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Über dieses Buch

Wie kann die Qualität im Gesundheitsjournalismus gesichert werden? Welche Folgen hat es, wenn Medienhäuser trotz der zunehmenden Wertschätzung des Gesundheitsjournalismus die redaktionellen Ressourcen verknappen, während Unternehmen und Verbände ihre Öffentlichkeitsarbeit weiter professionalisieren? Wie wirken sich der hohe Aktualitätsdruck und die wachsende Unübersichtlichkeit im Internet aus? Welche Erkenntnisse aus der Kommunikationswissenschaft und der journalistischen Praxis helfen bei der Bestimmung gesundheitsjournalistischer Qualität? Antworten auf diese Fragen liefert dieser Sammelband.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

„Walnüsse senken Blutdruck“, „Walnüsse schützen vor Prostatakrebs“, „Walnüsse steigern Spermien-Qualität“, „Walnüsse helfen gegen Stress“ – wer den Schlagzeilen vieler Zeitungen und Online-Seiten glaubt, muss zu dem Schluss kommen, die Walnuss sei eine wahre Wundernuss, ein Allheilmittel. Aber welchen Wert hat der Verzehr von Walnüssen für Gesundheit und Wohlbefinden tatsächlich? Auf welche Quellen stützen sich die Meldungen? Gleich mehrere Autoren dieses Sammelbands beziehen sich in ihren Beiträgen zur Qualität der gesundheitsjournalistischen Berichterstattung auf Fälle mit genau dieser Walnuss im Mittelpunkt.
Volker Lilienthal, Dennis Reineck, Thomas Schnedler

Gesundheitsjournalismus und Wissenschaft: Gesundheitsjournalismus heute – Anamnese und Diagnose

Frontmatter

„Gute Besserung!“ – und wie man diese erreichen könnte. Erfahrungen aus drei Jahren Qualitätsmonitoring Medizinjournalismus auf medien-doktor.de und Konsequenzen für die journalistische Praxis, Ausbildung sowie Wissenschafts-PR

Wenn der Schweizer Künstler Ursus Wehrli ein Werk betrachtet, eröffnet sich ein neuer Blick: Wehrli räumt Bilder anderer Künstler auf (www.kunstaufraeumen.ch). Ein Kandinsky, zuvor eine undurchsichtige Komposition verschiedenster Farben und Formen, wird so sortiert, dass deutlich wird, aus welchen Anteilen blau, rot, schwarz etc. er komponiert ist. Doch lässt sich aus dieser Zerlegung in einzelne (Farb-)Aspekte ableiten, was ein gutes Werk ausmacht? Da manche Journalisten ihre Beiträge durchaus als eine Art Gesamtkunstwerk auffassen, liefert Wehrlis „Kunst, aufzuräumen“ eine interessante Analogie, inwieweit man die Qualität eines (medizin-)journalistischen Werks in einzelne Aspekte (Kriterien) zerlegen kann, um es zu bewerten. Am Beispiel des Projekts medien-doktor.de werden Erfahrungen aus einer kontinuierlichen Qualitätsbewertung der Medizinberichterstattung auf der Basis solcher Einzelkriterien dargestellt. Nach einer Auswertung von 170 Begutachtungen sollen erste Tendenzen aufgezeigt werden, welche typischen Qualitätsmängel bereits identifiziert werden können, wie diese im internationalen Vergleich zu bewerten sind und welche Charakteristika sich für unterschiedliche Medien (z. B. Regional- vs. überregionale Zeitungen; Printmedien vs. Hörfunk/TV) andeuten. Auf dieser Basis werden Konsequenzen zur Verbesserung für die journalistische Praxis und Ausbildung diskutiert sowie die künftige Rolle und Qualität des Medizinjournalismus in einer sich wandelnden Medienwelt und im Kontrast zur Qualität anderer Quellen aus Medizin und Wissenschafts-PR hinterfragt.
Holger Wormer, Marcus Anhäuser

Placebo oder Aufklärung mit Wirkpotenzial? Eine Diagnose der Qualität der Gesundheitsberichterstattung in überregionalen Tageszeitungen

