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2016 | Buch

Psychologie der Werte

Von Achtsamkeit bis Zivilcourage – Basiswissen aus Psychologie und Philosophie

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Über dieses Buch

Dieser Sammelband lädt ein, sich mit den Grundwerten unserer Gesellschaft neu auseinanderzusetzen: Was bedeuten eigentlich Empathie, Respekt, Vertrauen u.a. Werte im Kern? Was wissen psychologische Forschung, Philosophie oder Theologie darüber? Welche Bedeutung haben diese Werte für jeden Einzelnen persönlich? Wie können diese Werte gelebt und in Erziehung, Unternehmen und Gesellschaft methodisch, didaktisch und inhaltlich vermittelt und gefördert werden? – Ein Buch für alle, die sich in Zeiten des gefühlten Wertewandels auf fundierte Weise mit Werten befassen bzw. darüber klar werden möchten, welche Werte für das eigene Privat- oder Berufsleben wichtig sind. – Ein Buch für interessierte Laien, Studierende, Führungskräfte, Lehrer oder Politiker, das aktuelles Wissen liefert sowie zu Selbstreflexion und Diskussion anregt.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
1. Einführung und konzeptionelle Klärung
Zusammenfassung
Vermutlich hätte die Menschheit nicht überlebt, wenn nicht eine Generation der nächsten Generation das jeweils kulturspezifische an Wissen, Handlungskompetenzen und Werten weitergegeben hätte. Ohne Wissen, Handlungskompetenzen und Werte ist Tradition und damit auch oft Überleben nicht gewährleistet. Vermutlich ist das Schwierigste die Vermittlung von Werten: Was sind wünschenswerte und wertvolle Zustände, an denen sich Menschen orientieren, um in einer komplexen Welt einen Kompass und eine Orientierung zu haben? Die Vorstellung und Vermittlung wichtiger Werte sowie ihre gesellschaftliche Bedeutung stehen im Zentrum der Betrachtung, da ohne sie ein geordnetes Zusammenleben nicht denkbar wäre. Dabei geht es gleichzeitig auch um die konzeptionelle Klärung, inwieweit sich Werte von Motiven, Bedürfnissen und Persönlichkeitseigenschaften unterscheiden.
Dieter Frey, Mirka Henninger, Ricarda Lübke, Anja Kluge
2. Achtsamkeit
Zusammenfassung
Achtsamkeit bezeichnet die bewusste Aufmerksamkeitslenkung auf das Hier und Jetzt, indem der Körper als zentrale Basis aller Erfahrungen erlebt wird und Eindrücke aller Art wertfrei angenommen werden. In der Psychologie findet diese dem Buddhismus entsprungene Geisteshaltung großen Anklang. Als „Pause“-Taste zwischen Reiz und Reaktion kann Achtsamkeit automatisierte Verhaltensmuster aufbrechen und unter anderem Stress reduzieren, Wohlbefinden verbessern und Krankheitsbilder abschwächen. Achtsamkeitsbasierte Verfahren werden im therapeutischen Bereich sowie der Gesundheitsprävention von Unternehmen angewendet. Da Achtsamkeit viele positive Auswirkungen auf das soziale Wesen hat, steht sie im Zusammenhang mit emotionaler Intelligenz. Durch einfache Übungen kann Achtsamkeit erlernt werden. Als instrumenteller Wert kann Achtsamkeit zu gewünschten Zuständen führen, nach dem Vorbild von Buddhisten und Benediktiner-Mönchen aber auch als terminaler Wert und Zustand an sich erstrebenswert sein.
