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18.03.2020 | Produktion + Produktionstechnik | Nachricht | Onlineartikel

EU plant den Umbau zur digitalen und CO2-neutralen Industrie

Autor:
Thomas Siebel
3:30 Min. Lesedauer

Die europäische Industrie soll digitaler und klimafreundlich werden. Wie sie dabei eine weltweit führende Stellung einnehmen soll, beschreibt die kürzlich vorgestellte EU-Industriestrategie.

Die im März veröffentlichte EU-Industriestrategie unterstützt den Plan der EU, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu entwickeln. Eine verstärkte Digitalisierung der Industrie und der Wandel hin zu CO2-neutralen Technologien sind laut EU dabei zwei Seiten derselben Medaille.

Gute Voraussetzungen und Nachholbedarf bei der Digitalisierung

Bei der Digitalisierung der Industrie soll Europa souverän bleiben und eine führende Rolle bei der Entwicklung digitaler Technologien einnehmen. Die Voraussetzungen sind nach Ansicht der EU-Kommission gut: Dank des großen gemeinsamen Binnenmarkts ließen sich schnell Skaleneffekte für neue Technologien erzielen. Auch durch das Aufstellen EU-weiter Standards und technischer Vorschriften könne die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden. Zugleich erkennt die EU-Kommission aber auch Nachholbedarf. So müsse in wichtigen Technologiebereichen wie der künstlichen Intelligenz, bei 5G-Netzen oder bei der Datenanalyse zügig mehr investiert werden. Nur eines von vier Unternehmen nutze derzeit Cloud-Computing-Services, eines von zehn Big-Data-Analysen.

Die EU will zudem die Kapazität für kritische digitale Infrastrukturen für Industrie ausbauen, wozu ein sicheres und hochmodernes 5G-Netz gehört. Um bei 6G eine führende Rolle einnehmen zu können, müsse Europa bereits jetzt investieren. Nach Vorstellung der EU sollen junge, Digitaltechnologie-affine Unternehmen etablierte Industrieunternehmen beim digitalen Wandel unterstützen, etwa bei neuen digitalen Geschäftsmodellen oder bei neuen Formen der digitalen Arbeit. Start-up-Unternehmen sollten zudem beim Aufbau einer Plattform-Ökonomie unterstützt werden.

Einsatz für fairen Wettbewerb

Die EU will sich für weltweit gleiche Wettbewerbsbedingungen einsetzen. Mit einem Whitepaper, dessen Vorstellung für Mitte 2020 angekündigt ist, solle in dem Zuge etwa der Umgang mit subventionierten Unternehmen aus Nicht-EU-Staaten geklärt werden. Dabei adressiert die Kommission das Problem des ungleichen Marktzugangs: Während Staatsunternehmen aus Nicht-EU-Staaten oftmals auf dem EU-Binnenmarkt aktiv sind, werden EU-Unternehmen beim Zugang zu den Märkten ebenjener Länder zum Teil benachteiligt.

Stahl als Schlüssel zur klimaneutralen Industrie

Auf dem Weg hin zur klimaneutralen Industrie sind nach Ansicht der EU insbesondere energieintensive Industrien gefordert. Diese seien für die europäische Wirtschaft unverzichtbar, weswegen deren Modernisierung und Entkarbonisierung oberste Priorität habe. Da der Stahlindustrie hier eine Schlüsselrolle zukommt, will die EU die Entwicklung von Technologien für die CO2-neutrale Stahlerzeugung unterstützen. Zudem will die EU 100 Milliarden Euro mobilisieren, um Regionen mit kohlenstoffintensiven Industrien bei der Umgestaltung ihrer Wirtschaft zu helfen.

Mit einem neuen strategischen Ansatz und einer besseren Verknüpfung der europäischen Energienetze sollen Erneuerbare Energien ausgebaut werden. Weiterhin sollen durch eine verstärkte Sektorkopplung Elektrizität, Gas und Kraftstoffe effizienter genutzt werden. Falls erforderlich, will die EU auch Maßnahmen ergreifen, um der Verlagerung von CO2-Emissionen in Länder mit geringeren Umweltschutzambitionen einen Riegel vorzuschieben.

Kreislaufwirtschaft soll Arbeitsplätze schaffen

Mit einer konsequenten Einführung einer Kreislaufwirtschaft in allen Sektoren und Industrien bis 2030 verbindet die EU das Potenzial für 700.000 neue Arbeitsplätze. Erste Maßnahmen sollen das Abfallaufkommen für elektronische Geräte, Batterien und Textilien reduzieren. Zudem sollen Verbraucher anhand transparenter Informationen bei der Kaufentscheidung für wiederverwendbare, robuste und reparaturfähige Produkte unterstützt werden.

EU fordert neue Innovationskultur

Laut der EU-Kommission haben EU-Unternehmen ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den letzten fünf Jahren reduziert, während Unternehmen aus den USA und China ihre Investitionen gesteigert haben. Nach Darstellung in der EU-Industriestrategie könne eine Besinnung auf gemeinsame Entwicklungsziele helfen, wieder höhere Investitionen zu generieren. Potenzial dazu biete das Zusammenwachsen von physischer, digitaler und biologischer Welt. Um hier ein starke Position einzunehmen, sei jedoch auch eine neue Innovationskultur nötig: Nicht Risikominimierung dürfe Grundlage von Investitionsentscheidungungen sein, stattdessen sei Risikobereitschaft und auch Toleranz für Fehlentwicklungen und Kurskorrekturen nötig.

Abschließend werden in der Industriestrategie Technologien benannt, die für die industrielle Zukunft Europas von strategischer Bedeutung sind und deswegen durch die EU gefördert werden sollten. Dazu gehören Robotik, Mikroelektronik, Hochleistungsrechner und Datencloud-Infrastruktur, Blockchain, Quantentechnologien, Photonik, industrielle Biotechnologie, Biomedizin, Nanotechnologien, Pharmazeutika und neue Materialien.

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