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"Joe Biden war berechenbar und zeigte Empathie"

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Joe Biden und Donald Trump liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Über den Wahlausgang bestimmt auch der Faktor Vertrauen. Wie die beiden Präsidentschaftskandidaten dabei gepunktet haben und was Führungskräfte daraus lernen können, erklärt Experte Wolfram Schön.

Dr. Wolfram Schön ist Organisations- und Wirtschaftspsychologe und seit mehr als 25 Jahren in der Industrie und in der Beratung tätig. Als Vortragsredner, Executive Coach und Managementberater konzentriert er sich auf die Themen Führungserfolg, Leistungs- und Vertrauenskultur, Leadership, Produktivität und Engagement von Teams, Prozessoptimierung und Veränderungsprozesse.


Springer Professional: Vertrauen spielt für Sie in der Führungsarbeit eine besonders wichtige Rolle. Wie lässt sich das Führungsthema Vertrauen auf die US-Wahl übertragen?

Wolfram Schön: Vertrauen ist die wichtigste Währung in der Politik. Beim Vertrauen geht es um das gemeinsame Interesse zwischen Wählern und Politikern sowie um die Berechenbarkeit, dass Politiker ihre Versprechen einhalten. Projiziert auf die US-Wahl haben Trump und Biden ihre jeweiligen Lager hier gut bedient. Trumps Berechenbarkeit ist dabei seine Unberechenbarkeit, die seine eingefleischten MAGA-Anhänger* lieben. Was wir Deutsche und Europäer bei Trump als trennend, spaltend und als Geringschätzung gegenüber Frauen, Schwarzen und Immigranten wahrnehmen, ist für seine Anhänger das Verbindende. Daher fährt er ein gutes Ergebnis ein. Die MAGA-Anhänger haben ihm vertraut. Vertrauen ist keine absolute Größe, sondern wird stark durch das wahrgenommene gemeinsame Interesse gestimmt, es ist individuell und personenbezogen. 

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Was hat Joe Biden in Hinblick auf das Thema Vertrauen im Wahlkampf gut gemacht?

Joe Biden war berechenbar, versuchte zu verbinden und zeigte Empathie. Besonders stark war sein Auftritt beim zweiten TV-Duell am 22.10.2020. Er hat die Zuschauer immer wieder direkt angesprochen, persönliche Erfahrungen beschrieben und vor allem immer wieder das Verbindende betont. Er hat viele Aspekte, die Vertrauen erzeugen, adressiert. Er war wertschätzend und respektvoll, er zeigte Interesse an den Menschen und ihren Schicksalen, gerade beim Thema Corona. Außerdem hat er sich als kompetenter Präsident dargestellt, der mit durchdachten Konzepten für die Pandemie, Klimawandel oder die Krankenversicherung aufwarten kann. 

Dennoch geht die Wahl knapp aus. Was ist dafür ausschlaggebend, wenn beide Kandidaten ihre Lager doch scheinbar fest hinter sich hatten? 

Biden konnte bei den Wechselwählern aus den weißen Vorstädten punkten, den sogenannten Sub-Urbans, in dem er mit dem gezeigten Respekt, der Wertschätzung, dem Interesse und seiner Kompetenz – aber vor allem durch seine dargestellte Berechenbarkeit an Sympathie gewonnen hat – alles Aspekte, die vertrauensbildend auf die Sub-Urbans gewirkt haben sollten. 

Und Donald Trump? Welche seiner Verhaltensweisen haben zu diesem Kopf-an-Kopf-Rennen beigetragen?

Trumps Unberechenbarkeit, seine Aggressivität, seine Opposition gegen das Establishment sowie die Presse, alles das ist das Bindeglied und damit das gefühlte gemeinsame Interesse der MAGA-Anhängern gewesen. Dass er damit alleine die Wahl nicht gewinnen konnte, hat er erst in dem TV-Duell am 22.10.2020 gezeigt, wo er betont höflicher und präsidialer wirken wollte. In den Folgetagen hat er aber wieder seine Kernwähler bedient und sich abermals als unberechenbar, respektlos, Unwahrheiten verbreitend und mit wenig Kompetenz ausgestattet geoutet. 

Wie hat Trump hier auf die Sub-Urbans gewirkt?

Trump konnte die Sub-Urbans, die ihm 2016 das Vertrauen geschenkt hatten, nicht mehr so überzeugen. Denn diese haben ihn 2016 gewählt, weil sie Hillary Clinton definitiv nicht vertrauten und weil sie dachten, dem Washingtoner Establishment einen erfolgreichen Geschäftsmann entgegensetzen zu müssen. Damals hatten sie als gemeinsames Interesse das Thema Sicherheit für eine vermeintlich durch Schwarze und Zuwanderer gefährdete Mittelschicht. Doch es hat sich gezeigt, dass Trump nicht in ihrem Interesse, sondern einzig und allein in eigenem, egoistischen Trump-Interesse handelt. 

Was können Führungskräfte daraus lernen?

Im Führungskontext sehe ich das Thema weniger zielgruppenbezogen, sondern absolut. Das heißt, ohne Wertschätzung und Respekt, ohne eine offene und ehrliche Kommunikation, ohne Empathie und Interesse am Team, an Mitarbeitern und Kollegen wird sich Vertrauen nicht entwickeln lassen. Wer als Chef wie Trump das Trennende betont und nicht auf Vertrauen im gesamten Team und Umfeld setzt, der wird ein effektives Miteinander verhindern, die Mitarbeitermotivation und die Mitarbeiterzufriedenheit negativ beeinflussen und ein wenig erfolgreiches "Low-Trust-Unternehmen" erzeugen. Wer demgegenüber auf Empathie, Interesse an Menschen, Wertschätzung und Respekt, Ehrlichkeit und Kompetenz setzt, der schafft die Voraussetzungen für ein "High-Trust-Unternehmen", das deutlich erfolgreicher agieren wird, als das Erstgenannte. 

*Anmerkung der Redaktion: MAGA = Make America Great Again 

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