Hanna Kuschel
3. Autonomie
Zusammenfassung
Autonomie bedeutet Selbstbestimmung bezüglich seiner Gedanken (intellektuell) und Gefühle (affektiv). Der Gegenwert zur Autonomie ist die Fremdbestimmung, bei der andere Personen vorgeben, wie man sich entscheiden und verhalten soll. Autonomie kommt in mehreren psychologischen Theorien und Modellen vor. Autonomie entwickelt sich zum einen durch Sozialisation über die Lebenszeit hinweg, also durch die Prägung von Eltern, Freunden, Schule, Arbeitgeber etc. Zum anderen sind die drei Voraussetzungen Selbstvertrauen, Selbstbehauptung und Selbstwertschätzung notwendig, damit jemand autonom handeln kann. Autonomie spielt in vielen Lebensbereichen eine Rolle, z. B. in Bildung, Medizin oder Therapie. Auch im Arbeitsleben ist Autonomie zentral, dort führt sie zu mehr Selbstwirksamkeit, Motivation, Arbeitseinsatz, sicherem Arbeiten, Wohlbefinden und Verbundenheit. Auf Grundlage der dargestellten Informationen lässt sich ableiten, wie Autonomie in der Gesellschaft gefördert werden kann.
Johanna Faust
4. Dankbarkeit
Zusammenfassung
In diesem Kapitel wird Dankbarkeit aus unterschiedlichen Blickwinkel betrachtet. Bemerkenswert ist dabei, dass Dankbarkeit nicht kulturübergreifend gleich verstanden und wahrgenommen wird. Man findet Dankbarkeit in theoretischen Ansätzen, z. B. zum Thema Selbstwert, Altruismus und Führung. Personen, die sich dankbar zeigen, berichten von gesteigertem Wohlbefinden und Zufriedenheit. Selbstlosigkeit und ein „über sich hinauswachsen“ sind wichtige persönliche Faktoren für die Entstehung von Dankbarkeit, wobei auch das Umfeld, z. B. durch Vorbildwirkung, einen Einfluss hat. Übungen wie das Reflektieren des vergangenen Tages können dabei helfen, dankbarer zu sein. Die Darstellung möglicher Antiwerte der Dankbarkeit – Undankbarkeit und Materialismus – macht deutlich, wann Dankbarkeit heutzutage zu kurz kommt.
Caroline Zygar, Jeffrey Angus
5. Empathie
Zusammenfassung
Seit nun mehr 2.000 Jahren spielt Empathie eine wichtige Rolle für das menschliche Dasein. Empathie bezeichnet das nichtwertende Eingehen und somit das echte Verständnis der Mitmenschen, egal welcher Herkunft oder Meinung. Zahlreiche psychologische Theorien schreiben der Empathie eine wichtige Rolle zu. Neben dem Psychoanalytiker Sigmund Freud hat sich auch der Psychotherapeut Carl Rogers innerhalb seiner personenzentrierten Gesprächstherapie mit dem Konzept der Empathie auseinandergesetzt und den Empathiebegriff nachhaltig geprägt. Aktuelle Forschungsbefunde deuten vor allem auf eine neurobiologische Basis der Empathie hin. Um Empathie zu fördern, ist es vor allem wichtig, bereits innerhalb der Erziehung auf empathische Verhaltensweisen Wert zu legen und Kinder frühzeitig zur Perspektivenübernahme zu motivieren.
Lena Funk
6. Generosität
Zusammenfassung
Unter Generosität versteht man vorrangig die Bereitschaft zum Teilen materieller Güter, wobei der Aspekt der „Freiheit im Geben“, also mehr von etwas zu geben, als erwartet, bedeutsam ist. Erfasst wird Generosität größtenteils in Simulationsspielen und mithilfe von Fragebögen. Wichtige Voraussetzungen für Generosität sind Empathievermögen sowie Sozialisierungsprozesse. Von der materiellen Generosität ist „Generosity of Spirit“ (sogenannte „Seelengröße“) zu unterscheiden, die unter anderem Liebenswürdigkeit, Unvoreingenommenheit sowie den Glauben an das Gute im Menschen beinhaltet. Den Antiwert zur materiellen Generosität bildet Geiz im Sinne übertriebener Sparsamkeit. Schwierigkeiten zeigen sich bei der Identifikation eines Antiwertes zur Seelengröße, da hier jegliches unmenschliche Verhalten infrage kommt. Offene Fragen ergeben sich außerdem hinsichtlich der Beziehung zwischen materieller Generosität und „Generosity of Spirit“, sowie der Förderung von Seelengröße in der Gesellschaft.
