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Über dieses Buch

Im gegenwärtigen Zeitenlauf gewinnt eine Paradoxie rasant an Bedeutung: Einerseits wächst die Welt in unvorstellbarer Weise zusammen. Andererseits wird die Welt kleinteiliger, weil Kollektive ihre Eigenarten betonen und nach Eigenstaatlichkeit streben. So ist die Gegenwart zunehmend durch Infragestellung und Zerfall von (über)staatlichen Bindungen bestimmt, die Individuen und Gemeinwesen bislang zusammengehalten haben. Tendenzen der Absonderung und Trennung brechen sich Bahn. Der vorliegende Sammelband verbindet Beiträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen akademischen Disziplinen, um die Vielfalt von Sezessionsbestrebungen zu analysieren und die Dimensionen dieser Entwicklungen bewusst zu machen. Das Buch bietet somit eine interdisziplinäre Sichtweise auf eine der starken Prägekräfte des 21. Jahrhunderts.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung

Zusammenfassung
Gegen Ende des Ersten Weltkriegs, am 8. Januar 1918, hielt der damalige amerikanische Präsident Woodrow Wilson eine Rede vor beiden Häusern des US-Kongresses, in der er die Grundzüge einer Friedensordnung für die Zeit nach dem Ende des Kriegs vorstellte. Gegenstand der Rede war das sogenannte 14-Punkte-Programm. Herausragende Bedeutung gewannen zwei Vorschläge: Zum einen sollte mit der Gründung eines Völkerbundes („League of Nations“) eine Institution ins Leben gerufen werden, welche die politische Unabhängigkeit und die territoriale Unverletzbarkeit der kleinen wie der großen Staaten gewährleisten sollte, zum anderen sollte auf dem Parkett der internationalen Politik ein Prinzip Geltung finden, dessen Missachtung in der Vergangenheit schon oft zu diplomatischen Spannungen und kriegerischen Auseinandersetzungen geführt hatte: das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker (Schambeck 1993, S. 436–440). Bekanntlich bildet der 1920 gegründete und 1946 aufgelöste Völkerbund die Vorläuferorganisation der (im Jahr 1945 gegründeten) Vereinten Nationen, die gegenwärtig 193 Nationen unter ihrem Dach versammeln, und das Prinzip der Selbstbestimmung prägte das 20. und möglicherweise auch 21. Jahrhundert stärker als zahlreiche andere Grundsätze. Wilson verfolgte das Konzept einer neuen Weltordnung, welches an die Stelle der gerade im 19. Jahrhundert dominierenden Idee des „Mächtegleichgewichts“ die Selbstbestimmung der Völker rückte. Allen wie auch immer konstituierten Nationen müsse ein Staat gegeben werden, dessen zentrales Merkmal die Autonomie sei. Auf der Basis von Autonomie könnten die Völker ihrem Willen Ausdruck verleihen, ihre nationale Einheit und Unabhängigkeit erlangen und dadurch den Anreiz verlieren, eine aggressive und selbstsüchtige Politik zu betreiben. Das Ziel: „to make the world safe for democracy“, könne nur durch das Prinzip der Selbstbestimmung erreicht werden (Kissinger 2014, S. 289–304).
Harald Bergbauer, Gerald Mann

Aspekte und Dimensionen von Sezessionen

Frontmatter

2. Die politische Dimension von Sezessionen

Zusammenfassung
Die Theoriebildung der politikwissenschaftlichen Disziplin der „Internationalen Politik“ war nach dem Zweiten Weltkrieg stark von Integrationstheorien geprägt. Gegenstand integrationstheoretischer Ansätze ist es, die Lösung globaler Probleme wie der Bewahrung des Friedens oder der Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt in der Überwindung des Nationalstaates zu sehen, an dessen Stelle eine universale oder zumindest regionale Einheit treten soll. Das Gegenteil von politischer „Integration“, nämlich „Sezession“, scheint in der Theorie der internationalen Politik nur ein Randthema zu sein – „Sezession“ verstanden als die Loslösung einzelner Landesteile aus einem bestehenden Staat mit dem Ziel, einen neuen souveränen Staat zu bilden. Die folgenden Überlegungen zielen daher darauf ab, in antithetischer Auseinandersetzung mit Integrationstheorien theoretische Kategorien für das Phänomen der „Sezession“ zu finden.
Guido Pöllmann

