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Über dieses Buch

Sportliches Training und die Erwartungen gegenüber seinen Wirkungen basieren auf der praktischen Erfahrung und theoretischen Erkenntnis der Trainierbarkeit von Menschen. Im vorliegenden Buch wird Trainierbarkeit als Spezialfall von Bildsamkeit betrachtet, woraus sich spezifische Implikationen für das leistungssportliche Training ergeben. Die Zusammenhänge von Bildsamkeit und Trainierbarkeit werden unter Einbeziehung von biowissenschaftlichen Erkenntnissen zur epigenetischen Plastizität dargestellt und in einen humanontogenetischen Zusammenhang eingebettet.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Vorbemerkungen

Zusammenfassung
Alle Formen des sportlichen Trainings und Erwartungen gegenüber seinen Wirkungen basieren auf der praktischen Erfahrung und theoretischen Erkenntnis der Trainierbarkeit von Menschen, der Trainierbarkeit ihrer körperlichen Organe und ihrer organischen Funktionssysteme. Die Organe und Funktionssysteme sind trainierbar mittels vielfältiger Bewegungen (sich-bewegen; etwas mit körperlichem Einsatz-bewegen) und durch ein systematisches Training im Medium der körper- und kulturbezogenen Bewegungen. Wenn diese objektiven Möglichkeiten der Trainierbarkeit nicht gegeben wären, würden sportliches Training und eine Wissenschaft vom Training nicht existieren.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 2. Trainieren eine Form von Lernen

Zusammenfassung
Die Abgrenzung und Unterscheidung des Lernens von Entwicklungsvorgängen des Reifens, Wachsens und Alterns erfolgt in erster Linie durch Heranziehung des Kriteriums der Reversibilität beziehungsweise der Irreversibilität. Lernvorgänge sind grundsätzlich (optional) reversible Vorgänge. Einmal Gelerntes wird gegebenenfalls verlernt, vergessen, verdrängt und verschüttet.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 3. Bildsamkeit und Perfektibilität

Zusammenfassung
Ähnlich fundamental wie der Begriff Trainierbarkeit in Bezug zur Trainingswissenschaft zu sein scheint, verhält es sich mit dem Begriff der Bildsamkeit für die Entwicklung der Allgemeinen Pädagogik und den damit verknüpften Theoriegebäuden (Benner 1987/2009/2012; Anhalt 1999). Theorietechnisch gesehen und praktisch betrachtet, nimmt die Kategorie Bildsamkeit in der Bildungswissenschaft (und auch Erziehungswissenschaft) einen ähnlichen fundamentalen kategorialen Status ein, wie die der Trainierbarkeit in der Trainingswissenschaft. Das Verständnis von Bildsamkeit des Sportwissenschaftlers Franke (2018a) – in Anlehnung an den Allgemeinpädagogen Benner (2009/2012) – als „konstitutives Prinzip“ (bei relativer Unterscheidung zu den regulativen Prinzipien) (Franke 2018a, S. 258) wird grundsätzlich geteilt.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 4. Trainierbarkeit als Spezialfall von Bildsamkeit

Zusammenfassung
Die Trainierbarkeit der Menschen in ihrer individuellen Humanontogenese kann als integrativer Bestandteil der übergreifenden Bildsamkeit verstanden werden, so die leitende Hypothese dieses Beitrages. Soll Trainierbarkeit als domänenspezifischer Spezialfall von übergreifender Bildsamkeit verstanden werden, muss Trainierbarkeit – analog zur Bildsamkeit – konsequent biopsychosozial verstanden werden. Übernimmt man die Sprachregelung von Anhalt (1999) zeichnet sich dann Trainierbarkeit durch eine integrative Verflechtung von organischen, psychischen und sozialen Komponenten aus.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 5. Individuelle Trainierbarkeit

Zusammenfassung
Der Mensch ist in seiner gesamten Lebensspanne trainierbar und die Trainierbarkeit ist dabei zugleich hochgradig individualspezifisch ausgeprägt. Die individuelle Trainierbarkeit beinhaltet (wie jede Form von Bildsamkeit) Anteile von etwas biogenetisch „Gegebenem“ im Sinne von Begabung. So wird der ererbte Anteil der individuellen Trainierbarkeit der Ausdauerleistungsfähigkeit in der Fachliteratur (Bouchard 1986; Bouchard et al. 1999; Bouchard/Rankinen 2001) mit 47% angegeben.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 6. Trainierbarkeit im biokulturellen Kontext der Humanontogenese

