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03.03.2021 | Notenbanken | Nachricht | Onlineartikel

Höhere Wagnisrückstellung und keine Gewinnausschüttung

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
3:30 Min. Lesedauer

Die Deutsche Bundesbank erhöht ihre Risikovorsorge um mehr als zwei Milliarden Euro und schüttet das erste Mal seit mehr als 40 Jahren keinen Gewinn aus. Neben der Corona-Pandemie rückt der Klimaschutz bei der Notenbank auf der Agenda ganz nach oben.

Da sich die geldpolitischen Krisenmaßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie auch in der Bilanz der Deutschen Bundesbank widerspiegeln, stockt das Institut seine Wagnisrückstellung um 2,4 Milliarden auf 18,8 Milliarden Euro auf. "Die erhöhte Risikovorsorge ist der Hauptgrund, weshalb die Bundesbank für 2020 ein ausgeglichenes Jahresergebnis ausweist und zum ersten Mal seit 1979 keinen Gewinn ausschüttet", sagte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann bei der Vorstellung des Jahresabschlusses in einer virtuellen Konferenz vor Journalisten. Im Vorjahr hatte die Gewinnausschüttung 5,9 Milliarden Euro betragen. "Für das laufende Jahr erwarten wir eine weitere Aufstockung der Wagnisrückstellung, zumal mit einer grundlegenden Änderung der Risikolage nicht zu rechnen ist."

Die Deutsche Bundesbank erzielte im Jahr 2020 eine Bilanzsumme von mehr als 2,5 Billionen Euro. "Das entspricht mehr als 70 Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands im Jahr 2019", erklärte der Bundesbank-Chef weiter. "Nicht nur die Wachstumsgeschwindigkeit ist rekordverdächtig, auch liegt die Bilanzsumme deutlich über dem bisherigen Höchststand des Jahres 2018 von 1,84 Billionen Euro", ergänzt Johannes Beermann, im Bundesbank-Vorstand für Rechnungswesen und Controlling verantwortlich. Auf der Passivseite haben zu dieser weiteren Bilanzverlängerung die "umfangreichen geldpolitischen Käufe von Wertpapieren und die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte beigetragen", sagte Weidmann.

TARGET2-Forderung über eine Billion Euro

Auf der Aktivseite haben in erster Linie die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte und das Notfallankaufprogramm PEPP zum Anstieg der Bilanzsumme beigetragen. Hinzu kommen laut Bericht die Liquiditätszuflüsse aus dem europäischen Ausland, wodurch die "TARGET2"-Forderung (zweite Generation des Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System) gegenüber der Europäischen Zentralbank erstmals die Marke von einer Billion Euro überschritt und zum Jahresende bei 1,14 Billionen Euro lag.

Infolge der zweiten Infektionswelle und den damit zusammenhängenden Eindämmungsmaßnahmen geht die Bundesbank von einem Rückschlag der gesamtwirtschaftlichen Aktivität in Deutschland im laufenden Quartal aus. Dieser dürfte jedoch laut Weidmann "erheblich schwächer ausfallen als der Wirtschaftseinbruch in der ersten Jahreshälfte 2020".

Wirtschaftserholung hängt von Lockerungen ab

Mit den kommenden Lockerungen könne die deutsche Wirtschaft ihre Erholung wiederaufnehmen. Deshalb hängen die Wirtschaftsaussichten von der weiteren Pandemieentwicklung ab. Gelingt es mit Hilfe der Impfstoffe, die Pandemie in den Griff zu bekommen, "wird sich die deutsche Wirtschaft dauerhaft erholen", lautet die Prognose des Bundesbank-Chefs. Dennoch bleibe der Ausblick "in hohem Maße unsicher". 

Ein sehr starker Nachfrageschub, der die Kapazitäten in der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr über das Normalmaß hinaus auslasten würde, erscheine gegenwärtig unwahrscheinlich. Sonderfaktoren dürften dazu führen, dass die Inflationsrate in Deutschland gemäß des harmonisierten Verbraucherpreisindex HVPI zum Jahresende hin auf über drei Prozent steigen werde. Das sei allerdings nur vorübergehend. "Deshalb rechnen unsere Fachleute für den Jahresdurchschnitt 2021 derzeit mit einer Rate, die nur etwas über ihrer Dezember-Prognose von 1,8 Prozent liegt", so Weidmann. 

Klimaschutz dringlichste Aufgabe

Mit Blick auf die Zukunft steht der Klimaschutz für die Bundesbank ganz oben auf der Agenda der dringlichsten Aufgaben. Dieser dulde "keinen Aufschub". "Dabei berühren der Klimawandel und der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft viele Aufgabenbereiche der Bundesbank, insbesondere die Geldpolitik, die Bankenaufsicht und die Überwachung der Finanzstabilität", so Weidmann. Notenbanken können wichtige makroökonomische Größen und Finanzmarktvariablen beeinflussen, etwa Inflation, Wachstum und Zinsen. "Ein umfassendes Verständnis dieser Auswirkungen ist unverzichtbar", erklärte der Bundesbank-Präsident. 

Aus Weidmanns Sicht sollte für die Notenbanken im Vordergrund stehen, die Auswirkungen von Klimawandel und Klimapolitik umfassend zu verstehen, finanzielle Risiken zu berücksichtigen und Transparenz darüber zu fördern. "Deshalb baut die Bundesbank mit Nachdruck ihre Analysekompetenzen aus. So rüsten unsere Expertinnen und Experten ihre makroökonomischen Modelle auf, damit sie zum Beispiel die Effekte klimapolitischer Maßnahmen untersuchen können – auch mit Blick auf die Inflation und unser Ziel der Preisstabilität." 

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