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05.09.2022 | Personalentwicklung | Schwerpunkt | Online-Artikel

Können Geflüchtete den Personalmangel lindern?

verfasst von: Annette Speck

4:30 Min. Lesedauer

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Mehr als die Hälfte der Betriebe in Deutschland glauben, dass ukrainische Geflüchtete bei ihnen arbeiten könnten. Doch nur zwei Prozent haben tatsächlich Ukraine-Flüchtlinge eingestellt. Wo die Hürden liegen und wie sie sich überwinden lassen.

In vielen Branchen ist das Personal knapp. Weil zum Ferienbeginn auch an den Flughäfen gravierende Engpässe herrschten, stimmte die Bundesagentur für Arbeit neuen Regelungen zu, um kurzfristig den Einsatz von Flughafenhelfern aus der Türkei in Deutschland zu erleichtern. Doch was ist mit den vielen arbeitsuchenden Ausländern und Geflüchteten, die bereits länger hier sind sowie den jüngst aus der Ukraine Geflüchteten ?

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Keine schlechten Jobchancen für Ukraine-Flüchtlinge

Dem Migrationsmonitor der Bundesagentur für Arbeit zufolge waren im Juni 2022 rund 1,4 Millionen arbeitsuchende Ausländer in Deutschland registriert. Erwartungsgemäß ist dabei der Anteil der aus der Ukraine Geflüchteten gegenüber dem Vorjahr stark gestiegen – nämlich um gut 186.000 auf über 203.000 Jobsuchende.

Die Chancen, in Deutschland eine Arbeit zu finden, stehen für diese Kriegsflüchtlinge nicht schlecht. Zumindest theoretisch. Schließlich gehen laut einer repräsentativen Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von 2.000 Betrieben im Juni 2022 fast 60 Prozent der davon aus, dass die ukrainischen Geflüchteten über die notwendigen Voraussetzungen für eine Beschäftigung in ihrer Firma verfügen. Vor allem im Gastgewerbe und im Verarbeitenden Gewerbe ist diese Einschätzung verbreitet.

Vorausgesetzt wird mindestens ein Jahr Aufenthaltsdauer

Eine wesentliche Einstellungsvoraussetzung stellt für die meisten Unternehmen (70 Prozent) eine mindestens einjährige Aufenthaltserlaubnis dar. Hier hat die Bundesregierung im März 2022 schnell gehandelt, indem sie die Massenzustrom-Richtlinie aktivierte.

Auch fortgeschrittene Sprachkenntnisse sind wichtig. 59 Prozent der Befragten nennen dies als Einstellungsvoraussetzung. In der Regel brauche es drei bis vier Jahre, bis ein Deutschniveau erreicht sei, das eine Berufsausübung erlaube, schreiben etwa Jörg Weingarten und Jale Wohlert über die "Integration Geflüchteter in Arbeitsmärkte" in Ausgabe 1/2018 der Zeitschrift "Standort" (Seite 52/53). Eine Möglichkeit, den berufsbezogenen Spracherwerb zu beschleunigen, seien aber Training-on-the-Job-Maßnahmen. Aber natürlich hängt das erforderliche Sprachniveau stark von der ausgeübten Tätigkeit ab. In jedem Fall muss es ausreichen, um die Arbeitssicherheit zu gewährleisten.

Einen anerkannten Berufsabschluss setzt laut der IAB-Untersuchung indessen nur ein Drittel der Betriebe voraus.

Arbeitschancen konzentrieren sich in einigen Bereichen

Laut der IAB-Befragung berichteten größere Firmen und solche aus dem Gastgewerbe sowie dem Bereich Verkehr/Lager/Logistik tendenziell häufiger von Kontakten mit arbeitsuchenden Geflüchteten aus der Ukraine.

Einen Arbeits-, Ausbildungs- oder Praktikumsplatz vergaben letztlich nur zwei Prozent an ukrainische Flüchtlinge. Vergleichsweise hohe Chancen auf eine Einstellung bestehen der Auswertung zufolge im Groß- und Einzelhandel (31 Prozent), im Bau- (25 Prozent) und im Gastgewerbe (23 Prozent).

