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Über dieses Buch

Die Propaganda der terroristischen Miliz „Islamischer Staat“ hat für Aufsehen gesorgt und die Debatte um das Internet und vor allem das „Social Web“ als Risikotechnologie oder Gefahrenraum mitbestimmt. Dabei setzt der IS auf ein breites Spektrum medialer und gestalterischer Formen und Formate einer globalen, digitalen Medienkultur, um ein internationales Publikum zu erreichen: Online-Videos, anashid (Lieder) und Computerspiele; Internet-Meme, Social Media Posting oder Selfies. Der Sammelband gibt Einblick in die Bandbreite dieser jihadistischen Kommunikate, ihrer Ausdrucks- und Darstellungsweisen und zeigt dabei Möglichkeiten der Einordnung und der Auseinandersetzung auf.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einführung: Der ‚Islamische Staat‘ und seine Propaganda

Zusammenfassung
„Mit dem Verlust des syrischen Dorfes Baghuz am Euphrat endete im März 2019 die fast fünfjährige Geschichte des ‚Islamischen Staates‘ (IS) als Quasistaat mit eigenem Territorium“, so schrieb im Sommer des gleichen Jahres Guido Steinberg (2019, S. 98) in der Zeitschrift Internationale Politik. Tatsächlich hatte sich mit der Ausrufung des Kalifats am 29. Juni 2014 (zu Beginn des Fastenmonats Ramadan) der IS an die Spitze des internationalen Dschihadismus gesetzt. In Folge ist er zu einem Inbegriff des unmenschlichen religiösen Fanatismus geworden, indem er u. a. ein Regime des „Tugendterrors“ in den von ihm besetzten Gebieten in Irak und Syrien errichtete, seine Scharia-Rechtsordnung im Alltag drakonisch durchsetzte, Kunst- und Kulturschätze zerstörte, Jesidinnen und Jesiden sexuell versklavte oder genozitär Säuberungen und öffentliche Exekutionen durchführte.
Bernd Zywietz

Protest zwischen Aktivismus und Propaganda. Formen und Differenzierungen strategischer Protestkommunikation im Netz

Zusammenfassung
Der Artikel diskutiert das Verhältnis von Aktivismus, Propaganda und Terrorismus. Am Beispiel liberal-zivilgesellschaftlicher und extremistischer (v. a. dschihadistischer) Gruppierungen stehen dabei Formen der strategischen Kommunikation, Protest und Gewalt im Mittelpunkt. Die schwindende Grenze von Aktivismus und Propaganda unter den Bedingungen sozialer Online-Medien und einem damit verbundenen strukturellen Populismus 2.0 werden beleuchtet sowie eine heuristische Typologie von Protestvideos und deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Videopropaganda des ‚Islamischen Staats‘ vorgestellt.
Kathrin Fahlenbrach, Bernd Zywietz

Vom Analogen ins Digitale. Eine kurze Geschichte der dschihadistischen Propaganda und ihrer Verbreitung

Zusammenfassung
Der Beitrag bietet eine kurze Einführung in die Geschichte dschihadistischer Propaganda von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart. Nicht nur die medientechnologische und -kulturelle Entwicklung, sondern auch geopolitische Konfliktgeschichte mit wichtigen Stationen wie der sowjetischen Intervention in Afghanistan und dem ersten Tschetschenienkrieg sind hier ausschlaggebend. Was die Entwicklung auf dem Feld der Online-Propaganda betrifft, stützt sich der Verfasser auch auf eigenen Erfahrungen im Rahmen der Beobachtung und Analyse dschihadistischer Internet-Auftritte und -Kommunikatverbreitung.
Martin Zabel

Mediale Formen und Formate der IS-Propaganda. Ein Analyseansatz und Überblick

Zusammenfassung
Um dem Facettenreichtum etwa hinsichtlich der Multimodalität, der rhetorischen und ästhetischen Funktionen, der Gattungs- und sonstigen Erscheinungsvielfalt der Propaganda des ‚Islamischen Staats‘ Rechnung zu tragen, entwickelt der Beitrag ‚Form‘ und ‚Format‘ als Kernbegriffe eines möglichen Untersuchungsansatzes. Davon ausgehend werden ein umfassender Überblick zu zentralen Medienformen und -formaten, Medientextsorten und -genres, Aspekten der Inter- bzw. Paratextualität sowie Organisations- und Infrastrukturen der IS-Propaganda geboten.
Bernd Zywietz

Ṣalīl al-Ṣawārim: Ein Nashīd und seine Aneignungen

Zusammenfassung
Der Beitrag gibt anhand des Beispiels Ṣalīl al-Ṣawārim einen Überblick über die Nutzung von Anāshīd durch Gruppierungen wie den sogenannten Islamischen Staat (IS). Zudem wird verdeutlicht, wie Online-User*innen der IS-Doktrin in Form von selbst produzierten audiovisuellen Aneignungen entgegnen und dadurch letztlich kulturellen Widerstand gegen den IS selbst üben.
Larissa-Diana Fuhrmann, Alexandra Dick

