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Über dieses Buch

Julian Wolf zeigt, wie sich im Zuge eines epochalen Strukturwandels im Krankenhaussektor die Vernetzung zwischen Geschäftsführern, Chefärzten, niedergelassenen Ärzten und Patienten neu ausgestaltet. In der empirischen Analyse legt er den Fokus auf das doing in Beziehungskonstellation, womit die subtile und ambivalente Netzwerkpraxis in den Blick kommt. Um dieses Unterfangen methodologisch zu fundieren, nimmt der Autor einen Brückenschlag zwischen der Netzwerktheorie Harrison Whites und der dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack vor. Der so entstandene praxissoziologische Netzwerkansatz ermöglicht es, die impliziten Dispositionen der Akteure bei der Analyse von Netzwerken grundlagentheoretisch mit einzubeziehen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Das Thema Netzwerke hat in den letzten dreißig Jahren eine steile Karriere hingelegt. Dies geht mit einer semantischen Verschiebung des Begriffs ab den 1980er-Jahren einher. Während in den 1960er-Jahren der Netzwerkbegriff negativ konnotiert war und seinen Fluchtpunkt in den Geheimbünden und Mafiaorganisationen hatte, wurde er unter Mitwirkung philosophischer bzw. sozialwissenschaftlicher Autoren und Managementratgebern umgedeutet (Boltanski/Chiapello 2013).

Julian Wolf

Theoretische und methodologische Ausführungen

Frontmatter

Kapitel 2. Von der Social Network Analysis zu Harrison Whites phänomenologischer Netzwerktheorie

Netzwerkanalytische Erklärungsansätze nehmen in der Regel eine Position zwischen individualistisch orientierten Perspektiven und holistischen Ansätzen ein, die soziales Handeln auf Grundlage höher aggregierter Kategorien erklären. Damit wird sowohl ein methodologischer Individualismus im Sinne von Rational-Choice-Ansätzen abgelehnt als auch ein „anti-kategorischer Imperativ“ (Emirbayer/Goodwin 1994: 1414) vertreten, der die einfache deduktive Ableitung von Strukturkategorien wie Klasse, Gruppe oder Organisation problematisiert. Die geteilte Grundannahme besteht in der Idee, dass das Handeln von Akteuren stark von den Beziehungsstrukturen beeinflusst ist, das heißt, dass die unabhängige Variable ‚Netzwerk‘ die abhängige Variable ‚Akteur‘ definiert und nicht umgekehrt.

Julian Wolf

Kapitel 3. Praxissoziologie und Netzwerke

In diesem Kapitel soll es darum gehen, in die praxissoziologische Perspektive einzuführen und Netzwerkansätze zu identifizieren und auszuführen, die einen praxeologischen Bezug aufweisen. Das Ziel des Kapitels besteht damit einerseits darin, einen Überblick über weitere netzwerktheoretische Theorieangebote zu geben, und andererseits steht die Frage im Mittelpunkt, ob die identifizierten praxeologischen Netzwerktheorien konsequent praxissoziologisch gewendet sind, also die zentralen Dimensionen der Materialität des Sozialen/Kulturellen und die implizite/informelle Logik des sozialen Lebens (Reckwitz 2003: 290ff.) einbauen.

Julian Wolf

Kapitel 4. Habituelle Dispositionen, Orientierungsrahmen und die Logik der Praxis: Bourdieus Habitustheorie und die dokumentarische Methode nach Bohnsack

Auch wenn die Habitustheorie Pierre Bourdieus und die dokumentarische Methode nach Ralf Bohnsack in Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Forschungsphänomenen entwickelt worden sind, können große Schnittmengen und Übereinstimmungen festgestellt werden (so auch: Bohnsack 2012, 2013). Beide Ansätze haben ihr Erkenntnisinteresse im modus operandi einer Praxis, die sich gegen eine theoretische Logik abgrenzt, die in scholastischen Sichtweisen, institutionellen Regeln oder expliziten Plänen ihren Ausdruck findet. Die im Mittelpunkt stehende Praxis wird als implizit ausgeflaggt, in der Erfahrung mit der Welt angeeignet und in verkörperten Dispositionen verortet.