3. Die völkerrechtliche Zulässigkeit von Sezessionen: Quadratur des juristischen Kreises?

Sezessionen im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmungsrecht und Wahrung territorialer Integrität
Zusammenfassung
Sezessionsbestrebungen gibt es seit der Existenz von Staaten. Daher bergen sie auch stets die Gefahr von Konflikten, die häufig in kriegerische Auseinandersetzungen münden. Auf der einen Seite steht der Wunsch eines Volks nach Unabhängigkeit in Form eines eigenen Staats, auf der anderen Seite der Wunsch des betroffenen Staats nach Beibehaltung des territorialen Status quo. Ob und unter welchen Voraussetzungen ein Volk ein Recht auf territoriale Abspaltung hat, ist im Völkerrecht hoch umstritten. Denn diese Frage berührt zwei völkerrechtliche Prinzipien, die scheinbar in einem Widerspruch stehen: das Selbstbestimmungsrecht der Völker und das Recht des Staats auf territoriale Integrität. Vorliegender Beitrag untersucht daher, ob und wie das Völkerrecht diesen Widerspruch aufzulösen vermag. Zu diesem Zweck werden die verschiedenen rechtsdogmatischen Lösungsansätze kritisch gewürdigt und dabei zugleich aufgezeigt, unter welchen Voraussetzungen ein Recht auf Sezession bestehen kann. Dabei wird deutlich, dass durch das Anerkennen eines Sezessionsrechts kein Zerfall der internationalen Staatengemeinschaft droht. Vielmehr ist das Anerkennen eines Sezessionsrechts die beste Prävention gegen Sezessionsbestrebungen.
Philip Haellmigk

4. Die ökonomische Dimension von Sezessionen

Zusammenfassung
Sezessionen können von Individuen und Kollektiven (z. B. Provinzen) angestrebt werden. Ökonomische Gründe sind dabei nicht die einzigen, aber gewichtige. Sofern ökonomische Gründe für Sezession vorliegen, könnten entsprechende Bestrebungen verhindert oder überwunden werden, wenn die ökonomischen Anreize für Sezession nicht gesetzt würden. Es zeigt sich, dass Sozialismus (breit verstanden) strukturell bedingt (nicht nur) ökonomische Anreize für Sezession schafft. Da auch nach dem Ende des Kalten Krieges sozialistisches Denken reale politische Gestaltungsmacht behalten hat, z. B. durch „Transfersozialismus“ innerhalb von und zwischen EU-Ländern, wird Streben nach Sezession erzeugt. Da ein allgemeiner Verzicht auf als zunehmend ungerecht empfundene Umverteilung seitens parlamentarischer Mehrheiten oder anderer Entscheidungsträger nicht zu erwarten ist, wird Sezession aus ökonomischer Motivation als Phänomen nicht verschwinden, sondern an Bedeutung gewinnen.
Gerald Mann

