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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

1. Einleitung

Wenn später einmal eine Soziologie sich fragen wird, was wohl die ungeheuerste geschichtliche Veränderung der äußeren Einfügung des Menschen in das Leben gewesen ist, diejenige, die alle seine Lebensinhalte am tiefsten umgewälzt hat, so wird sie sicher stets von neuem den Vorgang zeichnen, der von diesem Zustand hinübergeführt hat zum heutigen, von dem „gewachse-nen“ Zustand aller Lebensformen in den rationaler Organisiertheit - den Vorgang, der die eigentliche gesell-schaftliche Revolution des neunzehnten Jahrhunderts darstellt (Alfred Weber 1979/1910, S. 33).
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

Die Organisation der Gesellschaft

I.. Zum Verhältnis von Organisation und Gesellschaft

Die Organisationstheorie beschäftigt sich in der Regel mit der Frage, wie „die Gesellschaft“ auf die Organisationen „wirkt“, wie Strukturen von Organisationen ihrer relevanten gesellschaftlichen Umgebung angepasst sein müssen. Üblicherweise wird dabei die Perspektive der Organisatoren übernommen. Im Mittelpunkt steht das Problem, in welcher Weise die Organisation von der „Gesellschaft“ abhängt, wie sie durch diese bestimmt wird und wie eine Organisation auf die so verstandene Gesellschaft einwirken kann. Diese traditionelle, eher managementorientierte Organisationsforschung verwendet typischerweise die Kausalitätsfigur, urn zu versuchen, Organisationstechnologien zu entwickeln, die sich dieses Kausalitätsschemas, nun technologisch gewendet, bedienen (A ist die Ursache von B, also soll A B bewirken). Für diese Konzeption ist Gesellschaft Umwelt der Organisation.
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

II.. Organisation als gesellschaftliches Konstrukt

Das Wort „Organisation“ finden wir im alltäglichen Sprachgebrauch in unterschiedlichen Bedeutungsvarianten. So wird „Organisation“ in einer Variante als substantiviertes Verb im Sinne von „das Organisieren“ verwendet und meint die „Herstellung von geordneten Abläufen“, also von Ordnung. In einer zweiten Variante meint „Organisation“ das, was als Ergebnis des Organisierens erzeugt worden ist, eine Einheit mit einer mehr oder weniger festen Struktur, ein Organisat, ein Gebilde, das sich von anderen unterscheiden lässt, also z. B. die „Universitat Wuppertal“. Damit ist nicht eine Eigenschaft eines Gebildes gemeint, sondern das Gebilde selbst; nicht: die Universitat hat eine Organisation, sondern sie ist eine Organisation. Schließlich finden wir den Organisationsbegriff auch in der Weise verwendet, dass er nicht eine Struktur oder einen Prozess meint, sondern ein Kollektiv von Personen. Eine solche Verwendung findet man dann, wenn Mitglieder einer Organisation die Wir-Form verwenden, urn z. B. appellativ zu formulieren: „Wir müssen uns in Zukunft mehr anstrengen“ oder um sich von anderen abzugrenzen: „Wir von der Uni A haben doch nun wirklich bessere Leistungen vorzuweisen als die von der Uni B“. Sehen wir uns einmal einen älteren Text im Hinblick auf den Organisationsbegriff an! Auch dort finden wir die drei Bedeutungsvarianten von „Organisation“:
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

III.. Nicht-organisationale Folgen gesellschaftlicher Organisation

Das Verhältnis von Organisation und Gesellschaft lässt sich nicht erschöpfend durch die Exploration der drei Organisationsdimensionen erfassen. Wenn in diesem Buch immer wieder von einer „wesentlichen“ Bedeutung der Organisationen für die Gesellschaft die Rede ist, so sind damit auch organisationsübergreifende nicht-organisationale Funktionen und Folgen organisationalen Operierens gemeint. Im Folgenden wollen wir diesen Aspekt etwas konkretisieren.
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

