Psychotherapie – Therapie von Psyche?
Kritik des Selbstverständnisses zeitgenössischer Psychotherapie
- 2025
- Buch
- Verfasst von
- Andreas Blasius
- Verlag
- Springer Fachmedien Wiesbaden
Über dieses Buch
Sich mit Psyche und der Psychotherapie auseinanderzusetzen war schon immer und ist heute mehr denn je eine große Herausforderung. Die Geschichte sowohl der Psyche als auch der Psychotherapie ist schon insofern spannend, als zeitgeschichtlich Seele bzw. Psyche sehr unterschiedlich gesehen wurde, je nach Ausgangspunkt, sei es von der Philosophie, der Psychologie oder Theologie her.
In dem Buch geht es also darum, zunächst differenziert die historische Entwicklung des Begriffs Psyche darzulegen, um von da aus die Psychotherapie als Therapie der Seele bzw. der Psyche zu verstehen.
Diese Fragestellung ist in unserer Zeit nicht zuletzt auch deswegen von Relevanz, weil es sich bei der Beantwortung, ob Psychotherapie Therapie von Psyche sei, immer auch um Fragen von Verfahrens-Anerkennung und einer eventuellen kassenärztlichen Zulassung handelt.
Inhaltsverzeichnis
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Frontmatter
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1. Was mich zweifeln machte
Andreas BlasiusZusammenfassungIn einem kurzen Aufriss lege ich in diesem Kapitel die Ursprünge für meine Zweifel daran dar, ob die zeitgenössische Psychotherapie als Therapie von Psyche angesehen werden könne. Ich lege dar, wie meine beruflichen Erfahrungen mit Menschen waren und sind, die Therapien abgebrochen haben, frage nach den Anlässen für solche Abbrüche und diskutiere anfänglich inwiefern dies eventuell etwas mit einem Verständnis von Psyche zu tun haben könnte, das dem Selbstverständnis zeitgenössischer Psychotherapie zugrunde liegt. -
2. Die Bedeutungen des Wortes Psyche – Ein historischer Überblick
Andreas BlasiusZusammenfassungIn diesem Abschnitt untersuche ich die Bedeutungszuschreibungen zu dem Begriff Psyche bzw. Anima, wie das Wort Psyche im europäischen Mittelalter ins Lateinische übersetzt wurde und Seele, wie die Übersetzung ins Deutsche vorgenommen wird, und die sich daraus ergebenden Beschreibungen zum Verhältnis von Psyche zu Leib. Ich setze hierbei bei der griechischen/römischen Antike, also etwa 1000 v. Chr. an und beschreibe die Entwicklungen bis ins 20./21. Jahrhundert. Dabei wird eine wechselvolle Geschichte dieser Bedeutungszuschreibungen erkennbar. Ursprünglich ein Sujet der Philosophie und Theologie und über Jahrhunderte hinweg ein Teil der Metaphysik verändern sich die Bedeutungszuschreibungen mit Beginn der Neuzeit. Seitdem richtet sich der Fokus immer stärker auf den irdischen Menschen und ein biologistischeres Verständnis von Psyche. -
3. Wie könnten wir heute von Psyche sprechen? – ein Versuch
Andreas BlasiusZusammenfassungDie Spezialisierung von Wissenschaftszweigen hat seit Beginn der Neuzeit zu einer Säkularisierung des Begriffs Psyche geführt. Gleichzeitig erscheint er dadurch in seinen Bedeutungszuschreibungen reduziert. Kann man ein Sprechen von Psyche entwerfen, dass den Versuch wagt, Psyche in ihrer Bedeutung ganzheitlicher zu fassen? Ein solcher Versuch liegt diesem Abschnitt zugrunde. Anhand eines Denk- und Sprechmodells, das ich „Negative Psychologie“ nenne, versuche ich eine ganzheitlichere Sicht auf das Phänomen zu bieten. Grundlage ist die Idee, dass man keine affirmativen Aussagen über das Wesen von Psyche machen könne, sondern nur in einer Art von Negation sich ihm asymptotisch annähern könne. Um meine Theorie zu stützen, vergleiche ich anschließend die Denkansätze für eine Negative Psychologie mit Denkansätzen anderer moderner wissenschaftlicher Diskurse und mit Aussagen aus Kunst und dem, was ich Alltagsphilosophie nenne. -
4. Was macht eine Psyche zu einer „kranken“ Psyche? – Zum Problem der Definition von gesund und krank
Andreas BlasiusZusammenfassungHier beschäftige ich mich mit der Frage, wie es generell zu einer Unterscheidung in „gesund“ und „krank“ kommt und dies vor allem in Hinsicht auf Psyche. Was bedeuten diese Begriffe? Wer, und mit welcher Absicht benutzt sie/er diese Begriffe, bzw. was sagt ihre Anwendung über Benutzerinnen und Benutzer aus?Es zeigt sich, dass gängige Definitionen insgesamt als eher ungenau angesehen werden müssen und Krankheit wie Gesundheit zunächst einmal als subjektive – im Sinne des Konstruktivismus: Subjekt abhängige – Empfindungen angesehen werden sollten oder müssten und Zuschreibungen, was als behandlungsrelevant oder -bedürftig zu gelten habe, als Beobachter abhängig. Ich arbeite auf dieser Grundlage in diesem Abschnitt heraus, dass wohl auch die Frage, was Psyche zu einer kranken Psyche macht, eine subjektabhängige Zuschreibung ist und keine die von außen vorgenommen werden kann. -
5. Vom Umgang mit „Wahnsinn“ – eine kleine Geschichte der Psychiatrie und Psychotherapie seit der griechischen Antike bis heute
