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07.03.2018 | Ausgabe 5-6/2018 Open Access

Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft 5-6/2018

Ökologische Sukzession der Fischfauna im neuen Traisen-Laufes in den Jahren 2014 bis 2017

Zeitschrift:
Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft > Ausgabe 5-6/2018
Autoren:
DI Thomas Friedrich, Felix Erhard, DDI Kurt Pinter, Dr. Walter Reckendorfer, Univ.-Prof. DI Dr. Stefan Schmutz, DI Dr. Günther Unfer

1 Einleitung

Nach umfassenden Voruntersuchungen (u. a. Wiesner und Sigmund 2009) entstand im Rahmen des LIFE+ Projekts „Lebensraum im Mündungsabschnitt des Flusses Traisen“ in den Jahren 2008 bis 2016 ein neues, naturnahes Gewässersystem mit dynamischem Flussbett und neu vernetzten Nebengewässern. Der alte 4,8 km lange Lauf wurde im Zuge der Errichtung des Donaukraftwerkes Altenwörth zwischen 1973 und 1976 begradigt und ins Unterwasser des Kraftwerks verlegt. Der Fluss war daraufhin in diesem Bereich durch einen monotonen Lauf mit geringer Breiten-Tiefenvarianz charakterisiert. Das Kontinuum zur Donau war zudem durch mehrere Sohlschwellen nur bei erhöhten Wasserständen für Fische passierbar.
Der neu gestaltete Lauf weist auf 9,6 km Länge eine hohe Breiten-Tiefenvarianz und umfassende Gestaltungen wie zum Beispiel Raubäume zur Initiierung dynamischer natürlicher Prozesse auf. Durch die umfangreichen Bauarbeiten wurden auch die bestehenden Nebengewässer z. T. in Form und Funktion verändert und neue Nebengewässer geschaffen. Der bestehende Traisen-Durchstich zwischen Traismauer und der Donau bleibt zukünftig nur noch als gering dotiertes Stillgewässer bzw. zur Hochwasserabfuhr erhalten. Der Bau des neuen Laufes wurde nacheinander in drei Teilabschnitten zwischen 2014 und 2016 abgeschlossen, wobei eine vollständige Durchgängigkeit zur Donau erst mit Abschluss des dritten Bauabschnittes im Jahr 2016 erzielt wurde (Abb. 1).
Das zu diesem Zeitpunkt größte Renaturierungsprojekt Österreichs wird von umfassenden Monitorings biotischer und abiotischer Faktoren begleitet. Besonderer Fokus liegt auf den aquatischen Organismen, welche durch die Vergrößerung und Verbesserung bestehender sowie die Anbindung und Schaffung neuer Habitate weitreichenden Veränderungen ihres Lebensraumes unterliegen.
Die erste Phase des fischökologischen Monitorings läuft seit 2014 und wird 2019 abgeschlossen. Um das Potenzial für die ichthyo-faunistische Besiedelung des neuen Traisenlaufs zu dokumentieren, wird neben dem neuen Flusslauf auch ein besonderer Fokus auf die Entwicklung des Gesamtsystems gelegt. Dazu werden auch Nebengewässer, der alte Flusslauf, die flussaufwärtig gelegene Restwasserstrecke sowie die Donau im unmittelbaren Mündungsbereich bearbeitet. Entsprechend der Fertigstellung der einzelnen neuen Bauabschnitte wurden diese sukzessiv in das Monitoring aufgenommen. Das jährliche Monitoring umfasst neben einer standardisierten Aufnahme des Gesamtfischbestandes auch qualitative Aufnahmen, Laichplatzkartierungen, Jungfischkartierungen und kontinuierliche Temperaturmessungen.