Zusammenfassung
Wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen verweisen auf eine differente, interindividuelle Ausprägung der Trainierbarkeit, auf die Veränderung der Trainierbarkeit in Abhängigkeit von situativen Kontexten und Phasen im Lebenslauf sowie auf die grundsätzliche Trainierbarkeit des Menschen in allen Phasen seiner Humanontogenese. Diese Sicht auf die lebenslange Trainierbarkeit hat Auswirkungen auf inhaltliche und methodische Zugänge des Trainierens. Beispielsweise auf das Krafttraining im Kindesalter oder im höheren Lebensalter.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 7. „Nature“ und „Nurture“

Zusammenfassung
Auf die Diskurse zur Bildung und Bildsamkeit haben die neueren Erkenntnisse der expandierenden Biowissenschaften, insbesondere die der Epigenetik und der Neurowissenschaften – gestützt durch immer feinere bildgebende Verfahren – einen großen und zumeist irritierenden Einfluss (Becker 2014; Gyseler 2006; Spork 2017; Walter/Hümpel 2017). Diese Entwicklungen führen zu kritischen Neubetrachtungen des Verhältnisses von Natur und Kultur oder von Nature und Nurture, wobei das englische Nurture wohl am ehesten mit „Hege und Pflege“ angemessen zu übersetzen wäre. Philosophische Diskurse zum naturalistischen Menschenbild (Metzinger 2014; Dennett 1997; 2018; Searl 2001) tragen zur Einordnung dieser Erkenntnisse, im Sinne von Verstärkungen (Metzinger) aber auch Relativierungen (Searl), bei.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 8. Vorbehalte der Pädagogik

Zusammenfassung
Die Ressentiments der Pädagogik gegenüber einer Naturalisierung des Pädagogischen markiert treffend Giesinger (2009): „Die Vorbehalte der Pädagogik gegenüber dem naturwissenschaftlichen Naturbegriff rühren unter anderem daher, dass die biologische Natur des Menschen oftmals als der pädagogischen Beeinflussung unzugänglich beschrieben wird. Der Mensch als Naturwesen ist demnach nicht erziehbar, nicht bildsam. Je stärker die Natur Entwicklung und Verhalten des Menschen determiniert, desto weniger Raum bleibt für pädagogisches Handeln.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 9. Deutsche Sonderwege

Zusammenfassung
In besonderer Form schlagen sich Differenzen zwischen Lernen und Bilden, zwischen Bilden und Ausbilden aber auch zwischen Lernen und Trainieren in der deutschsprachigen (Fach-)Literatur nieder. Hier spielen deutsche Sonderwege in der Deutung des Bildungsverständnisses (Bollenbeck 1994) und damit verknüpfte und bislang nicht reflektierte deutsche Sonderwege bei der Entstehung der frühen Trainingskunde, der späteren Trainingslehre und der modernen Trainingswissenschaft eine Rolle.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 10. Training als Ausbildung

Zusammenfassung
In der Pädagogik mit ihren unterschiedlichen Zielbezügen, organisationalen Arrangements und Adressatenorientierungen, sind nicht alle Lernformen gleichermaßen pädagogisch bedeutsam. Hier spielen besondere Lehr-Lern-Relationen, soziale Beziehungen sowie normative Entscheidungen für die konkrete Auswahl und Aufbereitung von Inhalten eine wichtige Rolle. Insofern unterscheiden sich Arrangements des allgemeinbildenden Schulsportes von spezielleren Ausbildungsarrangements in den Sportvereinen oder in besonderen Sportschulen.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 11. Plastizität als Voraussetzung für Bildsamkeit & Trainierbarkeit

Zusammenfassung
Die organische Plastizität ist die natürliche Grundlage und Voraussetzung für jegliche Form von Bildsamkeit, und darin eingeschlossen auch für die Trainierbarkeit von Menschen. Plastizität bezeichnet die „intraindividuelle Variabilität“ und ein Potential, „das Individuen zu verschiedenen Verhaltensformen und Entwicklungsverläufen befähigt” (Baltes 1990, S. 11). Dabei sollte bedacht werden, dass Plastizität nicht als lediglich passive Materialeigenschaft organischer (zellulärer) Substanzen missverstanden wird.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 12. Plastizität, eine evolutionäre Errungenschaft

