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19.12.2022 | Polymerwerkstoffe | Im Fokus | Online-Artikel

In Deutschland werden 35 % der Kunststoffabfälle recycelt

verfasst von: Thomas Siebel

4 Min. Lesedauer
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Circa 12 % der in Deutschland verarbeiteten Kunststoffe sind Rezyklate. Um die Quote deutlich zu steigern, bedarf es erheblicher Investitionen. Indessen spielt der gegenwärtige Rohstoffmangel den Recyclern in die Hände.

Die Nachfrage nach Kunststoffen in Deutschland ist ungebrochen, wie die führenden Branchenverbände in ihrer kürzlich erschienenen Studie Stoffstrombild Kunststoffe Deutschland 2021 berichten. 21,1 Millionen t hat die deutsche Industrie im Jahr 2021 demnach produziert; das sind über 5 % mehr als noch 2019. Zudem verarbeitete die Industrie 14 Millionen t Kunststoffe, wobei die Bereiche Verpackung und Bau mit einem Verbrauch von jeweils über 3 Millionen t die deutlich größten Abnehmer waren, gefolgt von der Elektro-/Elektronikindustrie und dem Automobilbau mit einem Verbrauch von jeweils unter 1 Millionen t.

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Demgegenüber steht eine Abfallmenge von 5,7 Millionen t, die zum überwiegenden Teil (96 %) aus Post-Consumer-Abfällen bestehen und nur zu einem kleinen Prozentsatz aus Industrieabfällen. Gemessen an dem Ziel einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft fällt der gegenwärtige Umgang mit den Abfällen ernüchternd aus: Knapp 35 % werden recycelt, während die übrigen 65 % in Müllverbrennungsanlagen (circa 37 %) oder als Ersatzbrennstoffe (27 %) thermisch verwertet werden.

Geringeren Recyclingquoten durch neuen Berechnungsansatz

Allerdings weisen die Verbände auch auf eine neue Berechnungsgrundlage hin, die gegenüber den vergangenen Jahren zu geringeren Recyclingquoten führt. Bis vor zwei Jahren wurde der Materialeingang in die Recyclinganlagen als Recyclingmenge gewertet. Durch das Zerkleinern, Nachsortieren und Waschen während des Recyclingprozesses geht jedoch Material verloren. Dieses wird mit dem neuen Berechnungsansatz nicht mehr zur Recyclingmenge gerechnet; es zählt nur noch das Material, das tatsächlich zu Rezyklat verarbeitet wird. Nach der alten Berechnungsweise läge die Recyclingquote für 2021 bei rund 47 %, was einer Steigerung von knapp 14 % gegenüber 2019 entspricht.

Ebenfalls nicht mehr zur Recyclingmenge gezählt werden dabei auch Kunststoffe, die im Produktions- und Verarbeitungsprozess als Nebenprodukt entstehen und, ohne aufwendige Aufbereitung, für die erneute Compoundierung oder Verarbeitung verwendet werden.

Laut der Studie hat sich der Einsatz von Rezyklaten in der Branche bereits etabliert. Insgesamt 1,7 Millionen t Recyclingkunststoffe wurden 2021 in Deutschland hergestellt, 1,6 Millionen t wurden verarbeitet; das entspricht einem Anteil von 12 % der gesamten verarbeiteten Kunststoffmenge. Überwiegend kommen die recycelten Kunststoffe in den Bereichen Bau, Verpackung und Landwirtschaft zum Einsatz.

Materialkreisläufe sollen geschlossen werden

Dennoch muss das Schließen von Materialkreisläufen nach Darstellung der Verbände beschleunigt werden. Neben einem verstärkten Recycling und Rezyklateinsatz brauche es dafür eine recyclinggerechte Produktgestaltung, weniger Exporte von Altkunststoffen aus Europa heraus und ein unverzügliches Ende der Deponierung in allen EU-Ländern. Zudem müsse in moderne Sortier- und Recyclinganlagen investiert werden und das Recycling solle technologieoffen angegangen werden.

Ähnliche Forderungen stellen Peter Orth, Jürgen Bruder und Manfred Rink im Kapitel Verwertung von Kunststoffabfällen des Buchs Kunststoffe im Kreislauf: "Um den Umfang verwerteter Kunststoffabfallmengen kurz-, mittel- und langfristig zu steigern, müssen alle zum werkstofflichen Recycling gehörenden Prozesse weiterentwickelt und forciert eingesetzt werden, müssen alle Möglichkeiten des chemischen Recyclings weiterentwickelt und technisch realisiert werden (hierfür wird Technologieoffenheit benötigt) und muss die energetische Verwertung auf das für die Beseitigung nicht verwertbarer und schädlicher Anteile unabdingbare Minimum reduziert werden." Eine kontinuierliche Verbesserung der Wirtschaftlichkeit des stofflichen Recyclings verlange dabei erhebliche Investitionen in die Anlagentechnik und in die Skalierung vorhandener Kapazitäten.

Rohstoffmangel befeuert Markt für Rezyklate

Die Recyclingwirtschaft und der Rezyklatmarkt leidet Orth, Bruder und Rink zufolge unter einer Reihe von Problemen und Hindernissen. Beispielsweise seien die Informationen über die genaue Zusammensetzung von Abfallströmen oft unzureichend, während viele Stoffströme für ein wirtschaftliches Recycling zu klein sind oder zu unstet anfallen. Zudem sei die Verwertungswirtschaft zu fragmentiert, wobei viele mittelständische Unternehmen über zu wenig Kapital für innerbetriebliche Innovationen und die Entwicklung von Technologien verfügten.

In den letzten Jahren haben außerdem die niedrigen Preise für fossile Rohstoffe den Markt für Rezyklate gehemmt. Im Vergleich zu Neuware verfügen Rezyklate zumeist über geringere Qualität und sie sind nur beschränkt verfügbar, weswegen viele potenzielle Abnehmer erwarteten, dass Rezyklate im Vergleich zu Neuware günstiger sein müssten. Im Zuge der Corona-Pandemie und des russischen Überfalls auf die Ukraine – und dem damit verbundenen Rohstoffmangel – kehrt sich dieses Bild jedoch um, wie die Autoren schreiben: "Kunststoff-Rezyklate sind gefragt, Qualitätsabstriche werden hingenommen, den Preisvorstellungen der Recycler wird entsprochen."

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