Viviana Pinto
7. Gerechtigkeit
Zusammenfassung
Der Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt: Seit 5.000 Jahren befassen sich die Menschen mit dem Wert Gerechtigkeit. Lange Zeit war die Untersuchung des Gerechtigkeitsbegriffes Theologen und Philosophen vorbehalten, erst seit etwa 50 Jahren setzen sich auch Psychologen mit der Thematik auseinander. Im zwischenmenschlichen Bereich konnten Ursachen und Folgen sowie intervenierende Faktoren des (Un-)Gerechtigkeitserlebens von Individuen identifiziert werden. Zudem wurden Modelle zur Entwicklung des Verständnisses von Gerechtigkeit über die Lebensspanne hinweg postuliert. Ungerechtigkeit ist assoziiert mit zahlreichen negativen Folgen für Individuen, Organisationen und Gesellschaften (z. B. Konflikte), gerechtes Handeln hingegen mit vielen positiven Konsequenzen (z. B. mehr Kooperation). Doch was ist gerechtes Handeln? Die Antwort auf diese Frage ist essenziell, denn es ist auch die Frage danach, was es heißt, ein Mensch zu sein.
Martin P. Fladerer
8. Mäßigung
Zusammenfassung
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der philosophischen Tradition, der Definition und der psychologischen Forschung zur Mäßigung mit Schwerpunkt im Unternehmenskontext. Mäßigung ist eine der vier Kardinaltugenden Platons (neben Weisheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit). Ihre Ausprägung lässt sich mit dem „Values in Action Inventory of Strengths“ (VIA-IS) ermitteln, einem Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung von Tugenden und Charakterstärken, das vor allem in der Laufbahnberatung Anwendung findet und Mäßigung als eine von sechs Tugenden erfasst. Das theoretische Modell zu tugendhafter Führung von Kilburg ist zum Coaching von Führungskräften angedacht und beinhaltet Mäßigung als eine von fünf Tugenden. Deutlich wird, dass die Mäßigung oft einen engen Bezug zu anderen Werten aufweist und diese ins „rechte Maß“ setzt.
Philipp Johannes Mehl
9. Nachhaltigkeit
Zusammenfassung
Der Begriff Nachhaltigkeit ist in aller Munde, aber nicht jeder versteht das Gleiche darunter. Die eher schwammige Definition verweist nicht zwangsweise auf Schwächen des Konstruktes, sondern deutet auf diverse Handlungsspielräume und vielfältige Umsetzungsmöglichkeiten zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung hin. In diesem Kapitel wird das vielfältige Konstrukt Nachhaltigkeit umfassend dargestellt und der Frage nachgegangen, ob Nachhaltigkeit ein Wert ist. Dabei wird auch die Rolle der psychologischen Forschung näher beleuchtet, die sie bei der Erkennung von Hindernissen für nachhaltiges Verhalten und der Entwicklung von Förderungsmöglichkeiten einnimmt. Ergänzend wird diskutiert, ob sich Nachhaltigkeit immer positiv auswirkt bzw. vollständig umsetzbar ist.
Tiffany Hohn
10. Nächstenliebe
Zusammenfassung
Die Parabel des barmherzigen Samariters (Lk 10,25) ist das bekannteste Beispiel für ein Handeln im Sinne der Nächstenliebe. Ein Blick in die Psychologie, Theologie und Philosophie zeigt, was sie bedeutet: Die stärkste zwischenmenschliche Zuneigung, die man Freund und Feind gleichermaßen entgegenbringt. Die Forschung zu diesem Thema veranschaulicht, dass ein mit ihr verwandtes Verhaltensmaß stark mit Religiosität zusammenhängt. Den Gegenspieler zur Nächstenliebe stellt in diesem Kapitel die Verachtung dar, eine der Basisemotionen. Im Arbeitsalltag ist eine Kultur der kameradschaftlichen Liebe von Vorteil. Diese Liebesform und Altruismus – ein ebenfalls verwandtes Konstrukt – können durch unterschiedlich tief greifende Verhaltensformen und Training beeinflusst werden. Das Kernproblem der Nächstenliebe ist ihre tiefe emotionale Verwurzelung, die ihr Auftreten im strengsten Sinne sehr unwahrscheinlich macht.
