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02.11.2021 | Plattformökonomie | Gastbeitrag | Online-Artikel

Embedded Finance verändert die KMU-Finanzierung

verfasst von: Christoph Rieche

3:30 Min. Lesedauer
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Sich Kapital über digitale Kanäle zu besorgen, wird immer beliebter - auch bei KMU. Als nächster großer Trend im Mittelstand gilt Embedded Finance, also die Einbindung von Finanzierungen in andere Produkte oder Dienstleistungen.

Verbraucher sind daran gewöhnt, Zugriff auf verschiedenste Dienste innerhalb einer App zu haben. Google Maps zeigt bei Reiseplanungen immer die schnellsten und günstigsten Optionen: mit Uber, Bahn, E-Scooter, Taxi, Fahrrad oder zu Fuß; was es kostet und wo man aussteigen muss. Diese Art der Technologie ist jedoch nicht nur für den Privatgebrauch hilfreich, sondern hat auch das Potenzial zu verändern, wie Kleinunternehmen wirtschaften.

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Die zweite Payment Service Directive (PSD2) der EU zwingt Banken, über Schnittstellen ihre Systeme für Kontoinformations- und Zahlungsauslösedienste zu öffnen, womit diese per Regulierung quasi zu offenen Banking-Plattformen werden. Aus der Plattformökonomie bankenfremder Branchen lassen sich dabei wichtige Erkenntnisse für die Modellierung von Plattformen im Banking ableiten.

Bankkredite sind für KMU oft nicht erreichbar

Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind es stürmische Zeiten, wie die Kurve des KfW-Ifo-Mittelstandsbarometers zeigt. Um nach der Pandemie wieder richtig durchzustarten, brauchen sie insbesondere frisches Kapital. Bei klassischen Banken stoßen sie mit ihren Bedürfnissen jedoch oft auf taube Ohren. Dem aktuellsten Bank Lending Survey der Deutschen Bundesbank zufolge blieb die Kreditablehnungsquote im Firmenkundengeschäft zuletzt auf hohem Niveau. Unternehmen, die in starkem Maße von den Auswirkungen der Pandemie betroffen waren, sagt die Bundesbank weiterhin schlechten Zugang zu Krediten voraus.

Damit kleine Unternehmen sich wieder auf ihr Wachstum konzentrieren können, ist es aber essenziell, dass Kreditgeber Unterstützung bieten. Insbesondere Embedded Finance, also in andere Angebote eingebettete Finanzierungsprodukte, kann dabei eine zentrale Rolle spielen.

Embedded Finance stellt Cashflow sicher

Nehmen wir als Beispiel den Cashflow, der für viele Kleinunternehmen immer wieder für Bauchschmerzen sorgt. Wenn der Besitzer eines kleinen Unternehmens eine Personalagentur beauftragt, ein neues Teammitglied zu finden, erhält er erst zu dem Zeitpunkt, in dem der Arbeitsvertrag unterschrieben wird, eine Rechnung von der Agentur, zum Beispiel 3.000 Euro mit einem Zahlungsziel von 30 Tagen.

Aus Sicht des Personalvermittlers sind alle Kosten bereits angefallen und obendrein leiht es dem Unternehmen 30 Tage lang Geld. Aus Sicht des Unternehmers wäre es angenehmer, die Kosten auf einen längeren Zeitraum zu verteilen oder, bei gegebener Liquidität, einen Rabatt für die frühzeitige Bezahlung der Rechnung zu erhalten. Eine Zahlungsfrist von 30 Tagen ist also für beide Seiten nicht unbedingt ideal.

An dieser Stelle kommen Embedded-Finance-Lösungen ins Spiel. Technologie kann als Zahlungsvermittler zwischen beiden Parteien eingesetzt werden und dabei nahtlos in Rechnungsprozesse integriert sein. Die kaufende Seite kann wählen, wann sie zahlen möchte und die verkaufende Seite wird sofort bezahlt - vollautomatisch. Das Cashflow-Problem ist für beide Seiten unmittelbar gelöst.

Die passende Finanzierung zur richtigen Zeit

Eine weitere Herausforderung für KMU sind häufig größere Investitionen. Insbesondere Kleinstunternehmen haben oft nicht die Mittel, eine Gelegenheit beim Schopfe zu packen, wenn sie sie sehen. Bei ihrer Bank einen Kredit zu beantragen ist oft mit langen Wartezeiten, Unsicherheit, Papierkrieg und Umständlichkeit verbunden. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Bank am Ende den Kredit komplett ablehnt.

Daher nutzen immer mehr Kleinunternehmen Kreditvergleichsseiten, wie Compeon oder Fincompare, zur Kreditbeantragung. Fintechs betten ihre Prozesse in diese Plattformen ein, sodass Kunden sofort an Ort und Stelle sehen können, wofür sie eine Bewilligung bekommen. Das Konzept ist noch relativ neu und in Deutschland bisher vergleichsweise wenig verbreitet. Ob es sich langfristig durchsetzen und bewähren wird, ist offen. Doch der Blick in andere Märkte wie das Vereinigte Königreich deutet darauf hin, dass es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis solche eingebetteten Finanzierungslösungen auch hierzulande weite Verbreitung finden.

Große Finanz-Ökosysteme nutzen Embedded Finance 

Ein weiterer Trend wird von Buchhaltungssoftwareanbietern wie Sage, Sevdesk oder Lexoffice vorangetrieben. Zusammen bedienen sie tausende von Unternehmen und entwickeln sich für diese zu einer zentralen Anlaufstelle, die über ein großes Partner-Ökosystem zahlreiche zusätzliche Dienstleistungen anbietet. Sie alle verfügen über hochrelevante Finanzdaten ihrer Kundschaft. Sie können diese für Kredite vorqualifizieren oder Buchhaltern dabei helfen, die passende Kreditart zu vermitteln. Sie sind in guter Position, zu den größten Herausforderern der Banken zu werden. Auch einige E-Commerce-Anbieter und Lebensmittellieferdienste bieten bereits selbst oder mithilfe von Tech-Kreditgebern ähnliche Angebote.

Einige Kleinunternehmen profitieren bereits von den Vorteilen von Embedded Finance, doch es könnten noch mehr sein. Es gibt viele unkomplizierte Möglichkeiten, Finanzierungen in andere Angebote und Dienstleistungen einzubetten. Den Ausbau und die Verbreitung dieser Technologie zu beschleunigen, sollte daher ein zentraler Pfeiler beim Wiederaufbau der Wirtschaft sein.

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