Skip to main content
main-content

Über dieses Buch

Das Praxishandbuch vermittelt handlungsorientiert zentrale Konzepte für eine habitus- und diversitätssensible Hochschullehre. Themen wie Gendersensibilität, Migrationspädagogik, Habitussensibilität, kritisches E-Learning 2.0 und Interkulturalität werden theoriefundiert vorgestellt. Im Sinne eines Theorie-Praxistransfers werden jeweils angemessene Kommunikationsstrategien für ein habitus- bzw. diversitätssensibles Handeln in der Lehre dargestellt. Im Fokus des Praxishandbuchs steht folglich die Vermittlung von theoretisch fundierten Kommunikations- und Handlungsstrategien, die ein habitus- und diversitätssensibles Lehrhandeln ermöglichen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Theoretische Positionen

Frontmatter

Plädoyer für eine fluide Lehr-/Lernkultur. Hochschullehre zwischen Homogenisierung und Vielfalt

Im Rahmen des Beitrags werden theoretische Reflexionen und Handlungsstrategien für eine zeitgemäße diversitätssensible Hochschullehre entwickelt. Ausgangspunkt ist die kontrastive Auseinandersetzung machtkritischer diversitätssensibler Ansätze mit dem Konzept des Diversity Managements. Vor dem Hintergrund dieser Analyse werden theoretisch fundierte Handlungsstrategien für eine diversitätssensible Hochschullehre dargestellt. Anknüpfend an Deleuzes These einer ephemeren Form der Wissenskonstruktion bzw. Subjektkonstitution wird die These diskutiert, dass ephemere bzw. fluide Erkenntnisstrategien es ermöglichen, den Festschreibungen von sozialen Zugehörigkeitskategorien durch dialogische und kollaborative Lehr-/Lernstrategien zu transzendieren.

David Kergel, Birte Heidkamp

Perspektiven auf Diversität – Strategien und Diskurse im Kontext Hochschulbildung

Angesichts einer heterogenen Studierendenschaft und bildungspolitischer Zielsetzungen sind Hochschulen heutzutage aufgefordert, durch Maßnahmen auf der Makro-, Meso- und Mikroebene Diversitätsgerechtigkeit anzustreben und auf unterschiedlichen Ebenen zu verwirklichen. In diesem Beitrag werden zunächst die zentralen Strategien und Diskurse im Horizont einer diversitätsgerechten Hochschulbildung herausgearbeitet. Daran anschließend wird aufgezeigt, welche Merkmale im aktuellen hochschuldidaktischen Diskurs einer diversitätssensiblen Lehre zugeschrieben werden und welche Herausforderungen sich für die Rolle der Lehrperson aus diesen Zuschreibungen ergeben. Der Beitrag schließt mit einem Plädoyer für eine Re-Politisierung der hochschuldidaktischen Perspektive auf Diversität, die im Zuge eines wissenschaftsdidaktischen Verständnisses von Lehren und Lernen das Gelingen sowie die mögliche Krisenhaftigkeit hochschulischer Bildungsprozesse als Erkenntnis-, Kommunikations-, und Beteiligungsprozesse in den Fokus rückt.

Meike Siegfried

Diversity Management und Hochschulentwicklung

Seit rund einer Dekade sind Diversität und Diversity Management viel diskutierte Themen in der deutschen Debatte zur Weiterentwicklung der Hochschulen und ihrer Anpassung an aktuelle Herausforderungen – immer mehr Universitäten wenden sich der Thematik im Rahmen von Projekten und Strategiekonzepten zu. Der vorliegende Beitrag zeichnet historische Grundlagen und konkurrierende Konzepte von Diversity Management nach und beleuchtet spezifische Ansatzpunkte für den Hochschulbereich. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Diversity Management zu guter Lehre und guten Studienbedingungen beitragen kann. Hierzu werden verschiedene zentrale Handlungsfelder angeschnitten und durch Beispiele illustriert.

Ute Klammer

Zur Herstellung von Wissen und Diversität – un_bedingte Frage der Profession

Mit Blick auf die Herausforderungen eines Umgangs mit Vielfalt hebt der Artikel den Zusammenhang der Herstellung von Wissen und der Herstellung von Differenz hervor und richtet in Verbindung damit die Aufmerksamkeit auf mögliche Handlungsspielräume und professionelle/gesellschaftliche Verantwortung im Zusammenhang der Herstellung von Wissen, Öffentlichkeit und demokratischer Teilhabe. Ausgehend von einem machtkritischen Diversitätsbegriff in Hinblick auf eine diversitäts- und machtreflexive Konzeption von Hochschule und Profession und Wege für Veränderung, Öffnung und Entwicklung des Bildungsraums sowie des professionellen Handelns aller in diesem Raum wirkenden Akteure, argumentiert die Autorin für ein dekonstruktiv-kritisches Befragen genau jener Kategorisierungen und Zuschreibungen, die etwa einen Habitus prägen. Ein solches Befragen hat, so das Argument, auch die Herstellungsbedingungen genau jener Kategorisierungen sowie der gesellschaftlichen/institutionellen Struktur(en) zu fokussieren, in denen diese als realitätswirksame ‚Gewissheiten‘ hergestellt werden. Hinsichtlich damit verbundener professioneller Anforderungen in Lehr-/Lernprozessen ebenso wie in Hochschulmanagement und -politik wird die Bedeutung und das Potenzial von Coaching/Beratung als strukturierte Begleitung/Unterstützung von (Selbst-)Reflexion und individueller wie organisationaler Professionalisierung und Entwicklung hervorgehoben, um eine kritische Veränderung von Inklusions-, Exklusions- und Diskriminierungsstrukturen in Prozessen der Wissensproduktion zu befördern.

