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"Die HR-Rolle ist bei VW strategisch zentral"

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Volkswagen macht bei der Suche nach einem neuen Personalchef kaum Fortschritte. CEO-Headhunter Kaan Bludau ordnet die Situation bei VW ein und erklärt, wo Fallstricke bei dieser Personalentscheidung lauern. 

Kaan Bludau ist einer der Gründer und Geschäftsführer von Bludau Partners Executive Consultants GmbH. Er verantwortet das Kerngeschäft des Executive Search und betreut nationale und internationale Großunternehmen und Konzerne bei der Besetzung von gehobenen und strategisch bedeutenden Top-Managementpositionen, in der Beurteilung von Führungskräften sowie bei der strategischen Neuausrichtung von Unternehmensorganisationen. 


springerprofessional.de: Vor mehr als einem halben Jahr haben sich der Volkswagen-Konzern und sein langjähriger Personalvorstand Gunnar Kilian getrennt. Ein vielversprechender Kandidat hatte sich zuletzt zurückgezogen. Warum gestaltet sich die Suche nach einem neuen Personalchef so kompliziert?

Bludau: Volkswagen ist kein normales Mandat, sondern ein politisch hoch aufgeladenes Machtzentrum. Mitbestimmung, Land Niedersachsen, Familieninteressen und eine starke Arbeitnehmerseite erzeugen ein Spannungsfeld, das nur wenige Top-HR-Executives souverän moderieren können. Hinzu kommen Transformationsdruck, Kostensenkungen in Milliardenhöhe und ein schwieriges Marktumfeld. Viele geeignete Kandidaten sitzen in sicheren DAX-Positionen – sie wechseln nur, wenn Mandat, Rückhalt des CEO und Governance klar sind. Genau daran entscheidet sich die Attraktivität.

Inwiefern sind Headhunter entscheidend, um den Kreis der Kandidaten zu sondieren?

Bei einem Konzern dieser Größenordnung läuft nichts über klassische Bewerbungen. Entscheidend ist der diskrete Direktansprache-Prozess. Headhunter öffnen Türen zu Kandidaten, die nicht aktiv suchen, prüfen Cultural Fit, Belastbarkeit und politische Erfahrung. Sie fungieren zudem als ehrlicher Sparringspartner des Aufsichtsrats: Wer hat Restrukturierungserfahrung? Wer kann mit Betriebsräten auf Augenhöhe verhandeln? Ohne belastbare Longlist aus dem internationalen Markt verengt sich das Feld schnell dramatisch.

Welche Kompetenzen und Fähigkeiten sollte der neue VW-Personalchef mitbringen?

Gesucht wird kein klassischer Personalverwalter, sondern ein Transformationsarchitekt. Er oder sie braucht nachweisliche Erfahrung in Restrukturierungen mit fünfstelligen Belegschaften, starke Verhandlungskompetenz mit Arbeitnehmervertretern und internationale Führungserfahrung. Strategische Workforce-Planung, Kompetenzumbau Richtung Software und Elektromobilität sowie Performance-Kultur sind Pflicht.

Ebenso wichtig sind Standing im Vorstand, Konfliktfestigkeit und die Fähigkeit, Vertrauen in einer Organisation mit über 600.000 Mitarbeitenden aufzubauen. Damit wird eine Person gesucht, die auf der einen Seite Bestehendes optimieren und auf der anderen Seite den Zukunftsthemen und Innovationen genügend "Raum" geben kann. Zusätzlich gilt es Zuversicht und Orientierung zu geben. Hierbei spielen die Kommunikationskompetenz sowie die Fähigkeit Vertrauen aufzubauen eine zentrale Rolle. 

Was bedeutet die Besetzung dieser Schlüsselposition für die interne Organisation von VW?

Die Besetzung ist ein Signal an Führungskräfte und Belegschaft. Ein starker Personalchef kann HR von einer administrativen Funktion zu einem echten Steuerungsinstrument entwickeln. Gerade bei Sparprogrammen und Effizienzinitiativen entscheidet HR über Tempo, Fairness und Akzeptanz. Bleibt die Rolle vakant oder schwach besetzt, entsteht Orientierungslosigkeit. In einem Konzern dieser Größe multipliziert sich Führungsschwäche sofort – organisatorisch wie kulturell.

Was sind die größten Baustellen, die ein neuer Personalchef bei Volkswagen angehen muss?

VW steht vor massivem Kostendruck, Standortfragen in Deutschland, Produktivitätsdefiziten und dem Kompetenzumbau Richtung Digitalisierung. Dazu kommen Tariffragen, Beschäftigungssicherung und ein Kulturwandel von Ingenieursdominanz zu Software-Agilität. Der neue Personalchef muss Programme zur Effizienzsteigerung mit glaubwürdiger Zukunftsperspektive verbinden. Reiner Personalabbau greift zu kurz – es geht um Qualifizierung, Talentbindung und Leistungsorientierung zugleich.

Inwiefern ist die Position des Personalchefs für die strategische Ausrichtung und Transformation des Unternehmens entscheidend?

Die HR-Rolle ist bei VW strategisch zentral, weil Transformation ohne Menschen nicht funktioniert. Elektromobilität, Plattformstrategien und Software-Offensiven scheitern, wenn Qualifikationen, Führung und Kultur nicht mitziehen. Der Personalchef sitzt an der Schnittstelle von Strategie, Kostenstruktur und Unternehmenskultur. Wer diese Funktion richtig besetzt, schafft die Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit in den nächsten zehn Jahren. Wer sie unterschätzt, riskiert Stillstand.

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    Bildnachweise
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