2 Material & Methodik

2.1 Gesamterhebung

Die Methodik der Befischung entspricht den Anforderungen des Leitfadens zur Erhebung der biologischen Qualitätselemente Teil A1-Fische (Haunschmid et al. 2010). Die Streifenbefischungsmethode (Schmutz et al. 2001) dient der Erfassung und Berechnung von Fischbeständen mittelgroßer Fließgewässer (Abb. 2). Grundlegendes Prinzip ist, dass mittels Elektrofangbooten der Bestand einzelner, flächenmäßig definierbarer Streifen art- und stadienspezifisch quantifiziert wird. Die Bestände der Einzelstreifen werden anhand eines standardisierten Berechnungsverfahrens verknüpft, so kann auf den Gesamtfischbestand eines Gewässerabschnittes hochgerechnet werden. Aufgrund der strukturbezogenen Datenerhebung sind auch spezifische Analysen der unterschiedlichen Habitattypen möglich (Haunschmid et al. 2006). Die Auswertung erfolgt mithilfe des Fish Index Austria und wird sowohl für die Einzelstrecken als auch das Gesamtsystem vorgenommen. Alle gefangenen Fische wurden vermessen und ein repräsentativer Querschnitt gewogen, um neben dem Artenspektrum auch beschreibende Größen wie Populationsaufbau und Bestandsgewicht berechnen und analysieren zu können. Nach abgeschlossener Datenaufnahme werden die Tiere in das Gewässer zurückgesetzt. Die Erhebung des Gesamtbestandes fand in den Jahren 2014, 2016 und 2017 im Herbst statt (Friedrich et al. 2015; Friedrich und Pinter 2017).
Als Maßstab für die Bewertung des aktuellen fischökologischen Zustands wird bei der Methode nach Haunschmid et al. (2006) der ursprüngliche, unbeeinflusste, gewässertypspezifische Zustand herangezogen. Dieser stellt das „fischökologische Leitbild“ beziehungsweise die „potenziell natürliche Fischfauna“ dar. Die eigentliche Bewertung erfolgt durch Zuordnung der Abweichung des aktuellen Zustandes von diesem potenziell natürlichen Referenzzustand zu jener der fünf Zustandsklassen, deren Definition die größte Übereinstimmung mit dem Untersuchungsergebnis liefert. Die Berechnung der Zustandsklasse wurde mithilfe der Auswertungssoftware „Fish Index Austria“ (Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft 2010) durchgeführt.
Prinzipiell ist die Traisen im Untersuchungsgebiet als „Epipotamal Mittel“ anzusprechen, durch die unmittelbare Nähe zur Donau kommen jedoch auch donautypische Faunenelemente vor. Dementsprechend wird ein adaptiertes Leitbild verwendet (Tab. 1; Wiesner 2010).
Fischökologische Leitbilder sind in diesem Zusammenhang als Einteilung der in einem Gewässertypus vorkommenden Spezies in Leitfischarten, typische Begleitfischarten und seltene Begleitfischarten zu verstehen. Leitarten sind in ihrer biozönotischen Region jedenfalls anzutreffen und zeigen, mit Ausnahme etwa ihrer piscivoren Vertreter, auch die größten Häufigkeiten. Das Auftreten typischer Begleitarten in einer entsprechenden biozönotischen Region ist von höchster Wahrscheinlichkeit, ihre Häufigkeiten können in Ausnahmefällen jene der Leitarten erreichen. Seltene Begleitarten treten vereinzelt und unregelmäßig auf (Haunschmid et al. 2006).
Tab. 1
Leitbild der unteren Traisen der autochthonen Fischfauna und Nachweis der einzelnen Arten in den Untersuchungsjahren (Quelle: Wiesner 2010, eigene Bearbeitung). Die Nachweise des Huchens beruhen auf einem Wiederansiedelungsprojekt und wurden nicht in die Auswertung aufgenommen (s. unten)
Art
FIA
2014
2016
2017
Aalrutte
Lota lota
b
Aitel
Squalius cephalus
l
x
x
x
Äsche
Thymallus thymallus
s
x
x
x
Bachforelle
Salmo trutta
s
x
x
x
Bachschmerle
Barbatula barbatula
b
x
x
x
Barbe
Barbus barbus
l
x
x
x
Bitterling
Rhodeus amarus
b
x
x
Brachse
Abramis brama
b
x
x
x
Donaukaulbarsch
Gymnocephalus baloni
s
Elritze
Phoxinus phoxinus
b
x
x
x
Flussbarsch
Perca fluviatilis
b
x
x
x
Frauennerfling
Rutilus virgo
s
x
x
x
Giebel
Carassius gibelio
s
x
x
Goldsteinbeißer
Sabanjewa balcanica
s
Gründling
Gobio obtusirostris
b
x
x
Güster
Blicca bjoerkna
s
Hasel
Leuciscus leuciscus
b
x
x
x
Hecht
Esox lucius
b
x
x
x
Huchen
Hucho hucho
b
x*
x*
Hundsfisch
Umbra krameri
s
Karausche
Carassius carassius
s
x
x
Kaulbarsch
Gymnocephalus cernua
s
x
Kesslergründling
Romanogobio kessleri
s
Koppe
Cottus gobio
s
Laube
Alburnus alburnus
l
x
x
x
Moderlieschen
Leucaspius delineatus
s
Nase
Chondrostoma nasus
l
x
x
x
Nerfling
Leuciscus idus
s
x
x
x
Neunauge
Eudontomyzon sp
s
Rotauge
Rutilus rutilus
l
x
x
x
Rotfeder
Scardinius erythrophthalmus
s
x
Rußnase
Vimba vimba
s
x
x
x
Schied
Aspius aspius
s
x
x
x
Schlammpeitzger
Misgurnus fossilis
s
x
Schleie
Tinca tinca
s
x
x
Schneider
Alburnoides bipunctatus
l
x
Schrätzer
Gymnocephalus schraetser
s
Semling
Barbus sp
s
Steinbeisser
Cobitis elongatoides
s
Steingressling
Romanogobio uranoscopus
s
Streber
Zingel streber
b
x
Strömer
Telestes souffia
s
Weißflossengründling
Romanogobio vladykovi
b
Wels
Silurnus glanis
s
x
x
Wildkarpfen
Cyprinus carpio
s
x
x
x
Wolgazander
Sander volgensis
s
x
Zander
Sander lucioperca
s
x
Zingel
Zingel zingel
b
x
Zobel
Ballerus sapa
s
x
Zope
Ballerus ballerus
s
l Leitart, b Begleitart, s seltene Art
* Die Huchennachweise beruhen auf einem Wiederansiedelungsprojekt und wurden bei der Bewertung des fischökologischen Zustandes nicht berücksichtigt.

