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Über dieses Buch

Marc Ziegele untersucht, was Nachrichten im Internet nicht nur lesenswert, sondern auch diskussionswert macht. Hierfür entwickelt der Autor auf Grundlage der Nachrichtenwerttheorie ein theoretisches Modell über die Motive von Internetnutzern, Nachrichten zu kommentieren und zeigt auf, warum sich bestimmte Kommentarinhalte bei bestimmten Meldungen häufen. Dieses Modell wird in drei qualitativen Untersuchungen empirisch fundiert und erweitert. Eine zentrale Erkenntnis der Arbeit ist, dass Nachrichtenfaktoren in journalistischen Meldungen – unter anderem Kontroverse, Erfahrbarkeit – und Diskussionsfaktoren in Kommentaren – unter anderem Aggressivität, lebensweltliche Erfahrungen – das Kommentierbedürfnis von späteren Nutzern in einem dynamischen Zusammenspiel beeinflussen und für unterschiedliche Diskussionsqualitäten verantwortlich sind.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung

Abstract
Es müssen ja nicht immer schlechte Nachrichten sein. Das dachte sich vermutlich auch die Redaktion von Spiegel Online, als sie auf ihrer Facebook-Seite am 3. Juli 2014 ein Rezept für einen „Bratensalat mit Biss“ vorstellte.1 Doch die Redaktion hatte die Rechnung ohne die Nutzer gemacht: In den Kommentaren zu der Meldung brach ein ausgewachsener Konflikt um die Frage aus, ob Fleischkonsum moralisch verantwortbar sei. Allein ein Kommentar, dessen Verfasser sich über die Allgegenwärtigkeit von Fleischwaren beschwerte, stimulierte knapp einhundert Folgebeiträge.
Marc Ziegele

Nutzerkommentare als Anschlusskommunikation

Frontmatter

2. Definitorische Einordnung

Abstract
Gespräche über Medien und Medieninhalte werden in der deutschsprachigen Literatur als Anschlusskommunikation bezeichnet (vgl. Charlton & Klemm, 1998, S. 723; Klemm, 2000, S. 75, 80ff; Sommer, 2010, S. 20f; Sutter, 2010, S. 44f; Schweiger, 2007, S. 291f). Problematisch hieran ist, dass bislang keine Einigkeit darüber herrscht, welche Kommunikationsphänomene unter diesem Begriff zu subsumieren sind. Denn verschiedene Autoren verwenden den Begriff sehr heterogen und unterschiedlich differenziert: Schweiger (2007) grenzt Anschlusskommunikation z. B. von Mediennutzung in der Gruppe ab und plädiert dafür, den Begriff Anschlusskommunikation nur zu verwenden, wenn Personen nach der getrennten Rezeption eines Medieninhalts über diesen sprechen (vgl. Schweiger, 2007, S. 291f). Diese Perspektive wird teilweise von Eble (2013) gestützt, der Anschlusskommunikation als einen „Spezialfall“ interpersonaler Kommunikation sieht, die „in Folge der Nutzung publizistischer Darstellungen von Ereignissen […] stattfindet“ (Eble, 2013, S. 31).
Marc Ziegele

3. Vergleich der Strukturen und Funktionen

Abstract
Nach der definitorischen Verortung von Nutzerkommentaren im Rahmen der Anschlusskommunikation folgt nun ein Vergleich der Strukturen und Funktionen beider Phänomene. Wie häufig findet unmittelbare Anschlusskommunikation statt und wie verbreitet ist das Kommentieren von Nachrichten? Erfüllen Nutzerkommentare ähnliche Funktionen für die direkt erfahrbare Lebenswelt ihrer Nutzer wie traditionelle Gespräche über Nachrichten? Inwieweit genügen beide Phänomene den Anforderungen an kritisch-rationale und potenziell demokratieförderliche Diskurse? Eine Untersuchung dieser Fragen bietet eine erweiterte theoretische Grundlage für die Einordnung des Phänomens Nutzerkommentare und für die Diskussion von (normativen) Erwartungen an die Prozesse und Inhalte der öffentlichen Online-Anschlusskommunikation.
Marc Ziegele

