln, Haufen verbrannten Abfalls, ausgedehnte Deponien und eine Vielzahl gesundheitlicher und politischer Probleme waren die Bilder, die aus Süditalien um die Welt gingen.
    4. Geschändete Natur, verdorbene Menschheit

      Der italienische Eco-Thriller zwischen fiktionalem Krimi und umweltpolitischem Engagement Elena Agazzi
      Zusammenfassung
      Dieser Beitrag hat nicht nur das Ziel, über den italienischen Eco-Thriller der Nuller- und Zehnerjahre nach der Jahrtausendwende zu informieren. Er will auch die Initiativen der Erkundung und Bekämpfung von Umweltzerstörungen in den Blick nehmen, die sich einer Art Tauziehen zwischen dem Schutz des nationalen Territoriums und der Ausübung krimineller mafiöser Machenschaften in Italien ausgesetzt sehen.
  5. Praktiken des Archivierens und Recycelns

    1. Frontmatter

    2. Ablagekulturen

      Interdependenzen zwischen Archiv und Deponie Magnus Wieland
      Zusammenfassung
      Die Wochenendbeilage der Neuen Zürcher Zeitung zum Thema „Abfall“ aus dem Jahr 2009 richtete die Aufmerksamkeit neben dem täglichen Müll auch auf jene ‚Stoffe‘, „die unauffällig verschwinden oder sogar in Archiven wieder veredelt werden“ (Meyer 2009, S. B1). Damit wurde ein Zusammenhang zwischen Abfall und Archiv hergestellt, der – wie Roman Bucheli bemerkt – „sichtlich indezent“ ist und von den Vertretern der Zunft auch vehement zurückgewiesen wird.
    3. „Keeping is not safe“

      Zur kulturellen Bedeutung von Saatenbanken am Beispiel von Ruth Ozekis All Over Creation und Margaret Atwoods The Year of the Flood Christa Grewe-Volpp
      Zusammenfassung
      In Anwesenheit des norwegischen Staatspräsidenten sowie internationaler Repräsentanten und Pressevertreter wurde im Februar 2008 im Norden Norwegens, auf der Insel Spitzbergen, der Svalbard Global Seed Vault eröffnet, die größte von 1400 Saatenbanken weltweit. 130 m über dem Meeresspiegel und tief im Permafrost gelegen, sollen die dort gespeicherten Saaten bei einer konstanten Temperatur von -18 Grad Celsius vor natürlichen wie gesellschaftlichen Katastrophen geschützt sein, vor den Folgen der globalen Erderwärmung, vor nuklearem Fallout, vor einer nicht aufhaltbaren Ausbreitung von Schädlingen und Krankheitserregern. 2016 lagerten dort 5103 Pflanzenarten und 865.000 Samenproben, 2018 waren es bereits eine Million Samenproben, und zwar allesamt Duplikate von Saaten, die in den Herkunftsländern ebenfalls gelagert werden müssen.
    4. Kafkas Verwandlungen

      Praktiken intertextuellen Recyclings bei Achmat Dangor, Rawi Hage und Igoni Barrett Carmen Concilio
      Zusammenfassung
      Dieser Beitrag ist als Antwort auf jene Fragen gedacht, die das Konzept dieses Sammelbandes aufwirft. Der Titel „Narrative der Deponie“ bezieht sich auf die Materialität weggeworfener Dinge: wie sie gesammelt und verwendet, wiederverwendet und entsorgt werden. Im Folgenden lasse ich die materielle Dimension etwas beiseite, um mich auf solche Narrative zu konzentrieren, in denen ein Individuum mit Abfall gleichgesetzt wird.
    5. „Abfälle in das eigene Bewusstsein zurücknehmen“

      Entsorgen und Recyceln bei Franz Kafka und Yoko Tawada Silvia Ulrich
      Zusammenfassung
      Reflexionen über Abfall finden sich immer wieder in Kafkas Werk, das der Autor selbst als literarische Deponie inszeniert. ‚Deponie‘ deshalb, weil er seinen Freund Max Brod um die Vernichtung seiner unveröffentlichten Schriften bat, um zu vermeiden, dass sie als Nachlass auf einer ‚Archiv-Deponie‘ landen; ‚inszeniert‘ deshalb, weil er seine Schriften nicht wirklich verbrennen wollte, denn die Wahrheit lag im Gegenteil von dem, was er sagte. Kafka war bewusst, dass seine Fragmente unzeitgemäß waren und seinen Zeitgenossen (z. B. seinem Vater) als Müll galten. Für die Nachwelt könnten sie aber von größtem Wert sein.
  6. Texte der Deponie

    1. Frontmatter

    2. Zwischen Depot und Deponie – der Text am Rande von Texten

      Schleiermachers Marginalien zur Glaubenslehre Sarah Schmidt
      Zusammenfassung
      In meinem Beitrag möchte ich mich den kulturellen Techniken des Umgangs mit Abfall und den Narrativen des Depots vonseiten der Textpraxis aus nähern, das heißt Schreib- und Lesepraktiken in den Blick nehmen. Schreib- und Lesepraktiken als Formen des Sammelns sind in den Philologien in den letzten Jahrzehnten vielfach zum Thema gemacht worden und haben eingängige Untersuchungen gefunden – als grundsätzlicher Funktionsmodus des Lesens im Sinne des legere, als kulturelle Praxis des Anstreichens, Exzerpieren und Zitierens oder bezogen auf spezifische Sammelmedien wie den Schreibkalender, Alben, den Zettelkasten und das Notizheft.
    3. Textdeponien im populären Sachbuch: Rathje/Murphy, Viale, Grassmuck/Unverzagt

      David-Christopher Assmann
      Zusammenfassung
      Wenn das, was auf Deponien landet, nicht auf intrinsischen Eigenschaften des Weggeworfenen beruht, sondern auf beobachterabhängigen Zuschreibungen, hat das nicht nur Folgen für den alltäglichen Umgang mit vermeintlich gänzlich Unbrauchbarem, tatsächlich aber Wiederverwertbarem. Nicht nur Fragen und Möglichkeiten eines ökologisch vertretbaren oder gar wünschenswerten Recyclings stellen sich dann ein. In den Blick kommen auch die je spezifischen Konstruktionsmodi, die Darstellungsverfahren, jener wissenschaftlichen Projekte, die sich auf die Deponie begeben, um das Beseitigte zu analysieren, und ihre Ergebnisse in Texten präsentieren.
    4. Ironie als Mittel der Wiederverwertung einer abgenutzten Sprache

      Am Beispiel von Thomas Manns Roman Buddenbrooks Cesare Giacobazzi
      Zusammenfassung
      Die Badenden von Pablo Picasso – ein zentrales Werk aus seiner Spätzeit – habe ich zum ersten Mal Anfang der 1980er Jahre in einer Ausstellung in Venedig gesehen. Meine erste Reaktion vor diesen Skulpturen war: Lachen. An sich gab es nichts zu lachen. Ich war eher enttäuscht. Trotzdem hat meine Desorientierung nur im Lachen einen Ausdruck gefunden. Von meinen Organen des Verstehens und des Empfindens kam mir keines zu Hilfe.
Titel
Narrative der Deponie
Herausgegeben von
Dr. David-Christopher Assmann
Copyright-Jahr
2020
Electronic ISBN
978-3-658-27880-9
Print ISBN
978-3-658-27879-3
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-27880-9

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