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14.03.2019 | Personalmanagement | Kommentar | Onlineartikel

Homeoffice ist Personalmanagement 4.0

Autor:
Andrea Amerland

Eine gesetzliche Regelung soll nach SPD-Plänen Beschäftigten in Deutschland das Homeoffice ermöglichen. Die CDU wehrt sich, die Chefs auch – trotz erwiesener Vorteile. Und genau deswegen ist eine gesetzliche Regelung unumgänglich.

Brauchen Mitarbeiter wirklich einen Rechtsanspruch auf das Homeoffice, um ihre Work-Life-Balance verbessern zu können? In der Bundesregierung besteht deswegen Uneinigkeit zwischen Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Altmaier plädiert schwammig dafür, kreative Arbeitsmodelle zu entwickeln und  – immerhin konkreter – für bessere Kinderbetreuung zu sorgen. Eines gesetzlichen Anspruchs bedürfe es daher nicht, argumentiert der Bundeswirtschaftsminister. 

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Homeoffice ist ein räumliches Flexibilisierungsmodell

Was Altmaier nicht sieht oder nicht sehen will: Das Homeoffice ist einer von vielen Bausteinen, der neben anderen Modellen, Arbeit für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben auch im Sinne der Familienpolitik, flexibilisiert. Allerdings tun sich Arbeitgeber hierzulande bislang schwer damit. Insofern stellt sich Altmaier schützend vor die Arbeitgeber. 

Denn das Homeoffice ist etwas, was sich Arbeitnehmer wünschen, aber nicht unbedingt Arbeitgeber. Nur wenige Unternehmen lassen Working from Home trotz der technischen Möglichkeiten zu. Rund 72 Prozent der Deutschen wünschen sich jedoch flexible Arbeitszeitmodelle wie das Homeoffice, aber nur 16 Prozent der Deutschen kommen in den Genuss von Telearbeit oder mobilem Arbeiten. Das zeigt der vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte "D 21 Digitalindex 2017/2018", für den mehr als 20.000 Interviews mit Personen ab 14 Jahren in Deutschland durchgeführt wurden. Nach Zahlen des statistischen Bundesamts sind es sogar nur zwölf Prozent.

Warum Arbeitgeber gegen das Homeoffice sind

Warum Arbeitgeber sich bei diesem Thema zurückhalten, hat der Branchenverband Bitkom unter 800 Geschäftsführern und Personalverantwortlichen ermittelt. Am häufigsten wird als Grund genannt, dass nicht alle Arbeitnehmer zu Hause arbeiten können und Beschäftigte in einem Betrieb nicht ungleich behandelt werden dürften. Auf Platz zwei folgen der fehlende Austausch mit Kollegen, durch den die Produktivität sinke. 55 Prozent geben an, Homeoffice sei einfach nicht vorgesehen. 33 Prozent wollen ihre Mitarbeiter jederzeit ansprechen können und drei von zehn (29 Prozent) finden, die Arbeitszeit sei so nicht zu kontrollieren.   

Ob das die wahren Gründe sind? Wenn es um die Gehälter geht, scheut kaum ein Unternehmen davor zurück, Mitarbeiter ungleich zu behandeln und für die dieselbe Tätigkeit einem Mann mehr zu zahlen als einer Frau. Auch Begründung Nummer zwei wird durch Studien wie die von Stanford-Professor Nicholas Bloom widerlegt. Diese zeigt, dass das Homeoffice produktiver macht, weil eben der Austausch mit Kollegen fehlt, der sich häufig in Form ständiger Unterbrechungen und Ablenkungen äußert. Dass das Homeoffice einfach nicht im Unternehmen vorgesehen sei, zeigt vor allem, wie unbeweglich und wenig flexibel deutsche Firmen sind. Und bei Grund vier wird es fast schon lächerlich: Via Telefon, E-Mail oder Messenger sind Arbeitnehmer jederzeit erreichbar. Austausch und Ansprache sollten also problemlos möglich sein.

