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Über dieses Buch

Die forschungsleitende These des Sammelbandes ist, dass die Genese von Öffentlichkeit und Privatheit sich spezifischen, empirisch nachvollziehbaren Herstellungspraktiken verdankt, die jeweils an mediale Bedingungen gekoppelt ist. Diese Ausgangsthese schließt einerseits an eine soziologisch fundierte Tradition in der Erforschung der Hervorbringung von öffentlichen und privaten Räumen an und erprobt andererseits ihre in historischen Analysen bewährte Überzeugungskraft für eine empirische Rekonstruktion gegenwärtiger Medienkontexte.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Die Internetrevolution hat den Alltag, das Wissen und den Umgang mit Daten von „Privatpersonen“ auf nicht vorhersehbare Weise verändert. Nicht nur wissen wir alles, was wir über die Gesellschaft wissen, über die Massenmedien; was die Gesellschaft über uns wissen kann, findet sie scheinbar mühelos im Web 2.0. Eine frühere Phase des Umgangs mit Wissen und Daten im Internet hat ein berühmter Cartoon im New Yorker treffend auf den Punkt gebracht: „On the Internet, nobody knows you’re a dog“ (1993).
Martin Stempfhuber, Elke Wagner

Genealogie des Web 2.0

Frontmatter

Indizieren – Die Politik der Unsichtbarkeit

Das Erstellen von Listen ist keine rein technische Tätigkeit, sondern umfasst auch eine unsichtbare Politik der Liste. Obwohl Listen als eine eher profane Kommunikationstechnik erscheinen, lässt sich ihre politische Bedeutung nur schwer unterschätzen: „The material culture of bureaucracy and empire is not found in pomp and circumstance, nor even in the first instance of the point of a gun, but rather at the point of a list“ (Bowker und Star 1999, S. 137). Diese politischen Effekte werden häufig jedoch nur bei explizit ‚politischen‘ Listen wahrgenommen, wie beispielsweise schwarzen Listen, deren Regeln von Inklusion und Exklusion Gegenstand lebhafter rechtlicher und politischer Debatten sind.
Urs Stäheli

The Virtual Sphere. The Internet as a Public Sphere

The internet and its surrounding technologies hold The promise of reviving the public sphere; however, several aspects of these new technologies simultaneously curtail and augment that potential. First, the data storage and retrieval capabilities of internet-based technologies infuse political discussion with information otherwise unavailable. At the same time, information access inequalities and new media literacy compromise the representativeness of the virtual sphere. Second, internet-based technologies enable discussion between people on far sides of the globe, but also frequently fragmentize political discourse. Third, given the patterns of global capitalism, it is possible that internetbased technologies will adapt themselves to the current political culture, rather than create a new one. The internet and related technologies have created a new public space for politically oriented conversation; whether this public space transcends to a public sphere is not up to the technology itself.
Zizi Papacharissi

Transformationen des Privaten

Frontmatter

Die Zurichtung des Privaten

Gibt es analoge Privatheit in einer digitalen Welt?
Big Data ist ein Herrschaftsinstrument. Big Data ermöglicht totale Kontrolle, ist aber politisch unkontrollierbar. Big Data gefährdet unsere informationelle Selbstbestimmung. In Big Data kulminiert womöglich der alte Traum ökonomischer und politischer Beobachter, all die Informationen zusammenzubekommen, die eigentlich nicht zusammengehören. Big Data ist für Datenanwender ein Tool, das es erlaubt, etwas zu finden, wonach man gar nicht gesucht hatte, wobei man im Nachhinein erst wissen kann, was man hätte suchen können, hätte man nicht nur Daten, sondern Informationen.
Armin Nassehi