2.2 Jungfischkartierung

Zusätzlich zur quantitativen Aufnahme des Gesamtfischbestandes werden bei den Jungfischkartierungen verschiedene Einzelhabitate quantitativ und qualitativ erfasst und miteinander verglichen. Dabei wurden definierte Streifen in den verschiedenen Befischungsabschnitten festgelegt und stromauf watend mittels Rückenaggregat befischt. Bei den Befischungen kamen benzinbetriebene Gleichstromaggregate mit 1,3 kW Leistung zum Einsatz. Der Befischungserfolg wurde dabei, ähnlich der Streifenbefischung, mittels Fangerfolgsschätzung festgehalten. Alle gefangenen Tiere wurden vermessen, protokolliert und anschließend wieder ins Gewässer rückversetzt. Die erhobenen Fänge wurden anschließend auf Jungfischdichten/500 m2 (500 m Uferlänge, 1 m Breite) standardisiert. Die Befischungen erfolgen Anfang August und Anfang September und fanden bisher in den Jahren 2015, 2016 und 2017 statt (Friedrich et al. 2015; Friedrich 2016; Friedrich und Pinter 2017).

2.3 Laichplatzkartierung

Durch den besonderen Fokus auf die Arten Huchen (Hucho hucho), Barbe (Barbus barbus) und Nase (Chondrostoma nasus) werden im April und Mai mehrmals wöchentlich Laichplatzkartierungen in den neuen Abschnitten und der Restwasserstrecke bis Traismauer vorgenommen. Die Strecken werden dabei von beiden Ufern bzw. in der Flussmitte watend mit Polarisationsbrille flussaufwärts begangen. Die Verortung der Laichplätze erfolgt mittels GPS, zusätzlich werden die Laichplätze vermessen und das Sohlsubstrat, die Tiefe, die Beschattung, die Strömungsgeschwindigkeit und der Abfluss erhoben. Die Zahl der Laichfische wird visuell abgeschätzt.