Take-off der Organisierung: Gesellschaftliche Ordnungskonzepte von der frühen Neuzeit bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts

I.. Überblick

In Alltagsdiskursen ebenso wie in der wissenschaftlichen Literatur dominiert ein Bild des Mittelalters, das zwischen zwei Extremen schwankt. Auf der einen Seite findet sich die romantisierende und idealisierende Vorstellung einer Epoche, in der die Welt noch „in Ordnung“ gewesen sei. Dieser Interpretationslinie zufolge zeichnete sich das Mittelalter durch die Verbindlichkeit moralischer und politischer Normen aus. Die Religion sei — anders als in dem heute vorherrschenden Wertepluralismus — die bestimmende Kraft der Weltdeutung und Sinngebung gewesen. Demnach begriffen sich die Menschen ebenso als Teil der Natur wie sie die weltlichen Autoritäten als natürlich und gottgewollt akzeptierten. Auf der anderen Seite steht das Bild des Mittelalters als eines chaotischen, fried- und gesetzlosen Zeitalters, dessen „Unordnung“ wir glücklicherweise hinter uns gelassen haben. Moderne Aufklärung und rationale Wissenschaft, aber auch die Konzentration physischen Zwangs in Form des neuzeitlichen Staates hätten dafür gesorgt, dass die Willkür und Irrationalität traditionaler Weltbilder sowie die Fragmentierung von Herrschaftsformen der Vergangenheit angehören.
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

II.. Konstitution und Konturen des modernen Rationalitätsdispositivs

Im Zentrum der mittelalterlichen Ordnungskonzeption steht das christlich geprägte klassische Naturrecht, das stoisch-aristotelische Vorstellungen aufnimmt und neu artikuliert. Demnach ist die physische ebenso wie die politische Welt das Werk eines Schöpfergottes und Teil eines theologischkosmologischen Kontinuums, das sich von Gott über die Menschen bis hin zur tierischen und pflanzlichen Natur erstreckt. In dieser Konzeption ist kein Raum für einen eigenständigen Bereich oder eine spezifische Gesetzmaßigkeit des Politischen, die politische Regierung ist vielmehr integraler Bestandteil einer umfassenderen göttlichen Schöpfungsordnung — ohne konzeptionell oder praktisch autonom zu sein. Im Mittelalter verweist das positive Recht immer auf das Postulat einer es übergreifenden und erst legitimierenden Gerechtigkeit, und die natürlichen Gesetze sind der konkreten politischen Verfassung grundsätzlich vorgeordnet (vgl. Sonntag 1999, S. 154 ff.). Das moderne Naturrecht bricht mit der antiken und mittelalterlichen politischen Theorie und führt eine Reihe von strategischen Umkehrungen ein. Diese lassen sich anhand der Differenzen zwischen den politischethischen Prinzipien von Aristoteles und Thomas von Aquin auf der einen und von Thomas Hobbes auf der anderen Seite illustrieren.
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

III.. Vom Personenverband zur Polizey: Die Entstehung des frühneuzeitlichen Staates

Die Deklaration einer „epistemischen Souveränität“ (Rouse 1994, S. 103) in der Erkenntnis der Natur ist nicht zu trennen von dem Projekt der Konstitution der modernen politischen Souveränität. Die „Monopolisierung der legitimen Gewalt“ in Form des frühneuzeitlichen Staates markiert einen entscheidenden Bruch mit traditionellen Herrschaftskonzepten. Im Mittelalter gab es keine politischen Institutionen im Sinne personenunabhängiger Körperschaften; die Zeitgenossen verstanden unter „Staat“ vielmehr einen Herrschaftsverband, der sich durch ein Netzwerk von Abhängigkeiten und Verpflichtungen zwischen Herren und Gefolgschaft auszeichnete. Die herrschaftliche Gewalt wurde direkt von Menschen über Menschen ausgeübt, sie erstreckte sich von der Haus- und Grundwirtschaft bis hin zum Königtum und war daher weder zentralisiert noch räumlich gebunden. Entscheidende Bedeutung kam den Personenverbänden wie Stand oder Familie zu, in die man hineingeboren wurde, während das territoriale Prinzip oder die souveräne Konzentration von Herrschaftsrechten unbekannt war. Es war daher möglich, dass ein und dieselbe Person von verschiedenen Herren in unterschiedlicher Weise abhängig war; ebenso konnten in demselben Raum etwa Grand- und Gerichtsherrschaft, Dienst- und Abgabepflichten auseinander fallen.
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