Susanne Lummerding

Die Bildungsexpansion und die Beschäftigungssituation des akademischen Mittelbaus als Herausforderungen habitussensibler Hochschullehre

Die Umstellung auf Bachelor und Master und die Exzellenzinitiative können bildungssoziologisch als Reaktionen auf die Öffnung des höheren Bildungswesens seit den 1970er Jahren verstanden werden. Die Herausforderungen, die mit der strukturellen Öffnung der Bildungseinrichtungen in Deutschland einhergehen, haben den Ruf nach habitus- und diversitätssensibler Hochschullehre in den letzten Jahren begründet. Dieser Bedarf muss jedoch unter strukturell äußerst schwierigen Bedingungen bedient werden. Die Einheit von Forschung und Lehre tritt dabei zunehmend in den Hintergrund. Gleichzeitig steigen die professionellen Anforderungen an Lehrkräfte, die als akademischer Mittelbau unter teilweise höchst prekären Bedingungen beschäftigt sind und neben der eigenen Qualifikation auch einer deutlichen Zunahme an bürokratischen und Verwaltungsanforderungen gegenüberstehen. Für eine Lehre, die sich an den unterschiedlichen, individuellen Startvoraussetzungen orientieren soll, ist unter diesen Bedingungen in der Praxis häufig viel zu wenig Raum. Dementsprechend plädiert der vorliegende Beitrag für die sozialwissenschaftliche Selbstreflexion von Lehrenden und Studierenden im Sinne einer habitussensiblen Hochschullehre einerseits. Andererseits ist ohne eine grundlegende Reform der deutschen Universitäten im Sinne einer Entbürokratisierung sowie einer deutlichen Verbesserung der Beschäftigungssituation des akademischen Mittelbaus eine solche Professionalisierung der Hochschullehre aber nicht zu erreichen.

Christian Schneickert

Inklusion und Intersektionalität als menschenrechtlicher Anspruch an „Eine Hochschule für Alle“

Was bedeutet Inklusion und wie stellt sich dies im Hochschulraum dar? Reicht es, Inklusion als Anforderung an Strukturen zu verstehen oder sind gerade im Bildungsbereich nicht ebenso die Inhalte angesprochen, die hier generiert und vermittelt werden? Ausgehend von einem menschenrechtlichen Verständnis verdeutlichen die Autoren, dass Inklusion auf der Grundlage des egalitären Charakters von Menschenrechten intersektional gedacht werden muss, um Differenz in ihrer Mehrdimensionalität anzuerkennen und Prozesse der Exklusion zu vermeiden. Es wird verdeutlicht, dass Inklusion neben strukturellen Erfordernissen daher auch auf inhaltlicher Ebene zu beachten ist. Sollen Räume inklusiv sein – und das heißt: für Alle offen, antihierarchisch und antidiskriminatorisch –, gilt es, den Perspektiven Marginalisierter zentrale Bedeutung beizumessen.

Lars Bruhn, Jürgen Homann

Bildung, Ethik, Unendlichkeit, Scheitern – Skizzen einer bildungstheoretischen Bestimmung des Lehrens

Im Rahmen des Beitrags wird eine bildungstheoretische Perspektivierung des Lehrens geleistet. Eine solche Perspektivierung erscheint als eine notwendige Voraussetzung, um ein hochschuldidaktisches Lehren und Lernen zu schaffen. Im Rahmen der Auslotungen der Möglichkeiten und Grenzen eines bildungstheoretischen Lehrens werden ethische Aspekte ebenso thematisiert wie Anknüpfungspunkte für konkrete Handlungsstrategien skizziert.

David Kergel

Anwendungsstrategien – Disziplinspezifische Positionen

Frontmatter

Habitusreflexion in der frühpädagogischen berufsbegleitenden Hochschullehre

Nicht nur die Zugänge zum Studium, sondern auch der Umgang mit Praxiserfahrungen stehen mit dem Habitus einer Person in Zusammenhang. Heterogene Studierendengruppen, darunter auch vermehrt beruflich Qualifizierte, spiegeln den aktuellen Studienalltag. Diese Anforderung stellt die Hochschulen vor neue Fragen an die Förderung dieser Zielgruppe. Aktuelle hochschuldidaktische Konzepte, wie das Verbund-Modell, können genutzt werden, um sich diesen Herausforderungen zu stellen. Der folgende Beitrag berichtet über Erfahrungen aus dem Verbundstudiengang Frühpädagogik und gibt Handlungsempfehlungen für die Hochschullehre.

Eva Briedigkeit, Katrin Häuser

Diversitätssensibilität in der Lehrer*innenbildung

Im Zuge aktueller Inklusions- sowie Diversitätsdebatten rücken insbesondere benachteiligte Personen im Bildungssystem stärker in den Fokus. Diesbezüglich sollte überlegt werden, welchen Beitrag eine diversitätssensible Lehrer*innenbildung leisten kann, um Bildungsbenachteiligung im Lehramtsstudium sowie im Schulsystem entgegenzuwirken.Im Rahmen dieses Kapitels sollen Impulse für eine systematisch ausgerichtete diversitätssensible Lehrer*innenbildung gegeben werden, die der Diversität der Lehramtsstudierenden gerecht wird und sie diversitätssensibel professionalisiert, damit sie zukünftig der Vielfalt ihrer Schüler*innenschaft gerecht werden.