2.4 Temperaturmonitoring

Die Temperatur ist einer der maßgeblichen Parameter für das Auftreten von Fischarten. Durch die Restwasserstrecke und die Ausleitungen oberhalb der neuen Gewässerstrecke kommt es zu hohen Schwankungen der Temperaturmaxima und -minima. Vor allem in Hinblick auf temperaturempfindliche Fischarten wie den Huchen wird daher die Temperatur in verschiedenen Bereichen des Gebietes während des gesamten Monitorings mittels mehrerer Temperaturlogger aufgezeichnet.

3 Ergebnisse

3.1 Gesamtaufnahme

Die Auswertung der Streifenbefischungen über den bisherigen Untersuchungszeitraum zeigt bereits nach kurzer Zeit eine deutliche Veränderung der Fischbiozönose im gesamten Gebiet. So war zum Beispiel zum Zeitpunkt der Befischung im Jahr 2014 der Bauabschnitt 1 ungefähr vier Wochen fertiggestellt und geflutet. Im betroffenen Abschnitt konnten bereits nach dieser Zeit hohe Biomassen von adulten Barben, Nasen und Aiteln (Squalius cephalus) festgestellt werden.
Werden alle Abschnitte in den jeweiligen Jahren zusammen analysiert, zeigt sich die Biomasse vergleichsweise konstant zwischen rund 175 und 250 kg/ha (Abb. 3). Im Vergleich dazu erhöhte sich die Anzahl der Individuen pro Hektar über alle Abschnitte zwischen 2014 und 2017 um rund 5000 %. Dieser enorme Anstieg ist vor allem durch die neu geschaffenen Laich- und insbesondere Jungfischhabitate zu erklären. Während Jungfischlebensräume im monotonen alten Flusslauf kaum bzw. nur in der flussauf gelegenen Restwasserstrecke zu finden waren, ist jetzt eine hohe Habitatdiversität gegeben, die auch Arten mit unterschiedlichen und hohen Ansprüchen beherbergen kann.
Stellvertretend wird hier die Nase als Leitart mit hohen Ansprüchen an Laich-und Juvenilhabitat detaillierter behandelt (Abb. 4). Während im Jahr 2014 ein überalterter Bestand mit hauptsächlich sehr großen Individuen und geringem Jungfischaufkommen beobachtet wurde, änderte sich die Längenfrequenz im Jahr 2016 deutlich. Bei gleichem Aufwand wurde nicht nur die 10-fache Menge an Fischen gefangen, sondern auch ein sehr hohes Jungfischaufkommen festgestellt. 2017, nach der Öffnung des Kontinuums zur Donau, konnten zwar weniger Fische, aber dennoch alle Altersklassen gefangen und sowohl ein gesunder Bestand an Adulten als auch eine gute Reproduktion beobachtet werden. Bestehende Defizite lassen sich trotz Zunahme bei der Anzahl der ein- und zweijährigen Fische erkennen, wobei die möglichen Ursachen unter anderem in der Prädation durch fischfressende Vögel und einer natürlichen Abwanderung in die Donau bzw. einer Kombination aus beiden Faktoren zu finden sein können.
Das Artenspektrum nahm in den 4 Untersuchungsjahren von 20 auf 33 Arten um 61 % zu (Abb. 5). So konnten inzwischen alle Leitarten und 11 von 13 Begleitarten nachgewiesen werden. Besonders erfreulich sind dabei die Nachweise seltener Arten wie dem Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) oder der Karausche (Carassius carassius). Auch der stark gefährdete Frauennerfling (Rutilus virgo) konnte erstmals nach beinahe zehn Jahren im System nachgewiesen werden und wird seit 2014 jährlich beobachtet. Ein weiterer Anstieg der Artenzahl konnte von 2016 auf 2017 verzeichnet werden. Dies korreliert unmittelbar mit der Fertigstellung des dritten Bauabschnittes und dem wieder offenen Kontinuum zur Donau, wodurch donautypische Faunenelemente wie der Zingel (Zingel zingel) oder Streber (Zingel streber) (Abb. 6) erstmals in der Traisen nachgewiesen werden konnten.
In Summe kam es in den Jahren 2014 bis 2017 zu einer Erhöhung der Artenzahl, einer Verbesserung der Populationsstrukturen durch erhöhte Reproduktionsraten und einer damit verbundenen Erhöhung der Individuendichte. Die Bewertung anhand des Fish Index Austria bildet diese Veränderungen in einer Verbesserung des fischökologischen Zustandes von „mäßig“ (Zustandsklasse 3) im Jahr 2014 in den guten Zustand (Zustandsklasse 2) im Jahr 2017 ab.

