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Über dieses Buch

Positive Entwicklung - dieses Thema verweist auf Wohlbefinden, Zufriedenheit und Glück, zugleich aber auf die Notwendigkeit, diese Begriffe mit Aspekten gelingenden Lebens zu verbinden. Vorstellungen gelingenden Lebens bilden die Grundlage jeder Sozialisationspraxis, zugleich aber auch von Aktivitäten der Selbstentwicklung und Selbstkultivierung. Allerdings mischen sich in jeder Lebensgeschichte Erwünschtes und Unerwünschtes; gelingende Lebensführung schließt daher die Fähigkeit ein, widrige Lebensumstände zu überwinden und persönliche Ziele und Ansprüche auf Veränderungen im Lebens- und Entwicklungsverlauf abzustimmen.

Von handlungs- und entwicklungstheoretischen Perspektiven ausgehend sichtet Jochen Brandtstädter in diesem Buch Ansätze zur Behandlung dieses Themenkomplexes. Neben aktuellen Forschungsergebnissen zu gelingender Lebensqualität und gelingenden Alterns werden Prozesse der Selbstregulation, der Zielverfolgung und flexiblen Zielanpassung, sowie Bedingungen des Lebensmanagements in modernen Entwicklungsumwelten behandelt – dabei kommen auch Themen wie Reue, Sehnsucht, Gelassenheit und Selbst-Transzendenz in den Blick.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung und Überblick

Warum handelt dieses Buch von „positiver Entwicklung“ – statt von geläufigeren Konzepten wie Glück, Wohlbefinden, Zufriedenheit, die doch offenbar mit unserem Thema viel zu tun haben? In der Tat: Einen Lebens- und Entwicklungsverlauf, in dem das betroffene Individuum nicht ein gewisses Quantum an Glück und Zufriedenheit erlebt, wird man kaum als positiv oder gelungen bezeichnen. Daher wird auch von solchen Lebens- und Gefühlsqualitäten – und den methodischen Problemen ihrer Erfassung – die Rede sein. Allerdings sind Zustände des Glücks und Wohlbefindens eben nur Zustände, und selbst wenn man das Glück hätte, in einem Dauerzustand von Glück und Zufriedenheit zu leben, wäre darin nicht ohne weiteres ein Modellfall von gelingendem Leben zu sehen. Denn zum Ersten spielen auch zeitliche Verläufe des Befindens eine Rolle, und vielleicht sogar eine noch wichtigere Rolle als das reine Quantum von Zuständen mit positiver Erlebnisqualität: Ereignisverläufe – oder auch ganze Lebensgeschichten – werden eher positiv bewertet, wenn eine Entwicklung zum Besseren vorliegt, als im umgekehrten Falle. Zum Zweiten sind Bedingungen, die uns momentan Gefühle von Glück und Zufriedenheit vermitteln, nicht unbedingt diejenigen, welche die Weichen in eine positive Zukunft stellen – wie es beispielsweise für Drogenkonsum oder Glücksspiel, aber auch für andere, zu Überwertigkeit, Sucht und zwanghafter Fixierung tendierende Wünsche und Motive gilt. Persönliche wie auch sozial vorherrschende Vorstellungen glücklichen Lebens und seiner Bedingungen können bekanntermaßen schon die Wurzel späteren Unglücks sein; auch insofern mag man Kant zustimmen, wenn er es als „Unglück“ betrachtet, dass Glück „ein so unbestimmter Begriff“ sei.
Jochen Brandtstädter