Überwachung und die Digitalisierung der Lebensführung

Social Network Sites (SNS) kommen in den gegenwärtigen Debatten um die Bedrohung oder gar das Ende der Privatheit eine besondere Rolle zu, als hier in einer zunächst persönlich und privat anmutenden Sphäre entsprechend private und selbst intime Informationen preisgegeben werden, ohne dass diese Informationen einen effektiven Schutz genießen. Paradoxerweise ist aber die Attraktivität von SNS trotz allen Wissens um die beständige Überwachung durch privatwirtschaftliche und staatliche Akteure ungebrochen. Statt aus diesem Umstand auf eine Transformation oder ein Ende von Privatheit zu schließen, wird hier vorgeschlagen, Überwachung und Selbstüberwachung im Zusammenhang einer Digitalisierung der Lebensführung zu betrachten.
Jochen Steinbicker

Autonomie und Kontrolle nach dem Ende der Privatsphäre

Die politische Idee der Privatsphäre war, historisch betrachtet, ein Versuch den Einfluss der Obrigkeit zu begrenzen und dadurch eine Zone der Autonomie für jeden einzelnen Bürger (Frauen wurden zunächst noch nicht als Bürger im politischen Sinn verstanden) zu schaffen. Die freie Willensbildung, basierend auf privater Reflexion, war (und ist) Grundlage der liberalen Demokratie. Heute ist diese Trennung zwischen „privat“ und „öffentlich“, die im 19. Jahrhundert definiert wurde, jedoch weitgehend obsolet. Damit nicht auch die Demokratie obsolet wird, ist es notwendig, die Autonomie der Bürgerinnen und Bürger anders zu denken als über die Privatsphäre. Hierzu wird das Konzept der horizontalen Sichtbarkeit, verbunden mit vertikaler Opazität, vorgeschlagen. Horizontale Sichtbarkeit bedeutet, dass Personen sich gegenseitig, mit den Spuren ihrer bisherigen Tätigkeit im Netz, sehen können, als Grundlage einer vertrauensvollen Zusammenarbeit. Vertikaler Opazität bedeutet, dass diese Spuren nicht zentral gesammelt und ausgewertet werden können.
Felix Stalder

Verhaltenslehren der Kälte – private Kommunikation auf Facebook

Die Grundthese dieses Beitrags hebt darauf ab, dass Formen von Privatheit nicht von ihrem medialen Substrat zu trennen sind. Methodisch strebt dieser Beitrag deshalb einen Vergleich der Schreibpraktiken auf Facebook mit denen des bürgerlichen Briefwechsels der Empfindsamkeit an, um (Dis-)Kontinuitäten der Privatheit sichtbar zu machen. Der kommunikative Stil des Briefs der Empfindsamkeit entschlüsselt sich nach einem Code der Wärme, der authentische Verbundenheit inszenierte, um Distanzen zu überbrücken. Der kommunikative Stil auf Facebook, so legen es die empirischen Ergebnisse des DFG-Forschungsprojekts „Öffentlichkeit und Privatheit 2.0“ nahe, folgt hingegen einem Code der Kälte, der seine eigene Artifizialität ausstellt, um Privatheit zu inszenieren. Dazu werden von den Usern gekonnt Distanzen in die Kommunikation eingebaut, um private Nähe zu erzeugen. Gerade die spezifische Medialität der Sozialen Netzwerke (SNS) erzeugt dabei Formen einer „erkalteten Privatheit“. Privatheit wird also in den Netzwerken nicht einfach aufgelöst, wie viele Internetkritiker unterstellen, sondern den veränderten technischen und medialen Gegebenheiten der Plattformen angepasst und anders codiert. Vor dem Hintergrund des Imperativs der Vernetzung üben wir heute auf Facebook auch Verhaltenslehren der Kälte ein.
Upon digital terms the historical coupling between the distinctions public/private and the metaphor of coolness/warmth intersect. The media transforms a style of communication that operates within codes of authenticity and affectivity. Within the empirical results of the DFG-project ‘Öffentlichkeit und Privatheit 2.0’ we find rather cold intimacies of strange friends on Plattform. Within the literal culture of Sentimentalism (Empfindsamkeit) letters were written as emotional outpourings between fellow feeling friends. The networked digital friend has to perform his online intimacies while excluding unspecific other addresses within the network. Therefore practices of distance and irony, cool distinctions and cryptic maneuvers of exclusion become functional. Against the backdrop of the imperative of connection the users practice a cool conduct and a culture of distance on Facebook.
Niklas Barth