IV.. Gehorsam und Glaube: Die Geburt des modernen Subjekts

Die in den Schriften der Theoretiker der „Polizey“ programmatisch geforderte Unter-Ordnung des Lebenswandels der Einzelnen bestimmt die politische Praxis des frühneuzeitlichen Staates und hat entscheidenden Anteil an der „Geburt des modernen Subjekts“ - als Untertan (Subjekt stammt vom lateinischen subjectum und bedeutet „das Daruntergeworfene“ bzw. „das darunter Liegende“, vgl. Hoffmeister 1955, S. 585). Die Freiheit des souveranen Subjekts meint zunachst einmal dessen Freisetzung aus ständischen Rechten und traditionellen Solidaritaten; sie findet ihre materielle Grundlage in der Souveränität des modernen Staates: Untertanen sind «Individuen» wo ihr Verhältnis zum weltlichen Herrscher durch die Besonderheiten von Rang und Standbestimmt sind. Waren bis dahin nur vor dem Jüngsten Gericht alle gleich, sind sie es nun vor dm Gerichtshof des Königs. Anders als in der glorreichen Geschichte des «sich selbst entdeckenden Individuums» entpringt dieser Beitrag zur Genese moderner Individualität keiner Erhöhung des Individuums, sondern einer Reduzierung auf die individuelle Person. Die Herren wie Genossen entrechtende Homogenisierung zum Untertan bringt eine nicht mehr aus Solidargemeinschaften, sondern Individuen zusammengesetzte Gesellschaft in Sicht, die sich zunächst innerhalb einer auf den Souverän zentrierten Sphäre des Staates herausbildet (Sonntag 1999, S. 113, Hervorheb. im Orig.).
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

V.. Vom Oikos zur Ökonomie: Die Formierung der Wirtschaftsgesellschaft

Die entscheidende epistemologische Voraussetzung der Sozialdisziplinierung ist die Vorstellung einer spezifischen und fragilen Parallelitat zwischen der äußeren Verfassung des Gemeinwesens und der „inneren Verfassung“ des Individuums. Das Aufkommen pädagogischer, korrigierender und disziplinierender Maßnahmen sowie spezialisierter Institutionen verdankt sich dem Bild einer zwar nicht guten, aber doch veränderbaren, formbaren und damit verbesserbaren Natur des Menschen. Menschliche Eigenschaften, Fähigkeiten und Tugenden sind nicht vorgegeben und angeboren, sondern in einem prinzipiell offenen Prozess erst zu entwerfen und zu „modellieren“. Anders als nach der mittelalterlichen Weltsicht hat Erziehung nicht nur etwas zu wecken, das von Gott verliehen und in der Natur ohnehin angelegt ist; vielmehr muss sie in die Menschen etwas hineinlegen, was dort nicht vorhanden ist. Bezeichneten „Gewohnheiten“ bisher etwas, das mit kollektiven Traditionen und ursprünglichen Rechten eng verbunden war, so werden sie nun zu einem individuellen Merkmal und zu einem der Zukunft zugewandten Projekt der Wiederholung und Verbesserung. Es ist ihre Aufgabe, die vorhandenen Anlagen und Begierden der Einzelnen durch die Ausbildung einer „zweiten Natur“ zu korrigieren und zu optitnieren (vgl. Sonntag 1999, S. 127 ff.). Die Theorie der Gewohnheit, die der äußerst einflussreiche Pädagoge Johannes Ludovicus Vives in Libri de disciplinis (1531) entwickelt, zielt auf die Korrektur einer Fehlentwicklung, die als Tendenz bereits in der Natur des Menschen angelegt ist: Da nun aber der menschliche Geist durch die Leidenschaften der Seele zum Bösen gedrängt wird, so muß jede derartige unbewußte Regung durch Tadel, geißelnde Worte und, wenn’s not thut, auch durch Schläge unterdrückt werden, damit nach der Art der Tiere den der Scmerz zum Rechten zurückbringt, bei dem es die Vernunft nicht vermag (zit. nach Dreßen 1982, S. 33, S. 33 ff.).
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