5. Die psychologische Dimension: Zum Einfluss kognitiver und sozialer Prozesse auf Sezessionstendenzen

Zusammenfassung
Jede gesellschaftliche Sezession gründet in psychologischen Prozessen. Bis heute hat die psychologische Forschung zahlreiche Phänomene (sowohl auf Gruppen- als auch auf individueller Ebene) ausgemacht, mit denen sich verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen erklären lassen – und in der Konsequenz potenziell verhindern ließen. Hierzu zählen u. a. das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung, begrenzte Vernunft sowie Gruppeneinflüsse. Zusätzlich zu diesen aus der Forschung bereits bekannten Phänomenen, von denen einige hier dargestellt werden, wird die These aufgestellt, dass auch Wohlstandsübermut Sezessionstendenzen fördert. Es bleibt festzuhalten, dass obgleich der Relevanz dieser Erkenntnisse das Wissen darum bislang zu wenig Einzug in die Zivilgesellschaft gefunden hat. Das hat zur Folge, dass der gesellschaftliche Nutzen oft ausbleibt. Ein Ansatz, um Sezessionstendenzen entgegenzuwirken, findet sich in der Psychoedukation, also der systematischen Vermittlung von psychologischem Wissen.
Eva Lermer, Peter Fischer

6. Die kulturelle Dimension von Sezession

Zusammenfassung
Weltweit gewinnen seit Ende des Kalten Kriegs sezessionistische Bewegungen zunehmend an Einfluss. Dabei wird der Ruf nach Selbstbestimmung häufig mit kulturellen Aspekten begründet. Der vorliegende Beitrag sensibilisiert mit dem Faktor Kultur für einen Aspekt, der ein ausgesprochen wirkmächtiges Werkzeug zur Identitätsbildung darstellt und deshalb seitens zahlreicher Sezessionsbewegungen sowohl auf impliziter als auch auf expliziter Ebene instrumentalisiert wird. In diesem Zusammenhang erfolgt einerseits eine konzeptionelle Auseinandersetzung mit dem erkenntnisleitenden Kulturbegriff, andererseits wird ein konziser Einblick in die Funktionalisierung und Essenzialisierung von Kultur im Spannungsfeld von Eigenem und Fremdem gewährt. Anhand ausgewählter Konfliktfelder – konkret Religion, Sprache und Historizität – aus unterschiedlichen Regionen wird deutlich, dass ein ganzheitliches Verständnis von Sezessionen dezidiert eine kulturelle Perspektive einfordert.
Nicolai Scherle

7. Die geografische Dimension von Sezession

Wie naturräumliche Gegebenheiten Sezessionsbestrebungen beeinflussen
Zusammenfassung
Sezessionsbestrebungen und deren Auswirkungen sind immer auch räumlicher Natur. Räumliche Gegebenheiten und räumliche Prozesse entfalten oft bereits im Vorfeld einer Sezession große Wirkung. Topografie, Klima und Böden als naturräumliche Ausstattung von Wirtschaftsräumen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Diese unterschiedlich ausgeprägten natürlichen Faktoren haben wesentlichen Einfluss auf die räumliche und historische Entwicklung von Kulturen, Zivilisationen und Wirtschaftsformen. Vor diesem Hintergrund kann man unterschiedliche geosphärische Einflussfaktoren voneinander abgrenzen, die Sezessionsbestrebungen begünstigen oder erschweren. Dieser Beitrag setzt sich das Ziel, in geraffter Form anhand der Beispiele Insellage, Halbinsellage, Kontinentallage, Gebirgslage sowie anhand der Beispiele Klima, Böden und Kulturraum geografische Gegebenheiten zu analysieren, die geeignet sind, Sezessionsbestrebungen zu fördern.
Franz Benker

Historische Erfahrungen mit (angestrebten) Sezessionen

Frontmatter

8. Das historische Paradebeispiel für Sezessionen: der US-Bürgerkrieg

Zusammenfassung
In den Vereinigten Staaten von Amerika tobte zwischen 1861 und 1865 ein grausamer Bürgerkrieg, der durch die Bildung der „Konföderierten Staaten von Amerika“ und deren Trennung vom ursprünglichen Bundesstaat ausgelöst wurde. Die Sonderentwicklung der Südstaaten mit ihrer „Peculiar Institution“ der Sklaverei stand im klaren Widerspruch zu den Grundwerten der USA; zunehmende Proteste in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschärften die Lage. Der zur Zeit des Bürgerkriegs amtierende Präsident Abraham Lincoln war mit der Frage konfrontiert, ob er den Erhalt der Union oder die Abschaffung der Sklaverei als vorrangiges politisches Ziel verfolgen solle. Unter großen Opfern gelang ihm sowohl die Abschaffung der Sklaverei als auch die Verhinderung der Sezession. Für die USA begann nach dem Bürgerkrieg ein neues Zeitalter mit ungeahnten Erfahrungen und Herausforderungen.
Harald Bergbauer