4. Zwischenfazit

Abstract
„The most pervasive, and perhaps fundamental, level of participation is commentary“ (Bowman & Willis, 2003, S. 33). Diese Aussage über die Relevanz von Nutzerkommentaren wurde in den letzten Kapiteln umfassend analysiert. Ein Schwerpunkt lag dabei neben der Aufarbeitung des Forschungsstands auf der Einordnung von Nutzerkommentaren in den theoretischen Rahmen der Anschlusskommunikation. Tabelle 2 listet als zusammenfassende Übersicht die relevanten Konfigurations- und Prozessvariablen, die Publikumsvariablen sowie die Struktur-, Funktionsund Inhaltsvariablen von unmittelbarer Anschlusskommunikation und Nutzerkommentaren auf und vergleicht sie.
Marc Ziegele

Annäherung an den Diskussionswert von Online- Nachrichten

Frontmatter

5. Arbeitsdefinition Diskussionswert

Abstract
Der Diskussionswert wird in der vorliegenden Arbeit als ein Rezeptionsphänomen betrachtet. Er setzt sich aus einer allgemeinen und einer speziellen Komponente zusammen. Der allgemeine Diskussionswert wird als Kommentierwürdigkeit von Online-Nachrichten definiert.35 Diese Komponente erklärt sich aus der Tradition der Nachrichtenwerttheorie, in der die folgende Analyse steht: Der Nachrichtenwert wird in dieser Tradition häufig als Publikationswürdigkeit von Ereignissen definiert. Charakteristische ereignisimmanente Merkmale (Nachrichtenfaktoren) und ihr Zusammenspiel erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Journalisten über ein spezifisches Ereignis berichten (vgl. Fretwurst, 2008, S. 10; Galtung & Ruge, 1965, S. 71; Maier, Stengel & Marschall, 2010, S. 18f; Staab, 1990, S. 28; Uhlemann, 2012, S. 114; im Detail Kap. 6).
Marc Ziegele

6. Nachrichtenwert und Diskussionswert

Abstract
Dass Rezipienten Nachrichten unterschiedlich intensiv besprechen und diskutieren, ist in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung kein neuer, aber bislang kaum systematisch untersuchter Befund. Bereits in Studien, die im weitesten Sinne unmittelbare und Online-Anschlusskommunikation untersuchen, finden sich regelmäßig Hinweise darauf, dass Nachrichten, die in der interpersonalen Kommunikation intensiv thematisiert und diskutiert werden, charakteristische Eigenschaften aufweisen: Für unmittelbare Anschlusskommunikation implizieren die Ergebnisse von Nachrichtendiffusionsstudien, dass Variablen wie der „human touch“, die Außergewöhnlichkeit und die Tragik von Ereignissen mit der Intensität von Anschlussgesprächen in Verbindung gebracht werden können (vgl. z. B. Deutschmann & Danielson, 1960; im Überblick: Rogers, 2000, S. 566–568; Sommer, 2010, S. 115–117).
Marc Ziegele

7. Zusätzliche Determinanten des Diskussionswerts

Abstract
54 Kommentare. Diese Zahl stand unter einer Nachricht, die Stern.de am 10. Oktober 2014 auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte und in der ein Redakteur das präventive Einschläfern eines mit Ebola infizierten Hunds in Spanien kritisierte. Das Besondere: Die 54 Kommentare wurden nicht von der ursprünglichen Nachricht stimuliert. Es handelte sich vielmehr um die Reaktionen auf den Kommentar einer Nutzerin, die die Bedeutung des Hundelebens und die Kontroverse um das Ereignis abwertete und forderte, sich auf Wichtigeres zu konzentrieren.
Marc Ziegele

8. Ein vorläufiger Analyserahmen des Diskussionswerts

Abstract
Auf Individualebene können Kommentierentscheidungen ohne die Berücksichtigungder Eigenschaften von journalistischen Nachrichten und von bereits publiziertenNutzerkommentaren (botschaftsimmanente Relevanzindikatoren) sowieder Merkmale von Diskussionsarchitekturen (soziotechnische Rahmungen vonOnline-Diskussionen) nicht umfassend erklärt werden. Ebenso unvollständig isteine Analyse, die diese Entscheidungen ohne Berücksichtigung individueller Fähigkeiten,Motivationen und Persönlichkeitsmerkmale untersucht. Daher soll andieser Stelle ein erster Analyserahmen vorgeschlagen werden, der die vorgestelltenKomponenten des Diskussionswerts von Nachrichten integriert. Dieser Rahmenist in Abbildung 7 dargestellt.
Marc Ziegele