Der vorliegende Beitrag stellt die Ergebnisse einer quantitativen Inhaltsanalyse der gesundheitsjournalistischen Artikel von fünf überregionalen Tageszeitungen aus dem Zeitraum 1. März 2010 bis 28. Februar 2011 vor. Gemessen wurde die journalistische Qualität von insgesamt 923 Artikeln aus den Blättern Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, Frankfurter Rundschau und die tageszeitung. Fünf Qualitätsdimensionen wurden erhoben: Vielfalt, Vollständigkeit, Relevanz, Verständlichkeit und Sachlichkeit. Die Berichterstattung der Tageszeitungen erwies sich im Untersuchungszeitraum als sehr sachlich, eher verständlich, weniger vielfältig oder vollständig und lieferte nur bedingt einen konkreten Nutzwert für Leser und Leserinnen. Die Stärken lagen bei der nicht-emotionalisierenden, nicht-dramatisierenden, gut gegliederten Berichterstattung unter Berufung auf Quellen mit hoher Reputation. Meist wurde bei wissenschaftlichen Studien darauf geachtet, wesentliche Angaben (Stichprobe, Untersuchungsdesign, Ergebnisse) mitzuteilen. Die Berichterstattung erwies sich aber auch als wenig anregend, prägnant und als eher kompliziert. Weitere Schwächen: Risiken und Nebenwirkungen von Therapien und Medikamenten wurden zu selten berichtet, ebenso verschiedene Aspekte von Krankheiten (Prophylaxe, Diagnose, Therapie und Forschungsergebnisse). Aktuelle Bezüge waren Mangelware, was auch für weiterführende leseradressierte Hinweise oder anderslautende Meinungen im Sinne der Ausgewogenheit der Berichterstattung galt.
Dennis Reineck

Transparent und evident? Qualitätskriterien in der Gesundheitsberichterstattung und die Problematik ihrer Anwendung am Beispiel von Krebs

Krebs zählt zu den am häufigsten analysierten Gegenständen der Gesundheitsberichterstattung (Fromm et al. 2011, S. 52). Untersuchungen zeigen dabei jedoch, dass die Faktentreue der medialen Informationen häufig mangelhaft sowie die Thematisierung unterschiedlicher Krebsarten und deren Darstellung oft unausgewogen sind (ebd.). Der Beitrag gibt auf Basis empirischer Studien einen Überblick über die Darstellungscharakteristika (z. B. thematisierte Krebsarten, Personalisierung etc.) der Krebsberichterstattung in Presse-, TV- und Internetangeboten. Anschließend systematisiert er anhand theoretischer Überlegungen und Erkenntnissen aus vorliegenden Studien Kriterien für die Qualitätsbeurteilung der Krebsberichterstattung und entsprechende Befunde zu den einzelnen Kriterien. Auf Basis dieser Erkenntnisse werden Perspektiven sowohl für die weitere Forschung als auch die Praxis des Gesundheitsjournalismus abgeleitet.
Michael Grimm, Stefanie Wahl

Irgendwas mit Medizin? Versuch einer Klassifikation der gesundheitsjournalistischen Berichterstattung und erste empirische Überprüfung

Die Berichterstattung über Gesundheitshemen ist vielfältig und reicht vom gesundheitspolitischen Kommentar zum Kostendämpfungsgesetz bis zur Wissenschaftsreportage aus dem biomedizinischen Grundlagenforschungslabor oder der Ratgeberseite mit Diät-Tipps. Über den tatsächlichen Anteil der jeweiligen Teilfelder an der gesamten Gesundheitsberichterstattung ist indes wenig bekannt, allgemein akzeptierte Kategorien zur differenzierten Quantifizierung fehlen. Diese wären aber eine der Voraussetzungen um zu beurteilen, wie gut bzw. in welcher Breite Bevölkerung und Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft durch die Medien über verschiedene Aspekte aus der Welt der Medizin und der Gesundheit informiert sind. In der vorliegenden Arbeit wird ausgehend von existierenden Versuchen der Kategorisierung eine Klassifikation des Berichterstattungsfeldes in sechs Hauptkategorien vorgeschlagen und am Beispiel von 13 Printmedien und einer Nachrichten-Agentur einer empirischen Prüfung unterzogen. Mehr als 95 % der untersuchten Beiträge konnten mit diesen Hauptkategorien erfasst werden. Die Berichterstattung aus dieser Stichprobe ließ sich zu fast gleichen Teilen den drei Bereichen „Gesundheitssystem“, „Public Health“ und „Medizin“ (inklusive Grundlagenforschung) zuordnen, die zusammen fast drei Viertel der Berichterstattung ausmachten. Bei einigen Regionalzeitungen besteht zudem die Tendenz, sich bei der Themenwahl stark an Veranstaltungen von lokalen Medizinern, Kliniken etc. zu orientieren – was zumindest die Frage aufwirft, ob es dabei eher dem Zufall überlassen bleibt, inwieweit ein lokales Ereignis tatsächlich auch internationale medizinische Standards und aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen wiederspiegelt oder der Lokalbezug allein (also unabhängig von der medizinischen Qualität) für die Auswahl ausreicht. Insgesamt aber erscheint die Gesundheitsberichterstattung auf der Basis der vorliegenden Stichprobe aus deutschen Printmedien als durchaus vielfältig, ein auffälliger blinder Fleck lässt sich zumindest quantitativ betrachtet nicht feststellen.
Maike Krause, Holger Wormer

