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27.10.2022 | Polymerwerkstoffe | Im Fokus | Online-Artikel

So soll die Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe gelingen

verfasst von: Thomas Siebel

4:30 Min. Lesedauer
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Recycling, Biomasse-Nutzung und CCU – das sind die Schlüsseltechnologien für die Kreislaufführung von Kunststoffen. So sieht es ein Expertengremium, das auf Initiative von Plastics Europe Handlungsempfehlungen formuliert hat.

Die gute Nachricht zuerst: Die nötigen Technologien für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft mit Kunststoffen sind im Großen und Ganzen bekannt. Die schlechte Nachricht: Bis sie in einem ganzheitlichen System effizient zusammenwirken, ist noch ein langer Weg zu gehen. Das Ziel für eine umfassende Kreislaufwirtschaft dabei ist zwar klar formuliert und weithin akzeptiert – in Deutschland bis 2045, EU-weit bis 2050 –, ob der bislang eingeschlagene Weg aber zuversichtlich stimmt oder doch eher Sorge bereitet, ist hingegen umstritten.

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01.09.2022 | Titelthema

Kunststoffrecycling - sind wir auf dem richtigen Weg?

Der Green Deal der Europäischen Union, der Circular Economy Action Plan innerhalb dieses Green Deals, der Abschnitt zum Thema Kreislaufwirtschaft im Koalitionsvertrag der deutschen Regierung, die Einführung einer Kunststoffsteuer in Großbritannien oder die beschlossene Einführung eines Pfandsystems in Österreich.

Fritz Flanderka, Experte für Produzentenverantwortung und Geschäftsführer der Reclay Group, findet, "dass wir uns in Deutschland und auf EU-Ebene derzeit auf dem richtigen Weg befinden", und verweist unter anderem auf die im Koalitionsvertrag festgehaltenen Kreislaufwirtschaftsziele oder den Circular Economy Action Plan der Europäischen Union.

"Recycling-Narrativ ist irreführend"

Einen kritischeren Ton schlägt Helmut Maurer an, der bis vor Kurzem Senior Expert für Chemikalien und Kreislaufwirtschaft bei der Europäischen Kommission war. Im Artikel Kunststoffrecycling – Sind wir auf dem richtigen Weg? in der Nachhaltigen Industrie 3/22 weist er darauf hin, dass sich die jährliche Produktion von Kunststoffen bis 2050 voraussichtlich mehr als verdreifachen wird. Die kumulierten CO2-Emissionen aus Herstellung, Recycling und thermischer Verwertung bezeichnet er als inakzeptabel und schreibt weiter: "Das Recycling-Narrativ ist an sich irreführend. Es […] nährt vor allem die Illusion, eine entgrenzte Überproduktion von Kunststoffen sei unbedenklich." Getrennte Sammlungen und sorgsame Aufbereitungen von Kunststoffabfällen seien in weiten Teilen der EU nämlich auf absehbare Zeit nicht zu verwirklichen. Das Gebot der Stunde sei stattdessen eine weitaus geringere und selektivere Produktion von Kunststoffen bei gleichzeitig gesteigertem Recycling.

Worauf es für die Kunststoffindustrie nun ankommt, halten Peter Orth, Jürgen Bruder und Manfred Rink in der Einleitung zum Buch Kunststoffe im Kreislauf fest:

  • Die Kunststoffindustrie muss der wachsenden Menge von Kunststoffabfällen in der Umwelt Herr werden.
  • Sie muss auf fossile Rohstoffe verzichten.
  • Sie muss in der Technosphäre befindlichen Kohlenstoff im Kreislauf führen.

Kreislaufwirtschaft kombiniert mit Biokunststoffen

Der Verband der Kunststofferzeuger in Deutschland Plastics Europe hat nun ein Papier mit Handlungsempfehlungen vorgelegt, das aufzeigt, wie der Wandel hin zur Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffindustrie gelingen könnte. Grundlage des Papiers sind Beratungen von Wissenschaftlern und Experten, unter anderem von der ETH Zürich, der RWTH Aachen, des Karlsruher Instituts für Technologie und des Nova-Instituts. Plastics Europe hat die Beratungen moderiert.