Mona Massumi

Gender- und diversityinformierte Lehre der Physik

Der folgende Beitrag bewegt sich an der Schnittstelle von Gender und Diversity Studies, Hochschuldidaktik und Physiklehre in den Ingenieurwissenschaften an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Im ersten Teil des Beitrags wird zunächst ausgeführt, dass trotz der vermeintlichen Neutralität und Objektivität von Physik in der Wissenschafts- und Geschlechterforschung zahlreiche Zusammenhänge zwischen Gender, Diversity und Physik offengelegt wurden (Abschn. 1.1). Hieran anschließend wird argumentiert, dass für die Entwicklung von Interventionen in die Lehrpraxis ein theoretisches (informiertes) Verständnis von Geschlecht und Diversität als in performativen Akten hervorgebrachte, konstituierte Identitäten hilfreich ist (Abschn. 1.2). Zudem wird auf die Bedeutung hochschuldidaktischer Erkenntnisse für die Entwicklung zeitgemäßer, Ungleichheiten überwindender Lehr-Lern-Situationen hingewiesen (Abschn. 1.3). Im zweiten Teil stellt der Beitrag einige Handlungsorientierungen vor, mit denen die (Re-)Produktion von Ungleichheit in der Physiklehre herausgefordert werden kann. Zunächst wird diskutiert, welche Impulse sich aus der Literatur zu ‚Gender und Diversity in der Lehre‘ für die Physik gewinnen lassen (Abschn. 2.1). Anschließend wird am Beispiel von vier Themenfeldern vorgestellt, wie ich in meiner Lehrpraxis gender- und diversityinformierte Physiklehre umsetze: durch Hinterfragen von Image und Selbstverständnis der Physik (Abschn. 2.2), durch die Kontextualisierung physikalischen Wissens (Abschn. 2.3), durch Gender und Diversity berücksichtigende Lehrmaterialien für Physik (Abschn. 2.4) und durch einen kritischen Blick auf materiell-diskursive Choreografien physikalischer Demonstrationsexperimente (Abschn. 2.5). Im Fazit beschäftige ich mich mit Widerständen gegen gender- und diversityinformierte Interventionen und weise auf die Bedeutung einer wertschätzenden Zusammenarbeit zwischen Hochschuldidaktik und Fachwissenschaften hin (Abschn. 3). Literaturempfehlungen mit denen eine kritisch-reflexive Haltung erarbeitet werden kann, aus der heraus sich irritierende, d. h. Lernprozesse auslösende Interventionen gender- und diversityinformiert entwickeln lassen, schließen den Beitrag ab.

Helene Götschel

Auf den Spuren einer gender- und differenzreflexiven Didaktik – nicht nur in der Informatik

Der vorliegende Beitrag bewegt sich an der Schnittstelle von Erziehungswissenschaft, Fachkultur der Informatik und diversitätssensibler Didaktik. Lehrenden an Schulen und Hochschulen bietet er theoriegeleitete Reflexionsimpulse zur aktiven (Um-)Gestaltung fachbezogener Lehr-/Lernarrangements. Vor dem Hintergrund aktueller bildungspolitischer Debatten zu Gender und MINT (Abschn. 1) führt der Beitrag hierzu in ein (Abschn. 2) (de-)konstruktives und intersektionales Verständnis von Geschlecht und Differenz ein. Mithilfe eines Schaubildes für eine gender- und differenzreflexive Lehre (Abb. 1) wird die Bedeutung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen für institutionalisierte Bildung anhand mehrerer Referenzebenen – Struktur und Repräsentationsebene (Abschn. 3.1), institutionelle Ordnungen (Abschn. 3.2), soziales Handeln (Abschn. 3.3) – herausgestellt und deren Einfluss auf pädagogisches Handeln durch Modifikation des Didaktischen Dreiecks erläutert. Fachbezogene Möglichkeiten (Abschn. 4) zur Implementierung von Gender- und Differenzreflexivität werden abschließend mit Unterstützung der feministischen Analysedimensionen People in Science (Abschn. 4.1), Knowledge of Science (Abschn. 4.2) und Culture of Science (Abschn. 4.3) am Beispiel der Informatik skizziert. Innerhalb des Beitrags wird für kritisch-dekonstruktive Formen diversitätssensibler Lehre argumentiert, die die Mehrdimensionalität von Differenzkategorien sowie die Situierung von Lehrenden, Adressat*innen und Fach-Gegenständen ins Zentrum professionellen pädagogischen Handelns rücken.

Florian Cristobal Klenk

Geschlechtergerechte Lehre im Rahmen der MINT-Fächer

Die Geschlechterverhältnisse in den MINT-Fächern verändern sich kontinuierlich. Zum einen ist zu beobachten, dass Frauenanteile in diesen Fächern steigen und zum Teil sogar ausgewogen sind. Zum anderen sind Frauenanteile in vielen MINT-Fächern nach wie vor sehr gering. Eine geschlechtergerechte Hochschullehre kann zur Angleichung der Geschlechterverhältnisse in den MINT-Fächern und -Berufen einen Beitrag leisten. Für eine geschlechterreflektierte Lehre ist neben Genderkompetenz und einer damit verbundenen Dramatisierung von Geschlecht auch das Wissen um Schritte einer Entdramatisierung und ggf. Nichtdramatisierung erforderlich. Anhand der Eckpunkte für eine geschlechtergerechte Didaktik – wie die Berücksichtigung der Zielgruppe, Rahmenbedingungen, Kompetenzen, Inhalte, Methoden- und Medienwahl oder das Leitungshandeln – werden im Beitrag konkrete Vorschläge für die Hochschullehre in den MINT-Studienfächern gemacht.

Marita Kampshoff, Claudia Wiepcke

Habitussensible Lehre in den Kulturwissenschaften

In diesem Beitrag wird eine habitussensible Hochschullehre für die Kulturwissenschaften vorgeschlagen und konkrete didaktische Hinweise gegeben. Dazu wird zunächst auf bell hooks „engaged pedagogy“ und Paulo Freires Pädagogik der Autonomie eingegangen und beide Ansätze für eine kulturelle und politische Welterschließung in der Hochschullehre anschlussfähig gemacht. In einem zweiten Schritt wird eine konkrete, schreibintensive Unterrichtseinheit skizziert, die sich mit Film beschäftigt und sich insbesondere in Curricula der Kultur- und Medienwissenschaften, aber auch in andere Fächer integrieren lässt. Die von uns in Anschluss an Wenke Wegners Konzept der Filmvermittlung durch Film entwickelte Unterrichtseinheit soll Lehrende und Lernende dafür sensibilisieren, welchen Stellenwert Habitus und soziale Klasse im Unterrichtsgeschehen haben und auf welche Weise Strategien zur Reflexion darüber in der Hochschulbildung umgesetzt werden können.

Lena Eckert, Silke Martin

Rassismuskritische Theorie und Praxis der sozialwissenschaftlichen Lehrer_innenbildung

Notwendigkeiten, Gelingensbedingungen und Fallstricke

Dieser Artikel nimmt die curricular festgeschriebene rassismuskritische Kompetenzanforderung an Schüler_innen, die sich aus dem Kernlehrplan des Faches Sozialwissenschaften für die Sekundarstufe zwei des Landes NRW ergibt, zum Ausgangspunkt der Analyse, indem der damit einhergehende rassismuskritische Anspruch an die Lehrer_innenbildung des Faches Sozialwissenschaften fokussiert wird. Zum einen wird theoretisch dargestellt, was Rassismuskritik beinhaltet und zum zweiten wird präsentiert, wie Rassismuskritik in der universitären Lehre betrieben werden könnte, indem ein Seminarkonzept vorgestellt wird.