9. Forschungsfragen

Abstract
Der Diskussionswert von Online-Nachrichten wurde in dieser Arbeit als ein Rezeptionsphänomen definiert und in zwei Komponenten unterteilt. Der allgemeine Diskussionswert umschreibt die situative Kommentierbereitschaft von Nutzern nach der Rezeption einer Online-Nachricht. Anders gesagt geht es hier darum, ob ein Nutzer zu einer rezipierten Online-Nachricht etwas sagen bzw. kommentieren will. Unter einer Online-Nachricht wird das „Gesamtereignis“ aus journalistischem Nachrichtenbeitrag und bereits publizierten Nutzerkommentaren verstanden. Der spezielle Diskussionswert geht über die allgemeine Kommentierbereitschaft hinaus und qualifiziert diese als das situative, durch die Rezeption einer Online-Nachricht stimulierte Bedürfnis von Nutzern, einen durch charakteristische inhaltliche, formale und sprachliche Merkmale gekennzeichneten Kommentarinhalt zu verfassen (vgl. Kap. 5).
Marc Ziegele

10. Qualitativer Ansatz

Abstract
Die Aufarbeitung des Forschungsstands hat die Konstruktion eines theoretischen, nicht-integrierten „Grundgerüsts“ des Diskussionswerts von Online-Nachrichten ermöglicht. Weitgehend unbekannt ist jedoch, welche Faktoren kommentierende Internetnutzer als einflussreich für ihre allgemeine Kommentierbereitschaft und für ihre Entscheidung, einen bestimmten Kommentarinhalt zu verfassen, wahrnehmen, welche Bedeutungen sie diesen Faktoren allgemein und im situativen Entscheidungskontext zuschreiben und wie diese Faktoren in der subjektiven Wahrnehmung der Nutzer zusammenspielen.
Marc Ziegele

11. Methoden-Triangulation

Abstract
Empirische Methoden, ganz gleich ob qualitativer oder quantitativer Art, sind durch charakteristische Stärken und Grenzen gekennzeichnet (vgl. Brosius, Haas & Koschel, 2012; Flick, 2010a; Meyen, Löblich, Pfaff-Rüdiger & Riesmeyer, 2011; Schnell et al., 2005).
Marc Ziegele

12. Qualitative Leitfadeninterviews

Abstract
In einem ersten Untersuchungsschritt sollten die Eigenschaften von Nachrichten, laufender Anschlusskommunikation und verschiedenen Diskussionsarchitekturen, die Internetnutzer zum Verfassen eines durch bestimmte inhaltliche, sprachliche und formale Merkmale charakterisierten Kommentars anregen, mit maximaler Offenheit exploriert und im Hinblick auf die individuelle Lebenswelt dieser Nutzer kontextualisiert werden, um daraus ein möglichst holistisches Bild der Determinanten des Diskussionswerts und ihres wahrgenommenen Zusammenspiels abzuleiten. Wie bereits in Kapitel 10 angesprochen, existiert in Bezug auf die zu explorierenden Themenfelder bzw.
Marc Ziegele

13. Inhalts-, Struktur- und Interaktionsanalyse

Abstract
Die explorativen Leitfadeninterviews ermöglichten vielfältige Einblicke in die Kommentierentscheidungsprozesse der befragten Nutzer und in ihre subjektiven Theorien über den Diskussionswert von Nachrichten. Auf diesen Ergebnissen aufbauend, sollte die im Rahmen des DFG-Projekts „Vom Nachrichtenwert zum Diskussionswert“ durchgeführte Anschlussstudie den Fokus auf die inhaltliche Ausgestaltung von Nutzerkommentaren, die Spezifizierung der strukturellen Rahmenbedingungen der Nachrichtendiskussionen und die Interaktionsstrukturen zwischen den Teilnehmern an der Online-Anschlusskommunikation zu verschiedenen Nachrichten auf unterschiedlichen Nachrichtenseiten legen (vgl. Kap. 11). Zentrale Ziele waren damit:
Marc Ziegele

14. Gütekriterien der empirischen Untersuchung

Abstract
In der quantitativen Sozialforschung existieren zur Beurteilung der Güte von empirischen Studien etablierte Kriterien wie Repräsentativität, Reliabilität, Validität und Objektivität bzw. intersubjektive Nachvollziehbarkeit (vgl. Brosius et al., 2012, S. 48ff; Lamnek, 2010, S. 130; Schnell et al., 2005, S. 151ff). In der qualitativen Sozialforschung werden die Anwendbarkeit der Gütekriterien quantitativer Forschung zwar diskutiert und verschiedene „eigene“ Gütekriterien vorgeschlagen (vgl. Reichertz, 2005, S. 576; Steinke, 2010), von einem wissenschaftlichen Konsens kann jedoch keine Rede sein (vgl. Flick, 2005, S. 580; Lamnek, 2010, S. 128).
Marc Ziegele

