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20.03.2019 | Organisationsentwicklung | Interview | Onlineartikel

"In Unternehmen gibt es kaum Wissen darüber, wie Glück funktioniert"

Autor:
Andrea Amerland
3:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Dr. Ricarda Rehwaldt

Ricarda Rehwaldt forscht zum Thema Glück und Arbeit. Zudem begleitet sie Unternehmen als systemischer Coach und Berater.

Davon, dass am 20. März Weltglückstag ist, bekommen Beschäftigte wenig mit. Denn für Unternehmen ist das Thema Glück Neuland. Warum sich das ändern sollte, erklärt Expertin Ricarda Rehwaldt im Interview.

Springer Professional: Was ist Glück?

Ricarda Rehwaldt: Glück im Kontext der Arbeit ist zunächst erstmal etwas sehr Neues. Neu ist, dass Glück überhaupt mit Arbeit in Verbindung gebracht wird. Neu ist auch, das sich Mitarbeiter und Unternehmen nicht mehr mit Zufriedenheit zufrieden geben. In meiner Forschung wurde deutlich: Führungskräfte verbinden mit Zufriedenheit Passivität und Ruhe. Zufriedenheit entsteht nach ihrer Meinung durch Gehalt, einen netten Arbeitsplatz und Urlaubstage. Das sind alles extrinsische Motivatoren. Glück hingegen wird mit Aktivität, Energie und innerer Motivation assoziiert. Mit einer Freude an der Aufgabe selbst, mit einem Leuchten für eine Idee. Glück bietet Unternehmen einen echten Mehrwert.

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Sie sagen, Glück ist ein Wettbewerbsfaktor für Unternehmen. Was bewirkt Glück in Unternehmen denn?

Da fragen Sie etwas ganz Wichtiges. Glück in Unternehmen bringt eine ganze Reihe von Nebeneffekten mit sich: Eine hohe intrinsische Motivation für die Aufgabe selbst, eine positive Stimmung unter den Kollegen, eine stärkere emotionale Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen und eine höhere Ausprägung von Kreativität und innovativen Ideen. In der Konsequenz sinkt also die Fluktuation eines Unternehmens, die Wettbewerbsfähigkeit steigt und Reibungsverluste aufgrund von Konflikten gehen zurück. Das sind die entscheidenden Faktoren für Unternehmen, um am Markt zu bestehen. Ein Mitarbeiterwechsel ist teuer. In Branchen wie der IT werden dafür 100.000 Euro pro verlorenem Mitarbeiter kalkuliert.

Was behindert nach ihren Erfahrungen Glück in Unternehmen? Was sind typische Hürden?

Hürden gibt es einige. In meiner Forschung habe ich neun verschiedene identifizieren können. Eine ist unsere Sozialisation. Arbeit wird von Menschen eher mit Anstrengung und Geld verbunden. Bei Kindern kann man beobachten, dass sie Dinge immer dann mit dem Wort 'Arbeit' betiteln, wenn es sich um ungeliebte Tätigkeiten handelt. Mein mittlerer Sohn findet zum Beispiel, dass Tisch decken Arbeit ist. Eine weitere Hürde ist: Wissen. In Unternehmen gibt es derzeit kaum Wissen darüber, wie Glück funktioniert und an welchen Stellschrauben im Unternehmen gedreht werden muss, um Glück zu steigern. 

Welche Faktoren sorgen dafür, dass Mitarbeiter bei der Arbeit so etwas wie Glück empfinden?

Wir wissen, dass Glück im Kontext von Arbeit aus drei Faktoren besteht: Sinnempfinden, Selbstverwirklichung und Gemeinschaft. Sinnempfinden entsteht für Menschen in der Regel dann, wenn sie wissen, warum sie etwas tun, wenn sie das Gefühl haben Teil eines größeren Ganzen zu sein und einen Beitrag zu etwas Bedeutsamen leisten. Wenn Ihnen jemand erzählt: "Ich habe Spaß bei der Arbeit", dann kann dieser Mitarbeiter sich in seinem Beruf verwirklichen. Er kann Ideen einbringen und umsetzen, er kann seine Fähigkeiten und Talente einsetzen und er hat ausreichend Handlungsspielräume, um selbst gestalten zu können. Und dann sind Menschen soziale Wesen. Sie brauchen eine Gemeinschaft, die soziale Interaktion ermöglicht, auf Vertrauen basiert und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet. Denn dann können Sie das Kompetenzerleben weiter ausbauen und teilen.

Was können Führungskräfte aktiv tun, um das Glücksempfinden im Unternehmen zu steigern?

Einfach gesagt: Sie sollten die drei Faktoren des Glücks berücksichtigen. Aber das ist leicht gesagt. Ich würde hier drei Teilschritte empfehlen. Erstens: Sich mit Glück erstmal auseinanderzusetzen, die Forschung verstehen oder sich jemanden ins Haus holen, der hier einen Überblick hat. Zweitens: Analysieren lassen, was im Unternehmen bisher Glück schon unterstützt und was Glück eher behindert. Drittens: Aus diesen Erkenntnissen einen maßgeschneiderten Maßnahmenplan entwickeln, der auf Partizipation setzt und die Mitarbeiter einbindet. 

Wie lässt sich der Erfolg dieser Maßnahmen messen?

Messbarkeit ist ein wichtiger Aspekt – gerade bei so weichen Konstrukten wie Glück. Timo Kortsch von der TU Braunschweig und ich haben deshalb die Happinessandwork-Scale entwickelt, ein Instrument, das es Unternehmen erlaubt, organisationales Glück zu messen, vor und nach den Maßnahmen. Durch Kombination mit Skalen zu Motivation, Stimmung, Bindung und Innovation werden die Zusammenhänge der Konstrukte ebenfalls messbar. In 2018 lag das Glück in Organisationen über alle Branchen hinweg bei 63 Prozent. Hier wird deutlich: Es gibt noch Luft nach oben.

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