Arbeitszeitkontrolle ist das eigentliche Problem 

Doch bei der Frage nach der Arbeitszeiterfassung wird es tatsächlich etwas haarig. Heute ist die Präsenz am Arbeitsplatz noch immer das Maß aller Dinge, wenn es darum geht, die erbrachte Arbeitsleistung zu messen und zu dokumentieren. Wer acht Stunden im Büro verbracht hat, war zwar noch lange nicht produktiv, fleißig oder effizient. Aber es stehen acht Stunden Arbeitszeit auf dem Konto. Und dass ist in einer Arbeitswelt, in der noch immer nicht das Ergebnis zählt, sondern die Arbeitsstunden, die ein Arbeitnehmer abgesessen hat, scheinbar die einzige Währung, mit denen sich Unternehmen arrangieren wollen. Hier tut dringend ein Umdenken Not. 

Der SPD ist bei dem Gesetzesvorhaben wie auch den Gewerkschaften wichtig, dass auch im Homeoffice die Arbeitszeit komplett erfasst und vergütet wird. Die Angst der Arbeitgeber, so den Arbeitszeitbetrug zum Blühen zu bringen, kann jeder, der ehrlich zu sich zu anderen ist, leicht entkräften: Wer im Büro am PC sitzt, kann stundenlang privat surfen, ohne dass es jemand merkt. Wer aber im Homeoffice unter misstrauischer Beobachtung des Arbeitgebers arbeitet, wird sich eher keine Blöße geben. Und auch der Furcht, im Homeoffice verbuchen Arbeitnehmer eventuell Überstunden, die sie gar nicht geleistet haben, kann begegnet werden: Warum werden bei einem Homeoffice-Tag die zulässigen Arbeitsstunden nicht einfach auf das normale Stundensoll gedeckelt? 

Arbeitsflexibilisierung in alle Richtungen, bitte

Die Antwort auf die Eingangsfrage, ob Mitarbeiter einen Rechtsanspruch auf Homeoffice brauchen, lautet also ganz klar: Ja. Denn Arbeitgeber denken bei Flexibilisierung von Arbeit eher an die Lockerung oder Aufhebung von Ruhezeiten zwischen den Arbeitseinsätzen und eine ständige Erreichbarkeit. Also an Maßnahmen zugunsten des Arbeitgebers, aber nicht an Maßnahmen zugunsten des Arbeitnehmers. Solche Flexibilisierungen im Sinne der Arbeitgeber laufen dann unter dem schönen Buzzword New Work. Hubertus Heil tut genau das Richtige, wenn er Vorbildern wie den Niederlanden folgt, wo ein Tag Homeoffice pro Woche rechtlich verankert ist. Durch ein Gesetz werden auch arbeits- und versicherungstechnische Unklarheiten beseitigt, die Unternehmen verunsichern. Heil kündigte an, das er ein Gesetz schaffen wolle, das die Balance von Sicherheit und Flexibilität wahrt. 

Fazit: Für Mitarbeiter bietet das Homeoffice die Möglichkeit, dem Pendelstress zu entgehen, mehr Flexibilität rund um Arzttermine und Kinderbetreuung zu bekommen. Das verbessert die Lebensqualität und entstresst viele Menschen. Und ganz nebenbei könnte sich auch ein anderes Problem abschwächen: Arbeiten die 40 Prozent der Deutschen, für die es laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2016 überhaupt möglich ist, ein bis zwei Tage pro Woche im Homeoffice, gebe es in den Ballungsgebieten weniger Staus und eine bessere Luftqualität. Insofern ist die geplante Gesetzesinitiative der SPD vielleicht der beste Luftreinhalteplan, den bislang jemand ersonnen hat  – mit einem besonderen Nebeneffekt: Glücklichere, zufriedenere und damit motiviertere Mitarbeiter als Ergebnis eines zeitgemäßen Personalmanagements 4.0.

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