VI.. Zucht und Zwang: Die Einrichtung der ersten Arbeitshäuser und die Erziehung zur „Industriösität“

Wenn wir in der Einleitung „Organisation“ als ein zentrales Charakteristikum moderner Herrschaft bezeichnet haben, so kann jetzt diese These konkretisiert werden. Die Konstitution des frühneuzeitlichen Staates und die Formierung einer kapitalistischen Ökonomie erfordern eine spezifische Trennungs- und Konzentrationspraxis, die Max Weber im Anschluss an Karl Marx herausgearbeitet hat. Die Monopolisierung der politischen Gewalt und die Akkumulation des ökonomischen Kapitals werden begleitet von einer Vielzahl von Enteignungs- und Abstraktionsprozessen: Wie die relative Selbsthdigkeit des Handwerkers oder Hausindustriellen, des grundherrlichen Bauern, des Kommendatars, des Ritters und Vasden darauf beruhte, daß er selbst Eigentiimer der Werkzeuge, der Vorrate, der Geldmittel, der WafTen war, mit deren Hilfe er seiner okonomischen, politischen, militiirischen Funktion nachgmg und von denen er wahrend deren Ableistung lebte, so beruht die hierarchische Abhhgigkeit des Arbeiters, Kornmis, technischen Angestellten, akademischen Institutsassistenten und des staatlichen Beamten und Soldaten ganz gleichmäßig darauf, daß jene für den Betrieb und die ökonomische Existenz unentbehrlichen Werkzeuge, Vorrate und Geldmittel in der Verfugungsgewalt, im einen Fall: des Unternehmers, im anderen: des politischen Hem konzentriert sind. [...] Diese entscheidende okonomische Grundlage: die bhevslaTrennungbhevsra des Arbeiters von den sachlichen Betriebsmitteln: den Produktionsmitteln in der Wirtschaft, den Kriegsmitteln im Heer, den sachlichen Verwaltungsmitteln in der offentlichen Verwaltung, den Forschungsmitteln im Universitatsinstitut und Laboratorium, den Geldmitteln bei ihnen den, ist dem modernen macht- und kulturpolitischen und mitlitiirischen Staatsbetrieb und der kapitalistischen Privatwirtschaft als entscheidende Grundlage gemeinsam (Weber 1971, S. 321 f., Hervorheb. im Orig.; Weber 1985, S. 77 ff.; vgl. auch Marx 1979a, S. 741 ff.).
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

VII.. Zwischen Assoziation und Korporation: Vereine als Proto-Organisationen

Traditionell wird in Organisationssoziologie und -geschichte zwischen Korporation und Assoziation, Zwangs- und Freiwilligenverband unterschieden. Dabei handelt es sich nicht um eine universell gültige, sondern um eine historische Polarisierung, die erst in den Kämpfen und Auseinandersetzungen um die Gestalt der modernen Gesellschaft und die Rolle „korporativer Akteure“ (Coleman 1986) Bedeutung erlangt. Die Unterscheidung von Korporation und Assoziation gewinnt ihre Konturen vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen aufklärerisch-liberalen und konservativ-stän-dischen Konzepten in der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jhs: Diente für Denis Diderot ebenso wie für Adam Smith „Korporation“ als Kampfbegriff, um gegen die Rückständigkeit und Unfreiheit der Zünfte zu polemisieren, so bezogen sich umgekehrt Traditionalisten und politische Romantiker wie Julius Stahl und Adam Müller auf das Gegensatzpaar, um gegen die Assoziation Partei zu ergreifen, da diese — anders als die Korporation — keinen übergreifenden Lebensverband darstelle, sondern nur partikulare Interessen reprasentiere (Hardtwig 1997, S. 11 ff., 363 ff.).
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