Fabienne Kohlmann
11. Offenheit
Zusammenfassung
In Zeiten des Internets und der immer dichter vernetzten Kommunikationskanäle wird uns das Privileg zuteil, jederzeit und überall auf das Wissen der Welt Zugriff zu haben. Das folgende Kapitel befasst sich mit dem Wert der Offenheit, welche gerade heute, da uns diese Möglichkeiten offenstehen, wichtiger denn je ist. Es wäre ein Leichtes, sich angesichts des überbordenden Informationsflusses abzuschotten und stur die eigene Weltsicht zu bewahren. Der folgende Beitrag möchte dieser Tendenz entgegenwirken und stellt anhand psychologischer Forschung zum Wert der Offenheit förderliche Voraussetzungen, positive Konsequenzen und deren Zusammenhänge dar. Hierbei liegt bewusst ein Fokus auf wissenschaftlichen Untersuchungen, um die dargestellten Erkenntnisse nachvollziehbar und anwendbar zu machen. Neben diesen fundierten Studienergebnissen kommen auch humanistische Aspekte wie die Vermittlung, Förderung und das Ausleben einer offenen Lebenshaltung nicht zu kurz.
Stefan Andre Tretter
12. Optimismus
Zusammenfassung
Optimismus bedeutet, Dinge positiv zu betrachten und generell einen positiven Ausgang zu erwarten. Im Gegensatz hierzu steht Pessimismus, die Erwartung eines schlechten Ausgangs in Bezug auf die Zukunft. Nach aktuellem Forschungsstand muss man davon ausgehen, dass Optimismus/Pessimismus ein zweidimensionales Konstrukt darstellt. Studien zeigen, dass die Ausprägung von Optimismus auf einen Lernprozess zurückzuführen ist. Daher wird schon in der Kindheit ein Grundstein dafür gelegt, wie stark Optimismus im späteren Verlauf des Lebens ausgeprägt sein wird. Generell kann gesagt werden, dass sich Optimismus positiv auf verschiedene Bereiche auswirkt, z. B. den Verlauf von Krankheiten. Allerdings sollte auch betont werden, dass es sich mit Optimismus ebenso verhält wie mit vielen anderen Dingen: Zu viel Optimismus kann sich auch negativ auswirken. Die Diskussion am Ende des Kapitels ergibt, dass Optimismus aus psychologischer Sicht betrachtet einen Wert darstellt.
Ricarda Lübke
13. Rationalität und kritischer Rationalismus
Zusammenfassung
Dieses Kapitel widmet sich einer Einstellung, die bisher in der Werteforschung keine Berücksichtigung fand: der Einstellung zur Rationalität, genauer gesagt dem kritischen Rationalismus. Dazu wird zunächst ein Einblick in die Kognitionspsychologie und die Rationalitätsdebatte gegeben, um ein grundlegendes Verständnis für menschliche Denkprozesse zu schaffen. Dem schließt sich eine Auseinandersetzung dazu an, warum der Irrationalismus zu verwerfen und die Annahme des kritische Rationalismus als Wert bedeutend ist. Implikationen auf wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene werden diskutiert.