3.2 Jungfischkartierung

Die Jungfischkartierung bestätigt die Zunahme der Artenzahlen und Abundanzen. Gleichzeitig kann ein direkter Vergleich zur Restwasserstrecke gezogen werden. Dabei übertrifft das Jungfischaufkommen in den neuen Bauabschnitten bereits im ersten bzw. zweiten Jahr alle Erwartungen, obwohl in der Restwasserstrecke deutlich mehr Laichgeschehen beobachtet werden konnte. In der Restwasserstrecke sind die Artenzahlen und, abgesehen von 2017, auch die Individuendichten deutlich geringer. Zwischen den Befischungen im August und September ist in allen Abschnitten ein Rückgang der Jungfischdichten zu beobachten, dieser fällt jedoch in der Restwasserstrecke deutlich dramatischer aus als im neuen Traisenlauf. Gründe dafür können die natürliche Abdrift und Habitatwechsel bzw. Prädation durch fehlende Deckung in der Restwasserstrecke sein. In der neuen Strecke finden die Jungfische durch die erhöhte Lebensraumvielfalt und eingebrachte Totholzstrukturen deutlich mehr Deckung vor Fressfeinden und sind somit auch für abdriftende Fische aus der Restwasserstrecke hochattraktiv. In Summe kann von hohen Ausstrahlungseffekten in beide Richtungen gesprochen werden (Abb. 7).
Auffällig sind auch die extrem hohen Jungfischdichten mit bis zu 200.000 Individuen/500 m2 im Jahr 2017. Neben dem großen Anteil von Barben, Nasen, Aiteln und Lauben (Alburnus alburnus) ist dabei besonders der beträchtliche Anteil von juvenilen Rußnasen (Vimba vimba) hervorzuheben, ein weiteres Indiz für einen unmittelbaren Zuzug aus der Donau nach vollständiger Öffnung des Kontinuums. Eine weitere Besonderheit sind mehrere hundert Individuen von 0+ Karpfen (Cyprinus carpio), welche 2015 und 2016 in den Bauabschnitten 1 und 2 gefangen werden konnten (Abb. 8). Die natürliche Reproduktion bzw. ein Aufkommen von Jungfischen des Karpfens ist in Fließgewässern in Mitteleuropa in der Regel nur vereinzelt zu beobachten. Fänge von juvenilen Fischen bei fischökologischen Untersuchungen sind die Ausnahme. Welche biotischen und abiotischen Faktoren in der Traisen mit der Karpfenreproduktion zusammenspielen, soll unter anderem mithilfe der permanenten Temperaturmessung untersucht werden. Interessant in diesem Zusammenhang ist jedenfalls, dass 2017 kein Nachweis erbracht werden konnte.

3.3 Laichplatzkartierung

Die bisherigen Kartierungen zeigten, dass der Schwerpunkt der Laichaktivitäten aktuell in der drei Kilometer langen Restwasserstrecke flussauf des neuen Abschnittes liegt. So konnten 2016 über 1000 Barben beim Laichgeschehen auf fünf Laichplätzen beobachtet werden. Auch mehrere Nasenlaichplätze mit einigen hundert Individuen wurden dokumentiert. Im neuen Bauabschnitt 1 konnten in den oberen Furten rund hundert laichende Barben kartiert werden. Im unteren Bereich des Bauabschnittes 1 sowie im Bauabschnitt 2 konnten bisher weder laichende Barben noch Nasen ausgemacht werden.