Karim Fereidooni

Diversitätssensible Hochschule im Medizinstudium

Diversitätsspezifische Lehre in der Medizin ist nicht sehr verbreitet. Auch wenn in den letzten Jahren verschiedene Versuche unternommen worden dies zu ändern, hat sich die Situation nur marginal verbessert. Starre Hierarchien und Rollenmodelle während der ärztlichen Ausbildung führen immer noch zu einer Benachteiligung von Frauen und Angehörigen von Minderheiten, sowohl auf ärztlicher Seite, als auch in Hinblick auf die Versorgung von Patient*innen. Studierende der Medizin werden momentan nicht adäquat auf diverse Patient*innen vorbereitet und haben teilweise selbst unter den vorherrschenden Geschlechtsbildern in der Medizin zu leiden. Es muss also das zukünftige Ziel sein, Disparitäten abzubauen und Arbeitsbedingungen zu schaffen, in denen Angehörige jeden Geschlechts, jeder Ethnie, jeder sexuellen Orientierung und jeder Individualität arbeiten können und wollen, und zugleich die medizinische Versorgung von diversen Patient*innen zu verbessern.

Benedikt W. Pelzer

Soziale Verschiedenheit als Normalfall: Habitussensibilität in der Rechtswissenschaft

Mit Blick auf die sozialexklusive Zusammensetzung der Rechtswissenschaft kommt eine hochschulpädagogische Praxis, die auf Habitussensibilität gründet und unterschiedliche Sozialitäten der Studierenden anerkennt, als eine vielversprechende Möglichkeit daher, um Gleichheit und die Integration heterogener Sozialgruppen in das juristische Feld zu fördern. Der Beitrag knüpft an Habitussensibilität als einer Kompetenz an und fragt von hier aus, welche Bedeutung ihr im hochschulischen Geschehen der Rechtswissenschaft zukommen kann. Er arbeitet heraus, dass fachkulturelle Spezifika einer institutionellen Reflexivität eher entgegenstehen und Habitussensibilität mit Feldkonventionen, die auch durch rechtsmethodische Paradigmen bedingt sind, zu konfligieren scheinen. Angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung, die dem Ordnungsmedium Recht und seinen Institutionen zukommt, ist eine Auseinandersetzung mit der Reproduktion sozialer Ungleichheiten in der Rechtswissenschaft indes umso drängender.

Anja Böning

Diversitätsbewusste Lehre in der Sozialen Arbeit

Im Bereich der Disziplin und Profession Soziale Arbeit (Sozialarbeit/Sozialpädagogik) finden sich sowohl spezielle Begründungen, Diversity/Diversität zu thematisieren und zu untersuchen, als auch spezielle Ansatzpunkte, um dies in der Hochschullehre zu berücksichtigen. Der vorliegende Beitrag befasst sich mit diesen Aspekten bzw. mit den damit verbundenen Fragen. Nach einer Skizze zu den Gründen, weshalb sich Soziale Arbeit mit Diversity/Diversität befassen muss, wird im Anschluss die Entwicklung und inhaltliche Ausrichtung der Fachdiskurse und die Entwicklung einer (zunächst zögerlichen, dann aber immer breiteren) fachbezogenen Aufmerksamkeit an den Hochschulen/Universitäten umrissen. Anschließend wird zunächst nach Zugangsbarrieren und Strukturen von Studiengängen gefragt, bevor ausführlicher die Lehre selbst in den Mittelpunkt gestellt wird.

Rudolf Leiprecht

Diversitätssensible Hochschullehre in den therapeutischen Gesundheitsberufen Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie

Im Gesundheitsbereich hat sich zunehmend ein Verständnis dafür entwickelt, dass qualitativ anspruchsvolle Gesundheitsdienstleistungen an den Bedürfnissen und Zielen ihrer Nutzer*innen ausgerichtet sein müssen. Entsprechend gewinnt der Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt an Bedeutung als Beitrag zur Herstellung von gesundheitlicher Chancengleichheit. Unter Einbezug von internationaler Literatur aus den therapeutischen Gesundheitsberufen Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie wird die Auseinandersetzung mit dieser Thematik seit dem späten 20. Jahrhundert aufgezeigt. Auf dieser Grundlage werden Hinweise für eine diversitätssensible Hochschullehre in den therapeutischen Gesundheitsberufen vorgestellt.

Sandra Schiller

Diversitätssensible Hochschullehre in der Pflegequalifizierung und -forschung

Die Diversitätsdebatte in der Pflegeforschung zeigt sich als eine sehr vielseitige Debatte, die sehr unterschiedliche Bereiche und Ansätze tangiert. Im Anschluss an die Skizzierung des Themenfeldes sollen im zweiten Kapitel die zentralen Diskussionslinien zu Diversity Management in der Pflege nachgezeichnet werden, um im Anschluss daran im dritten Kapitel handlungsleitende Orientierungspunkte für die Hochschullehre abzuleiten.

Lucia Artner, Herbert Asselmeyer, Birgit Oelker

Anwendungsstrategien: Pädagogische Ansätze

Frontmatter

Diversitysensible Lehre im Lichte der Konzepte von Differenz und transversal politics

Was bedeutet Diversity im Hochschulkontext? Dieser Frage geht der Aufsatz nach und führt mehrere realvorhandene und mögliche Verständnisse dieses Begriffes an. Darüber hinaus ist er als Anregung zur Stärkung des theoretisch-empirischen Diskurses um Diversity-Implementierung an den Hochschulen gemeint. Dabei orientiert sich der Text an einem emanzipatorischen Ansatz, der in der Tradition der Antidiskriminierungsgesetzgebung am Abbau von strukturellen Partizipationsbarrieren interessiert ist. Diese Ausrichtung wird mit dem Bildungsauftrag der Hochschulen in einer demokratischen Gesellschaft begründet. Neben mehreren konkreten Hinweisen für die Öffnung der Zugänge zur akademischen Bildung bietet der Text Impulse für die Auseinandersetzung mit Bildung, Anerkennung und Demokratie, die für die Entwürfe von Diversity nützlich sein können.