Johann Melzner
14. Resilienz
Zusammenfassung
Resilienz ist die Widerstandsfähigkeit gegenüber Lebenskrisen. Die Verwundbarkeit oder Vulnerabilität ist der Gegenbegriff. Doch nicht jede Person ist resilient und meistert Lebenskrisen erfolgreich. Ein Überblick über die Resilienzforschung, sowohl anhand der Persönlichkeitsforschung als auch der Kauai-Längsschnittstudie, zeigt, dass Resilienz ein erlernbares und situationsabhängiges Konstrukt ist. Es ist verwandt mit anderen Konstrukten wie der psychischen Gesundheit, Emotionen und emotionaler Stabilität sowie Hoffnung und Religion. Resilienz kann mit Fragebögen erfasst werden. Eine wichtige Frage ist, wie die Fähigkeit, mit belastenden Situationen umzugehen, in der Gesellschaft gefördert werden kann. Zu diesem Zweck wird ein Modell zur Entstehung von Resilienz und die Implementierung im Arbeitskontext vorgestellt. Den Abschluss bildet eine Diskussion darüber, inwieweit Resilienz als Wert gesehen werden kann und ob Resilienz immer ein wünschenswertes Attribut darstellt.
Mirka Henninger
15. Respekt
Zusammenfassung
Von anderen respektiert zu werden, wünschen sich Menschen in allen Gesellschaften. Jemanden zu respektieren heißt, ihm Wertschätzung entgegenzubringen und ihn ernst zu nehmen. Es können zwei Arten von Respekt unterschieden werden: Bewertender Respekt, der sich auf positiv bewertete Eigenschaften oder Verdienste einer Person bezieht, und anerkennender Respekt, bei dem es um die bedingungslose Wertschätzung einer Person als Mensch geht. Wie bereits Immanuel Kant im Jahr 1785 schrieb, ist auch der Respekt gegenüber der eigenen Person wichtig. Wer sich selbst respektiert, achtet seine eigene Würde als Mensch und setzt sich gegen Verhalten zur Wehr, das diese missachtet. Selbstrespekt ist eine zentrale Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Daher ist es für die Förderung des Wertes Respekt in der Gesellschaft besonders wichtig, dass der Selbstrespekt von Menschen gefördert wird. Denn nur wer selbst von sich und von anderen respektiert wird, kann auch anderen Respekt entgegenbringen.
Lisa Lindner
16. Selbstreflexion
Zusammenfassung
Wann war mein Verhalten gut und wann nicht so gut? Was lerne ich daraus für die Zukunft? Mit Selbstreflexion wird das Ziel verfolgt, die eigene Perspektive durch neue Erkenntnisse zu erweitern. Der Lernaspekt ist dabei von besonderer Bedeutung. Selbstreflexion kann als mehrstufiger Prozess betrachtet werden, der bestimmte persönliche Fertigkeiten voraussetzt. Diese werden vorgestellt und um theoretische Ansätze aus der Sozialpsychologie sowie aktuelle Forschungsbefunde ergänzt. Da Reflexion über das eigene Selbst sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext relevant ist, findet sie Anwendung in den verschiedensten Bereichen, z. B. in der klinischen Therapie, bei Personalbeurteilungsprozessen oder Teamarbeit. Aufgrund der weitreichenden Bedeutsamkeit werden Möglichkeiten zur Implementierung und Förderung der Reflexion aufgezeigt. Sowohl die theoretische als auch die praktische Relevanz von Selbstreflexion begründen ihre abschließende Einordnung als instrumentellen Wert.
Aylin Ispaylar
17. Selbstwert und Selbstvertrauen
Zusammenfassung
Der Selbstwert bezeichnet die generell positive oder negative Bewertung des Selbst in unterschiedlicher Ausprägung. Der ideale Selbstwert ist durch einen hohen, aber sicheren Selbstwert charakterisiert und beinhaltet eine stabile positive Bewertung des Selbst und eine ganzheitliche Selbstakzeptanz. Aktuelle Forschung zeigt, dass er in optimaler Ausprägung mit positiven Konsequenzen wie persönlichem Erfolg und Wohlbefinden einhergeht. Auch ein hoch ausgeprägtes Selbstvertrauen, d. h. das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten, verschiedenste Handlungen effektiv auszuführen, wird in der psychologischen Forschung als Ressource angesehen. Konzeptionell gesehen sind sich Selbstvertrauen und Selbstwert sehr ähnlich und unterscheiden sich nur in einzelnen Facetten. Ein Zusammenhang besteht darin, dass ein hoher Selbstwert mit einem hohen Selbstvertrauen einhergeht. Beide Konstrukte können in ihrer optimalen Ausprägung als handlungsleitende Werte angesehen werden.