Gesundheitsberichterstattung im Schweizer Fernsehen

In der Schweiz sind die Bürger durch die direktdemokratischen Strukturen und das spezifische Gesundheitssystem besonders gefordert, sich eigenverantwortlich über Gesundheitsthemen zu informieren. Die sich daraus ergebenden Implikationen für eine mediale Bereitstellung von Themen zum Bereich Gesundheit für vier Sprachregionen sind vielschichtig. Im Beitrag werden daher Gesundheitsthemen der national ausgestrahlten Fernsehprogramme der schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR) mithilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse für eine natürliche Kalenderwoche im Jahr 2012 untersucht. Als Indikatoren für Qualität werden Aktualität der Berichterstattung, der Einbezug von Experten sowie inhaltliche und strukturelle Vielfalt operationalisiert. Die Analyse der Daten aus der kontinuierlichen Schweizer Fernsehprogrammforschung liefert einen Überblick über das Thema Gesundheit in den Fernsehprogrammen der SRG SSR. Die geringe Zahl der Gesundheitsbeiträge und der Stichprobenumfang erlauben keine statistisch relevanten Mittelwertvergleiche zwischen den verschiedenen Sprachregionen. Trotzdem kann festgehalten werden, dass eine gewisse Variabilität und Themenbreite in der Gesundheitsberichterstattung existiert und die Schweizer Rezipienten damit die Möglichkeit hatten, sich über verschiedene Formate und in allen Sprachen über Gesundheitsthemen zu informieren.
Stephanie Fiechtner, Joachim Trebbe

Gesundheitsjournalismus und Wissenschaft: Das Publikum und der Gesundheitsjournalismus

Frontmatter

Gesund und munter? Qualität von Gesundheitsberichterstattung aus Nutzersicht

Qualität liegt im Auge des Betrachters. Ob ein gesundheitsjournalistischer Artikel gut oder schlecht bewertet wird, hängt daher nicht nur davon ab, wie gut er zum Beispiel recherchiert und geschrieben ist. Neben den festen Merkmalen des Artikels, ist vor allem der Nutzer selbst entscheidend: seine Eigenschaften, Interessen und Gewohnheiten. Dieser Beitrag untersucht, inwiefern Eigenschaften und Nutzungsgewohnheiten von Rezipienten ihre Bewertung von Gesundheitsberichterstattung beeinflussen. Er geht außerdem der Frage nach, wie relevant einzelne Qualitätsdimensionen für die Gesamtbewertung eines Artikels sind. Mithilfe des Schneeballverfahrens wurde eine quantitative Online-Befragung durchgeführt, in der 112 Befragte je einen Artikel der Gesundheitsberichterstattung bewerteten und Angaben über sich selbst machten. Die Ergebnisse zeigen: Das Kriterium der Vielfalt ist von fünf Qualitätsdimensionen am ausschlaggebendsten, die Relevanz hingegen am unwichtigsten für eine positive Gesamtbeurteilung des Artikels. Die Eigenschaften der Rezipienten spielen eine wichtige Rolle: Vor allem das Interesse des Lesers am Artikel ist relevant für eine positive Qualitätsbewertung des Artikels. Entscheidend für eine positive Bewertung ist auch, welches Geschlecht (weiblich) ein Befragter hat und wie häufig er Gesundheitsjournalismus im Alltag nutzt.
Jessica Bartsch, Corinna Dege, Sinah Grotefels, Lina Maisel