Das Expertengremium skizziert dabei eine sogenannte KreislaufwirtschaftPlus, in der einerseits das Recycling möglichst aller Kunststoffabfälle maximiert wird und in der neu zugeführte Kunststoffe zwingend nicht-fossilen Ursprungs sein müssen. Als Ausgangsmaterial für neue Kunststoffe kämen dann ausschließlich nachhaltig zertifizierte nachwachsende Rohstoffe, also Biomasse, und mittels CCU oder aus der Atmosphäre entnommenes CO2 in Frage, die mithilfe von Energie aus thermisch verwerteten Kunststoffabfällen oder mit regenerativ erzeugter Energie hergestellt würden. Heute bestehen Kunststoffe noch weit überwiegend aus Rohstoffen fossilen Ursprungs. Dass dem Werkstoffreislauf neue Werkstoffe zugeführt werden müssen, steht für die Experten indes außer Frage, einerseits aufgrund unvermeidbarer Verluste im Werkstoffkreislauf, anderseits in dem wahrscheinlichen Fall, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt.

Schlüsseltechnologien weiterentwickeln und skalieren

Um die Recyclingquote in Deutschland von heute unter 50 % deutlich zu steigern, sollten Produkte in der Entwicklung durch Design-for-Recycling-Ansätze optimiert werden. Abfälle sollten vermieden werden, Produkte möglichst wiederverwendbar sein und am Ende ihrer Nutzungsphase mechanisch oder chemisch recycelt werden. Die Verbrennung von Kunststoffabfällen sollte weiterhin möglich sein, sofern die CO2-Emissionen mithilfe von Carbon-Capture-and-Utilization-Ansätzen (CCU) abgeschieden und als Rohstoff wiederverwendet werden.

Als Schlüsseltechnolgoien für die Kreislaufwirtschaft nennen die Experten das mechanische und das chemische Recycling, die Nutzung von Biomasse für biobasierte Kunststoffe sowie CCU. Diese Technologien gelte es kurzfristig weiterzuentwickeln und zu skalieren. Das energetisch und finanziell vergleichsweise aufwendige chemische Recycling sollte nur angewendet werden, wenn das mechanische Recycling an seine Grenzen kommt. Das ist der Fall bei stark vermischten Abfallströmen, bei Kunststoffen ohne thermoplastischen Eigenschaften oder wenn sich Polymerketten der Kunststoffe nach mehrfachem Recycling zu stark verkürzen. 

Chemisches Recycling und Massenbilanzen erforderlich

Zudem sollten Wertschöpfungsketten besser vernetzt werden, etwa indem Anreize für zirkuläre Geschäftsmodelle, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen und initiale Leuchtturmprojekte geschaffen werden. Umweltschutz-, Wirtschafts-, Industrie- und Forschungspolitik sollten außerdem besser koordiniert werden.

Neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien und dem Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft sollten „innovationshindernde Regularien“, etwa im Hinblick auf die Anerkennung des chemischen Recyclings abgebaut werden. Außerdem seien effektive Anreiz- und Nachverfolgungssysteme für Recyclingkunststoffe notwendig, beispielsweise Nachhaltigkeitszertifikate und digitale Produktpässe, um Wertstoffabfälle leichter zugänglich zu machen. In diesem Zusammenhang sollte auch ein Rahmen für Massenbilanzen als Standard für die Berechnung des Rezyklatanteils in Kunststoffprodukten.

Carbon-Leakage-Schutz notwendig

Die Experten schlagen zudem mögliche Instrumente vor, mit denen sich eine Lenkungswirkung im Markt entfalten ließe. Dazu gehören unter anderem eine Plastikabgabe oder eine Abgabe auf die Inverkehrbringung (aller) Materialien zur Finanzierung von EU-Eigenmitteln, eine erweiterte Herstellerverantwortung in Bezug auf eine effizientere Abfallsammlung wie zum Beispiel ein Bonus-Malussystem für die Rezyklierbarkeit von Kunststoffprodukten oder innovative Pfand- und Rücknahmesysteme, etwa für Mehrwegverpackungen.

Überdies weisen die Experten auf die Notwendigkeit eines Carbon Leakage-Schutz‘ an den Außengrenzen des gemeinsamen Markts hin, um Produktionsverlagerungen in Länder mit geringeren Standards vorzubeugen. Außenhandel müsse auf Länder beschränkt werden, die über eine hinreichend entwickelte kreislaufwirtschaftliche Infrastruktur verfügen.

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