3.4 Temperatur

Die Auswertung der Temperaturdaten in den verschiedenen Abschnitten wird herangezogen, um autoökologische Fragestellungen genauer untersuchen zu können, welche sich im Laufe des Projektes eröffnen (Abb. 9). Dabei werden die Daten sowohl mit den Laichplatzkartierungen und Befischungen verglichen, als auch als Indikator für Besatzversuche verwendet. Beispielsweise setzte 2016 die Reproduktionszeit von Nase, Barbe und Aitel mit dem Nachweis der Laichwanderung bei einer mittleren Tagestemperatur von rund 12 °C ein. Die ersten laichenden Nasen wurden bei mittleren Tagestemperaturen von 12,5 °C beobachtet. Das Laichgeschehen der Barbe konnte das erste Mal beobachtet werden, als die mittlere Tagestemperatur der Restwasserstrecke 14 °C überschritt.

4 Diskussion

Die Ergebnisse aus den ersten Jahren zeigen eine erfolgreiche Besiedelung des neuen Laufs, sowohl hinsichtlich des Artenspektrums als auch der Individuenzahlen. Obwohl die Artenzahlen aller Lebensraumgemeinschaften zunehmen, kommt es gleichzeitig im Artengefüge zu einer Verschiebung von der Dominanz eurytoper, anspruchsloserer Arten hin zu mehr spezialisierten und rheophilen Arten (Abb. 10).
Frühere Untersuchungen am Marchfeldkanal, einem ebenfalls künstlich geschaffenen Gerinne mit starkem Bezug zur Donaufischfauna, zeigten trotz gänzlich anderer Zielsetzung und dementsprechender morphologischer Gestaltung eine vergleichbar schnelle Besiedelung durch eine Vielzahl von Arten und Individuen. In der 20-jährigen Untersuchungsphase blieben die Verhältnisse relativ stabil. Während einzelne Arten zwar wieder verschwanden, kam es ebenfalls zu einer Diversifizierung weg von einer stark eurytopen Fischfauna hin zu einem erhöhten Anteil spezialisierter Faunenelemente (Ernegger et al. 1998; Frangez 2003; Friedrich et al. 2014). Ein weiterer Vergleich der fischökologischen und hydrodynamischen Entwicklung der Traisen über einen längeren Zeitraum wird zeigen, inwieweit weiterhin analoge Phänomene beobachtet werden können.
Die bis dato geringe Anzahl an Laichplätzen der Leitarten Barbe und Nase ist einerseits durch das „Homing“-Verhalten der Tiere zu erklären. Mangels geeigneter Habitate im alten Lauf sind zum aktuellen Zeitpunkt die meisten laichwilligen, einwandernden Tiere sehr wahrscheinlich in der Restwasserstrecke geschlüpft. Andererseits ist das Sohlsubstrat in den neuen Bauabschnitten aktuell noch durch hohe Feinsedimentfraktionen bestimmt. Diese verfüllen den Kieslückenraum und bieten keine geeigneten Laichbedingungen. Einzige dahingehende Ausnahme sind die obersten 500 m des ersten Bauabschnittes, in welchen durch eine dynamische Kolk-Furt-Situation Bedingungen vorherrschen, die von den Tieren als Laichplatz angenommen werden. Es ist davon auszugehen, dass in Zukunft mehr Laichgeschehen im neuen Lauf zu beobachten sein wird. Gleichzeitig ist die Entwicklung des neuen Laufes jedoch sehr stark von hydromorphologischen Umlagerungsprozessen abhängig, welche durch das niedrige Gefälle in Bereichen des neuen Laufs und die Abfuhr des Überwassers in den alten Lauf im Hochwasserfall über HQ1 nur eingeschränkt möglich sind. Nichtsdestotrotz ist schon jetzt das Zusammenspiel zwischen der Restwasserstrecke als Laichhabitat und dem neuen Lauf als Juvenil- und Adulthabitat äußerst vielversprechend für die weitere Entwicklung der Fischbiozönose in der unteren Traisen und bietet hohes Potenzial für Ausstreuungseffekte in die Donau.
Die Dokumentation eines derartigen Revitalisierungsprojektes, welches in seiner Größe seinesgleichen sucht, bietet unschätzbare Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln und sowohl Grundlagen- als auch angewandte Forschungsfragen zu untersuchen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sind eine wertvolle Grundlage für die Konzeption zukünftiger Revitalisierungsprojekte und zeigen schon jetzt, dass die Umsetzung großflächiger Maßnahmen, mit der damit oftmals verbundenen Möglichkeit für erhöhte natürliche Dynamik, vielen kleinen „Insel“-Projekten in der Regel vorzuziehen ist. Dies insbesondere in Hinblick auf die äußerst diversen Lebensraumansprüche der artenreichen Ichthyofauna mittlerer und großer Alpenflüsse wie der Traisen im Mündungsbereich der Donau. Ein Vergleich von Revitalisierungsprojekten an der Donau belegte auch, dass die Größe der Revitalisierungsmaßnahme mit dem nachweisbaren Erfolg der Sanierung zusammenhängt (Schmutz et al. 2014).