2. Positive Entwicklung: Methoden- und Kriterienfragen

Welche Lebensumstände und Entwicklungsverläufe sind wünschenswert? Was bedeuten Lebensglück und gelingende Entwicklung, und welche Bedingungen sind diesen allgemeinsten Zielen förderlich? Konsens in diesen Fragen lässt sich umso leichter herstellen, je allgemeiner und weniger konkret die Antworten sind: Erfüllung von Bedürfnissen, Leistungsvermögen, sinnvolle Tätigkeit, emotionale Stabilität, innere Harmonie, befriedigende Sozialbeziehungen, Sicherheit, Optimismus, Gesundheit sind häufig genannte kriteriale Bestimmungen; „Glück“, „Wohlbefinden“, „Zufriedenheit“ werden gemeinhin als Resultat oder Inbegriff solcher günstigen Bedingungen betrachtet, die sich allerdings in individuellen Lebensgeschichten kaum je dauerhaft verwirklicht finden. Zudem ist das, was wir mit „Glück“ – oder noch allgemeiner und umfassender: mit „Lebensglück“ – vage bezeichnen, auch von Umständen abhängig, über die wir nur begrenzt verfügen können; hiervon war schon die Rede. Auch Werthaltungen und grundsätzliche Lebenseinstellungen bilden einen Bedingungshintergrund, der einerseits unser Handeln bestimmt, seinerseits jedoch nur in Grenzen durch eigenes Handeln änderbar ist; ob und in welchem Maße man über „glücksförderliche“ Einstellungen und Handlungsbereitschaften verfügt, ist zum Teil schon eine Frage des Glücks – hier verstanden im Sinne von Zufallsglück (Fortuna). Unsere Lebensgeschichte, so könnte man mit Schopenhauer sagen, ist ein Gemisch von Handlungsergebnissen und Widerfahrnissen, wobei das, was uns ungewollt und unerwartet widerfährt, positiv wie auch negativ zu unserer Glücksbilanz beitragen kann.
Jochen Brandtstädter

3. Bedingungen und Korrelate des Wohlbefindens: Zur Befundlage

Die Frage nach den Bedingungen guten und glücklichen Lebens gehört sowohl geschichtlich wie nach ihrem grundlegenden Anspruch zu den ersten Fragen der Philosophie; Antworten sind uns in Form von Klugheitsregeln, normativ-ethischen Maximen und umfassenderen Weisheits- und Glückskonzepten von den Philosophen der Antike überliefert. Für Sokrates, Platon, Aristoteles wie auch für die Philosophenschulen etwa der Stoa, der Hedoniker oder Kyniker war „Eudämonie“ der Leitbegriff philosophischer Reflexion – ein Begriff, der gern mit „Glück“ oder „Wohlbefinden“ übersetzt wird, jedoch wohl genauer als glücklich gelingende (von einem guten Dämon geleitete) Lebensführung, also durchaus im umfassenderen Sinne positiver Entwicklung zu verstehen ist. Bedingungen und Bedeutungen von Eudämonie waren jedoch vielfach Gegenstand philosophischen Schulenstreites: Ob etwa Eudämonie nur als durch Tugend verdientes Glück verstanden werden dürfe, ob die Erfüllung von Bedürfnissen oder vielmehr äußerste Bedürfnislosigkeit der Schlüssel zu Wohlbefinden sei, ob eigenes Schicksal eher als hinzunehmendes oder aktiv zu gestaltendes anzusehen sei, welche Bedeutung in diesem Zusammenhang der Entwicklung und Entfaltung persönlicher Fähigkeiten und Talente zukomme, inwieweit das Streben nach Glück ein oberstes Ziel oder anderen Zielen nachgeordnet sei, ob Wohlbefinden überhaupt direkt anstrebbar sei oder sich eher als Nebenprodukt sinnerfüllten Handelns einstelle – Fragen dieser Art bilden seit jeher einen unerschöpflichen Gegenstand philosophisch-ethischer Debatten.
Jochen Brandtstädter