Information, Emotion, Expertise. Ein Experiment zur Wirkung journalistischer Darstellungsweisen in der Gesundheitskommunikation

In Zeiten gesundheitlicher Krisen, etwa ausgelöst durch Virenepidemien, ist die sachgerechte Unterrichtung der Bevölkerung eine zentrale Aufgabe des Gesundheitsjournalismus. Dabei sind Journalistinnen und Journalisten auf Experten angewiesen: a) zur eigenen Information oder b) als ‚vorzeigbare‘, glaubwürdige Quellen von Empfehlungen oder Gesprächspartner in ihren jeweiligen Formaten. Dabei mag es insofern zu Zielkonflikten kommen, als die Frage der Angemessenheit der Informationspräsentation von Journalisten und Gesundheitsexperten unterschiedlich bewertet werden kann. Vor diesem Hintergruknd untersucht diese Studie mittels eines Framing-Experimentes, welche Folgen eine eher informationsorientierte oder eine eher emotionale Darstellungsweise für die Rezeption und Wirkung des printmedialen Gesundheitsjournalismus haben kann und welchen Einfluss die explizite Nennung von Gesundheitsexperten hier nimmt. Dazu wurde ein 2 × 2-Design entwickelt, 147 Probanden nahmen an dem Experiment und einer anschließenden Panelbefragung teil. Die Analyse zeigt Effekte eines informationsorientierten Artikels, jedoch keine Effekte durch die explizite Erwähnung von Experten. Die Befunde werden detailliert diskutiert.
Klaus Kamps, Franziska Fischer, Inga Michaelis, Elisabeth Olfermann

Gesundheitsjournalismus und Wissenschaft: Spannungsfelder des Gesundheitsjournalismus

Frontmatter

„Copy Factories“ im Gesundheitsjournalismus? Medienresonanzanalyse einer Krankenkasse

Gesundheits-PR stellt eine wichtige Strategie in der massenmedialen Gesundheitskommunikation dar, um die Bevölkerung über gesundheitsförderliches bzw. krankheitspräventives Verhalten zu informieren. Während für Unternehmen die identische Übernahme ihrer Pressemitteilungen ein wichtiges Erfolgskriterium der Öffentlichkeitsarbeit darstellt, wird dies aus normativer Sicht der Journalismusforschung grundsätzlich sehr kritisch eingeschätzt. Die Ergebnisse der vorliegenden inhaltsanalytischen Studie zeigen, dass der Gesundheitsjournalismus für Akteure im Gesundheitsmarkt eine geeignete Möglichkeit darstellt, nicht nur auf Gesundheitsprobleme und -risiken hinzuweisen, sondern auch Bewältigungsmöglichkeiten anzubieten. Andererseits bleibt aufgrund der weitreichenden Übernahme der Pressemitteilungen fraglich, ob Journalisten dem Anspruch an neutrale und objektive Berichterstattung gerecht werden.
Doreen Reifegerste, Franziska Oelschlägel, May-Britt Schumacher

Gesundheitsreformen in der Berichterstattung von 1998 bis 2010. Eine Inhaltsanalyse unter besonderer Berücksichtigung vertrauensrelevanter Aspekte

Das deutsche Gesundheitssystem wurde in den vergangenen 20 Jahren durch zahlreiche, teilweise tiefgreifende Reformen geprägt. Der vorliegende Beitrag untersucht auf Basis der Theorie öffentlichen Vertrauens, wie die Medien über 18 zentrale Reformen der Kranken- und Pflegeversicherung berichteten und inwiefern sie dabei vertrauensrelevante Aspekte wie Vertrauensfaktoren oder Diskrepanzen thematisierten. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht nur die Reformen, sondern auch die dafür verantwortlichen politischen Akteure, insbesondere Bundesgesundheitsminister und Bundesregierung, fast konstant negativ eingeschätzt werden. Dabei stehen vor allem die Fach- und Problemlösungskompetenzen der Politiker in der Kritik. Die Journalisten berücksichtigen vornehmlich die Positionen von Opposition, Ärzteschaft und Krankenkassen. Patienten hingegen sind nur äußerst selten Bestandteil der Berichterstattung.
Patricia Grünberg