9. Die Auflösung der Tschechoslowakei

Zusammenfassung
Mit dem 1. Januar 1993 traten auf der Landkarte Europas zwei neue Staaten in Erscheinung: die Tschechische Republik und die Slowakische Republik. Gut drei Jahre, nachdem im Zuge der sogenannten „Samtenen Revolution“ aus der Bevölkerung beider Territorien heraus das kommunistische Regime gestürzt und die Demokratie erstritten worden war, lösten die inzwischen wirkenden politischen Akteure den seit 1918 mit gewissen Unterbrechungen in der Kriegszeit existierenden gemeinsamen Staat – die Tschechoslowakei – auf. Am Anfang des Prozesses in Richtung beiderseitiger Eigenständigkeit hatten Unstimmigkeiten über einen künftigen gemeinsamen Namen des Staates, der keinen Landesteil benachteiligt und Ebenbürtigkeit ausdrückt, gestanden. Nachdem man sich nicht auf eine zukunftsgerichtete föderale demokratische Ordnung einigen konnte, mündete die Entwicklung in der Entscheidung der Regierenden, den gemeinsamen Staat zu annullieren. Die Auflösung der Tschechoslowakei wird allgemein als Vorbild für eine friedliche Sezession gesehen.
Matthias Morgenstern

10. Motive für Unabhängigkeitsbewegungen in Katalonien – ein historisch-ökonomischer Diskurs

Zusammenfassung
Die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien (Spanien) wird sehr häufig mit ökonomischen Argumenten geführt. So ist eines der Hauptargumente der Befürworter häufig die wirtschaftliche Leistung der Region, der Länderfinanzausgleich oder auch die vielen starken und diversifizierten Unternehmen der Region. Um den Konflikt vollumfänglich zu betrachten ist es notwendig, die historische Dimension der Problematik in den aktuellen Diskurs mit aufzunehmen.
Hierfür ist es wichtig, bei dem in Spanien geführten Erbfolgekrieg anzusetzen, der vor ca. 300 Jahren geführt wurde und der bis heute die Debatte rund um eine Abspaltung Kataloniens von Spanien begleitet. Zudem spielt die jüngere Vergangenheit, insbesondere die Zeit vor den ersten Wahlen durch die Franco-Diktatur eine Rolle, genauso wie die Wiedereinführung der Monarchie in Spanien. Wird sowohl die ökonomische als auch historische Dimension des Themas gleichermaßen betrachtet, entsteht ein umfänglicher Eindruck, der die verschiedenen Motive der Unabhängigkeitsbewegung vereint.
Ann-Katrin Voit

Aktuelle Fallstudien zu Sezessionen von Ländern

Frontmatter

11. Die Auswirkung des Brexits auf die Wirtschaft in Großbritannien

Zusammenfassung
Dieser Beitrag stellt die wichtigsten Ereignisse in der Brexit-Debatte aus britischer Sicht dar. Die Zeit reicht von 1998 bis Ende 2019, als die Politik von Boris Johnson festgelegt wurde. Die Entwicklung der Remain- und Brexit-Kampagnen wurde bis zum Referendum 2016 ausgewertet. Theresa May konnte im Unterhaus nicht genügend Unterstützung gewinnen. Ökonomische Studien über die Auswirkungen verschiedener Brexit-Stile wurden für GB und die EU analysiert. Nach Mays Rücktritt wurde Boris Johnson am 24.07.2019 Premierminister, doch auch er konnte anfangs keine Mehrheit für seine Politik finden. Erst bei den Parlamentswahlen am 12.12.2019 wurde eine große Mehrheit für die neue Regierung erzielt. Dies verlieh Johnson eine starke Position. Das derzeitige Ziel der Regierung ist, Verhandlungen über eine neue Beziehung zu Brüssel zu führen und die EU am 31.12.2020 zu verlassen; wird keine Einigung erzielt, müsste GB aus der EU zu den Bedingungen der WTO mit einem „Hard Brexit“ ausscheiden.
Barry H. Massey