Ann-Katrin Jünemann
18. Selbstwirksamkeit
Zusammenfassung
Das folgende Kapitel befasst sich mit dem Konstrukt der Selbstwirksamkeit, den die psychologische Forschung definiert als die subjektive Gewissheit einer Person, neue oder schwierige Anforderungssituationen aufgrund eigener Kompetenzen bewältigen zu können. Oftmals hängt es gerade von dieser Überzeugung ab, ob man das, was man sich vornimmt, auch tatsächlich erfolgreich meistert. Als Gegenpol zur Selbstwirksamkeit wird zusätzlich das Konzept der erlernten Hilflosigkeit behandelt, sprich die Annahme, hilflos und ohne Kontrolle zu sein und somit gewisse Lebenszustände nicht beeinflussen zu können. Unsicherheit und Resignation wirken sich wiederum negativ auf die Selbstwirksamkeit aus. Die gute Nachricht in diesem Zusammenhang ist, dass sich Selbstwirksamkeit durch einfache Maßnahmen stärken und aufrechterhalten lässt.
Katrin Nicole Barysch
19. Tapferkeit
Zusammenfassung
Der Begriff Tapferkeit mag für viele Menschen als veraltet oder sogar überholt klingen, jedoch stellt dieses Kapitel heraus, wofür Tapferkeit im Konkreten steht und welche Rolle sie in unserer Gesellschaft einnehmen kann. Zu Beginn wird der Ursprung des Begriffes als Tugend der Antike beleuchtet, eindeutig definiert sowie von verwandten Begriffen abgegrenzt. Der anschließend Blick in die deutsche Sprache verdeutlicht, wie unterschiedlich der Begriff Tapferkeit in der Vergangenheit und heute verwendet wird. Auch im Forschungsfeld spiegelt sich diese teils heterogene Auffassung wider. Die nachfolgende Diskussion stellt zwei konträre Standpunkte gegenüber: Zum einen wird Tapferkeit als Gegensatz zu den bestehenden Werten eingestuft, zum anderen als Bestandteil der Gesellschaftswerte angesehen. Mögliche Ansätze zur Implementierung von Tapferkeit in der Gesellschaft betonen abschließend, welche entscheidende Rolle Tapferkeit für die gesellschaftliche Zukunft spielt.
Anja Vollstedt
20. Toleranz
Zusammenfassung
Toleranz bedeutet das Dulden, Erdulden oder Ertragen von Einstellungen oder Verhaltensweisen, die von der persönlichen Norm abweichen. Psychologie und Philosophie beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit Toleranz als personalem Wert. Dabei gibt es verschiedene Stufen der Toleranz, die von reinem Dulden der Existenz anderer bis hin zu wertschätzendem Miteinander reichen. Auch wenn Toleranz im alltäglichen Sprachgebrauch durchweg mit positiven Aspekten assoziiert wird, gibt es Verhaltensweisen und Denkmuster, die nicht toleriert werden dürfen und vielmehr Intoleranz fordern. In diesem Zusammenhang sprach der Philosoph Karl Popper von dem Paradoxon der Toleranz, nämlich die Intoleranz der Intoleranz. Ob Menschen Toleranz als personalen Wert entwickeln, hängt in großem Maße von der frühkindlichen Erziehung durch wichtige Sozialisierungsakteure ab, aber auch von dem Wissen über und Kontakt mit anderen sozialen Gruppen.