Lucyna Darowska, Juana Salas Poblete

Der Herkunft begegnen … – Habitus-Struktur-Reflexivität in der Hochschullehre

Der Beitrag befasst sich empiriegestützt mit der Frage, wie über Studium und Lehre nachgedacht werden kann, um Ansprüchen von Diversity und Inklusion gerecht zu werden. Er versteht ein erfolgreiches und zufriedenstellendes Studieren u. a. als eine Frage der Passung von mitgebrachten Ressourcen und sozialen Dispositionen (Habitus) auf der einen und den Strukturen des Studiums auf der anderen Seite. Mit der Heuristik der Habitus-Struktur-Reflexivität wird ein Ansatz präsentiert, der diese Passungsverhältnisse zum einen zu analysieren vermag und zum anderen selbst als emanzipatorisches Medium in die Hochschulgestaltung und v. a. -lehre eingebracht werden kann.

Lars Schmitt

„Ich habe nicht das Gefühl, dass ich jetzt über mehr interkulturelle Kompetenz verfüge.“ Migrationspädagogische Lehre zwischen Erwartungen und Ansprüchen

Auch wenn Fragen und Folgen von Migration immer häufiger als fester Bestandteil erziehungswissenschaftlicher Studiengänge wahrgenommen werden können und sich dazu Lehrangebote etabliert haben, sind hinsichtlich der inhaltlichen Ausrichtung und dem Professions- sowie Kompetenzverständnis, die vermittelt werden sollen, große Unterschiede feststellbar. Erziehungswissenschaftliche bzw. sozialarbeitswissenschaftliche Lehrveranstaltungen werden viel häufiger als in anderen Berufsdisziplinen mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen dem in der Lehre vermittelten Wissen und seiner Anwendbarkeit für die berufliche Praxis konfrontiert. Der Beitrag beschäftigt sich mit zentralen Inhalten, Fragestellungen und Zielen migrationspädagogischer Hochschullehre und formuliert handlungsleitende Empfehlungen zur Ausgestaltung einer diversitätsbewussten und diskriminierungskritischen Hochschullehre.

Ayça Polat

Interkulturelle Kommunikation in der Hochschullehre

In diesem Beitrag wird zunächst das Konzept des pädagogisch-kulturellen Kontexts eingeführt und anhand von Beispielen aus aktuellen empirischen Studien erläutert, welche Aspekte des lernbezogenen Verhaltens an der Hochschule durch kulturelle Faktoren mitbestimmt werden. Danach werden die Ergebnisse von zwei beispielhaften experimentellen Studien dargestellt, die den Einfluss des pädagogisch-kulturellen Kontextes auf Lehrenden-Studierenden-Interaktion in zwei typischen Interaktionssituationen (Antwort auf eine E-Mail-Anfrage einer Studierenden und Feedback zu einer Studienleistung eines Studierenden) aus kultur-homogener und kultur-diverser Betrachtungsperspektive verdeutlichen. Basierend auf Ergebnissen dieser Studien und mit Einbezug von Erkenntnissen aus anderen aktuellen Untersuchungen im Hochschulkontext werden Empfehlungen zur Gestaltung von lernbezogener interkultureller Kommunikation formuliert. Dabei wird auf die Kommunikation während einer Lehrveranstaltung oder Sprechstunde sowie in Feedbacksituationen zu einer Prüfungsleistung detailliert eingegangen.

Miriam Hansen, Julia Mendzheritskaya

Macht- und statussensible Hochschullehre

Die zunehmende Heterogenität der Studierendenschaft stellt Dozent/inn/en an Hochschulen verstärkt vor die Herausforderung, mit Studierenden und deren Diversitäten zu arbeiten. Der vorliegende Beitrag stellt die Sensibilisierung von Lehrenden für die mit ihrem Status verbundenen Machtpotenziale in den Vordergrund. Vorgestellt wird ein Konzept zur Enttabuisierung von „Macht“ im Hochschulkontext und einer entsprechenden Bewusstmachung machtbezogener Dynamiken und Einflüsse wie (gruppenbezogene) Automatismen, habituelle Vorurteile und/oder Stereotype sowie Attributionsprozesse. Dies sind relevante Ansatzpunkte, um mit der Machtposition als „Hochschuldozent/in“ gegenüber Studierenden angemessen umgehen zu können. Unterstützt wird machtsensibles Handeln zudem durch die Kopplung der Machtanwendung an objektive Regularien wie zum Beispiel an ein Hochschulleitbild, das Grundlagen professionellen Dozent/innen/verhaltens beinhaltet, oder professionsethische Richtlinien. Eine an objektive Regularien geknüpfte, konsequent partizipative Machtanwendung könnte Dozent/inn/en in ihrem Machthandeln professionalisieren und die für Studierende durchaus wichtige (weil deren Lernerfolg unterstützende) Dozent/inn/en-Studierenden-Beziehung verbessern helfen.

Melanie Misamer, Barbara Thies

Behinderung als Möglichkeitsraum an der Universität – Aspekte inklusiver, diskriminierungskritischer Lehre

In diesem Beitrag soll ‚Behinderung‘ als Möglichkeitsraum an Hochschulen und Universitäten diskutiert werden. Bezugspunkt ist die Debatte um eine inklusive Hochschule (Klein 2016; Dannenbeck & Dorrance, Inklusionssensible Hochschule: Grundlagen, Ansätze und Konzepte für Hochschuldidaktik und Organisationsentwicklung, Klinkhardt, Bad Heilbrunn, 2016) und hier besonders Fragen zur inklusiven Lehre an Hochschulen. Ausgehend davon möchte ich Hochschule als Wissenschaftskultur diskutieren. Diesbezüglich rekurriere ich auf ein Verständnis von Hochschule, welches Hochschule erstens als Institution begreift, zweitens Institutionen kulturwissenschaftlich deutet. Maßgebliches Erkenntnisinteresse einer kulturwissenschaftlichen Sicht auf Institutionen sind In-/Exklusionsprozesse, die in Institutionen stattfinden. Insofern sollen Prozesse der In-/Exklusion unter Bedingungen von Inklusion an Hochschulen analysiert werden. Im Rahmen dessen bildet Mehrfachzugehörigkeit (Zu dieser Thematik gehören auch alle Formen von chronischer und psychischer Erkrankung.) einen Schwerpunkt. In diesem Kontext wird sich die feministische Intersektionalitätsdebatte (Winker & Degele, Intersektionalität: Zur Analyse sozialer Ungleichheiten (Sozialtheorie), Transcript, Bielefeld, 2010; Lutz et al., Fokus Intersektionalität: Bewegungen und Verortungen eines vielschichtigen Konzeptes, VS Springer, Wiesbaden, 2012) sowie auf die Disability Studies bezogen.

