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31.10.2018 | Personalmanagement | Interview | Onlineartikel

"Integration gelingt, wenn kulturelle Identität beibehalten werden kann"

Autor:
Andrea Amerland
Interviewt wurde:
Prof. Dr. Alexander Thomas

beschäftigt sich seit über 30 Jahren in Forschung und Lehre mit der Psychologie interkulturellen Handelns.

Die kulturelle Integration von Flüchtlingen und Migranten in das Berufsleben ist in deutschen Unternehmen und Behörden ein Dauerthema. Wie die Eingliederung gelingt und warum Flüchtlinge den Fachkräftemangel nicht lösen, erklärt Alexander Thomas, Experte für Interkulturalität.

Springer Professional: Im Zusammenhang mit Flüchtlingen, die in Deutschland bleiben, wird immer von einer nötigen kulturellen Integration gesprochen. Was versteht man darunter?

Alexander Thomas: Menschen, die ihre Heimat verlassen, um ihr Leben zu retten oder um sich in einem anderen Land bessere Lebensbedingungen aufzubauen, bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um mit den damit verbundenen lebensbiografischen Herausforderungen fertig zu werden. Sie können bestrebt sein, alles bisherige zurückzulassen, ihre eigenen kulturspezifischen Orientierungen aufzugeben und sich voll und ganz den neuen Lebensbedingungen, den Werten und Normen, Denk- und Verhaltensweisen der Menschen im Aufnahmeland anzupassen. Das bezeichnet man als Assimilation. Sie können aber auch versuchen, unter den neuen Lebensbedingungen ihre eigene, kulturspezifisch geprägte Identität, auf alle Fälle beizubehalten, zu pflegen und im engen Zusammenhang mit Menschen aus ihrem Heimatland weiterzuentwickeln und dabei jeden positiven Kontakt zu Personen der Gastkultur vermeiden. 

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Letzteres würden die meisten Menschen wahrscheinlich nicht als Integration verstehen ... 

Die eigene Identität zu wahren, ist dann oberstes Gebot, auch wenn das den Normen und Werten der aufnehmenden Gesellschaft widerspricht. Begleitet wird dieser Prozess davon, alle Neuerungen und Anpassungsangebote durch die aufnehmenden Gesellschaft aktiv abzulehnen. In diesem Fall ist von Separation die Rede. Ein solches einseitiges Festhalten kann aufgrund der vielfältigen Konflikte, die sich daraus ergeben, womöglich auf Dauer nicht aufrechterhalten werden. Der bisherige Lebensstil, die Lebensgewohnheiten, Ansichten und Überzeugungen finden im Alltag immer weniger Unterstützung und verlieren allmählich an Bedeutung. Die vielen Neuerungen und Herausforderungen werden als bedrohlich wahrgenommen und dementsprechend abgelehnt. Die betreffenden Personen verlieren ihre eigene kulturelle Identität und ziehen sich allmählich aus dem sozialen und gesellschaftlichen Leben zurück. Das bezeichnet man mit dem Bergriff Marginalität.

Und was ist jetzt unter einer gelungenen kulturellen Integration zu verstehen?

Forschungen zur Gestaltung der Lebensbedingungen von Migranten zeigen, das Flucht und Migration zufriedenstellend und erfolgreich bewältigt werden können und die Integration gelingt, wenn die mitgebrachte eigene kulturelle Identität beibehalten und gleichzeitig positive Beziehungen zu den Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft hergestellt werden können. 

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle haben sich viele freiwillige Helfer engagiert. Hatten sie aber auch die nötige Kompetenz, um Flüchtlinge zu betreuen?

Es war erstaunlich und überraschend wie viele Deutsche sich 2015 als freiwilliger Helfer engagiert haben, eine Grundversorgung der Flüchtlinge und Migranten zu gewährleisten. Das war eine wichtige und notwendige Basishilfe und dazu reichten die vorhandenen, aus den eigenen Alltagserfahrungen gewonnenen Kompetenzen sicher aus. Die zur langfristigen Hilfe und Betreuung von Flüchtlingen und Migranten erforderlichen Kompetenzen können nur im Verlaufe praxisnaher Erfahrungen im Umgang mit diesen Personen und einer gezielten Ausbildung in interkultureller Handlungskompetenz erworben werden.

Welche Fähigkeiten sind dabei wichtig?

Das Entscheidende für eine wirksame Flüchtlingsbetreuung durch deutsche Fachkräfte ist es, über eine ausreichend differenzierte, individuelle Diagnostik zu verfügen, mit deren Hilfe die Befindlichkeitslage des einzelnen Flüchtlings, seine Lern- und Entwicklungspotenziale, Neugier und Offenheit für Neues und Verhaltensflexibilität sowie Selbstsicherheit beurteilt werden können. Nur auf dieser Basis ist ein Betreuer in der Lage, wirksame Unterstützung zu leisten, um die mit Integration verbundenen Herausforderungen bewältigen zu können. Erforderlich ist nämlich, Eigenkulturelles beizubehalten und Fremdkulturelles zu erkunden, zu akzeptieren und - falls sinnvoll - zu übernehmen oder Eigenkulturelles zu adaptieren. Diese Prozesse können durch den Betreuer iniziiert und begleitet und in wirksame Verhaltensgewohnheiten überführt werden.