12. Scotland is now. Die Wirkungen medialen Campaignings bei Sezessionsbestrebungen

Zusammenfassung
Die Sanftheit der hügeligen Landschaft, die Schroffheit des Meeres, die raue Herzlichkeit der Kultur. Die bildgewaltige Kampagne #Scotland is now will emotional berühren, die Geschichte der europäischen Gemeinschaft erzählen und mittelbar zur Abgrenzung vom Brexit aufrufen. #Scotland is now ist damit nicht nur eine Kampagne mit dem Ziel, europäische Fördermöglichkeiten zu erhalten, Fachkräfte zu binden oder Studenten anzulocken. Sie ist auch ein exemplarisches Beispiel, das das reziproke Verhältnis von politischer Kommunikation und stimmungsmachender PR-Kampagne zeigt. Denn im Zeitalter digitaler Kommunikation und sozialer Netzwerke bedarf jedes politische Projekt einer medialen Kampagne und das hat weitreichende Folgen. So lässt sich bereits ex ante durch die Analyse von medialen Kampagnen das Aufkommen von Sezessionsbewegungen erkennen. Zum anderen sind Erfolg oder Misserfolg einer Sezessionsbewegung maßgeblich vom Erfolg des Campaigning abhängig. #Scotland is now kann deshalb als Analysebeispiel dienen, um Entstehungsursachen, Bestandteile sowie die beabsichtigte Wirkung von politischen Kampagnen zu illustrieren.
Jona van Laak

13. Kann Bayern es tatsächlich allein? Eine verfassungsrechtliche Untersuchung der bayerischen Sezession

Zusammenfassung
Eine mögliche Sezession Bayerns wird seit vielen Jahren politisch und juristisch diskutiert. In verfassungsrechtlicher Perspektive bringt sie zwei Fragen mit sich, die auf unterschiedlicher rechtlicher Ebene diskutiert und beantwortet werden müssen.
Erstens stellt sich die Frage, ob die Bayerische Verfassung eine mit einer Sezession umzusetzende Forderung nach einer Eigenstaatlichkeit Bayerns beinhaltet. Dies ist zu verneinen, weil Bayern ein Freistaat und gerade kein „Eigenstaat“ ist und aus Bayerns Freistaatlichkeit nicht die Notwendigkeit einer Sezession abzuleiten ist.
Zweitens stellt sich die Frage, ob das Grundgesetz eine bayerische Sezession zulässt. Um dies beantworten zu können, muss zunächst nach einem Sezessionstatbestand im Grundgesetz gefragt werden und sodann, ob – eine hinreichende politische Mehrheit vorausgesetzt – ein solcher Tatbestand durch verfassungsändernde Gesetzgebung eingeführt werden könnte. Ein Sezessionstatbestand findet sich im Grundgesetz nicht, insbesondere ist der die Neugliederung des Bundesgebiets normierende Art. 29 GG weder direkt noch analog auf die Sezession eines Bundeslands anwendbar. Einer möglichen Einführung eines Sezessionstatbestands in das Grundgesetz durch den verfassungsändernden Gesetzgeber stehen der Ewigkeitsgarantie des Art. 79 Abs. 3 GG unterfallende Prinzipien, insbesondere das Bundesstaatsprinzip und die Volkssouveränität, entgegen. Eine bayerische Sezession würde daher mit einem Bruch mit dem Grundgesetz einhergehen.
Franz-Alois Fischer