Elisa Köhler
21. Verantwortung
Zusammenfassung
„Verantwortung tragen”, „jemanden zur Verantwortung ziehen”, „sich seiner Verantwortung bewusst werden” – das Wort Verantwortung wird vielfältig verwendet. Charakteristisch für Verantwortung ist, dass die kurz- und langfristigen Folgen des eigenen Handelns beziehungsweise Nichthandelns auf Basis ethischer Überlegungen bedacht werden. Somit kontrastiert Verantwortung zum Antiwert Egoismus, für den eine kurzfristige Zeitperspektive kennzeichnend ist. Diese Sichtweise von Verantwortung betont die Freiheit einer Person, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, und grenzt Verantwortung somit von Pflicht und Schuld ab. Dabei zeigt sich Verantwortung in konkretem Verhalten. Aus empirischen Ergebnissen lässt sich eine Reihe von förderlichen Bedingungen für verantwortungsvolles Verhalten ableiten, die sowohl in der Person als auch in der Umwelt liegen. Dabei geht Verantwortung nicht nur mit positiven Konsequenzen für andere, sondern auch mit positiven Konsequenzen für einen selbst einher.
Tamara Kaschner
22. Vergeben
Zusammenfassung
„Vergeben“ ist ein Konstrukt, für das zahlreiche verschiedene Definitionen vorliegen. So wird es sowohl in dem Wertekonzept von Rokeach aufgegriffen wie auch von anderen Autoren als Wert bzw. moralisches Gut aufgefasst. Forschung zum Wertbegriff ist allerdings rar, wodurch Vergeben im Umkehrschluss zu einem der am wenigsten verstandenen Werte gehört. Näher betrachtet wird daher das dispositionale „anderen Vergeben“, d. h. die grundsätzliche Eigenschaft einer Person, anderen verstärkt zu vergeben. Dies kommt dem Begriff eines Wertes am Nächsten. Zusammenhänge mit Geschlecht und Alter, aber auch mit Persönlichkeitseigenschaften finden Berücksichtigung. Rache ist vor dem aktuellen Forschungsstand nur schwer als Antiwert zu Vergeben aufzufassen. Ob und wie der Wert Vergeben z. B. durch Trainings gefördert werden kann, ist Gegenstand der abschließenden Betrachtung.
Martin Walczack
23. Vertrauen
Zusammenfassung
Vielerorts ist heute ein Verfall von Vertrauen zu beklagen. Dabei stellt Vertrauen eine wichtige Investition dar und ist unverzichtbar, wenn es darum geht, die Komplexität unserer Umwelt auf ein beherrschbares Maß zu reduzieren. Obwohl jeder von Vertrauen spricht, ist Vertrauen weit weniger gut definiert, als man annehmen könnte. So werden Begriffe wie Zuversicht, Hoffnung oder Zutrauen oft als Synonyme gebraucht, obwohl sie in Wahrheit etwas anderes bezeichnen. Zur Untersuchung von Vertrauen werden in der Wissenschaft nicht nur Fragebögen eingesetzt, sondern auch innovative Verhaltensspiele wie etwa das „Trust Game“. Wirft man einen Blick in die Forschung, so stellt man fest, dass Vertrauen mit zahlreichen positiven Konsequenzen verbunden ist, sei es für Organisationen oder Individuen. Wie bei den meisten anderen Werten gilt jedoch auch beim Vertrauen, der goldene Mittelweg ist wie so oft der beste.
Simone Neser
24. Weisheit
Zusammenfassung
Ist Weisheit tatsächlich ein Wert? Ist das nicht einfach ein anderes Wort für Intelligenz? Etwas, das man vielleicht sein kann, wenn man älter wird? Dieses Kapitel rückt diese weit verbreiteten Vorstellungen ins rechte Licht. Die psychologische Forschung zeigt, dass ganz unterschiedliche Fähigkeiten erforderlich sind, um weise zu sein: Fakten- und Handlungswissen über das Leben und die Lösung von Lebensproblemen, das Bewusstsein und die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit verschiedener Lebenssituationen und verschiedener Menschen mit ihren jeweiligen Prioritäten und Werten sowie der Umgang mit der eigenen Unwissenheit und Unvorhersehbarkeit des Lebens. Darüber hinaus ist Weisheit auch immer damit verknüpft, wertegeleitet zu handeln und mit seinem Verhalten dem Gemeinwohl zu dienen. Eine Förderung von Weisheit lohnt sich, da weise Menschen gesünder sind, besser mit Konflikten und Lebenskrisen umgehen können und in der Wirtschaft effektiv und wertegeleitet führen.