Julian Wolf

Kapitel 5. Verknüpfung von dokumentarischer Methode und Whites Netzwerktheorie

In der Verknüpfung zwischen einem sinnrekonstruktiven Ansatz (der dokumentarischen Methode) und einer nach wie vor strukturalistisch orientierten Netzwerktheorie (White) wird es auch darum gehen, zwei paradigmatische Ansätze aufeinander zu beziehen, die theoretisch unterschiedlich konstruiert sind und ein je anderes Forschungsphänomen zum Gegenstand haben. Um nochmals die Differenzen und Entwicklungen anzusprechen, die den Kontext für die Integration eines praxissoziologischen und des strukturalistischen Paradigmas bilden: Während die dokumentarische Methode aus der qualitativ-sinnrekonstruktiven Untersuchung von Milieus hervorgegangen ist (Bohnsack 1989), setzt die Netzwerkforschung traditionell auf der strukturellen Ebene an und erforscht Netzwerke überwiegend auf Grundlage quantitativer Verfahren (Jansen 2006). In beiden Ansätzen haben sich in den letzten Jahren Verschiebungen ereignet.

Julian Wolf

Kapitel 6. Der metatheoretische Rahmen der empirischen Untersuchung

Theorie und Empirie verweisen in einem rekonstruktiven Forschungsverständnis immer schon zirkulär bzw. reflexiv aufeinander (Bohnsack 2003, 2010: 28ff.). Damit ist einerseits gemeint, dass „Beobachtungen immer schon selektiv im Lichte dieser Theorie wahr[genommen werden]“ (ebd.: 28), und andererseits, im Sinne des hermeneutischen Zirkels, das Ziel rekonstruktiver Forschung in der Generierung einer Gegenstandstheorie liegt, die nur durch den sensiblen Bezug auf empirische Daten gewonnen werden kann, in denen die Erforschten „ein Thema in deren eigener Sprache, in ihrem Symbolsystem und innerhalb ihres Relevanzrahmens entfalten [können]“. (ebd.: 20f.)

Julian Wolf

Empirische Untersuchung

Frontmatter

Kapitel 7. Empirische Untersuchung. Zur Netzwerkpraxis im Gesundheitssektor

Die bisherigen theoretischen und methodologischen Ausführungen zu Netzwerken sollen in diesem Teil der Arbeit an einem empirischen Beispiel Anwendung finden. Ziel des Vorhabens ist es, eine gegenstandstheoretische Theorie zu Netzwerkpraktiken zwischen Geschäftsführern, Chefärzten, niedergelassenen Ärzten und Patienten zu konzipieren. Der Gesundheitssektor eignet sich für eine solche Untersuchung deshalb sehr gut, da in den letzten Jahren massive Umbrüche stattfanden, die neue Ungewissheiten und Unsicherheiten erzeugten, die unter anderem netzwerkförmig bearbeitet werden.

Julian Wolf

Kapitel 8. Institutionelle Einbettung und struktureller Wandel im deutschen Krankenhaussektor

Institutionen erhöhen einerseits die Wahrscheinlichkeit der Realisierung bestimmter Beziehungskonstellationen durch formalisierte Regelungen und geben Rollenerwartungen normativ vor (Scott 2014). Beispielsweise ist die Arzt-Patienten-Interaktion hoch institutionalisiert und weist eine asymmetrische Struktur auf, in der der Arzt gemäß dem klassischen medizinischen Professionalismus die Rollenmerkmale universalistische Patientenorientierung, wissensbasierte Behandlungsautonomie und affektive Neutralität annimmt (Parsons 1964; Freidson 2001). Andererseits ermöglichen institutionelle Erwartungen, die in einem Spannungsverhältnis zueinanderstehen können, Gestaltungsfreiräume.

Julian Wolf

Kapitel 9. Fragestellung der empirischen Untersuchung

Die Fragestellung der qualitativ-sinnrekonstruktiven Untersuchung zu den Netzwerken zwischen Geschäftsführern, Chefärzten, niedergelassenen Ärzten und Patienten nimmt ihren Ausgangspunkt in der Analyse des voranstehenden Kapitels. Ein tiefgreifender Wandel durchzieht den Krankenhaussektor, in dem die Institutionalisierung von Marktmechanismen, Managementstrukturen und der reflexive Bezug auf Netzwerkmuster eine zunehmende Bedeutung einnehmen.