Zusammenfassung
Die evolutionstheoretischen Erkenntnisse und empirischen Untersuchungen zur Plastizität von Organen und von körperlichen Funktionssystemen des Menschen haben das Potential, so etwas wie ein missing link oder tertium comparatonis zwischen der Bildungswissenschaft und der Trainingswissenschaft herzustellen. Dies im Sinne des Bestimmens gemeinsamer, unabdingbarer organischer Voraussetzungen, natürlicher Eigenschaften und Grundlagen für Bildung und Training. Damit verbindet sich vorerst ein hypothetischer Anspruch und es ist zu prüfen, ob die Sachverhalte die sich mit dem evolutionstheoretischen Begriff „Plastizität“ in Verbindung bringen lassen, zur Fundierung von Bildung und Training beitragen.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 13. Plastizität und Adaption

Zusammenfassung
Plastizität und die trainingswissenschaftlich wie sportmedizinisch tradierte Kategorie Adaption stehen dabei in einem engen Zusammenhang, besitzen Überschneidungsflächen und werden nicht selten als Synonyma verwendet. In ihren Analysen weist Blank (2006) darauf hin, dass mit einer gewissen Beliebigkeit plasticity, adaptability und flexibility gleichgesetzt werden.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 14. Konstruktive Selbstorganisation & mechanischer Adaptionismus

Zusammenfassung
Wurde vor einigen Jahrzehnten lediglich dann von (neuronaler) Plastizität gesprochen, wenn es um die neuronale Reorganisation von Gehirnarealen ging, die nach Unfällen und Krankheiten geschädigt wurden, so hat sich in den letzten Jahren eine wesentliche Erweiterung des Begriffsinhaltes vollzogen. Dennoch liegt kein elaboriertes Plastizitätskonzept vor und missverständliche Interpretationen im Sinne passiv-mechanischer Materialeigenschaft sind latent angelegt. Plastizität wird als elementarer natürlicher Prozess verstanden, der es dem menschlichen Organismus erlaubt, auf Veränderung und Anforderungen seiner Umwelt durch konstruktive Veränderung zu reagieren.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 15. Bedeutung bildgebender Verfahren

Zusammenfassung
Die grundlegenden und zentralen trainingswissenschaftlichen Annahmen zur sportlichen Trainierbarkeit von Menschen basieren auf biowissenschaftlichen Erkenntnissen zur phänotypischen (motorischen, metabolischen, morphologischen, synaptischen und neuronalen) Plastizität. Ohne die Existenz der Plastizität organischer Strukturen und Funktionen wären sportliches Training, Bewegungs- und Körperbildung weitestgehend gegenstands- und sinnlos. Die biowissenschaftlichen Erkenntnisse zur genotypischen und phänotypischen Plastizität sind in den letzten Jahrzehnten, nicht zuletzt durch die Einbeziehung bildgebender Verfahren und die Durchführung zahlreicher Interventionsstudien angewachsen und gut belegt.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 16. Phänotypische Plastizität

Zusammenfassung
Unter phänotypischer Plastizität wird allgemein, „dass Individuen mit dem gleichen Genotyp (Erbinformation) unterschiedliche Phänotypen ausbilden, je nach den gerade vorherrschenden Umweltbedingungen” (Sommer/Loschko/Riebesell/Röseler/Witte 2017, S. 1).
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 17. Trainingswissenschaftliche Sichtweisen

Zusammenfassung
In der trainingswissenschaftlichen Literatur werden unterschiedliche Sichtweisen auf das Phänomen der Trainierbarkeit erkennbar: Lange Zeit dominierten mechanistisch kybernetische Regelkreismodelle für die Erklärung der Trainierbarkeit und Adaptibilität. Die Ausbreitung einer ‚schwarzen’ Trainingspädagogik wurde dadurch begünstigt. In diesem Kontext entstanden apädagogische Vorstellungen über die ‚Verfügbarkeit’ und zur direkten ‚Steuerbarkeit’ von Sportler und unrealistische Vorstellungen zur ‚Planbarkeit’ von Trainingsprozessen, die einer kritischen empirischen Prüfung nicht standhalten.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 18. Bildsamkeit und Trainierbarkeit: Versuch einer Integration