Selfies als Prosopopeia des Bildes. Zur Praxis der Subjektkritik in Sozialen Medien

Die bildbezogene Selbstthematisierung mittels digitaler Kommunikationstechnologien ist ein zentrales Kulturmuster der spätmodernen Gesellschaft. Die kommerziell motivierte Adressierung der User als auktoriale Gestaltungsinstanzen ihres eigenen Selbstbildes darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Selfies mit digitalen Überwachungskulturen verschaltet sind und andauernd mittels Clicks, Likes, Tags und Comments mit den Kulturtechniken des Benennens, Sammelns, Auswertens und Zählens verwoben sind. Auf welche Weise verändern sich eigentlich die Praktiken der Identitätskonstruktion im Rahmen der Ausweitung der neuen digitalen und interaktiven Medien? Kann dieses Regime selbstdarstellerischer Visibilität und die intrinsisch wirkenden Zwänge, sich andauernd selbst darstellen zu müssen, überhaupt durchbrochen werden? Kann sich der Einzelne dem sozialen Druck entziehen, den permanenten Vollzug des eigenen Lebens zu dokumentieren? Praktiken der piktorialen Anonymisierung sind auf Online-Plattformen weitverbreitet und konfrontieren die Zwänge und Obsessionen der facialen Gesellschaft mit dem Entzug, der Absenz oder dem Verschwinden von Gesichtlichkeit. Strategien der Desubjektivierung können als ein Sich-Widersetzen gegen die Verfahren der Registrierung und Identifizierung auf Online-Plattformen und sozialen Netzwerkseiten verstanden werden. Fraglich ist aber in diesem Zusammenhang, ob mit Defacement-Praktiken, Anti-Selfies und visuellem Hacking von Profilfotos die maßgeblichen Handlungsprogramme und Settings der Selfie-Generation verändert werden können.
Ramón Reichert

Neue Trends im Strukturwandel der Privatheit

Die Schnelligkeit, mit der Veränderungen und Transformationen von Privatheit im Web 2.0 auftreten, wird von der zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Forschung interessiert und besorgt zur Kenntnis genommen und führt dabei oft zur Diagnose eines neuen Strukturwandel der Privatheit oder gar dem Ende der Privatheit. Die Gegenstand dieses Beitrag ist die Art und Weise, wie von dieser Forschung die Veränderungen im Bereich der „Privatheit 2.0“ beobachtet werden. Rekonstruiert werden spezifische Rahmungen und Akzentverschiebungen gegenwärtiger soziologischer Analysen, die diesen Veränderungen gerecht werden wollen. Dabei geraten drei „Trends“ in den Blick. Zunächst stellt sich die soziologische Perspektive auf die Herausforderung von Big Data ein. Dann scheinen sich die Praktiken der Veröffentlichung des Privaten zu mobilisieren – sowohl in dem trivialen Sinne, dass die Bewohner digitaler Lebenswelten mit Hilfe mobiler Geräte mehr und mehr on the move beobachtet werden, als auch in dem konzeptuellen Sinne, dass die verwendeten Kategorien wie etwa die der Privatheit selbst in Bewegung versetzt werden. Schließlich wird noch eine weitere Kategorie stark gemacht: die des Affekts. Der Beitrag beschließt den Teil mit einem skeptischen Plädoyer dafür, trotz allen Neu-Rahmungen und Depotenzierungen den Begriff der Privatheit als Analysekategorie nicht vollständig aufzugeben.
Martin Stempfhuber

Transformationen des Öffentlichen

Frontmatter

Publicly Private and Privately Public: Social Networking on YouTube

YouTube is a public video-sharing website where people can experience varying degrees of engagement with videos, ranging from casual viewing to sharing videos in order to maintain social relationships. Based on a one-year ethnographic project, this article analyzes how YouTube participants developed and maintained social networks by manipulating physical and interpretive access to their videos. The analysis reveals how circulating and sharing videos reflects different social relationships among youth. It also identifies varying degrees of “publicness” in video sharing. Some participants exhibited “publicly private” behavior, in which video makers’ identities were revealed, but content was relatively private because it was not widely accessed. In contrast, “privately public” behavior involved sharing widely accessible content with many viewers, while limiting access to detailed information about video producers’ identities.
Patricia G. Lange