Ein weites Feld. Gesundheitskommunikation als Herausforderung für die Gesellschaft und den Journalismus

Der folgende Beitrag widmet sich der Frage, welchen besonderen Herausforderungen der Gesundheitsjournalismus in der Qualitätssicherung gegenübersteht. Hierzu wird zunächst in systemtheoretischer Perspektive das System Gesundheit als Funktionssystem (krank/gesund) mit den Leistungssystemen der Medizinkommunikation und der Wellnesskommunikation unterschieden. Während das dominante Leistungssystem Medizin seine Kommunikation primär auf den Präferenzwert des Funktionssystems (Krankheit) ausrichtet, nutzt das kaum ausdifferenzierte Leistungssystem Wellness die daraus entstehenden Kontingenzüberschüsse im Hinblick auf den Reflexionswert Gesundheit. Gesundheitsjournalismus, verstanden als Medizin- und Wellnessjournalismus, steht daher vor dem Problem der Multiperspektivität von Gesundheitskommunikation und sieht sich mit einer zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitssystems konfrontiert.
Alexander Görke, Julia Serong

Experten als Qualitätsgarant im Gesundheitsjournalismus? Der Einsatz medialer Experten als Qualitätsindikator im gesundheitsjournalistischen Informations- und Berichterstattungsprozess

Der vorliegende Beitrag untersucht die Rolle von Experten im Rahmen der journalistischen Qualitätsproduktion. Beginnend mit einer Bestandsaufnahme zum Bedarf von Experten wird auf Grundlage von Erkenntnissen aus der Experten- und Expertiseforschung der mediale Experte definiert und seine Rolle vor dem Hintergrund des Einsatzes im Gesundheitsjournalismus reflektiert. Der Qualitätsbeitrag von medialen Experten wird auf unterschiedlichen Qualitätsebenen und differenziert nach verschiedenen medialen Expertenrollentypen betrachtet. Abschließend werden Problemfelder und Spannungsverhältnisse, die sich durch die Interaktion zwischen Journalist und Experte ergeben, aufgezeigt. Die gewonnen Erkenntnisse fließen in einem Modell zusammen (Fokussiert wird dabei vor allem auf den massenmedialen Informationsjournalismus, der sich nicht von vornherein auf ein Fachpublikum beschränkt, sondern Experten im Rahmen der journalistischen Informationsvermittlung an einen breiten, heterogenen Empfängerkreis einbindet).
Nadine Remus

Gesundheitsjournalismus und Praxis: Recherche und Redaktion im Gesundheitsjournalismus

Frontmatter

Enthüllt: das Skandalon der „Risikoselektion“. Eine investigative „Frontal21“-Recherche in den Abgründen des deutschen Gesundheitssystems

Die Krankenkasse KKH-Allianz soll systematisch versucht haben, chronisch Kranke aus der Versicherung zu drängen, weil sie hohe Kosten verursachen. Davon erfahren Jörg Göbel und Christian Rohde, Autoren des politischen ZDF-Magazins „Frontal 21“, durch einen anonymen Informanten. Eine investigative Recherche beginnt. Die Journalisten decken auf, wie die KKH-Allianz seit Jahren daran arbeitete, ihre Versicherten bis ins Detail zu durchleuchten und nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu steuern. In ihrem Recherchebericht für diesen Band legen die Autoren dar, wie wichtig Quellenschutz ist: Ihr Informant liefert ihnen sensible Versichertendaten. Im Laufe ihrer Recherche nehmen die Journalisten Kontakt zu verschiedenen Akteuren des Gesundheitssystems auf. Vertrauliche Daten müssen gesichtet und Betroffene kontaktiert werden. Sie bestätigen die Vermutung der Reporter. Ihre Rechercheergebnisse lassen sie von Experten bewerten und konfrontieren schließlich den Vorstandsvorsitzenden der Krankenkasse. Und sie finden heraus: Die „Risikoselektion“ von Versicherten, die mit der Aufdeckung des KKH-Skandal bekannt wurde, wird auch von anderen gesetzlichen Krankenkassen praktiziert.
Jörg Göbel, Christian Rohde