Zusammenfassung
Trainierbarkeit wird traditionell dem Bereich res extensa zugeordnet und nicht dem Bereich res cogitans. Bildsamkeit wiederum, findet traditionell seine Bindung an den Bereich res cogitans. Das dualistische cartesianische Modell begründet eine nachhaltige Differenz zwischen Bildsamkeit und Trainierbarkeit, die ihre Spuren in der Bildungswissenschaft ebenso hinterlassen hat wie in der Sportwissenschaft: „Descartes definierte einen Körper als etwas, das (dreidimensional) räumlich ausgedehnt ist. Ausdehnung war also das Wesen der Körperlichkeit oder Materialität.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 19. Neuer pädagogischer Optimismus ist angesagt

Zusammenfassung
Führten bisherige Forschung zum menschlichen Genom eher zur Distanzierung und Abgrenzung seitens der Bildungs- und Erziehungswissenschaft und wurden als Bedrohung der pädagogischen Möglichkeiten durch einen biotischen Gendeterminismus gesehen, so erklären und verändern die epigenetischen Befunde die Chancen pädagogischer Interventionen außerordentlich. Die Ermöglichung von Bildung durch Erziehung wird zeitlich und inhaltlich erweitert, die Erklärung der Effekte wird wissenschaftlich präziser und die Legitimation wird umfassender. Es gibt keinen Grund, eine „ontologische Heimatlosigkeit“ (Damberger 2012) der Pädagogik zu befürchten. Die Ortlosigkeit des Pädagogischen, das „Sitzen zwischen allen Stühlen“ (wie bei der Sportpädagogik beobachtbar) tritt jedoch faktisch ein, wenn an idealistisch-bildungstheoretischen Konzepten festgehalten wird.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 20. Bildendes Trainieren ist möglich

Zusammenfassung
In der neueren bildungswissenschaftlichen und trainingswissenschaftlichen Literatur finden sich keine Belege, wo der inhaltliche Zusammenhang von Bildsamkeit und Trainierbarkeit explizit analysiert und erörtert wird. Ein bildendes Trainieren findet kaum Akzeptanz und wird als semantischer Widerspruch, als ein Oxymoron verstanden (Borchert/Hummel 2018). Dort wo sich Sportpädagogen mit der Thematik Bildsamkeit befassen wird letztlich der Nachweis bemüht, dass Trainieren nichts mit anspruchsvollem Bilden zu tun haben kann. Unterschiedlich konnotiert ist diese Differenz sowohl bei Pädagogen als auch bei Trainern erkennbar.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 21. Chancen der Sportpädagogik

Zusammenfassung
Das „Leibsein als Bildungsapriori“ (Meinberg 2012, S. 160) wurde zwar als „Ermöglichungsgrund aller Formen von Bildung“ von Meinberg wiederholt angemahnt, in der (allgemeinen) pädagogischen Theoriebildung fand diese Position jedoch bislang keine angemessene Beachtung (vgl. Grupe 1964). In seinen Gesamtdarstellungen zur Allgemeinen Pädagogik berücksichtigte Benner erst in der stark überarbeiteten 4. Auflage (2012) die leibliche Verfasstheit des Menschen in seinem Modell der Gesamtpraxis: „Durch die Berücksichtigung der auch für pädagogisches Handeln grundlegenden Leiblichkeit des Menschen soll ein systematisches Defizit der ersten Auflagen korrigiert werden” (Benner 2012, S. 10). Bemerkenswert ist nicht das frühere Fehlen der Leiblichkeit, sondern die Bewertung Benners, dass dies ein „systematisches Defizit“ in der Pädagogik sei.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

Kapitel 22. Fazit

Zusammenfassung
Die Erziehbarkeit und Bildsamkeit des Menschen in seiner Humanontogenese sind auf die genetisch ererbte Plastizität seiner Organe und organischen Funktionssysteme angewiesen. Ohne diese evolutionäre Errungenschaft wären Erziehbarkeit und Bildsamkeit nicht möglich. In das Verständnis von Bildsamkeit sind alle Formen und Facetten der genotypisch ererbten und phänotypisch genutzten und erworbenen Plastizität zu integrieren. Für das Verständnis und die Nutzung von Bildsamkeit ist die organische Komponente wesentlich.
Albrecht Hummel, Thomas Wendeborn

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