Andreas BlasiusZusammenfassungIn diesem Überblick befasse ich mich mit den Entwicklungen des Umgangs mit sogenannten psychischen Auffälligkeiten. Welche Bedeutung maß man ihnen bei? Welche Ursachen-Annahmen legte man ihnen zugrunde? Wie gestaltete sich der Umgang mit solcherart Auffälligkeiten. Ich zeige, wie unterschiedlich diese Fragen beantwortet und das sogenannte psychische Auffälligkeiten erst etwa ab dem 18./19. Jahrhundert meist generell als Störungen eingestuft wurden und welche entsprechenden Umgangs- und Behandlungspraktiken sich entwickelten, die zum Teil noch heute Bestand haben. Der Abschnitt zeigt auch auf, dass Ursachen-Annahmen und Umgangsweisen von und mit sogenannten psychischen Auffälligkeiten maßgeblich von soziokulturellen Rahmenbedingungen und jeweils zeitgenössischen Ansichten abhingen und noch abhängen, sodass der Begriff Geisteskrankheit tatsächlich vielleicht eher als ein sozialer und nicht als ein medizinischer Begriff aufgefasst werden sollte. -
6. Was bedeutet „psychä therapeúein“? – Überlegungen zu Selbstverständnis und Wirksamkeit von Psychotherapie
Andreas BlasiusZusammenfassungIn diesem Abschnitt frage ich eingehender, was das Selbstverständnis zeitgenössischer Psychotherapie ist bzw. sein könnte oder sein sollte.Zum Selbstverständnis zeitgenössischer Psychotherapie gehört es, dass sie zu den sogenannten Heilverfahren zählt. Wie aber wird das Verb „heilen“ verstanden, wie ein Zustand von „heil-sein“? Reicht es, in ihnen eine Reduktion oder Beseitigung von als Krankheitssymptomen verstandenen Zuständen zu sehen?In einem ersten Absatz lege ich anhand etymologischer Untersuchungen dar, dass das im Sinne eines ganzheitlicheren Betrachtens des Menschen unzureichend sein dürfte.Außerdem befasse ich mich damit, ob und wie man eine Wirkung von Psychotherapie bestimmen bzw. messen könne und unterziehe dies einer kritischen Würdigung. Es zeigt sich nach meinem Verständnis der entsprechenden Untersuchungsergebnisse, dass es wohl eher nicht möglich ist, die Wirkung von Psychotherapie valide zu bestimmen, mit der Konsequenz, dass auch ihre heilende Wirkung offenbar nicht belegbar sein dürfte. -
7. Kann Psyche „krank“ werden?
Andreas BlasiusZusammenfassungIn diesem Abschnitt gehe ich noch einmal der Frage nach, ob man tatsächlich behaupten könne, Psyche könne krank oder gestört sein. Anhand unterschiedlicher Definitionen und Beschreibungen aus unterschiedlichen Quellen zu dem, was Störungen und vor allem psychische/psychosomatische Störungen seien, überprüfe ich, ob man diese auf Psyche anwenden könne, mit dem Ergebnis, dass dies nur dann möglich sei, wenn man ein – nach meiner Sicht – reduziertes Verständnis von Psyche gemäß der modernen Psychologie, wie ich sie wahrnehme, zugrunde legt. Ich lege dar, warum man vor dem Hintergrund, dass es in moderner Zeit vorzuziehen scheint, Psyche ganzheitlicher zu erklären, eher nicht valide aussagen könne, Psyche könne krank oder gestört sein. Zusätzlich diskutiere ich die Frage, ob man mit der Unterscheidung in „krank“/„gestört“ einerseits und „gesund“ andererseits Werteentscheidungen trifft, die letztlich in der ethischen Frage münden müssten, was den Menschen zum Menschen macht. -
8. Was ist Psychotherapie, wenn sie nicht Therapie von Psyche ist?
Andreas BlasiusZusammenfassungAusgehend von dem für mich offenen Problem, ob man valide aussagen könne, Psyche könne gestört oder krank sein, stelle ich die Frage, ob dann Psychotherapie, so wie wir sie kennen, überhaupt als Therapie von Psyche bezeichnet werden sollte oder ob man andere Bezeichnungen, die dann auch ein alternatives Selbstverständnis ausdrücken würden, wählen müsste. Dieser Abschnitt erläutert die Abkunft der zeitgenössischen Psychotherapie aus einem Bezug zu descartes’scher Philosophie sowie der Neurologie und Psychiatrie des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, und damit aus einer vorrangig somatischen Auslegung von Prozessen, die psychische genannt werden. Daraus schließe ich, psychotherapeutische Verfahren behandeln möglicherweise vor allem Prozesse des Gehirns und eher nicht Psyche. Ich schlage einige alternative Selbstbezeichnungen vor, die den Begriff Psychotherapie ersetzen könnten und dem, was dort getan wird, aus meiner Sicht eher entsprechen. -
9. Psychotherapie? – Therapie von Psyche? – Eine kritische Stellungnahme
Andreas BlasiusZusammenfassungDie Feststellung, zeitgenössische Psychotherapie sei Therapie von Psyche wird in der Regel durch Berufsverbände (Psychologen/Mediziner) getroffen, die Psychotherapie anbieten. Sie machen damit eine sprachliche definitorische Setzung. Aber wird diese dem eigentlichen Geschehen gerecht? Ich schlage in diesem Abschnitt vor und begründe dies, die Beschreibung, ob etwas Therapie von Psyche ist, hingegen von den Menschen vornehmen zu lassen, die wir behandeln.
- Titel
- Psychotherapie – Therapie von Psyche?
- Verfasst von
-
Andreas Blasius
- Copyright-Jahr
- 2025
- Electronic ISBN
- 978-3-658-46867-5
- Print ISBN
- 978-3-658-46866-8
- DOI
- https://doi.org/10.1007/978-3-658-46867-5
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