Die Durchsetzung der Organisierung: Das 19. Jahrhundert

I.. Überblick

Im Laufe des 19. Jhs kristallisieren sich aus einer Formenvielfalt schließlich Konzept und Praxis der modernen Organisation, wie wir sie heute kennen, heraus. Organisierter Anstaltsstaat, kapitalistische Unternehmung sowie organisierte Willensbildung und Interessenvertretung sind dabei die herausragenden Felder der Etablierung der Organisationsform. Mit der Modernisierung der Gesellschaft vollzieht sich auch eine Modernisierung von Herrschaft. Dies geschieht im Wesentlichen durch die Form der Organisation, der sich vor allem das Bürgertum bedient. Initiiert durch das Gedankengut der Aufklärung, die politischen Imperative der Französischen Revolution, den Schub an technologischer Innovation und dem Drang der kapitalistischen Produktionsweise nach Entgrenzung setzt in nahezu alien gesellschaftlichen Bereichen eine von den Motti der Rationalität und der Reorganisation getragene Re- bzw. Neustrukturierung ein. Ließ der Absolutismus die gesellschaftlichen Grundstrukturen der stratifikatorischen Ständeordnung noch weitgehend unberührt und bezieht sich die Organisierung dort noch auf relativ wenige Bereiche, so strukturiert die Organisationsentwicklung im 19. Jh. die gesamte Gesellschaft komplett um.
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

II.. Die Entwicklung bis 1848

Organisation, ist nichts anderes, als die Erzeugung der organischen Cörper: Siehe Organismus [...]. Organismus, ist nichts anderes, als die Einrichtung der Theile eines organischen Cörpers. Er ist wenig oder gar nicht von dem Mechanismo unterschieden, vielweniger kann er, wie von einigen geschieht, dem Mechanismo entgegengesetzt werden [...] (Zedler 1740/1961, 25. Band, Spalte 1867-1868).
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

III.. Von 1848 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs

In der zweiten Jahrhunderthälfte verliert der Organismusbegriff seine zentrale Stellung innerhalb der staatstheoretischen und politischen Diskussion in Deutschland. Seit dem Beginn der 1860er Jahre wird er verallgemeinert und findet zunehmend auch jenseits der staatlich-politischen Sphäre Verwendung. Beliebige soziale Handlungseinheiten, die sich durch eine Wechselbeziehung zwischen ihren Elementen und ein inneres Ordnungsprinzip auszeichnen, werden als „Organismen“ bestimmt. Der Begriff kennzeichnet nicht nur Eigenschaften von Polizei, Gerichtsbarkeit und Behörden, sondern sein Einsatzfeld wird u. a. auf Familien, Völker und Volkswirtschaften ausgedehnt. Durch diese Erweiterung des Bedeutungsfeldes verliert der Organismusbegriff jedoch zugleich sein politisch-programmatisches Profil und wird auf klassifikatorisch-beschreibende Aufgaben reduziert. Die in der Romantik und dem Vormärz immer wieder aktualisierte Abwehrstellung gegen den Organisationsbegriff wird damit immer unklarer (Böckenforde/Dohrn-van Rossum 1978, S. 608 ff.).
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