Heike Raab

Biografiesensible Hochschullehre

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, was unter biografiesensibler Hochschullehre zu verstehen ist und welche Gestaltungsmöglichkeiten es für diese Art der Hochschullehre gibt. Es erfolgt zunächst eine Auseinandersetzung mit der Hochschullehre, die nicht die vielfältigen Lebens- und Lernerfahrungen sowie diversen Lebenslagen der Studierenden berücksichtigt, sondern sich an dem Konstrukt eines durchschnittlichen Normalstudents orientiert. Solche diversitätsunsensible Lehre (re-)produziert soziale Ungleichheit unter den Studierenden und kann im schlimmsten Fall zu ihrer Benachteiligung und Diskriminierung führen. Dementsprechend liegt der Fokus des Beitrags in der Diskussion der Frage, welchen Beitrag eine biografiesensible Hochschullehre für eine diversitäts- und habitussensible Lehre leisten könnte. Es werden die theoretischen Grundprämissen der biografietheoretischen Perspektive im Allgemeinen und biografische Perspektive auf Bildung im Besonderen erläutert und im Zusammenhang mit dem Habitus Konzept (Bourdieu 1987) diskutiert sowie Hinweise auf zentrale Forschung gegeben. Dabei wird die Notwendigkeit des Erwerbs einer „biographischen Reflexivität“ als ein zentrales Element des pädagogischen Professionalisierungsprozesses unterstrichen. Der Beitrag endet mit einem Plädoyer für die Entwicklung einer biografiesensiblen, reflexiven Hochschullehre, welche die Diversität der Studierenden, aber auch der Lehrenden sowie ihr erfahrungsbezogenes Wissen berücksichtigt und hieraus Denkanstöße für die Professionalisierung und Kompetenzentwicklung der Lehrenden sowie für die curriculare Entwicklung der Studiengänge geben kann.

Minna-Kristiina Ruokonen-Engler

„It was dynamic! We all learned together“

Forschendes Lernen diversitätssensibel gedacht – Didaktische Strategien für eine emanzipative Kompetenzentfaltung

Wie lässt sich das Verhältnis zwischen forschendem Lernen und dem Ansatz einer diversitätssensiblen Hochschuldidaktik bestimmen? Sind diversitätssensible Interventionsformen und diversitätssensible methodische Strategien in Lehr-/Lernszenarien des forschenden Lernens zu integrieren, um ein diversitätssensibles forschendes Lernen zu ermöglichen?Im Folgendem wird die These entwickelt, dass forschendes Lernen durch die erkenntnisoffene Haltung aller Beteiligten sowie durch die emanzipative Selbstermächtigung, die Akteure zu Forschenden werden lässt, ohne weitere Modifikationen an ein machtkritisch diversitätssensibles Lehren und Lernen anschlussfähig ist. Um ein machtkritisch diversitätssensibles forschendes Lernen zu realisieren, ist es nicht notwendig, forschendes Lernen neu zu konzeptionieren. Vielmehr gilt es, das forschende Lernen aus einer machtkritisch diversitätssensiblen Perspektive zu denken. Bedingung für eine Freilegung des diversitätssensiblen Potenzials des forschenden Lernens stellt dabei die Bewusstwerdung seitens aller Beteiligten über die emanzipativen Möglichkeiten des forschenden Lernens dar.

David Kergel, Birte Heidkamp

Denk doch mal scharf nach! Impulse zur Entwicklung von Strategien für die Förderung von kritischem Denken bei Studierenden