Kopierte Kommunikation

Die Bedeutung digitaler Kopien für die Kommunikation auf Social Network Seiten
Der Artikel beleuchtet empirisch die vermeintliche Krise der authentischen und originalen/originellen Autorschaft auf Facebook. Es wird gezeigt, dass sich die häufig kritisierte Überbeanspruchung von Copy-and-paste-Veröffentlichungen in Social Networking Sites nur verstehen lässt, wenn man sie als originelle Bearbeitungen von Problemen liest, die sich mit Neuen Medien (nicht immer offensichtlich) erst stellen. In klassischer Manier der funktionalen Analyse durchleuchtet dieser Beitrag beobachtbare Kopierpraktiken in der Zeitdimension (als Antwort auf Beschleunigung), in der Sachdimension (als Antwort auf neue Unübersichtlichkeiten) und in der Sozialdimension (als Antwort auf Probleme der Herstellung von affektiven Anschlussmöglichkeiten sowie auf Synchronisierungsprobleme). Letztendlich wird aus dieser Perspektive deutlich, wie sich die Kopie als ein „digitales Populäres“ behaupten kann, das Formen der Wissensvermittlung sowie dessen Aneignung verändert.
Christian Schweyer

Inverse Pathosformeln. Über Internet-Meme

In dem Beitrag wird die These entwickelt, dass Internet-Meme dazu dienen können, emotional vereinnahmende, besonders präsente und berühmte Bilder durch Parodien zu verarbeiten. Die Entwicklung und Verbreitung überraschender Varianten erlaubt eine Distanzierung und Entlastung. Sofern sie den Sinn des Vorbildes zunichtemachen, haben Meme in ihren Variationen oft sogar eine ikonoklastische Dimension. Anders als bei der Tradierung von Pathosformeln geht es bei ihnen nicht um die Bestätigung dessen, was im kollektiven Gedächtnis vorhanden ist; vielmehr wird markiert, was, da es als zu stark und obsessiv empfunden wird, nicht länger wirksam bleiben soll. Internet-Meme sind insofern Selbstreinigungsinstrumente.
Wolfgang Ullrich

Intimisierte Öffentlichkeiten. Zur Erzeugung von Publika auf Facebook

Ein Blick in die Forschungslandschaft hat gezeigt, dass bisherige Beschreibungsformeln (Community, Netzwerk, Schwarm) zwar einerseits nach wie vor auftauchen, diese sich aber auch alternativ rekonstruieren lassen, um die digitale Diskurs-Praxis auf den Begriff zu bringen. Die herkömmlichen Begrifflichkeiten zur Fassung der online vermittelten Kommunikationspraxis treffen auf spezifische Sachverhalte in der Kommunikationsform auf Facebook zu, können aber zumindest ergänzt und rekontextualisiert werden. Zum Beispiel als intimisierte Öffentlichkeiten. Diese zeichnen sich entsprechend der in diesem Beitrag vorgenommenen empirischen Analyse durch folgende Eigenschaften aus: Ausblenden von Unangenehmen auf der Nutzeroberfläche, Homogenisierung der Inhalte auf der sichtbaren Nutzeroberfläche, Emotionalisierung des Kommunikationsstils, Diskontiniuierung der auf der Nutzeroberfläche sichtbaren Beiträge und der listenförmig angeordneten Kommentare und schließlich: Technisierung (Algorithmen). Damit weichen die hier beobachteten Öffentlichkeiten in entscheidenden Punkten von jenen Eigenschaften ab, die einmal die Öffentlichkeit des Bürgertums (Habermas) ausgezeichnet hatten: Eine zumindest kontrafaktisch vorausgesetzte Inklusion von Jedermann, Versachlichung und eine kontinuierliche Abfolge von Argument und Gegen-Argument.
Elke Wagner
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