4. Resilienz, Ressourcen, eudämonische Kompetenzen

Seit langem sind individuelle Unterschiede in der Anfälligkeit gegenüber pathogenen Risiken oder Belastungen bekannt; das Konzept der Vulnerabilität (Verletzlichkeit) bezieht sich wesentlich auf diesen Aspekt. Resilienz als Gegenbegriff meint demgegenüber nicht nur Widerstandsfähigkeit gegenüber Stressoren und ungünstigen Entwicklungsbedingungen, sondern im genaueren Sinne die Fähigkeit, nach Belastungen wieder zu einer ausgeglichen-positiven Funktionslage zurückzufinden, also eine gewisse adaptive Elastizität oder Flexibilität. Biographische Studien und Längsschnitterhebungen haben vielfach über Entwicklungsverläufe berichtet, bei denen trotz ungünstiger Ausgangsbedingungen durchaus positive biographische Ergebnisse beobachtet wurden; die Liste prominenter Beispiele ist lang. Auch traumatisierende Ereignisse werden individuell sehr unterschiedlich verarbeitet, und eine posttraumatische Störungssymptomatik entwickelt sich keineswegs in allen Fällen: „Resilience in the face of loss or potential trauma is more common than is often believed“. Nicht zuletzt hat auch der Befund, dass es im höheren Alter trotz irreversibler Einschränkungen und Verluste in verschiedenen Lebens- und Funktionsbereichen nicht zu deutlichen Einbrüchen in Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit kommt, das Resilienzthema in den Mittelpunkt entwicklungs- und alternspsychologischer Forschung gerückt.
Jochen Brandtstädter

5. Intentionale Selbstentwicklung: Grundprozesse und Entwicklungsaspekte

Durch unser Handeln, wie auch durch die Erfahrung der Effekte und Beschränkungen unseres Tuns, bilden wir Repräsentationen unserer selbst und der Umwelten, in denen wir uns entwickeln. Diese Vorstellungen umfassen vergangene und gegenwärtige Lebensumstände, zugleich auch Aspekte einer möglichen und wünschenswerten Zukunft; an ihnen orientieren sich Handlungen und Entscheidungen, durch die wir den Verlauf unserer eigenen Entwicklung beeinflussen und innerhalb gegebener Spielräume zu gestalten suchen. Hierauf im Wesentlichen beziehen sich Konzepte intentionaler Selbstentwicklung.
Jochen Brandtstädter

6. Positive Entwicklung zwischen hartnäckiger Zielverfolgung und flexibler Zielanpassung: Ein Zwei-Prozess-Modell

Es ist ein geläufiger Befund, dass Menschen auch unter äußerlich ungünstigen, belastenden Lebensumständen über ein hohes Maß an Zufriedenheit und Wohlbefinden berichten, und kaum weniger häufig findet sich ein entgegengesetztes Muster, bei dem scheinbar „glückliche“ äußere Umstände mit geringer subjektiver Lebensqualität einhergehen; hiervon war schon die Rede. Wie lassen sich solche „Zufriedenheitsparadoxien“ theoretisch auflösen? Wie schützt sich das Selbst-System gegen Verlusterfahrungen und Einschränkungen, die in allen Phasen der Entwicklung – insbesondere auch im höheren Alter – auftreten können?
Jochen Brandtstädter

7. Kompensation als Mittel der Steigerung von Leistung und Lebensqualität

Kompensation im ursprünglichen Wortsinne meint das Herbeiführen eines Gleichgewichtes durch den Ausgleich von Gewichten und Gegengewichten; aufgrund seiner Nähe zu Idealen von Ausgewogenheit, Harmonie, Stabilität und Gerechtigkeit hat der Begriff schon früh in verschiedensten Bereichen – von den Militärwissenschaften über Biologie, Ökonomie, Medizin und Jurisprudenz bis hin zu Ethik und Theologie – Anwendung gefunden. Leibniz (1710) z. B. bringt die Kompensationsidee beim Versuch des Nachweises in Spiel, dass diese Welt die beste aller möglichen Welten sei; auch in dem naturphilosophischen Werk von Buffon (1777) fungiert der Kompensationsbegriff als zentrales Ordnungsprinzip. Goethe (1834, S. 194) glaubte in der pflanzlichen und tierischen Morphogenese ein Kompensations- bzw. Ökonomiegesetz zu erkennen, wonach „keinem Teil etwas zugelegt werden könne, ohne daß einem anderen dagegen etwas abgezogen werde, und umgekehrt“; Darwin (1859) greift dieses Prinzip in seinen Überlegungen zur „Kompensation und Ökonomie des Wachstums“ auf. Der Grundgedanke kehrt auch in neueren ökonomietheoretischen Konzepten wieder; so z. B. bezeichnet der Begriff des „Pareto-Optimums“ einen Systemzustand, über den hinaus keine Zielfunktion weiter gesteigert werden kann, ohne zugleich eine andere zurückzusetzen. „Für den Menschen gibt es weder Gewinn ohne Verlust, noch Verlust ohne Gewinn – Kompensation überall“, postuliert Formey (1759) in seinem Entwurf eines „Systems der Kompensation“. Nicht zuletzt können auch Entwicklungs- und Alternsprozesse als gain-loss-dynamic betrachtet werden; im Kontext persönlicher Entwicklung richtet sich kompensatorisches Handeln wesentlich darauf, diese Gewinn-Verlust-Bilanz in günstigen Grenzen zu halten.
Jochen Brandtstädter