Alleine schon wegen den globalen Verunsicherungen und Bedrohungszusammenhängen, die kontinuierlich und ungefiltert über das Internet täglich in die Lebenswelt deutscher Jugendlicher geschwemmt werden, fordern viele Erziehungsberechtigte, Bildungsexperten oder Politiker (Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung geschlechtsspezifischer Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für alle Geschlechtsidentitäten.): „Kritisches Denken muss auf den Stundenplan!“ (Pigliucci, Kritisches Denken muss auf den Stundenplan! https:// www.welt.de/ , https://www.welt.de/debatte/die-welt-in-worten/article13248267/Kritisches- Denken-muss-auf-den-Stundenplan.html , 2011). Die Fähigkeit, Informationen und Interpretationen kritisch prüfen zu können, soll zum Beispiel dabei hilfreich sein, sich gegen falsche, einseitige oder bewusst manipulative Medieninhalte zu immunisieren und eigenständige, solide begründete und geprüfte Standpunkte entwickeln zu können. Die Forderung nach der Förderung von kritischem Denken geht aber auch mit einem Misstrauen gegenüber den Bildungseinrichtungen einher, wie es das verwendete Zitat bereits andeutet: In Bildungseinrichtungen wird kritischen Denkens vernachlässigt, so der Tenor – auch und besonders in der Hochschullehre.Empirisch hingegen lassen sich viele der belastenden Diagnosen hingegen nur schwer belegen. Das liegt unter anderem an dem Problem, kritisches Denken in ein beobachtbares, überprüfbares Konzept zu überführen und auf statistisch aussagekräftiger Ebene „messbar“ zu machen. Dennoch gibt es Untersuchungen, die der aufgestellten Behauptung auf den Grund gehen. Beispielsweise konnten Bargel, Heinke, Multrus und Willige (Das Bachelor- und Masterstudium im Spiegel des Studienqualitätsmonitors. Entwicklungen der Studienbedingungen und Studienqualität 2009 bis 2012. Von Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, http://www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201402.pdf , 2014) in einer repräsentativen Langzeitstudie an deutschen Hochschulen zeigen, dass nur etwa die Hälfte der befragten Bachelor-Studierenden sich im kritischem Denken als eher stark und sehr stark gefördert eingeschätzt haben. Zudem habe die Förderung des kritischen Denkens insgesamt im betrachteten Zeitraum von 2009 bis 2012 deutlich nachgelassen (ebd., 2014). Kritisches Denken als Kompetenz stuften besonders Bachelor-Studierende aus den Sozial-, Kultur- oder Gesundheitswissenschaften als wichtig ein. In anderen Disziplinen wie etwa den Ingenieurwissenschaften wurde es dagegen viel weniger geschätzt und nachgefragt (ebd., 2014).Zur Förderung des kritischen Denkens braucht es nicht zwingend schriftliche Bekundungen in bildungspolitischen Regelwerken oder groß angelegte Interventionsprojekte für die Lehre. Worauf es vor allem ankommt, ist das didaktische Wirken der Lehrenden, wenn es darum geht, Studierenden dabei zu helfen, ins eigenständige Denken und Hinterfragen zu kommen. In diesem Beitrag möchten wir deshalb zeigen, dass die Förderung kritischen Denkens nicht zwingend nach aufwendigen didaktischen Methoden oder einer völligen Änderung der Lehrkultur verlangen muss. Um die eigene Lehre zu reflektieren und gezielter didaktisch gestalten zu können, ist es in einem ersten Schritt wichtig, dass Lehrende sich bewusst machen, was kritisches Denken in ihrem Fachbereich bedeutet, welche Denkaktivitäten dazugehören, welche Methoden eingesetzt und nach welchen Kriterien als Maßstab das Denken beurteilt wird. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse einer umfangreichen Forschungsarbeit zur Förderung kritischen Denkens (Jahn, Kritisches Denken fördern können. Entwicklung eines didaktischen Designs zur Qualifizierung pädagogischer Professionals, Shaker Verlag, Aachen, 2012a) und konkreter Praxisbeispiele aus zwei unterschiedlichen Lehrkontexten, möchten wir mit dem Aufsatz dazu Impulse geben, was kritisches Denken als Konzept ausmacht und zeigen, wie es sich ganz konkret in der Hochschullehre fördern lässt. Lehrende sollen durch die Lektüre Anregungen erhalten, wie sie die vorgestellten Konzepte und Strategien für ihre eigene Lehre nutzen bzw. auf ihren eigenen Lehrkontext übertragen können.

Dirk Jahn, Carmen Trautner

Vom unternehmerischen Selbst zur kritischen Reflexion – Konzeptionselemente für ein kritisches E-Learning

E-Learning wird im Kontext der Etablierung eines digitalen Zeitalters die Rolle innovativen Lernens zugesprochen. Mit der Permanenz des digitalen Wandels sind auch (e-)didaktische Ansätze einer permanenten Wandlung unterworfen. Reinmann (2011) weist auf die Schwierigkeit hin, mit dem medialen Wandel auf didaktischer, konzeptioneller Ebene mitzuhalten: „Dem rasanten Wandel auf dem Sektor der digitalen Medien hinkt die E-Learning Forschung fast immer hinterher“ (Reinmann 2011, S. 298). Es lässt sich ergänzen, dass die E-Learning Forschung jenseits der Idealisierung der emanzipativen kollaborativen Potenziale des Web 2.0 weitestgehend ein Desiderat im Bereich einer kritischen Analyse der machtstrukturellen Implikationen des E-Learning aufweist. Dabei fällt die Theoriebildung des E-Learning in Zeiten gesellschaftlicher Selbstverständigungsdiskurse, in denen sich neoliberale Narrative zunehmend etablieren. Aus dieser Perspektive ‚hinkt‘ die E-Learning Forschung weniger dem technischen Wandel hinterher, vielmehr wird eine machtkritische Analyse der sozio-technischen Dimension des E-Learning vernachlässigt. Im Rahmen dieses Beitrags soll eine derartige machtkritische und sozio-technische Analyseperspektive auf das E-Learning eingenommen werden. Eine solche Perspektive ermöglicht es, im Sinne von Diversitätssensibilität auf die subjektivierenden Dynamiken des E-Learning im Lehr-/Lernhandeln empathisch moderierend zu reagieren.

Birte Heidkamp, David Kergel

Prüfen – Vom standardisierenden Wettbewerb zum gemeinschaftlichen Prüfen

Das Prüfen stellt eine zentrale Herausforderung im Feld hochschulischen Lehrens und Lernens dar. Spätestens im Akt des Prüfens wird ein Hierarchiegefälle zwischen Lehrenden und Studierenden etabliert, das es aus machtkritischer Perspektive zu reflektieren gilt. Im Folgenden werden die Effekte dieses Hierarchiegefälles herausgearbeitet. In einem weiteren Schritt wird im Sinne eines Gegenhorizonts ein alternatives Prüfungsverständnis entwickelt, bei dem weniger die Leistungsbeurteilung als vielmehr die Reflexion des gemeinsamen Lehr-/Lerngeschehens im Fokus steht. Abschließend werden Strategien entwickelt, die es ermöglichen, sich mit dem Spannungsfeld des Prüfens auseinanderzusetzen, das sich aus der Konfrontation einer metareflexiven Auseinandersetzung des gemeinsamen Lehr-/Lerngeschehens mit dem Akt individueller Leistungsbeurteilung ergibt.

David Kergel

Evaluation zwischen Subjektivierung und Bildungsorientierung – Überlegungen anhand eines Beispiels aus der E-Learningpraxis

Qualität als Konzept wird im pädagogischen Feld diskursiv eine zunehmende Relevanz zugewiesen und gewinnt auch im Hochschulbereich vermehrt an Bedeutung (Heiner, M, Lehrkompetenz an Hochschulen erforschen und entwickeln, Professionalisierung der Lehre. Perspektiven formeller und informeller Entwicklung von Lehrkompetenz im Kontext der Hochschulbildung, Bertelsmann, Bielefeld, 2013). (Schmidt, U, Anmerkungen zum Stand der Qualitätssicherung im deutschen Hochschulsystem, Lehre und Studium professionell evaluieren. Wie viel Wissenschaft braucht die Evaluation. Webler, Bielefeld, 2010a) verweist in diesem Kontext „auf die wachsende Bedeutung der Evaluation, später der Akkreditierung und jüngst des Qualitätsmanagements im Bereich Studium und Lehre“ (ebd., S. 17) und verortet den Ursprung dieses Diskurses zu Beginn der 1990er Jahre (vgl. dazu auch Wildt 2013, zu den Anfängen der hochschulbezogenen Evaluation Webler 2010).