Playing Propaganda. Die Games-Appropriationen des IS

Zusammenfassung
Vielfach ist davon die Rede, dass die Terrormiliz „Islamischer Staat“ und ihre Anhänger auf popkulturelle audiovisuelle Medien, Formate und Genres für propagandistische Zwecke setzen. Auch Computerspiele fallen hierunter. Aus der Perspektive der Games Studies widmet sich dieser Beitrag dem Phänomen der ‚IS-Games‘ und untersucht auf Basis von Ian Bogosts Konzept der Procedural Rhetoric, welche Aneignungsprozesse zu beobachten und inwiefern ihre ideologisch-argumentativen Indoktrinationspotenziale im Kontext der Computerspielkultur einzuschätzen sind. Drei zentrale Aspekte sind dabei auszumachen: die Modifikationen von Spielen und Spielelementen, die Instrumentalisierung in spielfremden Kontexten im Sinne einer Gamification sowie Anverwandlung popkultureller Artefakte einer Game-Ästhetik im Propagandakontext. Was die Bedeutung als ‚spielerisches‘ Beeinflussungswerkzeug betrifft, scheint dabei Skepsis angeraten, insofern etwa offene Spielwelten und die Entscheidungsfreiheit der Spieler*innen eher im Widerspruch zur klassischen Vermittlungsarbeit jihadistischen Gedankenguts steht.
Andreas Rauscher

Animationen in jihadistischer Videopropaganda: Bewegung unter dem Gebot des islamischen Anikonismus

Zusammenfassung
Während jihadistische Videopropaganda (JVP) dafür berüchtigt ist, u. a. in Form blutrünstiger Exekutionsvideos durch Soziale Medien verbreitet zu werden, sind die filmsprachlichen Kompetenzen der jihadistischen Videoproduzenten bzw. des IS bislang als solche kaum erforscht. Der vorliegende Beitrag untersucht beispielhaft das Phänomen der Animation in JVP im Spannungsfeld von Form und Format. Über das islamische Bilderverbot sowie einer Studie von Animationen in jihadistischen Filmen seit 1986 wird ein Inventar der historischen und gegenwärtigen Ausdrucksmöglichkeiten der JVP beschrieben. Deutlich wird dabei, wie durch die religiösen Vorschriften des Islam JVP-Produzenten in ihren Ausdrucksmöglichkeiten begrenzt sind. Die Ergebnisse dieser Studie werfen ein Schlaglicht auf Produktionsbedingungen, ideologische Persuasionsmöglichkeiten und filmgestalterische Syntax der JVP.
Yorck Beese

Selfie-Video als Format propagandistischer Bekennerbotschaft. Bildstrategien im Fall Anis Amris

Zusammenfassung
Bekennervideos sind eine eigene Gattung im Kontext terroristischer Anschläge und ein Format extremistischer Propaganda. Im Fall des Attentäters vom Berliner Breitscheidplatz 2016 wurde dabei auf die Technik und mithin die formalen Standards des Selfie-Videos zurückgegriffen. Entsprechend werden an diesem Beispiel die gestalterischen Aspekte unter propagandistisch-rhetorischen Gesichtspunkten untersucht: Wie inszeniert der Täter sich selbst, welche Bildstrategien der Nähe und Authentizität werden eingesetzt und inwiefern ergänzen sich Konventionen der spezifischen digitalen Bildkultur mit den ideologisch-persuasiven Absichten? Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich formatbedingte dispositive Mechanismen und (sozial-)medienkulturelle Operationen potenziell überzeugungstechnisch einsetzen lassen, aber auch, welche Herausforderungen sich aus ihnen für Verbreitung u. a. von jihadistischem Gedankengut ergeben.
Lydia Korte, Bernd Zywietz

Der Fall John Cantlie. Parasozialität als Mittel der Propaganda

Zusammenfassung
Insbesondere Videopropaganda spielt in der extremistischen Ansprache, Rekrutierung und Radikalisierung neuer Anhänger eine große Rolle, spricht sie ihre Rezipient*innen doch meist auf emotionalisierte Weise an und erzeugt so Aufmerksamkeit und eine bestimmte Anziehungskraft. Mittels des Konzepts der Parasozialität zeigt der vorliegende Beitrag, wie Extremist*innen durch eine personalisierte und emotional-affektive Ansprache durch einen parasozialen Freund Sympathie und Unterstützung für sich selbst und die eigenen Thesen evozieren. Die enge Verbindung von Parasozialität und Propaganda wird mittels einer Fallstudie der sogenannten John-Cantlie-Videos des ‚Islamischen Staats‘ aufgezeigt, in der Gestaltungselemente und Praktiken, die die Emergenz von Parasozialität unterstützen, in den Blick genommen werden. Der Beitrag soll Parasozialität im Sinne eines Funktionsmechanismus von Propaganda verständlich machen und mögliche Wirkungen parasozialer Phänomene auf die Überzeugungskraft von Propaganda identifizieren.
Sophia Maylin Klewer