8. Lebensplanung und adaptives Lebensmanagement

Grundlegend für unsere Lebensgestaltung sind Vorstellungen darüber, wie wir leben und was wir sein oder werden möchten. Planvolles Handeln beginnt mit der Suche nach Mitteln und Wegen, solche Vorstellungen zu verwirklichen. Weite Bereiche unserer Alltagsaktivitäten folgen einem durch Gewohnheit und Routine bestimmten Ablauf; Entscheidungs- und Planungsprozesse, die das gesamte Leben betreffen, treten typischerweise an Verzweigungen und kritischen Übergängen des Lebenslaufes auf wie etwa bei Fragen der Berufswahl, der Familienplanung, oder nach kritischen Lebensereignissen. Aber auch dann, wenn unsere gewohnte Lebensorganisation uns nicht mehr hinlänglich sinnvoll oder befriedigend erscheint, beginnen wir über Möglichkeiten nachzudenken, unser Leben zu ändern und wieder mit persönlichen Zielen in Einklang zu bringen.
Jochen Brandtstädter

9. Sinn und Sinnfindung

Fragen nach dem „Sinn des Lebens“ – wie auch Anschlussfragen nach dem Sinn dieser Fragestellung – sind eine traditionelle Domäne philosophischer Reflexion. Gelegentlich werden sie an die Psychologie weiterverwiesen, von wo sie gerne wieder zur philosophischen Bearbeitung zurückgegeben werden. Allerdings gab es auch Richtungen in der Psychologie, wie etwa die von Dilthey und Spranger begründete Schule der sogenannten „geisteswissenschaftlichen Psychologie“, wo das Sinnthema zum Programm erhoben wurde.
Jochen Brandtstädter

10. Emotionen: Emotionsregulation und Selbstregulation

Durch die naheliegende Beziehung zu Begriffen von Glück und Zufriedenheit rückt das Thema positiver Entwicklung in die Nähe emotionstheoretischer Perspektiven. Gefühle verweisen auf Bedürfnisse, Motive und Werte und signalisieren diesbezügliche Erfüllungs- oder Mangelzustände; was das Leben lebenswert oder beschwerlich macht, hat auch mit Gefühlen, Stimmungen und Emotionen zu tun.
Jochen Brandtstädter

11. Bedauern und Reue

Die Dramaturgie von Lebensgeschichten ergibt sich wesentlich aus dem spannungsvollen Kontrast zwischen möglichen Lebensverläufen und dem, was wir – im Rahmen gegebener Möglichkeiten – „aus unserem Leben gemacht“ haben. Mit der Repräsentation des Möglichen, aber nicht Realisierten entstehen „kontrafaktische Kognitionen“ Vorstellungen, welche andere Richtung Ereignisabläufe – oder unser Leben im Ganzen – möglicherweise hätten nehmen können, wenn wir bestimmte Handlungen ausgeführt oder unterlassen bzw. uns in kritischen Situationen anders entschieden hätten. Fällt der Vergleich zugunsten des faktischen Ereignisablaufes aus, entstehen positive Gefühle; die Annahme, durch eigenes Tun die Wahrscheinlichkeit einer glücklichen und erfolgreichen Entwicklung befördert zu haben, verbindet sich mit Gefühlen von Freude, Genugtuung oder Stolz. Dagegen erzeugt der kontrafaktische „Aufwärtsvergleich“ mit möglichen günstigeren Verläufen negative Affekte wie z. B. Enttäuschung, Ärger oder Reue.
Jochen Brandtstädter

