Grünlandschmetterlinge als Seismograf der Agrarlandschaft
- 07.04.2026
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Die EU will den Artenschwund stoppen. Die Biodiversität in Deutschlands Agrarlandschaften wäre dafür ein zentraler Hebel. Ein neuer Index zeigt jedoch: Nach leichten Gewinnen folgt ein deutlicher Rückgang – besonders spezialisierte Arten geraten unter Druck.
Der kleine Feuerfalter ist eine der Arten, für die der Index der Grünlandschmetterlinge einen positiven Trend ausweist.
Werner Messerschmid
Die 2024 in Kraft getretene EU Nature Restoration Regulation verfolgt das Ziel, den Verlust an Artenvielfalt zu stoppen und die ökologischen Leistungen von Ökosystemen zu stärken. Ein wichtiger Fokus liegt auf landwirtschaftlich genutzten Flächen.
Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) haben gemeinsam mit dem Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut (SDEI) erstmals den "Index der Grünlandschmetterlinge" für Deutschland berechnet. Er zählt zu den zentralen Indikatoren der EU-Verordnung zur Bewertung der Biodiversität in Agrarlandschaften. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin Nature Conservation veröffentlicht und zeigen vor allem in den letzten Jahren einen negativen Trend. Grundlage sind rund vier Millionen Beobachtungsdaten aus dem Tagfalter-Monitoring Deutschland.
Landwirtschaft als Hauptfaktor
Agrarlandschaften zählen weltweit zu den am stärksten veränderten Lebensräumen. Ihre ökologische Aufwertung gilt daher als entscheidend, um den globalen Biodiversitätsverlust zu begrenzen und Ökosystemleistungen langfristig zu sichern.
"Die im Jahr 2024 in Kraft getretene Verordnung zur Wiederherstellung der Natur ist ein wesentliches Instrument, um die für die Europäische Union formulierten Wiederherstellungsziele zu erreichen", sagt Prof. Josef Settele, Agrarökologe am UFZ. Artikel 11 der EU-Verordnung verpflichtet die Mitgliedstaaten, die biologische Vielfalt in landwirtschaftlichen Ökosystemen zu verbessern und entsprechende nationale Wiederherstellungspläne zu entwickeln.
Zur Erfolgskontrolle dienen drei Indikatoren: der Index der Grünlandschmetterlinge, der Vorrat an organischem Kohlenstoff in Ackerböden sowie der Anteil landwirtschaftlicher Flächen mit vielfältigen Landschaftselementen. Für mindestens zwei dieser Indikatoren fordert die EU bis 2030 einen Aufwärtstrend.
Die Datengrundlage für den Schmetterlingsindex liefert das Tagfalter-Monitoring Deutschland, ein Langzeitprogramm des UFZ und der Gesellschaft für Schmetterlingsschutz. Ehrenamtliche erfassen dabei im Sommer wöchentlich standardisiert Schmetterlinge an festen Standorten. So kamen nach Angaben der Autoren seit dem Start im Jahr 2005 circa vier Millionen Datensätze zusammen, die Aufschluss über die Entwicklung der Tagfalterbestände in Deutschland geben.
Spezialisierte Arten im Rückgang
Der Index bildet die Bestandsentwicklung von 15 typischen Grünlandarten zwischen 2006 und 2023 ab. Vier Arten haben zugenommen, fünf Arten weisen einen abnehmenden Trend auf. Für sechs Arten ist der Trend unsicher, was nach Meinung der Autoren wahrscheinlich auf zu wenige Daten und große Unterschiede zwischen den Fundorten zurückzuführen ist.
Im ersten Jahrzehnt (2006-2016) zeigt der Index insgesamt noch einen leicht positiven Trend. Seit 2016 ist jedoch ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Besonders betroffen sind spezialisierte Arten wie der Zwergbläuling (Cupido minimus) oder der Dunkle Dickkopffalter (Erynnis tages). Generalisten wie der Kleine Feuerfalter (Lycaena phlaeas) oder das Große Ochsenauge (Maniola jurtina) bleiben dagegen vergleichsweise stabil.
Der Trend in Deutschland entspricht der Entwicklung auf europäischer Ebene, die Butterfly Conservation Europe zuletzt 2025 für alle 27 EU-Mitgliedstaaten festgestellt hat.
Indikatoren für den Zustand von Ökosystemen
Tagfalter reagieren empfindlich auf Veränderungen ihrer Umwelt und gelten daher als besonders geeignete Bioindikatoren. "Der Verlust und die Fragmentierung von Lebensräumen haben einen nachweislich negativen Effekt auf das langfristige Überleben von Tagfalter-Populationen. Intensive Mahd, Stickstoffeinträge und Pestizide tragen zu einer Verschlechterung der Lebensraumqualität oder einer erhöhten Mortalität bei. Arten, die auf spezielle Lebensräume des Offenlandes, etwa auf Magerrasen, angewiesen sind, leiden zudem unter ausbleibender Nutzung, zum Beispiel durch Beweidung oder Mahd", erklärt Prof. Thomas Schmitt vom SDEI.
Zugleich verändert der Klimawandel die Artenzusammensetzung: Wärmeliebende Arten breiten sich aus, während an kühlere Bedingungen angepasste Arten zurückgehen.
Gerade diese enge Abhängigkeit von Landnutzung und Klima macht Tagfalter zu verlässlichen Gradmessern für den Zustand von Ökosystemen. Ihre vergleichsweise gute Erfassbarkeit – auch durch geschulte Ehrenamtliche – ermöglicht zudem eine langfristige und belastbare Datenbasis. Auch Daten aus Nachbarländern könnten die Repräsentativität verbessern, so die Autoren.
Die Studie wurde vom UFZ und der Gesellschaft für Schmetterlingsschutz sowie im Rahmen des Projekts FAMos durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundes gefördert.