Dorothee Christine Reuting
25. Wissbegierde
Zusammenfassung
Wissbegierde, das Verlangen danach, die Welt zu verstehen, ist Triebkraft von persönlichem Wachstum, gesellschaftlichem Fortschritt und Innovation. Schon von klassischen Philosophen wurde Wissbegierde daher als positive Tugend gesehen. In der Psychologie gab es in den letzten hundert Jahren verschiedene Auffassungen davon, ob Wissbegierde ein Trieb, ein von der Situation hervorgerufener Zustand oder eine Persönlichkeitseigenschaft ist. Nicht zuletzt durch Beiträge der Neurowissenschaften wird alle Forschung nun zu einem schlüssigen Ganzen integriert, sodass man derzeit zwischen einem neugierigen Zustand, wissbegierigem Verhalten und Wissbegierde als negativem Gefühl des Mangels an Wissen unterscheidet. Wissbegierde kann als instrumenteller Wert gesehen werden, den es sich zweifellos lohnt zu fördern, denn Wissbegierde hängt mit vielen positiven Dingen wie beruflichem Erfolg, weniger Aggression und sogar mit Glück zusammen.
Anja Kluge
26. Zivilcourage
Zusammenfassung
Was bringt Menschen dazu, Zivilcourage zu zeigen? Und was hindert sie daran? Was unterscheidet Zivilcourage von Hilfeverhalten und wie lässt sich prosoziales Verhalten in der Gesellschaft gezielt fördern? Dieses Kapitel versucht, diese Fragen anhand aktueller psychologischer Forschung zu erörtern. Zu diesem Zweck wird zunächst der Begriff der Zivilcourage definiert und seine Bedeutung als gesellschaftlicher Wert diskutiert, um anschließend eine Abgrenzung zum Hilfeverhalten vorzunehmen. Außerdem werden verschiedene Modelle bezüglich Determinanten zivilcouragierten Verhaltens zusammengefasst. Beginnend bei klassischer Literatur zum Thema werden anschließend aktuelle empirische Befunde und noch nicht untersuchte Ansätze skizziert, um einen Ausblick auf künftige Forschung zu geben. Den Abschluss bildet der Transfer der aufgezeigten Determinanten in die Praxis. Durch die Erläuterung eines Trainingskonzeptes zur Zivilcourage, in dem Wissen und Handlungskompetenzen der Teilnehmer mit dem Ziel gefördert werden, zivilcouragiertes Eingreifen in Notsituationen zu erleichtern, soll gezeigt werden, dass Zivilcourage lernbar ist.
Florian Gerhardinger
27. Zum Problem der Wertevermittlung und der Umsetzung in Verhalten
Zusammenfassung
Die Vermittlung von Werten in Kindergarten, Familie, Schule, Firma und der Gesellschaft insgesamt spielt zumindest in Sonntagsreden eine wichtige Rolle. Aber sie gelingt nicht immer. Und die Selbsteinschätzung, die Werte zu leben, ist hoch. Aber: Selbsteinschätzung ist nicht Fremdeinschätzung. Obwohl die meisten Menschen danach streben, sich in Übereinstimmung mit ihren Werten zu verhalten, wissen wir aus der Einstellungs- und Verhaltensforschung, dass das Verhalten nicht immer im Einklang mit der proklamierten Einstellung von Personen ist. In diesem Beitrag werden deshalb zwei zentrale Fragen vertieft: Wie kann man Werte vermitteln (methodisch, didaktisch, inhaltlich usw.)? Und wie kann die Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung mit Werten und deren Verwirklichung im Verhalten erklärt und verringert werden?
Dieter Frey, Verena Graupmann, Martin P. Fladerer
Backmatter
Metadaten
Titel
Psychologie der Werte
herausgegeben von
Dieter Frey
Copyright-Jahr
2016
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Electronic ISBN
978-3-662-48014-4
Print ISBN
978-3-662-48013-7
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-48014-4

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