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Über dieses Buch

Von Peter Glotz Diese Studie untersucht die Entwicklung der Propagandaforschung im 20. Jahr­ hundert aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive. Das ist ein neuer Ansatz in der Erforschung eines alten Themas, denn die vorliegenden Überblickswerke systematisieren Propaganda in Anlehnung an die sie betreibenden Institutione- wie etwas das berüchtigte Reichsministerium für V olksaufkHi.rung und Propa­ ganda - oder erheben einzelne Kriege und Propagandakampagnen zu ihrem Gegenstand. Das Ziel von Thymian Bussemer geht darüber hinaus. Er will von der Geschichte der Propaganda zu ihrem inneren Kern vordringen, will herausar­ beiten, was Propaganda als kommunikative Technik im politischen Raum ausmacht, und unter welchen Bedingungen sie Wirkungsmacht entfaltet. Gleichzeitig verfolgt Thymian Bussemer einen wissenssoziologischen Ansatz. Er betreibt Kommunikationsgeschichte als Theoriegeschichte und analy­ siert auf der Basis einer großen Materialfülle die verschiedenen Versuche im letzten Jahrhundert, Propaganda zu beschreiben und zu erklären. Der Weg führt ihn vom amerikanischen Publizisten Walter Lippman über die deutsche Publizistikwissenschaft mit ihrem Protagonisten Emil Dovifat bis zur amerikani­ schen Persuasionsforschung von Paul F. Lazarsfeld und Harold D. Lasswell, den Yale-Studies Carl Hovlands und der Propagandapsychologie von Leonard Doob.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

2. Einleitung

Zusammenfassung
Die Auseinandersetzung mit politischer Propaganda ist eines der zentralen Themen des 20. Jahrhunderts gewesen. Unzählige Intellektuelle haben sich in Büchern und Essays mit Aspekten von Propaganda beschäftigt, kritisch die alles durchdringende Macht selektiver Realitätskonstruktionen moniert oder sich selbst — wie die Russlandreisenden der zwanziger und dreißiger Jahre — zu Instrumenten der Propaganda gemacht. Die gesellschaftliche Brisanz des Themas ist offensichtlich: In einer zufällig herausgegriffenen Ausgabe der Zeitschrift Der Spiegel wird das Wort Propaganda elf Mal in sieben von einander unabhängigen Beiträgen erwähnt.1 Der britische Literatur- und Kommunikationswissenschaftler A.P. Foulkes schrieb 1983: „If we refer to the nineteenth century as the Age of Ideology, then it seems even more appropriate to regard the present century as the Age of Propaganda.“2 Und die überwältigende Mehrheit der Amerikaner hielt Propaganda laut einer 1972 publizierten Gallup-Umfrage für den eigentlichen Auslöser des Ersten Weltkriegs.3 Nach wie vor wird politischer Propaganda vor allem in internationalen Krisen, aber auch bei der Analyse extremistischer Tendenzen in den westlichen Demokratien eine Schlüsselrolle zugewiesen.
Thymian Bussemer

3. Das Massenparadigma: Propaganda als Verführung

Zusammenfassung
Massentheorien kann man wohl zu Recht als ein Menschheitsthema bezeichnen. Denn das Verhältnis der Masse zum Einzelnen bzw. das einer Elite zur Majorität ist als Gegenstand des Nachdenkens so alt, wie die systematische Reflexion über Gesellschaft als solche. Schon Platons Rhetorik sollte die Wenigen dazu befähigen, gegenüber den Vielen, von denen der antike Philosoph geringschätzig dachte, die Oberhand zu behalten. Auch Rousseau, Voltaire und Montesquieu zeigten sich pessimistisch, ob der von ihnen propagierte Individualismus mit den real existierenden Menschen zu verwirklichen sei. John Stuart Mill und Alexis de Tocqueville setzten das Thema dann endgültig auf die Tagesordnung der politischen Theorie, als sie die Möglichkeiten einer Entkoppelung der Werte von Freiheit und Gleichheit diskutierten, da ihrer Auffassung nach eine,mechanische Gleichheit’ die Freiheit zu verdrängen drohte.1 Damit verbunden war die Erwartung, dass sich moderne Gesellschaften zusehends homogenisieren würden, während traditionelle Standes- und Kulturunterschiede an Bedeutung verlören. An ie Stelle der Elitenherrschaft trat die öffentliche Meinung als Richtschnur politischen Handelns, wie Alexis de Tocqueville beobachtete:
„In dem Maße, in dem die Bürger sich einander angleichen und ähnlicher werden, verringert sich bei jedem die Neigung, einem bestimmten Menschen oder einer bestimmten Klasse blindlings Glauben zu schenken. Die Geneigtheit zum Glauben an die Masse nimmt zu, und immer mehr ist es die öffentliche Meinung, die die Welt regiert. […] Die Öffentlichkeit besitzt also bei den demokratischen Völkern eine einzigartige Macht. Sie überzeugt nicht von ihren Anschauungen, sie zwingt sie auf und prägt sie den Gemütern durch einen gewaltigen geistigen Druck aller auf den Verstand des einzelnen ein. In den Vereinigten Staaten übernimmt die Mehrheit die Aufgabe, dem einzelnen eine Menge fertiger Meinungen vorzusetzen, und enthebt ihn damit der Verpflichtung, sich selbst eine eigene zu bilden.“2
Thymian Bussemer