Migrantenökonomie hat oftmals Brückenfunktion

Die IAB-Experten vermuten aufgrund der Befragungsergebnisse, dass Firmen, die bereits Erfahrung mit ukrainischen Beschäftigten oder mit Geflüchteten aus anderen Ländern gemacht haben, eher dazu neigen, die berufliche Eignung ukrainischer Geflüchteter als höher einzuschätzen.

Dazu passt der Hinweis von Weingarten und Wohlert auf die Brückenfunktion, die Betriebe von bereits in Deutschland etablierten Migranten für Neuankömmlinge haben. Sie böten ihnen beispielsweise öfter Beschäftigungsmöglichkeiten auch bei geringeren Qualifikationen an. Zudem kämen sprachliche Hürden hier weniger zum Tragen. (Seite 54)

Fallbeispiel für bürokratische Hürden

Wie schwierig die Anstellung von Geflüchteten oft ist, selbst wenn Personalbedarf und Bewerberqualifikation bestens zueinander passen, zeigen Heike Greschke und Karoline Oehme-Jüngling an einem Beispiel auf. In dem Buchkapitel "Flucht und Wege in den Arbeitsmarkt: Integrationserfahrungen und -verständnisse von Geflüchteten in Sachsen" berichten sie von einem Unternehmen der Textilindustrie, das 2015 bei der Arbeitsagentur gezielt nach Textilingenieuren unter den Geflüchteten suchte. Doch der Vermittlungsservice sei kaum eine Hilfe gewesen.

Es brauchte mehrere Telefonate, bis der Unternehmer Zugang zum anonymen Bewerber-Profil eines früher in Damaskus tätigen Textilingenieurs erhielt. Der lebte jedoch in Brandenburg, weshalb die sächsische Arbeitsagentur nicht zuständig war. Aber auch die brandenburgische Regionalstelle sah sich wegen des Regionalprinzips nicht berechtigt, den Bewerber zu vermitteln. Erst durch hartnäckiges Nachfragen bei beiden Regionalstellen kam ein Kontakt zustande. 

Zunächst absolvierte der syrische Textilingenieur ein dreimonatiges Praktikum in dem Betrieb, bis ihm eine Anstellung angeboten wurde. "Obwohl Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich einig waren, dauerte der Einstellungsprozess über sieben Monate. Hinzu kam, dass der unklare Rechtsstatus des Einzustellenden auf beiden Seiten ein hohes Maß an Bereitschaft erforderte, sich auf ein langwieriges und aufwendiges Verfahren mit unklarem Ausgang einzulassen", schreiben die Springer-Autorinnen auf Seite 92.

Geflüchtete Frauen mit Kindern haben es doppelt schwer

Eine weitere Erkenntnis aus der Studie, die dem Bericht von Greschke und Oehme-Jüngling zugrunde liegt: Keine der befragten Personen fand ihr aktuelles Arbeitsverhältnis durch ein klassisches Bewerbungsverfahren, ohne Vermittlung oder externe Hilfe und Unterstützung. Vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der Ukraine-Flüchtlinge Frauen mit Kindern sind, wird schnell klar, dass auch sie es ohne Unterstützung bei der Jobsuche schwer haben werden. Neben den bereits erwähnten Einstellungsvoraussetzungen müssen sie schließlich noch die Kinderbetreuung organisieren.

Fazit: Wenn Arbeitgeber bereit sind, Geflüchtete einzustellen, brauchen sie zum einen Verständnis für deren oftmals schwierige Situation. Zum anderen benötigen sie jede Menge Geduld und Hartnäckigkeit im Umgang mit der Bürokratie. Idealerweise finden sie zudem in der Arbeitsagentur oder über soziale Träger eine Integrationsfachkraft, die den Einstellungsprozess begleitet.

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