Julian Wolf

Kapitel 10. Sampling der empirischen Untersuchung und methodisches Vorgehen

Den Rahmen für die folgende Analyse, in der die Netzwerkbeziehungen zwischen Geschäftsführern, Chefärzten, niedergelassenen Ärzten und Patienten im Mittelpunkt stehen, bildet das von der DFG finanzierte Forschungsprojekt „Entscheidungsfindung im Krankenhausmanagement“, das im Zeitraum zwischen 2013 und 2016 durchgeführt wurde. Ziel der Studie war es, den Umgang des Krankenhausmanagements mit unterschiedlichen und teils widersprüchlichen Anforderungen und Erwartungen aus den Bereichen Wirtschaft, Politik, Recht, Medizin und Pflege zu beleuchten. Wie managen also, so die Fragestellung, Mitglieder des Krankenhausmanagements die erwähnten Logiken und können berufsbezogene Lagerungen und krankenhausbezogene Arrangements identifiziert werden? Als Mitglieder des Krankenhausmanagements wurden Geschäftsführer, ärztliche Direktoren, Pflegedirektoren und Chefärzte aus den Bereichen Innere Medizin und Chirurgie identifiziert.

Julian Wolf

Kapitel 11. Zur kommunikativen Konstruktion von Identitäten im Krankenhaussektor

Im Mittelpunkt der bisherigen Betrachtungen standen die strukturellen Verschiebungen in der Krankenhauslandschaft und die Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Geschäftsführern, Chefärzten, niedergelassenen Ärzten und Patienten. Es konnte aufgezeigt werden, dass im gegenwärtigen Krankenhaus infolge von Managerialisierungsprozessen die Geschäftsführer den Chefärzten die dominante Rolle streitig machen, infolge von Vermarktlichungsprozessen die Bedeutung von Netzwerken und damit die Kontrolle von niedergelassenen Ärzten für das Krankenhaus zunimmt und auch Patienten eine aktivere Rolle einnehmen könnten. Die strukturelle Dimension lässt sich allerdings, wie White (2008) beschreibt, nicht alleine durch die wissenschaftliche Herleitung von Strukturmustern und Institutionen verstehen, sondern die in Geschichten relationierten Identitäten sind jene narrativen Elemente, die auf den relationalen Sinn rückschließen lassen.

Julian Wolf

Kapitel 12. Die Praxis des Netzwerkens

In der bisherigen Arbeit wurde in einem ersten Schritt das institutionelle Gefüge des Krankenhaussektors in Deutschland herausgearbeitet und in einem zweiten Schritt die typisierten Beziehungsmuster und Identitätszuschreibungen der Geschäftsführer und Chefärzte auf Ebene des kommunikativen Wissens untersucht. Diese Wissensformen (institutionelles Gefüge, Identitätszuschreibungen) stellen allerdings nur die eine Seite der Medaille dar, die Netzwerke zwischen Geschäftsführern, Chefärzten, niedergelassenen Ärzten und Patienten konstituieren. Die andere Seite, die Logik der Praxis, also die Orientierungsrahmen resp.

Julian Wolf

Kapitel 13. Zusammenfassung der Arbeit und Diskussion der Ergebnisse

Mit der vorliegenden Arbeit wurden zwei Ziele verfolgt. Einerseits stand die Frage im Mittelpunkt, wie Netzwerktheorie und Praxissoziologie miteinander konzeptionell verbunden werden können. Oder anders ausgedrückt: Wie kann eine praxissoziologisch informierte Netzwerktheorie sowohl theoretisch als auch methodologisch ausgestaltet werden? Andererseits wurde der ausgearbeitete metatheoretische Rahmen an einem empirischen Beispiel angewendet und im Zuge dessen danach gefragt, welche neuartigen Beziehungskonstellationen, Dispositionen der Akteure und Netzwerkpraktiken in einem stark wandelnden Feld aufgedeckt werden können.

Julian Wolf

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