14. Erfolg von Kleinstaaten. Eine Analyse am Beispiel des Fürstentums Liechtenstein

Zusammenfassung
Vor dem Hintergrund des zunehmenden Demokratiedefizites, mit dem die Europäische Union (EU) gekennzeichnet ist, werden einerseits Stimmen laut, politische Entscheidungsprozesse wieder auf die untere Entscheidungsebene zu geben, direktdemokratische Elemente zu stärken und dem Zentralisierungsgedanken der EU entgegenzuwirken. Andererseits halten uns der anstehende Austritt Großbritanniens aus der EU sowie die zurückliegenden Bestrebungen der Abspaltung Kataloniens vor Augen, dass sich der Wunsch nach Selbstbestimmung oder gar Sezession einzelner Staaten bzw. Regionen verstärkt. Nicht wenige Bürger, Ökonomen oder gar politische Vertreter machen sich für eine Kleinstaatenlösung stark. Der folgende Beitrag geht der Frage nach, ob Kleinstaaten die erfolgreicheren politischen und rechtlichen Formen darstellen. Die Analyse erfolgt anhand der Kriterien Subsidiarität, Dezentralismus und direkte Demokratie und soll am Beispiel des Fürstentums Liechtenstein untersucht werden.
Stefan Remhof

Betrachtungen von einzelnen Themengebieten bei Sezessionen

Frontmatter

15. Politische Sezession und die Auswirkung auf Finanzmärkte

Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag thematisiert die Auswirkung einer politischen Sezession auf Finanzmärkte. Hierfür können einerseits keine idealtypischen Beispiele der ökonomischen Historie herangezogen werden, aus der sich Standardaussagen für jegliche zukünftige Sezessionen ableiten lassen. Andererseits entziehen sich die Einflüsse auf die Finanzmärkte einer monokausalen Betrachtung. Vor diesem Hintergrund werden am Beispiel des Brexits die Auswirkungen auf die Aktienbörsen bzw. deren Referenzindizes in Frankfurt, London und New York sowie auf relevante Währungsmärkte analysiert. Charakteristisch für das herangezogene Beispiel ist, dass die eigentliche Sezession zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags noch nicht stattgefunden hat. Nachdem an der Börse jedoch nicht nur realwirtschaftliche Zustände, sondern bereits die damit verbundenen Erwartungen bepreist werden, verspricht die Analyse von Interday-Abweichungen der ausgewählten Märkte zu drei für den Brexit prägnanten Zeitpunkten interessante Einblicke in das Thema.
Markus Hofmaier

16. Die Verlagerung europäischer Großbanken aus dem Vereinigten Königreich nach Kontinentaleuropa

Zusammenfassung
Mit dem Austritt des Vereinigten Königreiches aus dem Kreis der Europäischen Union verliert die EU zum ersten Mal ein Mitgliedsland. Für die Austrittsbefürworter im Vereinten Königreich geht es um eine wichtige Zukunfts- und Positionierungsfrage: Mit welchem Wirtschaftsmodell kann sich das Vereinigte Königreich außerhalb der EU am besten positionieren? Die EU mit ihren vermeintlich protektionistischen Handelshemmnissen und wahrgenommener Überregulierung wird jedenfalls abgelehnt. Von einem Singapur an der Themse mit wenig Regulierung, freien Märkten und einem schlanken Staat, der sich so wenig wie möglich einmischt, ist die Rede. Der Artikel geht mithilfe der Inhaltsanalyse der Frage nach, was die Auswirkungen dieses Wirtschaftsmodells auf die Londoner City und die im Vereinigten Königreich hoch entwickelte Finanzwirtschaft sind. Initiiert der Brexit eine relevante Verlagerung der Finanzwirtschaft in die EU? Was sind die strategischen Visionen der Briten? Welche politischen, wirtschaftlichen, regulatorischen und organisationellen Auswirkungen hat der Austritt?
Karen Wendt

