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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

3. Orientierungslosigkeit und Verlassenheit: Die Frühmoderne

verfasst von : Denis Newiak

Erschienen in: Die Einsamkeiten der Moderne

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

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Zusammenfassung

Mit seiner Lesart einer Moderne, die sich auf das mit dem Zusammenbruch der christlichen Moralgemeinschaft einhergehenden Sinndefizit gründet, etabliert Nietzsche ein neues, von der vormodernen Deutung abweichendes Einsamkeitskonzept: In der Moderne zu leben bedeutet, den Nihilismus durchzustehen und die Krise der vormodernen Gemeinschaften zu überwinden.. Damit wird er zum Verkünder der modernen Einsamkeiten, die sich ab der Frühmoderne allmählich aufbauen. Wie werden in der Frühphase der Modernisierung diese Entwicklungen beschrieben und verstanden? Woher rühren diese spezifisch modernen Erfahrungen der Verlassenheit, die einschlägigen bis dahin unerreichten Einsamkeiten, die erst aus der modernen Lebensweise erwachsen? Wie lässt sich das Moderne anhand dieser Prozesse und anhand der aus ihr erwachsenden Einsamkeiten beschreiben? Und welche Begriffe und Konzepte findet der Modernitätsdiskurs für diese Entwicklungen?

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Fußnoten
1
Gerade in Hinblick auf Kultpraktiken und Fangemeinschaften, wie sie in der Populärkultur und insbesondere im Kontext von Fernsehserien zu beobachten sind, werden (neo-)religiöse moderne Phänomene im weiteren Verlauf noch von Interesse sein (vgl. Newiak 2021). Es soll jedoch schon an dieser Stelle vor dem sich auf den ersten Blick aufdrängenden Trugschluss gewarnt werden, die Funktionen des Religiösen (Sinnstiftung und -transzendenz, umfassende symbolische Kommunikation, Verhaltensgebote und -verbote etc.) mit Religion als solche und damit auch die scheinbar religiöse Dimension des Populären und insbesondere von Fernsehserien und deren Kult- und Fangemeinschaften mit Religion in seiner vormodernen Ausprägung als Kirchenreligion zu vermengen. Luckmann warnt daher davor, „daß spezifisch geschichtliche Formen nicht mit der universalen gesellschaftlichen Grundform der Religion verwechselt werden. Diese Grundform ist durch die religiöse Urfunktion bestimmt: als Bindung und Transzendenz ist sie das schlechthin Sinngebende des menschlich-gesellschaftlichen Daseins. […] In dieser ‚funktionalen‘ Betrachtungsweise ist Religion als Sinntranszendenz zu verstehen“, die im Verlauf der Modernisierung auch außerhalb institutionalisierter Religion eben in der Sphäre der privaten (Neo-)Religiosität vermittelt wird (Luckmann 1963, S. 36).
 
2
Sperrung im Original.
 
3
Hervorhebung im Original.
 
4
Eigene Übersetzung.
 
5
Dieser scheinbare Widerspruch wird besonders für denjenigen spürbar, der an einem modernen Straßenverkehr, etwa in den USA teilnimmt: Gerade weil jeder einzelne im Individualverkehr besondere Bewegungsfreiheiten genießt, wachsen mit diesen Verhaltensspielräumen (Geschwindigkeit, Spurwechsel, Abbiegen) erst die Anforderungen an die Handlungskoordination, da sich das freie Verhalten des einzelnen in einer konkreten, hier potentiell schädlichen Form auf die Anderen auswirkt. So muss im amerikanischen Straßenverkehrsrecht etwa der Verzicht auf das Rechtsfahrgebot als Fahrordnung auf mehrspurigen Fernverkehrsstraßen, der dann zu einer „freien“ Spurwahl und beliebiges (und dadurch eher gefährliches) Überholen unabhängig von der genutzten Spur führt, durch eine rigidere Geschwindigkeitsbeschränkung erkauft werden, damit der Straßenverkehr für die Teilnehmenden noch weitestgehend koordinierbar bleibt. Der Verzicht auf eine Rechtsfahrordnung an Kreuzungen, an denen dann jeder Verkehrsteilnehmer gänzlich „gleichberechtigt“ ist (egal ob er von rechts oder links kommt), verlangt hingegen ein Anhalten jedes einzelnen Kreuzungsnutzers. Jede einzelne Freiheit erhöht nicht nur die Abhängigkeiten zwischen den Akteuren, sondern verlangt auch nach besonderen Mechanismen der neue Unfreiheiten mit sich bringenden Handlungskoordination, damit die Akteure ihre Freiheiten auch gemeinsam nutzen können.
 
6
Dass für sich genommen fremde Sozialformen ihre ursprüngliche Zeit überleben, ist bei Weitem kein Phänomen, das nur in der Moderne zu beobachten ist. Gurjewitsch weist darauf hin, dass auch Reste des Heidentums lange zu Zeiten des Christentums weiterlebten, und dass solche Menschen, die sich auf dem Beichtstuhl des Heidentums „schuldig“ bekannten, sich „zweifellos als Christen“ verstanden (Gurjewitsch [1972] 1997, S. 387–389). Genauso kann sich ein christlich, muslimisch, buddhistisch geprägter Mensch in der Moderne als religiösen Menschen identifizieren, aber das ändert nichts daran, dass diese Kulturform in der Gegenwart, in der er lebt, nicht mehr die dominante, prägende Form gesellschaftlicher Sinnstiftung ist, sondern nur noch als Spezialphänomen im Kontext seiner vormodernen Herkunft beschreibbar ist.
 
Metadaten
Titel
Orientierungslosigkeit und Verlassenheit: Die Frühmoderne
verfasst von
Denis Newiak
Copyright-Jahr
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-35811-2_3