12. Sehnsucht: Theoretische Annäherungen an ein komplexes Gefühl

Das schöne Wort „Sehnsucht“ kam vermutlich zusammen mit den Steigerungsformen von Komparativ und Superlativ auf die Welt: Die Steigerung zum Besseren, Höheren, Schöneren verweist auf Vorstellungen des Besten, Höchsten, Schönsten, des absolut Optimalen und Vollkommenen, das die Zone des Erreichbaren begrenzt oder bereits übersteigt und oft eher in Bildern und Symbolen als in konkreten Vorstellungen zu fassen ist. Bilder des Vollkommenen und Märchenhaften bilden einen Inspirationsquell in Kunst und Religion, für gesellschaftliche Utopien und damit verbundene Modelle gelingenden Lebens und Zusammenlebens – nicht zuletzt auch für Märchenerzählungen, weshalb es naheliegt, aus dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm zu zitieren: Danach ist Sehnsucht „ein hoher Grad eines heftigen und oft schmerzlichen Verlangens nach etwas, besonders wenn man keine Hoffnung hat, das Verlangte zu erlangen, oder wenn die Erlangung ungewiss, noch weit entfernt ist“.
Jochen Brandtstädter

13. Gelassenheit

Gelassenheit – es mangelt nicht an Ratschlägen und Rezepten, wie man zu dieser besonderen Haltung oder Einstellung gelangen kann. In jedem hinlänglich sortierten Buchladen findet sich eine Fülle lebenspraktischer Ratgeber dazu, oft mit Literatur zum Gegenthema „Stress“ im gleichen Regal. Gelassenheit wird gerne angeraten angesichts von Misserfolgen, Verkehrsstaus, Unhöflichkeiten und sonstigen vergangenen, aktuellen und möglichen zukünftigen Ärgernissen. Ein eindrucksvolleres Fallbeispiel gibt uns Platon im Phaidon-Dialog, wo der zum Tod durch den Giftbecher verurteilte Sokrates im gelassenen Gespräch mit verzweifelten Freunden die Befreiung der Seele aus dem Käfig des Leibes als Weg zum reinen Wissen preist. Spätestens seit diesem exemplarischen Fall gilt Gelassenheit auch als Ausdruck und Ergebnis von Weisheit und tieferer Einsicht – Haltungen oder Zustände, zu denen allerdings nicht jeder hinlänglich begabt ist.
Jochen Brandtstädter