IV.. Fazit

Die Absonderung, Auffächerung und Verfestigung von Interessen, Vereinszwecken und Organisationsformen war [..] in ganz entscheidendem Maße Konsequenz des sozialen Schichtungsprozesses, in dessen Folge sich die Gesellschaft zunehmend nach dem Kriterium der Klassenzugehörigkeit zu ordnen begann [...]. Die dieser Entwicklung zugrundeliegende Entbindung kollektiver Interessen vollzog sich und bestimmte die Vereinsgeschichte in zwei Stufen: Zunächst in einem globalen Sinn, als Entbindung gesellschaftlicher Interessen vom Staat überhaupt und insofern als Ausdruck neugewonnener individueller Selbstbewußtheit und des Willens zur Selbstbestimmung, zweitens aber, historisch nachgeordnet und eng mit der Industriellen Revolution verknüpft, als Sonderung sehr spezifischer berufs- und klassenbezogener und darin zunehmend konträrer Interessen voneinander. [...] Das Vereinswesen in bestimmter Gliederung war nicht nur Konsequenz sozialer Veränderungen durch den aufkommenden Industriekapitalismus, sondern auch und besonders dessen wesentlichste Organisationsform.[...] Nur in der Gesamtschau konnte deutlich werden, wie sehr sich die Vereinsidee zwischen Revolution und Reichsgründung zu einem Strukturprinzip der bürgerlichen Gesellschaft auffächerte. Das hieß unter anderem, daß Herrschaftsbeziehungen und andere Formen sozialer Interaktion, soweit sie die gewohnten familiären, nachbarlichen und kirchengemeindlichen Bindungen und Beziehungen überschritten, mehr und mehr in Vereinen, zwischen Vereinen und zwischen Staat und Vereinen organisiert wurden.[...] Wir übertreiben gewiß nicht, wenn wir im Verein das wesentlichste Instrument einer schrittweisen, oft gar - schleichenden Reorganisation der Gesellschaft sehen [...].
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

Das Zwanzigste Jahrhundert

I.. Überblick

Im Verlauf des 20. Jhs werden formale Organisationen zu einem festen Bestandteil zunehmend globalisierter Gesellschaften. Organisation gehört fortan zum notwendigen Inventar jedes Nationalstaates, der als „modern“ gelten möchte. Mit der fortschreitenden Etablierung und Ausweitung dieser gesellschaftlichen Form ist der Entwicklungsprozess in dieser Zeit aber keinesfalls hinreichend beschrieben. Dieser Prozess vollzieht sich nicht ohne Begleitung kritischer Diskurse, die zum Teil zu Revisionen jeweils herrschender Organisationsparadigmen führen. Von besonderer Relevanz für diese Epoche sind die Formen der staatlichen und privaten Organisationsregime und ihr Verhältnis zueinander. Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich für das 20. Jh. seit dem Ersten Weltkrieg insgesamt drei Teilepochen unterscheiden: (1) Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In dieser Periode tritt Organisation als Instrument zur Beherrschung makro- wie mikrogesellschaftlicher Prozesse am unmittelbarsten hervor. In einigen Liindern usurpiert eine Partei den Staatsapparat und etabliert eine repressivgewaltförmige Organisationsstruktur, durch die der Nationalstaat als Organisation gesteuert werden sol1 (in der Sowjetunion und spater in anderen bhevslarealsozialistischenebhevsra Landern, in den faschistischen und autoritiiren Regimen in Deutschland, Italien und Spanien). Auch in den liberal-demokratischen Liindern versteht sich der Staat explizit als Organisator vor allem der Okonomie.
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