17. Binnenmarkt, Steuerharmonisierung und Dezentralisierung

Zusammenfassung
Für den gemeinsamen Binnenmarkt in der Europäischen Union wird eine Harmonisierung der Steuersysteme der Mitgliedstaaten gefordert. Wird diese allerdings zentral unter Aushebelung des Steuerwettbewerbs organisiert, gehen dessen segensreiche Wirkungen verloren. Die Bändigung Leviathans wird schwieriger und vor allem kann der Steuerwettbewerb nicht dafür sorgen, dass die Bereitstellung öffentlicher Güter und deren Finanzierung entsprechend regionaler Präferenzen erfolgen. Dezentralisierung hängt dagegen mit höherer wirtschaftlicher Freiheit und einer größeren Wertschöpfung zusammen. Zentralisierungstendenzen in der Europäischen Union können daher ungewollt Abspaltungsbestrebungen Vorschub leisten. In der Folge würde der gemeinsame Binnenmarkt unattraktiver werden. Daher ist für eine strikte Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips und einen Steuerwettbewerb in der Europäischen Union zu plädieren.
Peter Alfons Schmid

18. Die Auswirkungen der Zerstörung von zwischenbetrieblichen Liefernetzwerken im globalen Supply Chain Management

Zusammenfassung
Der vorliegende Buchbeitrag gibt einen Überblick über die Auswirkungen der Zerstörung von zwischenbetrieblichen Liefernetzwerken im globalen Supply Chain Management. Dabei wird die Funktionsweise der weltweiten Verflechtung der Beschaffungs-, Produktions-, Distributions- und Entsorgungslogistik als eine wesentliche strategische Option im globalen Wettbewerb untersucht. Die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der davon betroffenen Unternehmen gründet sich in deren Beschaffungs-, Produktions- und Vertriebsstrategien mit den komplementären Zieldefinitionen Umsatzerlössteigerung, Kostenreduktion und Qualitätssicherung. Wesentlicher Treiber solcher Zielrealisationen sind die Modellierungen von Wettschöpfungsketten innerhalb branchenspezifischer Supply Chain Communities. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wird daher untersucht, welche Folgen eine Sezession, also eine Loslösung einzelner Landesteile aus einem bestehenden Staat mit dem Ziel, einen neuen souveränen Staat zu bilden, auf die Wechselwirkungen von zwischenbetrieblichen Liefernetzwerken hat. Dies geschieht mit der Maßgabe, dass die Stabilität zwischenbetrieblicher Liefernetzwerke innerhalb einer Supply Chain in einem globalen Wettbewerb dauerhaft sichergestellt werden muss. Dazu dient einerseits die Qualifizierung der wesentlichen Elemente, die zur Stabilität zwischenbetrieblicher Liefernetzwerke beitragen und andererseits die Beantwortung der Fragestellung, was passieren würde, wenn willentlich zwischenbetriebliche Liefernetzwerke im globalen Kontext aufgrund einer Sezession gestört und möglicherweise sogar zerstört werden.
Kemal Orak

19. Sezessionen im Sport

Zusammenfassung
Sezessionen im Sport finden sowohl politisch-territorial als auch organisatorisch-ökonomisch statt. Im ersten Fall werden nach einer territorialen Abspaltung auch die jeweiligen Sportverbände getrennt. Im zweiten spalten sich Verbände oder Ligen aus ökonomischen Gründen, z. B. um die Vermarktungschancen zu erhöhen, voneinander ab. Dieser Beitrag beleuchtet beide Fälle und diskutiert insbesondere Rival Leagues und Breakaway Leagues als Formen organisatorisch-ökonomischer Abspaltungen. Dabei werden Chancen und Risiken von erfolgten (z. B. die Premier League) und geplanten (z. B. die European Super League) Sezessionsvorhaben sportökonomisch analysiert.
Luca Rebeggiani, Michael Drewes

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