Was macht in psychologischer Hinsicht die Integration von Flüchtlingen schwierig?

Eine gelungene Integration von Flüchtlingen und Migranten in die Gesellschaft, die sie aufnimmt, stellt spezifische Herausforderungen und Anforderungen. Einerseits an die Personen aus einer anderen Kultur, die andere Gesetzesvorstellungen, Normen, Werte, Verhaltensgewohnheiten, Traditionen mitbringen. Andererseits auch an die Mitglieder des neuen Kulturkreises und hier besonders an die Personen, die mit der Betreuung von Flüchtlingen und Migranten befasst sind. Flüchtlinge und Migranten bringen ihre Wert- und Normvorstellungen, ihre Gewohnheiten und Traditionen, ihre kulturelle Prägungen, Sitten und Gebräuche sowie religiösen Überzeugungen mit und hoffen, erwarten und fordern vieles davon im neuen Umfeld beibehalten zu können. Manches davon ist tatsächlich identisch oder ähnelt dem, was in der Aufnahmekultur verbreitet ist. Vieles aber widerspricht den kulturellen Orientierungen der Menschen in der Aufnahmegesellschaft und unterscheidet sich von dem was zur erfolgreichen Integration neu gelernt und angewandt werden muss. 

Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?

Wenn beispielsweise in der Herkunftskultur körperliche Züchtigung von Kindern ein anerkanntes und häufig praktiziertes Mittel der Erziehung ist, dann kollidiert dies mit den Regeln, Normen und Verhaltensweisen, die etwa in Deutschland in der Schule praktiziert und verlangt werden. Wenn die Söhne in der Einwandererfamilie wie kleine Paschas erzogen und gefördert werden, dann entstehen für sie erhebliche Probleme, in der Schule weiblichen Lehrkräften Respekt entgegenzubringen. Wenn eine muslimische Familie ihren Töchtern wegen der in Deutschland üblichen freizügigen Badebekleidung die Teilnahme am vorgeschriebenen Schwimmunterricht verbietet, dann lässt sich sicher eine spezifische Bekleidungsart finden, die den religiös bedingten Bekleidungsvorschriften genüge tut und dennoch das Schwimmen ermöglicht. 

Das wird auch ein Problem in Unternehmen sein. Was raten Sie für solche Fälle?

Erforderlich ist in jedem Fall ein gewisses Maß an Kreativität, Flexibilität, gegenseitiger Toleranz, Respekt und Wertschätzung. Integrationsbereitschaft und Integrationsfähigkeit werden von der aufnehmenden Gesellschaft zunächst einmal von den Flüchtlingen und Migranten verlangt. Aber diese muss ebenfalls bereit und fähig sein, Integration zuzulassen und zu fördern, zum Beispiel unter Beachtung von Gesetzen, Normen und Regeln bei auftretenden Konflikten für kreative Problemlösungen und funktionsfähige Kompromisse aufgeschlossen zu sein. Auch Geduld für die Entwicklung langfristiger Veränderungen sollte da sein.

Wie sieht es mit der Eingliederung in das Erwerbsleben aus?

Da es schon seit Jahren dem deutschen Arbeitsmarkt an Fachkräften mangelt, war es verständlich, dass viele hofften, mit der Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten könnten sich diese die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland beeinträchtigen Probleme, lösen lassen. Arbeitswillige und arbeitsfähige Flüchtlinge und Migranten sind aber nicht in der Lage, die entstandene Lücke zu schließen, da sie nur in den seltensten Fällen über die von den ausländischen Fachkräften gewünschten und geforderten Qualifikationen in fachlicher und überfachlicher Hinsicht verfügen. 

Welche Probleme gibt es noch in der Arbeitswelt?

Die Eingliederung von Flüchtlingen und Migranten im arbeitsfähigen Alter in den deutschen Arbeitsmarkt ist ein langwieriger Prozess. Der kann erst begonnen werden, wenn ein gesicherter Aufenthaltsstatus feststeht. Dieser Prozess zieht sich aus vielfältigen Gründen aber für manche über Jahre hin. Danach muss festgestellt werden, welche arbeits- und berufsrelevanten Qualifikationen ein ausländischer Bewerber bereits aus seiner Herkunftskultur mitbringt und welche Zusatzqualifikationen erworben werden müssen, um ein gesichertes Arbeitsverhältnis aufnehmen zu können. Viele Arbeitswillige und arbeitsfähige Flüchtlinge und Migranten landen gegenwärtig nach ein bis zwei Jahren in Deutschland in Zeitarbeitsverhältnisse und erledigen relativ einfache Arbeiten oder machen sich im Kleingewerbe selbstständig. Selbst Flüchtlinge und Migranten, die in ihrem Heimatland ein akademisches Studium absolviert haben oder für die Verhältnisse in ihrem Heimatland eine relativ gute zum Beispiel technische und akademische Ausbildung durchlaufen haben, sind nicht so ohne weiteres in Deutschland adäquat vermittelbar und bedürfen einer zusätzlich Fort- und Weiterbildung.

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