II.. Die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

In der hier betrachteten Periode bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges setzt sich ein zentralistisches und imperialistisches Organisationsparadigma durch, das eine unmittelbare Machbarkeit und umfassende Planbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse unterstellt. Immer größere Bedeutung kommt dabei Organisationslehren, also wissenschaftlichen Reflexionen des Organisationsphänomens zu, die mit ihrer Systematisierungs- und Differenzierungsarbeit durchaus pragmatische Absichten verfolgen (vgl. z. B. Pfordten 1917; Plenge 1919; Nicklisch 1920; Erdmann 1921). In alien europäischen Ländern (einschl. der Sowjetunion) und in den USA (vor allem im Rahmen des sog. „New Deal“ 1933-39) findet eine Ausdehnung und Intensivierung staatlicher Herrschaft statt. Die Staatsapparate verbinden sich in unterschiedlicher Weise mit den „privaten“ Organisationsregimen des Kapitals, den Verbänden und Parteien zu einem erheblich erweiterten Regulationsstaat, dem „integralen Staat“ (Gramsci). Ein weiteres Kennzeichen der Epoche ist die Entstehung eines arbeitspolitischen Dispositivs in diesen Ländern. Dabei wird die aus der sozialistischen Tradition stammende Arbeitsorientierung übernommen und ein komplexer Arbeitskult mit starker nationalistischer Ausprägung propagiert, dessen ideologische Funktion sich bis in die bildende Kunst nachweisen lässt (vgl. Türk 2000a). Das ehemals frühsozialistische Motto von der „Organisation der Arbeit“ wird nun zum Schlachtruf eines nationalstaatlich-militanten Produktivismus, der — wie zuvor schon im Merkantilismus, nun allerdings in radikalisierter Form — die Bevölkerung als ökonomisch-produktiven Körper und als militärisch einsetzbares Menschenmaterial begreift.
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

III.. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte sich die Organisationsform im Hinblick auf die Aneignung gesellschaftlich wesentlicher Entscheidungsfelder nochmals ausdehnen. Es sind vor allem folgende Prozesse festzustellen:
  • Zunahrne der organisationsfonnigen (lohnabhangigen) Erwerbsarbeit bis zu ihrem fast maximalen Ausschöpfgspunkt (ca. 90%, vgl. Statistisches Bundesamt 2001); damit strebt der Anteil der erwerbsfdrmigen Eigenarbeit, der nicht fremder Leitung untersteht, gegen ein historisches Minimum;
  • erhebliches Wachstum des staatlich organisierten Regierungs- und Verwaltungsapparates einschlielßlich der organisierten Sozialadministration (etwa uber die HalRe des Bruttosozialproduktes wird heute in Deutschland von staatlichen Organisationen entschieden);
  • immer noch (sogar progressiv) zunehmende Kapitalkonzentration bei wachsender Bedeutung netzwerkartiger Organisationsformen und transnationaler Konzerne;
  • Ausbau und Konzentrationstendenzen im politischen Verbiindewesen; im Unterschied zu den vorausgegangenen hundert Jahren haben milieugebundene Organisationsregime an Bedeutung verloren, die Verbande sind zweckspezifischer geworden und variabler in ihrer Mitgliederstruktur; damit schwindet zugleich die traditionelle enge kulturell-mentalitatsmarjige Bindung der Mitglieder an bhevslaihrebhevsra Organisation;
  • drastische Zunahme international operierender Organisationen: von gut 200 im Jahre 1909 uber ca. 6.500 1976 auf uber 50.000 heute, vorrangig handelt es sich um sog. bhevslaNicht-Regierungsorganisationenbhevsra (bhevslanon governmental organizationsbhevsra, NGOs), die vor allem eine grorje Definitionsmacht beziiglich (teils globaler) gesellschaRlicher Probleme besitzen und als Medien einer organisierten Beobachtung der Welt fungieren (wir kommen daraufnoch zuriick);
  • erhebliches Anwachsen der organisierten Kriminalitat, erleichtert durch Prozesse der bhevslaGlobalisierungbhevsra (Wegfall von Grenzkontrollen, Internationalisierung auch des illegalen Handels und Warenverkehrs, Informatisierung); diese organisierte Kriminalitat umfasst Kriminalitat in legalen Organisationen (sog. bhevslawhite-collar-Kriminalitatbhevsra) sowie die illegaler Organisationen, z. B.
Klaus Türk, Thomas Lemke, Michael Bruch

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