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01.08.2013 | Naturwissenschaftlich-technische Anwendungen | Im Fokus | Onlineartikel

Autositze, die mit dem Smartphone sprechen

Autor:
Christiane Brünglinghaus

Der Sitz ist ein bedeutender Wohlfühlfaktor in einem Auto. Mit intelligenter Elektronik wird der Sitz zu einer multi-funktionalen Ausstattungskomponente. Funktionen wie die elektrische Sitzverstellung oder Sitzheizung sind bereits seit längerem in Fahrzeugen zu finden. Erste Massage-Funktionen werden bereits in der Mittelklasse angeboten. In Fahrzeugen der Oberklasse sollen sich Autositze nun auch per Smartphone einstellen lassen.

Täglich fahren 67 Prozent der Arbeitnehmer mit dem Auto zur Arbeit. Sie fahren durchschnittlich 17 Kilometer und sitzen geschätzte 45 Minuten in einem Autositz. Vielfahrer verbringen noch mehr Zeit in ihrem Fahrzeug. Hinzugerecht werden müssen auch die Zeiten für die täglichen Besorgungen oder die Fahrt in den Urlaub. Daher wird der Entwicklung von Autositzen große Bedeutung geschenkt: Sitzkomfort und Ergonomie spielen bei der Konstruktion eine entscheidende Rolle. Ebenso der Aspekt der Sicherheit. Beispielsweise lässt sich ein Elektrokardiogramm-Messsystem in den Autositz integrieren, um die Herzaktivität des Fahrers zu überpüfen. Verschlechtert sich der Gesundheistzustand des Fahrers, wird das vom System erkannt. Dann können geeignete Maßnahmen eingeleitet werden, um verkehrsgefährdende Situationen frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Mit einem Gewicht von bis zu 36 Kilogramm weisen Autositze zudem ein signifikantes Gewicht auf. In den Sitzen steckt also auch erhebliches Potenzial zur Gewichts- und damit zur Verbrauchsreduzierung.

Schon längst werden bei Sitzen nicht nur die Neigung der Lehne und der Abstand nach vorne eingestellt. Moderne Sitzsysteme bieten bis zu zehn verschiedene Verstellachsen in Lehne, Sitzkissen und Kopfstützen – von der Länge der Beinauflage über die Höhe der Schulterpolster bis hin zur Weite der Lendenstütze, erläutert der Automobilzulieferer Continental. Dafür sind in den Sitzen teilweise elf Elektromotoren integriert.

Massage im Auto

Um den Komfort weiter zu steigern, werden pneumatische Systeme, mit denen einzelne Körperpartien besonders abgestützt oder entlastet werden, eingesetzt. Basierend auf zum Teil mehr als einem Dutzend speziellen Luftkissen unter Polstern und Bezügen gibt es neben den statischen Systemen, die manuell vom Insassen eingestellt werden, auch dynamische Lösungen, erläutert Continental. Diese können die Sitzkontur schnell verändern und die Unterstützung oder den Seitenhalt beispielsweise bei schneller Kurvenfahrt dem Straßenverlauf anpassen. Dazu werden neben Luftkissen und -leitungen auch leise Kompressoren verbaut. Schnell schaltende Ventile und eine zentrale Steuerung vervollständigen das pneumatische Sitzsystem. "Weil dieses Technologiefeld zunehmend an Bedeutung gewinnt und mittlerweile erste Massagefunktionen bereits in der Mittelklasse angeboten werden, bauen wir mit großen Schritten das Know-how aus und bündeln immer mehr Produkte und Funktionen rund um die Pneumatik im Sitz" erläutert Andreas Wolf die Strategie hinter den Aktivitäten bei Continental.

Lesen Sie mehr über Sitzklima und vernetzte Autositze auf Seite 2.

Gutes Klima im Sitz

In einem modernen Fahrzeugsitz findet sich auch immer mehr Technik für Heizung, Lüftung und Klimatisierung. Dabei muss die Steuerung die Komponenten auch bedarfsgerecht schalten können. So lässt sich die Temperatur von Sitzfläche und -lehne auch getrennt und in mehreren Stufen regulieren. In der Luxusklasse gibt es zum Beispiel bis zu vier separate Zonen, in denen sich die Temperatur der Sitze auf das individuelle Bedürfnis der Insassen einstellen lässt, gibt Continental an. Die aktive Sitzbelüftung für Fahrer und Beifahrer soll bei Hitze im Sommer für ein angenehmes Klima sorgen. Kleine Ventilatoren in den Sitzkissen saugen die Luft unter den Sitzen an und geben kühlere Luft gleichmäßig über die ganze Sitzoberfläche verteilt ab. In Cabrios kann eine Kopfraumheizung für Klimakomfort sorgen, die das Offenfahren auch bei niedrigen Außentemperaturen komfortabel machen soll. Ähnlich wie bei der aktiven Sitzkühlung saugen Lüfter an den Rückseiten der Kopfstützen Luft an. Diese wird erhitzt, strömt aus Belüftungsdüsen vorne im Sitz wieder hinaus und wärmt dabei wie ein unsichtbarer Schal den Hals- und Schulterbereich der Frontpassagiere.

Ein gutes Klima im Sitz herrscht dann vor, wenn die Feuchtigkeit aus der Transpiration des Passagiers ungehindert abgeführt wird. Die heute überwiegend verwendeten Sitzwerkstoffe verhindern aber den Stoffaustausch. Daher hat zum Beispiel die luxemburgische SeatComfort Sàrl ein druckfestes Produkt entwickelt, das es ermöglicht, unter dem Bezug durch die entstehende Thermik ein gesundes Sitzklima herzustellen.

Der vernetzte Autositz

Durch die leistungsstarke Elektronik im Sitz können heute bereits viele Komfortfunktionen umgesetzt werden. Welche Möglichkeiten, den Sitzkomfort in Zukunft zu erhöhen, gibt es noch? Continental arbeitet beispielsweise an der Anbindung der Sitzsysteme an das Smartphone, um Sitzfunktionen noch individueller einstellen zu lassen. Ein Demonstrator dieser Technik soll auf der IAA im September zu sehen sein. Hier soll der Fahrer für seine ganz individuellen Wünsche ein ganz eigenes Wohlfühlprogramm am heimischen Rechner oder Tablet-PC zusammenstellen können: von Sitzheizung über Gebläsefunktionen bis hin zur individuellen Abstimmung der bevorzugten Massage.

Bereits vor zwei Jahren hat Faurecia ein System zur Erstellung individueller Sitzprofile präsentiert, das sogenannte Smart-Fit-System für die Ober- beziehungsweise Luxusklasse. Dabei wird via Smartphone die optimale Sitzposition des Fahrers ermittelt und anschließend entsprechend eingestellt. Der Autofahrer kann sich mithilfe einer App und des Smartphones von Kopf bis Fuß vermessen lassen. Er erstellt also ein digitales Modells seines Körpers. Dieses Modell wird mit antropomorphen Daten kombiniert, um daraus die perfekte Sitzposition zu errechnen. Anschließend werden diese Daten vom Smartphone direkt auf den Sitz übertragen, der sich dementsprechend automatisch einstellt. In ein bis zwei Jahren soll es voraussichtlich in Fahrzeugmodellen zum Einsatz kommen.

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