Die Spektralität medialer Bedrohung am Beispiel John Cantlie

Zusammenfassung
Die Terrormiliz ‚Islamischer Staat‘ veröffentlichte zwischen 2014 und 2016 eine Reihe von Videos, die den britischen Journalisten John Cantlie zeigen. Dieser war 2012 in Syrien entführt worden und in Gefangenschaft des IS geraten. Seine – offensichtlich unter Zwang ausgeführten – Auftritte in den Videos weichen jedoch von den Konventionen ab, die für Geiselvideos üblich sind. Der IS lässt ihn keine Forderungen stellen, sondern Propaganda für das virtuelle Kalifat betreiben. Damit macht die Terrormiliz den britischen Journalisten zu einem Medium, das für sie spricht, ohne ihn als einen der ihren zu präsentieren. Cantlie bekommt dadurch einen uneindeutigen, gespenstischen Status zugewiesen, der von den Betrachtern nicht entschlüsselt werden kann. Der vorliegende Aufsatz unternimmt ein close reading der Videos vor dem Hintergrund der Derrida’schen Gespenstermetapher und den medientheoretischen Ansätzen von Groys und Krämer. Dabei zeigt sich, dass die Inszenierung Cantlies als Geisel bzw. Korrespondent in unterschiedlichem Ausmaß die Ordnung des Medialen zu irritieren vermag. Sie stellt die medientheoretischen Dichotomien von Sein und Schein, Präsenz und Absenz, Realität und Imagination immer wieder neu infrage.
Anne Ulrich

Medienakteure. Parallele Fragmente

Zusammenfassung
Im Jahr 2018 erstellt Filmemacher, Medienkünstler und Professor für Crossmedia Publishing Kevin B. Lee ein Video-Essay über den britischen Journalisten John Cantlie, der 2012 in Syrien verschleppt wurde. Zwischen 2014 und 2016 trat Cantlie in Videos des IS auf und verfasste (vorgeblich) Artikel im IS-Magazin Dabiq. In diesem Beitrag gibt Lee Auskunft über seinen Zugang zu Cantlie und dessen medialer Agency als Person und Gegenstand der Recherche und der Konzeption des Video-Essays. Dabei rekonstruiert und reflektiert er das Erleben seiner eigenen Rolle als Betrachter, Adressierter und Verwerter der medialen Spuren Cantlies sowie dessen kolonialer/kolonialisierter Berufs- und Familiengeschichte im Lichte von Konzepten wie dem der Parasozialität und der Spectatorship.
Kevin B. Lee

Framing terroristischer Medieninhalte: Eine videografische Autoethnografie

Zusammenfassung
2016 stößt Chloé Galibert-Laîné auf ein von IS-Schergen aufgenommenes Video auf YouTube, das gedemütigte Kriegsgefangene beim Marsch durch die Wüste zeigt – Männer, die 2014 zu Opfern des ‚Tabqa-Massakers‘ wurden. In dem Beitrag beschreibt die Autorin die ethischen Herausforderungen, die das Bildmaterial in seiner Verbreitung darstellen, sowie ihre Bemühung, sie zwischen dem Status als Augenzeugenbericht, Propaganda und Folter- oder Terrorvideo einzuordnen. Ausführungen von Judith Butler und insbesondere ihr Framing-Konzept bieten hierbei eine Hilfestellung. Daran anschließend beschreibt sie, wie sie für sich das Videoessay bzw. dessen Erstellung als Möglichkeit und Methode autoethnografischer Forschung entdeckt, und reflektiert deren entsprechendes Potenzial in der Auseinandersetzung mit und dem Sprechen über derart problematisches Medienmaterial.
Chloé Galibert-Laîné

Inside the Islamic State’s Media: Eine kollaborative Videoanalyse

Zusammenfassung
Dieser Beitrag widmet sich der multiperspektivischen Analyse des IS-Videos Inside the Khilafah 8. Das dialogische Gruppengespräch verdeutlicht den kollaborativen und iterativen Prozess der Beschreibung und Deutung. Nach einer Einordnung des Videos in die Medienproduktion des IS und in den Kontext der Inside-Reihe werden die drei wichtigsten Themenblöcke des Videos fokussiert: die Gleichsetzung von Medienarbeit mit Jihad, die Legitimation der eigenen Autorität des IS durch die Einteilung von Handlungen in ‚gut‘ und ‚schlecht‘ und die Bedeutung der Social-Media-Kontexte für die Verbreitung und Aneignung von Videos. Die unterschiedlichen fachlichen und analytischen Zugänge aus Islamwissenschaft, Ethnologie, Film- und Medienwissenschaft ergänzen sich dabei, können sich aber auch entgegenstehen. Gerade die Form des Gruppengesprächs zeigt jedoch auf, wie interdisziplinäre Widersprüche auch für eine produktive Diskussion genutzt werden können.
Simone Pfeifer, Yorck Beese, Alexandra Dick, Larissa-Diana Fuhrmann, Christoph Günther, Bernd Zywietz
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