Organentnahme nach Tötung auf Verlangen. Eine journalistische Recherche zu Grenzfragen der medizinischen Ethik

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ereignete sich 2005 in Belgien eine Weltpremiere: Ärzte ließen eine Patientin auf deren Wunsch hin sterben, sofort danach entnahmen ihr andere Mediziner Organe. Ein medizinethisch höchst zweifelhafter Vorgang, der zunächst in keinem ärztlichen Bulletin auftauchte, den alle Beteiligten möglichst geheim halten wollten. In einem Rechercheprotokoll für diesen Sammelband rekonstruiert Martina Keller ihren Weg von der Idee bis zur Publikation der Geschehnisse am 20. Oktober 2011 als Dossier in der Wochenzeitung Die Zeit Nr. 43. Für ihren Text „Carine, 43, lässt sich töten“ sowie zwei weitere Artikel erhielt die Autorin den Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus 2012. Das Protokoll belegt, wie Martina Keller mit ihrer Recherche wichtige Grenzfragen der Medizinethik aus Fachkreisen in die allgemeine gesellschaftliche Debatte holte.
Martina Keller

Verstrickungen von Ärzten mit der Industrie: Finanzielle Interessenkonflikte recherchieren und bewerten

Ob als Berater, als Referent oder einfach nur als Empfänger von Drittmitteln: Vor allem renommierte Mediziner besitzen häufig enge Verbindungen zur Industrie. Dadurch entstehen finanzielle Interessenkonflikte, die die Expertise der Mediziner zugunsten der Unternehmen und ihrer Produkte möglicherweise verzerren können.
Bisher setzen sich Journalisten in der Berichterstattung kaum mit den Interessenkonflikten ihrer Experten auseinander. Ein häufig angegebener Grund dafür ist neben einem fehlenden Bewusstsein auch mangelnde Zeit. Ein entsprechender Rechercheleitfaden könnte helfen, eine gezielte, effiziente Suche der Interessenkonflikte zu ermöglichen.
Dieser Beitrag liefert in einem ersten, theoretischen Teil einen Überblick über die Definition von Interessenkonflikten, die Art der Verstrickungen sowie die Regulierungen. Außerdem wird reflektiert, welche Rolle Mediziner in der journalistischen Berichterstattung spielen und warum es so wichtig ist, auf ihre Interessenkonflikte einzugehen.
Im zweiten, praxisorientierten Teil werden zehn Quellen vorgestellt, die Aufschluss über finanzielle Interessenkonflikte geben können. Diese stützen sich vor allem auf Dokumente, in denen Mediziner ihre Interessenkonflikte offen legen müssen und öffentliche Auftritte der Mediziner, bei denen Verbindungen zur Industrie deutlich werden. Außerdem werden Vorschläge unterbreitet, wie Journalisten mit den recherchierten Verbindungen umgehen können. Diese sind als Diskussionsgrundlage zu verstehen.
Irene Berres

Zweifel transparent machen. Medizinjournalismus im Fokus der netzwerk recherche-Jahreskonferenz 2013

Eine Reihe von Veranstaltungen der netzwerk recherche-Jahreskonferenz 2013 widmete sich dem Thema Medizinjournalismus. In diesem Beitrag fassen zwei Journalistik-Studentinnen der Universität Hamburg die zentralen Diskussionen und Erkenntnisse dreier Programmpunkte zusammen: die eines zweigeteilten Workshops „Check Medizinstudien“ und die einer Diskussionsrunde über „Agenda-Setting mit Studien“. In beiden Veranstaltungen kristallisierten sich Probleme des Medizinjournalismus heraus, die vor allem bei der Berichterstattung über wissenschaftliche Studien entstehen: etwa durch Zeitmangel und Berichterstattungsdruck in Redaktionen, durch fehlende Kenntnis von Qualitätskriterien oder auch über eine indirekte Einflussnahme von Akteuren des Gesundheitswesens. Auch die Beziehung zwischen Medizinjournalisten und Experten wurde diskutiert. Letztere gestanden ein: Selbst Universitätsforschung und renommierte Forschungsinstitute könnten nicht vollständig unabhängig von externen Interessen und Medienaufmerksamkeit agieren. Die Essenz der Diskussionen: In vielerlei Hinsicht scheinen eine kritischere Einstellung seitens der Journalisten und eine bessere Aufklärung der Redaktionen geeignete „Gegenmittel“ zu sein, um Schwächen in der Gesundheitsberichterstattung zu vermeiden.
Fenja Schmidt, Kerstin Düring

