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08.04.2020 | Privatkunden | Interview | Onlineartikel

"Verlorene Zuschüsse für Verbraucher helfen langfristig"

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
4 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Dieter Jurgeit

ist Vorstandsvorsitzender des Verbandes der PSD Banken e.V. in Bonn.

Dieter Jurgeit, Verbandspräsident der PSD Banken, fordert die Bundesregierung auf, unkomplizierte Hilfspakete mit nicht-rückzahlungspflichtigen Zuschüssen nicht nur für Firmen, sondern auch für Verbraucher auf den Weg zu bringen.

springerprofessional.de: Aktuelle Analysen gehen von einem signifikanten Anstieg der Insolvenzen privater Schuldner aus. Auch sonst bringen Kurzarbeit und Kündigungen große Belastungen für Privathaushalte. Nun greift der Staat mit nicht-rückzahlungspflichtigen Zuschüssen Unternehmen unter die Arme. Warum sollte es eine ähnliche Unterstützung auch für Verbraucher geben?

Dieter Jurgeit: Maßnahmen wie der Kündigungsschutz für Mietschulden und die Stundung der Verbindlichkeiten greifen zu kurz. Aufschieben nützt nicht viel, denn die Verpflichtung zur Zahlung bleibt bestehen, die ausstehenden Mieten müssen bis zum 30. Juni 2022 bezahlt werden. Die Laufzeit des Darlehensvertrages verlängert sich um die gestundeten Monate. Sich aufhäufende Schulden schweben wie ein Damoklesschwert über den Familien. Neben den Mietschulden kommen weitere notwendige Zahlungen hinzu, die auch nach Ende der Kurzarbeit nicht immer sofort bedient werden können. Wer nicht zur Miete wohnt, hat Kredite für den Hausbau oder die Anschaffung eines Autos laufen. Die sogenannten 'verlorenen Zuschüsse' für Verbraucher helfen in der Not langfristig.

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Wie könnte eine finanzielle Hilfe praktisch aussehen und möglichst unbürokratisch gewährt werden?

Wie so oft geraten diejenigen zuerst in Schieflage, die ohnehin knapp kalkulieren müssen, weil sie Geringverdiener sind oder für andere sorgen. Förderungen sollten in Form eines Stufenmodells Familien und Pflegende bevorzugt behandeln. Durch Helikoptergeld der Zentralbank könnten diese Mittel sehr unbürokratisch mittels direkter Überweisung auf die Girokonten in die Verfügung der Bedürftigen gelangen. Aber auch ein "Scheck" des Bundes, vergleichbar der früheren Rückerstattung der Kfz-Steuer, wäre denkbar.

Wie sollte die Finanzierung dieser Hilfe aussehen?

Die Finanzierung könnte durch eine Ausweitung der expansiven Geldpolitik oder durch entsprechende Fremdfinanzierung des Bundes erfolgen, welche zu derzeit negativen Einstandssätzen besonders günstig ist. In beiden Fällen kämen die zur Verfügung gestellten Mittel nicht nur Privatpersonen, sondern auch der Wirtschaft zugute. Denn diese Liquidität wird in Form von privatem Konsum oder Mietzahlungen wieder eingesetzt.

Dass die wirtschaftliche Krise unter anderem Geringverdiener, Alleinerziehende und andere Menschen treffen wird, die schon vor der Corona-Pandemie wenig Liquidität hatten, dürfte nicht verwundern. Wer ist aus Ihrer Sicht noch betroffen und wie beurteilen Sie die mittelbaren Auswirkungen auf die Finanzindustrie, aber auch auf andere Branchen?

Auch bei Verbrauchern, die vor der Krise noch über genügend Liquidität verfügten, kann diese Zeit zu Engpässen führen. Das 'vereinfachte' Kurzarbeitergeld geht in die richtige Richtung, dennoch wird hierbei völlig außer Acht gelassen, dass rund 60 Prozent beziehungsweise 67 Prozent über mehrere Monate nicht reichen dürften. Die mittelbaren Auswirkungen auf die Finanzindustrie sind schwer vorhersehbar. Es ist generell zu bedenken, dass gerade Stundungen von Schulden bei den Gläubigern in Zukunft wiederum zu Engpässen führen werden.

Auch wenn der Staat noch stärker gegensteuert und zum Beispiel den von Ihnen geforderten 'gedeckten Scheck des Bundes' einführt, wird auch die Wirtschaft selbst handeln müssen, um dem massenhaften Ausfall von Schuldnern entgegenzuwirken. Was können Banken, aber auch Unternehmen tun, um ihren Kunden zu helfen?

Die Banken tun bereits viel im Rahmen ihrer Portfolios, denn sie ermöglichen die Ausweitung kurzfristiger Kreditlinien sowie Stundungen und Tilgungsaussetzungen. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass auch in Krisenzeiten die Bedingungen für eine ordnungsgemäße Kreditvergabe gelten. Die Bankmanager tragen derzeit eine hohe Verantwortung, die Überlebens- und Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens zu beurteilen. Vielfach wird in der öffentlichen Diskussion vergessen, dass es sich um Kredite handelt, die zurückgezahlt werden müssen. Bei Unternehmen sehe ich eine hohe Verpflichtung, Solidarität zu zeigen. Es kann nicht sein, dass liquide internationale Firmen aktuell ihre Mieten stunden.

Sehen Sie in der Krise vielleicht auch eine Chance, Kunden durch eine passende Krisenhilfe zu binden?

In jeder Krise gibt es für innovativ aufgestellte Unternehmen auch Chancen. Für Banken, die im gewerblichen Kreditgeschäft aktiv sind, gilt es, ihren Kunden durch die aktive Kommunikation über den Zugang zu öffentlichen Fördermitteln oder der Beantragung von Kurzarbeitergeld zu helfen. Für die PSD Bankengruppe eignet sich die Kommunikation wichtiger Kundeninfos in den sozialen Medien oder durch kurze Videobotschaften und Chats mit Experten, in denen dem Informationsbedürfnis ihrer Kunden Rechnung getragen wird. Gut organisierte Kreditworkflows sowie Genehmigungsprozesse sind sicherlich ein weiterer Faktor, die bei der PSD Bankengruppe als genossenschaftlicher Direktbankengruppe seit jeher ein USP sind.

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