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29.05.2015 | Public Relations | Im Fokus | Onlineartikel

Algorithmus gegen Trolle

Autor:
Michaela Paefgen-Laß
3 Min. Lesedauer

Trolle sind süchtig nach Aufmerksamkeit. Um die zu bekommen, nerven sie in Kommentarspalten mit unflätigem Verhalten. Die Absicht bezahlter Trolle ist Meinungsmache. Jetzt kann ein Algorithmus den Störenfrieden das Handwerk legen.

Kleinkinder, die sich unbeachtet fühlen, schreien sich die Seele aus dem Leib. Nicht anderes verhalten sich Forentrolle in den sozialen Netzwerken. Sie allerdings werfen verbalen Unrat, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Hass säen, ernsthafte Diskussionen ausbremsen, aber auch Meinung machen und Vertrauen zerstören, bestimmen ihr Treiben. Das lässt sich nur bedingt überlesen und ignorieren. Wer das Internet und die sozialen Netzwerke gar beruflich nutzt, fühlt sich mitunter bis zur Ermüdung diskreditiert.

Putins Meinungstrolle

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Troll-Kommentare können aber auch zum Zweck der Meinungsmanipulation politisch gesteuert werden. So berichtete die "Tagesschau" im April über Putins "Tollfabrik" in St. Peterburg. Dort werden Schreiber dafür bezahlt, dass sie über Fake-Profile prorussische Propaganda und Angriffe gegen den Westen und seine Politik verbreiten.

Antisoziales Verhalten im Netz ist ein Problem, das Medienschaffende, Onlineshop-Betreiber, Unternehmen und Privatpersonen gleichermaßen belästigt. Einziges Gegenmittel ist das frühzeitige Löschen von Trollkomentaren und die permanente Moderation von Foren. Doch wer kann das schon leisten?

Trollbekämpfung per Algorithmus

Forscher der Stanford University in Kalifornien haben jetzt einen Algorithmus entwickelt, mit dem sie Trolle schon nach maximal zehn Beiträgen enttarnen können. Dafür untersuchten sie über 10.000 Nutzer und deren Kommentare, die von drei großen US-Newsportalen gesperrt worden waren. Antisoziale Nutzer, so das Ergebnis der Studie, fallen von Anfang an durch ihren schlechten Schreibstil auf, der sich von Kommentar zu Kommentar verschlimmert und noch mehr an Qualität einbüßt, je häufiger ihre Posts von Moderatoren gelöscht werden. "Users that will eventually be banned not only write worse posts over time, but the community becomes less tolerant of them", schreibt die Projektgruppe um Justin Cheng in "Antisocial behavior in Online Discussion Communities". Mit dem Algorithmus sollen antisoziale Nutzer so früh erkannt werden, dass sich der Kontrollaufwand durch Moderatoren erheblich reduziert. Doch warum benehmen sich Menschen im Netz dermaßen störend?

Zerstört Digitalisierung authentische Kommunikation?

Springer-Autor Kurt E. Becker beklagt in seinem Buchkapitel "Das mediale Allzeit-Jetzt und der Einzelne" den Verlust der Authentizität, verursacht durch die Omnipräsenz des Digitalen im Alltag und der "Tyrannei des Augenblicks" (Seite 147). Das Internet, so der Autor weiter, zerlege Kommunikation in einen unverbindlichen Austausch ohne Regeln und Grenzen. "Die Virtualisierung des Wirklichen hat eine Entgrenzung von Zeit und Raum, aber auch eine Entindividualisierung von Persönlichkeit und damit moralisch Gleichgültigkeit und psychisch einen Mangel an Empathie im Gefolge" (Seite 149). Lässt sich die laut Becker verloren geglaubte Souveränität des Einzelnen wieder herstellen?

Prüfsiegel für "Political Communicative Responsibility"

Dazu müsse der Mensch zu seiner "natürlichen Kommunikationskompetenz" (Seite 154) zurückfinden können, schreibt der Autor. Politische und wirtschaftliche Institutionen sowie Unternehmen fordert er zur Mitverantwortung auf. In ihrer Kommunikation müssten diese mit guten Beispiel voran gehen "und sich eine Selbstverpflichtung transparenter Unternehmenskommunikation unter verantwortungsethischen Gesichtspunkten auferlegen" (Seite 156). Sichtbar gemacht werden, so schlägt Becker vor, könnten die kommunikativen und medienethischen Grundsätze von Politik und Wirtschaft in geprüften Qualitätssiegeln für (Seite 156):

  • Political Communicative Responsibility (PCR)
  • Corporate Communicative Responsibility (CCR)

Ein System, das sich in seiner Kommunikation ethisch verpflichtet an menschlichen Belangen ausrichtet, wird sicher nicht so schnell auf die Idee kommen, Trolle für die Meinungsmanipulation zu instrumentalisieren.

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Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Das mediale Allzeit-Jetzt und der Einzelne

Kommunikation, Verantwortung, Konfliktbewältigung und Urteilsfähigkeit im digitalen Zeitalter
Quelle:
Digitale Politikvermittlung
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