Ergebnisse

Frontmatter

15. Diskussionswert und individuelle Nutzer- und Situationsmerkmale

Abstract
Die individuelle Rezeptionssituation ist ein grundlegender Faktor, der zum einen spezifische motivationale Anreize zum Kommentieren bietet und zum anderen den Entscheidungsprozess des Kommentierens sowie die verfassten Kommentarinhalte beeinflusst. Als relevante Komponenten beschreiben die Nutzer vor allem das persönliche Zeitbudget und die persönliche Stimmung sowie Rezeptionsorte und Rezeptionsgeräte.
Marc Ziegele

16. Diskussionswert und Diskussionsarchitekturen

Abstract
Bereits die theoretische Analyse von Diskussionsarchitekturen in Kapitel 7.2 hat verdeutlicht, dass gestalterische Festlegungen der Betreiber von Nachrichtenseiten einen messbaren Einfluss auf die Ausgestaltung der sozialen Interaktion in computervermittelten Kommunikationsumgebungen ausüben können (vgl. Ma & Agarwal, 2007, S. 44; Preece, 2001a; P. Weber, 2013b; Wise et al., 2006; Wright & Street, 2007).
Marc Ziegele

17. Integration der Befunde

Abstract
Merkmale der Rezeptionssituation, individuelle Nutzermerkmale sowie Eigenschaften von Diskussionsarchitekturen wirken auf unterschiedliche Weise und zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf die Entscheidung von Internetnutzern, Kommentare zu verfassen. Abbildung 13 integriert diese Befunde in eine prozedurale Darstellung der Kommentierentscheidung.
Marc Ziegele

18. Diskussionswert und Nachrichteneigenschaften

Abstract
Für nahezu alle Befragten beginnt der Entscheidungsprozess des Kommentierens mit der Wahrnehmung einer Nachricht. Deren Eigenschaften sollten demnach für den Diskussionswert eine zentrale Rolle spielen. Aus den Interviews konnten insgesamt sieben Nachrichtenfaktordimensionen und sechs journalistische Darstellungsfaktoren extrahiert werden, die den wahrgenommenen Diskussionswert auf der Inhaltsebene der Nachrichten konstituieren.
Marc Ziegele

19. Diskussionswert und bestehende Nutzerkommentare

Abstract
Bislang lag der Schwerpunkt der Ergebnisdarstellung auf den Nachrichteneigenschaften, die über verschiedene Formen der kognitiven und affektiven Betroffenheit die individuelle Bereitschaft beeinflussen können, zu kommentieren. Doch in integrierten Öffentlichkeiten konkurrieren massenmediale und interpersonale Relevanzindikatoren um die Aufmerksamkeit, das Interesse und die Reaktionen der kommentierenden Nutzer. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass zwischen 20 und 50 Prozent der Nutzerbeiträge in der Anschlusskommunikation auf Nachrichtenseiten Bezug auf mindestens einen früheren Kommentar nehmen (vgl. Kap. 7.1).
Marc Ziegele

20. Zusammenfassung der Arbeit

Abstract
Online-Diskussionen, die sich in Form von Nutzerkommentaren auf massenmedialen Websites direkt und öffentlich an Online-Nachrichten anschließen, entwickeln sich zu einem populären Kommunikationsphänomen und erhalten dadurch politische, gesellschaftliche und journalistisch-ökonomische Relevanz: Deliberative Entscheidungsfindung, „Sprachrohr“ des Bürgers, Leserbindung und Herausforderung für das journalistische Rollenselbstverständnis sind nur einige Schlagwörter, die im Zusammenhang mit Nutzerkommentaren wiederholt genannt wurden.
Marc Ziegele

21. Diskussion und Ausblick

Abstract
Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit war die Konzeption von Nutzerkommentaren als Anschlusskommunikation. Unter Zusammenführung der theoretischen Argumentation mit den empirischen Befunden lassen sich die Erträge dieser Perspektive folgendermaßen einordnen.
Marc Ziegele

Backmatter

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