14. Empathie, Mitleid und Altruismus

Wie erkennen und erleben wir die Gefühle unserer Mitmenschen? Eine geläufige Antwort ist, dass wir von äußeren Merkmalen des Ausdrucks oder Verhaltens auf „intrapsychische“ Zustände bei Anderen schließen. Da wir keinen unvermittelten Zugang zu Empfindungen haben, die nicht unsere eigenen sind, ist diese Sichtweise plausibel. Gleichwohl wirft sie Probleme auf; in philosophischen Diskursen wird diese Problematik auch unter dem Stichwort des „Fremdpsychischen“ diskutiert. Stellen wir uns z. B. Astronauten vor, die auf einem fremden Planeten landen und dort Wesen vorfinden, die sich verhalten, als ob sie mentale Zustände wie Meinungen, Wünsche, Emotionen oder Empfindungen wie z. B. Schmerzen hätten. Für die Raumfahrer mag nun die Frage im Raum stehen, ob diese Wesen wirklich subjektiv-phänomenale Empfindungen haben – falls nicht, könnte man sie z. B. ohne weiteres versklaven und zu allen möglichen Zwecken gebrauchen. Auf ihr Schreien und Stöhnen müsste man jedenfalls keine Rücksicht nehmen, und zu Mitleid oder Mitgefühl bestünde kein Grund. Wittgenstein hat anhand solcher Szenarien das Problem der Unterscheidung zwischen „seelenlosen Automaten“ – in neueren Diskussionen zu diesem Thema ist auch von „Zombies“ die Rede – und empfindenden Wesen sowie die damit verbundenen ethisch-moralischen Anschlussprobleme diskutiert. Seine Argumentation läuft darauf hinaus, dass dieses Problem mittels objektiver Kriterien nicht zu lösen ist; vielmehr handle es sich letztlich um eine normative Frage bzw. eine Frage der Einstellung. Diese Sichtweise trifft sich mit Positionen, welche die Reduzierbarkeit von subjektiven Empfindungsqualitäten bzw. von „Qualia“ auf äußeres Verhalten oder auch auf neurophysiologische Prozesse in Frage stellen – Evidenzen, aus denen jedenfalls nicht zu erschließen ist, wie es sich „anfühlt“, z. B. Schmerzen zu haben. Das Qualia-Problem markiert offenbar eine Erklärungslücke, die letztlich vielleicht auch Bewusstsein schlechthin zu einem Rätsel macht.
Jochen Brandtstädter

15. Vertrauen und Sicherheit

Entwicklung über die Lebensspanne gleicht einem Weg durch unsicheres Gelände; individuelles Lebensmanagement dient der Planung und Absicherung von Entwicklungsverläufen, ist aber angesichts der begrenzten Antizipierbarkeit zukünftiger Ereignisse mit Unsicherheit behaftet. Selbst des eigenen Verhaltens und der zukünftigen Entwicklung eigener Interessen und Kompetenzen kann man sich oft nur eingeschränkt sicher sein. Um unter diesen existentiellen Grundbedingungen ein befriedigendes Leben zu führen und seinen Lebensweg aktiv zu gestalten, bedarf es offenbar eines gewissen Quantums von Vertrauen – Vertrauen in sich selbst, in andere Menschen, in die Zukunft schlechthin.
Jochen Brandtstädter

16. Soziomoralische Aspekte guten Lebens: Tugenden und Charakterstärken

Kann man glücklich sein und trotzdem im Einklang mit der Moral leben? Die Frage trägt einen modernen Zug; in früheren Zeiten hätte man vielleicht eher umgekehrt gefragt, ob man im Gegensatz zu moralischen Forderungen und Tugenden leben und dennoch glücklich werden könne. Wie dem auch sei: Die Frage des Verhältnisses – oder auch Spannungsverhältnisses – zwischen Moral und Lebensglück berührt einen klassischen Topos der Ethikphilosophie; ihre Beantwortung erfordert offenbar sowohl begriffliche wie auch empirische Bemühungen.
Jochen Brandtstädter

17. Mortalität, Moralität und Weisheit

Das Merkmal chronologischen Alters misst zum einen die zurückgelegte Lebenszeitstrecke, zugleich verbindet es sich für die alternde Person mit Erwartungen hinsichtlich der Lebenszeit, die ihr noch verbleibt. Für das Thema positiver Entwicklung und gelingenden Lebens sind beide Aspekte bedeutsam: Wir handeln und entwickeln uns in der Zeit; die hierzu gegebenen Optionen und Spielräume werden wesentlich begrenzt durch die Zeit, über die wir verfügen bzw. noch zu verfügen glauben. Wir investieren bzw. „opfern“ Zeit, um Ziele zu realisieren, Problemen und möglichen Entwicklungsverlusten vorzubeugen; im Handeln versuchen wir, Zeit zweckmäßig und sinnvoll zu nutzen, wobei die Erwartung zukünftiger Handlungsfolgen unserem Tun Bedeutung verleiht. Zeit – im Sinne von verfügbarer Lebenszeit – ist insofern Handlungs- und Sinnressource zugleich.
Jochen Brandtstädter

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