5 Wiederansiedelung Huchen

Im Jahr 2016 wurde ein Forschungsprojekt, finanziert von BMNT, VERBUND, Land NÖ – Abteilung Wasser und NÖ-Landesfischereiverband, ins Leben gerufen, welches komplementär zum LIFE+ Projekt bis 2023 das Ziel hat, eine Population des Huchens (Hucho hucho) im neuen Traisenabschnitt zu etablieren. In der Traisen liegt aktuell lediglich ein kleiner, auf einzelnen Individuen im Mittellauf basierender Restbestand des Huchens vor. Die Bestandsdichte wird derzeit aber keinesfalls dem Status als wichtige Begleitart der Unteren Traisen gerecht. Im Rahmen des Forschungsprojekts soll die Einbringung von Eiern in sogenannte Artificial Nests dem Besatz von Jungfischen gegenübergestellt werden. Vorab wurden geeignete Standorte für die künstlichen Nester und die Jungfische im neuen Traisenlauf und der flussaufwärtigen Restwasserstrecke identifiziert. Zur Etablierung einer Gründerpopulation werden folgende Maßnahmen durchgeführt:
  • Initiierung eines Huchenbestandes durch Ei- und Jungfischbesatz von genetisch geeigneten Muttertieren aus der nächstgelegenen Spenderpopulation in der Pielach.
  • Untersuchung der Habitatwahl der Jungfische, der Wanderbewegungen sowie des „Homing-Verhaltens“.
  • Vergleich des Besatzerfolges mit Eiern bzw. Jungfischen anhand genetischer Marker („Mutterschaftstest“) bei Wiederfängen, um Strategien für die langfristige Etablierung von Huchenpopulationen in der Traisen und auch in anderen Gewässern zu entwickeln.
Um das LIFE+ Projekt zu ergänzen und Synergien bestmöglich zu nutzen, werden durch das Monitoring des Huchenprojekts zusätzliche Untersuchungen, sowohl im Umfang als auch hinsichtlich des Zeithorizontes durchgeführt.

Danksagung

Das Monitoring wurde von der Verbund Hydro Power GmbH im Rahmen des LIFE+ Projekts „Lebensraum im Mündungsabschnitt des Flusses Traisen“ beauftragt. Das LIFE-Projekt wird von der Europäischen Union mit Mitteln der LIFE+ Förderung sowie vom VERBUND, dem BMNT, dem Niederösterreichischen Fischereiverband, dem Landschaftsfonds Niederösterreich, der via donau und der Bundeswasserbauverwaltung NÖ finanziert. Wir bedanken uns für die konstruktive Zusammenarbeit. Besonderer Dank gilt auch den vielen studentischen HelferInnen, welche die Freilandarbeiten unterstützen.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (http://​creativecommons.​org/​licenses/​by/​4.​0/​deed.​de) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.

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