David Kergel, Birte Heidkamp

Anwendungsfelder

Frontmatter

Diversity und Change-Management – Auf dem Weg zu einer hochschulischen Diversity-Strategie

Die Hochschule Rhein-Waal (HSRW) versteht sich als internationale Hochschule und sieht in der Diversität und Internationalität ihrer Studierenden eine Bereicherung. Diversity Management als strategisches Konzept zum bewussten Umgang mit Verschiedenheit wird im vorliegenden Beitrag als hochschulischer Strategieansatz einer wertschätzenden Kultur der Vielfalt betrachtet. Mit dem ersten Hochschulentwicklungsplan legt die HSRW ein strategisches Entwicklungskonzept vor, mit dem die strukturellen Rahmenvorgaben der Hochschulentwicklung für die nächsten Jahre beschrieben werden. Durch die starke, integrative Einbindung von Diversität als Querschnittsthema in die Erarbeitung und die Teilnahme an einem Diversity-Audit wird ihre Verbindlichkeit und Legitimation im Sinne des Diversity-Mainstreaming deutlich.

Tammy Brandenberg, Georg Hauck

Hochschuldidaktische Angebote für eine diversitätssensible Lehre im Kontext der Öffnung der Hochschulen

Die Auseinandersetzung mit studentischer Diversität in der Lehre stellt im Zuge der Öffnungsprozesse in Hochschulen in den letzten Jahren eine neue Herausforderung für die Lehre dar. In diesem Zusammenhang wird das neue Arbeitsfeld an die Hochschuldidaktik herangetragen, Lehrenden Kompetenzen zum Umgang mit studentischer Diversität in der Lehre zu vermitteln. Welche Aufgaben sich genau damit für die Hochschuldidaktik verbinden, ist jedoch unklar. Dadurch stellt sich bei der Konzeption und Durchführung von hochschuldidaktischen Weiterbildungsangeboten zur Entwicklung diversitätssensibler Lehre die Herausforderung, grundlegende Voraussetzungen zu klären und Spielräume zu erschließen. Das Netzwerk Studienqualität Brandenburg (sqb) hat im Rahmen eines ESF-Projekts verschiedene hochschuldidaktische Weiterbildungsangebote entwickelt und durchgeführt. Dieser Artikel zeigt, welche Herausforderungen damit verbunden waren und welche Voraussetzungen auf konzeptioneller Ebene erarbeitet wurden, um dennoch die Entwicklung einer vielfaltsorientierten Lehrpraxis als auch Lehr-/Lernkultur anzuregen und zu unterstützen.

Henriette Jankow, Kristine Baldauf-Bergmann

Perspektiven diversitätssensiblen Mentorings im Kontext der Förderung von Biografizität

Der folgende Artikel befasst sich mit den Perspektiven zur Gestaltung von diversitätssensiblen Mentoringprogrammen an Hochschulen. Zunächst wird der Mentoringbegriff in seiner historischen Entwicklung fokussiert und der aktuelle Stand von Mentoringprogrammen an Hochschulen dargestellt. Darauffolgend wird erörtert, wie Mentoring als diversitätssensibles Beratungsformat an Hochschulen eingesetzt werden kann. Um Gestaltungsmöglichkeiten eines diversitätssensiblen Mentorings aufzuzeigen, wird Bezug auf eine empirische Studie der Autorin genommen, in der mittels der Analyse biografisch-narrativer Interviews der Frage nachgegangen wird, welche Funktionen Mentoringprogramme zur Unterstützung des Übergangs von der Hochschule in den Beruf entfalten können. Die Ergebnisse der Studie zeigen unterscheidbare Funktionen von Mentoring auf, die in Zusammenhang zur biografisch abgelagerten Haltung der Mentees zu den eigenen Erfahrungen stehen. Mentoring wird als Beratungsinstrument verortet, das Biografizität fördern kann und es wird herausgestellt, welche Verbindungslinien zu Diversity sowie zur Gestaltung diversitätssensibler Mentoringprogramme abzuleiten sind.

Babette Mölders

Diversitätsorientierte Qualifizierung von tutoriellem Lehrpersonal für Geflüchtete

Im vorliegenden Beitrag wird dargestellt, wie studentische Lehrkräfte, die studienberechtigte Geflüchtete tutoriell begleiten, mit unterschiedlichen Diversitätsdimensionen konfrontiert werden und vor welche Herausforderungen sie diese Arbeit stellt. Davon ausgehend wird gezeigt, wie den Tutorinnen und Tutoren eine diversitätssensible und diversitätsorientierte Lehre gelingen kann, wenn ihnen Diversitätskompetenzen als praktische Handlungsgrundlage vermittelt werden und sie zur Selbstreflexion angeregt sowie in dieser begleitet werden.

Kati Lüdecke-Röttger

Auffrischungskurs Mathematik für Geflüchtete – ein best practice example

Seit Oktober 2015 können anerkannte Geflüchtete, die ihre Zeugnisse nicht vorlegen können, an der Universität des Saarlandes ein Studium im MINT-Bereich aufnehmen. Voraussetzung ist, dass sie einen mathematischen Eingangstest bestehen, der zweimal pro Jahr angeboten wird. Für diesen Test haben wir einen sechswöchigen Auffrischungskurs konzipiert, der seit Ende 2015 zweimal pro Jahr durchgeführt wird. In dem Beitrag werden Konzeption, Inhalt und praktische Durchführung dieses Kurses dargestellt. Der Kurs wurde im Saarland mit dem Landespreis Hochschullehre 2016 durch Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer ausgezeichnet.

Moritz Weber
Weitere Informationen

Premium Partner

    Bildnachweise