4. Die empirische Wende: Propaganda als Sozialtechnik

Zusammenfassung
In den frühen 1930er Jahren machte sich unter amerikanischen Kommunikationspraktikern und Geschäftsleuten ein zunehmendes Unbehagen mit der Massenpsychologie als Basistheorie für Persuasionsversuche breit, das auch viele zeitgenössische Sozialwissenschaftler teilten. Bedingt war dieser Stimmungsumschwung vor allem durch die zunehmende Ausdifferenzierung des Mediensystems und der Käufermärkte, was Medienleute und Werbetreibende mehr und mehr zu systematischer Kommunikationsplanung zwang. Henry C. Link, ein in Yale ausgebildeter Psychologe und einer der ersten amerikanischen Marktforscher, brachte die Unzufriedenheit mit der Massentheorie und ihrer conditio sine qua non — der Idee eines irrationalen Publikums — auf den Punkt:
„The psychological theory of instincts (or fundamental drives) stated, in effect, that the operations of the mind were based on a number of inherited emotional mechanisms. There was the sex instinct, the parental instinct, the fighting instinct, the herd instinct, etc., etc. […] This was very plausible, but when psychologists began to enumerate all the instincts and to describe the actions and feelings to which they gave rise, difficulties immediately arose […] Different psychologists enumerated from one to forty instincts and were never able to arrive at an agreement as to just how many there were, what they were, or what actions they led to.“1
Thymian Bussemer

5. Das pluralistische Paradigma: Propaganda als Teil der Moderne

Zusammenfassung
Mit der um 1968 in den westlichen Gesellschaften erfolgten Kulturrevolution veränderten sich auch die traditionellen Koordinaten der Propagandaanalyse, denn die „mit der Studentenbewegung der sechziger Jahre vordringenden neomarxistischen Ansätze machten zwangsläufig auch vor der Analyse der Massenmedien nicht halt“.1 Franz Dröge, zu dieser Zeit ein einflussreicher Professor der Kommunikationswissenschaft in Bremen, schrieb 1972: „Kommunikation im Kapitalismus ist in ihrer gesellschaftlichen Abhängigkeit nur mit der von Marx angewendeten und in ihrer rationellen Gestalt ausgearbeiteten dialektischen Methode zu analysieren.“2 Quasi über Nacht hielten Begriffe wie ‚falsches Bewusstsein‘, ‚Gehirnwäsche‘ und ‚psychische Gleichschaltung‘ auch in die Kommunikationswissenschaft Einzug. Andere, wie ‚Suggestion‘ und ‚Verführung‘, erlebten eine Renaissance. „Die Sozialtheorie verfiel […] einer einseitig-kritischen, apodiktischen Sichtweise des Phänomens: Massenmedien dienten der Manipulation der Öffentlichkeit. Diese Auffassung wurde nicht als Hypothese vorgebracht, um empirisch geprüft zu werden, sondern sie wurde als Pauschalverdacht unterstellt, der in seiner offensichtlichen Begründetheit nicht weiter bewiesen werden musste.“3 Damit einher ging eine partielle Wiederbelebung des Massenparadigmas sowie ein Wiederanknüpfen an die Tradition der humanistischen Propagandakritik — nun allerdings unter neomarxistischen Vorzeichen. Zu Recht spricht J. Michael Sproule von einem „return of ideology in propaganda critique“:
„Just as World War I brought about an overlapping of popular and academic progressive critique, so too did post-Vietnam and post-Watergate attitudes draw forth a response from academicians. In the field of mass media, the result was to confound the dominant paradigm of communication research, with its value-free premises springing from a vision of ideological consensus. Following the pattern of the 1930s, the new wave of critical propaganda studies began to take as its major point of departure the ideological construction and coloring of news. In addition, the new school of progressive propaganda critique has followed the 1930s pattern of paying attention to such ideological apparatuses as entertainment, education and marketing, and opinion polling.“4
Thymian Bussemer

6. Schlussbetrachtung

Zusammenfassung
Die Kommunikationstechnik Propaganda hat im 20. Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte durchlaufen. Erst galt sie als neu entdeckte Wunderwaffe, die es bei Krisen und Kriegen intensiv zu nutzen gelte, dann als zentrale Kommunikationstechnik zur Stabilisierung der modernen Gesellschaft. Gegen Ende der ersten Phase des Kalten Krieges verlor sie an Bedeutung und verschwand aus dem Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Sie wurde in dem Sinne historisiert, dass Propaganda als etwas vergangenes betrachtet und vornehmlich mit den beiden Weltkriegen, den Nationalsozialisten und anderen Diktaturen assoziiert wurde. Analog zu diesen Haussen und Baissen des Propagandabegriffs hat auch die akademische Propagandaforschung Höhen und Tiefen erlebt. Die intensiven Bemühungen vor allem auf deutscher Seite, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die durch die Versailer Verträge limitierte militärische Macht Deutschlands durch wissenschaftliche Expertise im Bereich der Propaganda zu kompensieren bildeten — neben dem Wunsch, die Journalistenausbildung zu professionalisieren — den entscheidenden Impetus für die universitäre Institutionalisierung der damaligen Zeitungskunde bzw. Zeitungswissenschaft. Während der 1920er Jahre bildete die Propagandaforschung das zentrale Thema der deutschen Medienforschung. Allerdings erwies sich diese frühe Propagandaforschung als theoretisch nicht ausreichend produktiv, um auf der als Basistheorie fungierenden Massenpsychologie eine wirkliche Wissenschaft zu errichten. Dies erschwerte die akademische Institutionalisierung der Zeitungskunde und minderte die Wertschätzung ihrer Ergebnisse durch politische Eliten. Die Nationalsozialisten, die Propaganda als ihre ureigene Domäne und als geheim zu haltende Herrschaftswissenschaft begriffen, setzten dem Spuk dann bald nach 1933 ein Ende.
Thymian Bussemer

7. Literaturverzeichnis

Ohne Zusammenfassung
Thymian Bussemer

Backmatter

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