Gesundheitsjournalismus in der Tageszeitung: Wenn die Erdbeer-Therapie Herzrhythmusstörungen bei Pima-Indianern auslöst

Die Medizinredakteure einer überregionalen Tageszeitung sehen sich permanent mit Heilsversprechen der pharmazeutisch-medizinischen Industrie konfrontiert. Eine unkritische Weitergabe dieser werbeinduzierten Botschaften verbietet sich. Seriöse Journalisten suchen mit Argumenten und Beweisen zu überzeugen und verbinden die Berichterstattung über neue Therapiemöglichkeiten immer auch mit einer Nutzen-Schaden-Bilanz. Dazu ist es erforderlich, regelmäßig die medizinische Forschung auch im internationalen Kontext zu rezipieren. Sog. Studien, die angeblich wissenschaftlich sind, werden erkenntniskritisch hinterfragt. Besser verunsichern als falsche Sicherheiten vermitteln – so das Credo von Werner Bartens, Leitender Redakteur im Ressort Wissen der Süddeutschen Zeitung.
Werner Bartens

Qualität auf Sendung. Redaktionsbeobachtung beim NDR-Gesundheitsmagazin Visite

Während einer Hospitanz in der Redaktion von Visite – dem Gesundheitsmagazin des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in Hamburg – wurde mithilfe von Leitfadeninterviews und teilnehmender Beobachtung untersucht, welche Qualitätskriterien und Sicherungsmaßnahmen in einer Fernsehredaktion eine Rolle spielen, die sich Gesundheitsthemen widmet. Dieser Beitrag dokumentiert die Ergebnisse dieser Gespräche und Beobachtungen, d. h. jene Aspekte, die während des Arbeitsprozesses zur Qualitätssteigerung des Gesundheitsmagazins beitrugen – oder eben nicht. Bei der redaktionellen Themenwahl beispielsweise wurden sehr komplexe Sachverhalte unter Umständen nicht aufgenommen, da sie für das Medium schlicht ungeeignet sind. Die journalistische Recherche der NDR-Mitarbeiter widmete sich vor allem bei medizinischen Neuheiten der Absicherung durch fundierte Studien – ebenso wie der Suche nach Protagonisten für fallbeispielbezogene Darstellungen. Während der Umsetzung vor Ort spielten visuelle Kriterien eine große Rolle. Außerdem galt es, Dreharbeiten nicht zu einer verfälschenden Inszenierung werden zu lassen. Übergreifend war zu beobachten, dass die Fernsehredaktion mit dem ‚Vieraugenprinzip‘ und vielfach größter Genauigkeit arbeitete, um geschickten PR-Techniken nicht aufzusitzen und ihre Protagonisten stets fair zu behandeln. Eine enge Zusammenarbeit mit Ärzten und Kliniken sorgte des Weiteren für eine sachliche Absicherung der Beiträge.
Kristine Kruse

Gesundheitsjournalismus und Praxis: Grenzen des Gesundheitsjournalismus

Frontmatter

„Garbage in – garbage out“ – wenn die journalistischen Quellen vergiftet sind

Im Zusammenspiel mit der Wissenschaft zeigen sich besondere Herausforderungen für den Qualitätsjournalismus: Komplexe Themen müssen verständlich gemacht werden. Das Bedürfnis des Publikums von Fortschritten und Erfolgen zu hören, ist größer, als von Fehlschlägen und Irrwegen zu erfahren. Doch auch ein ethisch verantwortlicher, qualitativ ausgerichteter Journalismus hat es gerade in der biomedizinischen Wissenschaft immer wieder gleichsam mit vergifteten Quellen zu tun, deren Giftgehalt sich nur schwer bestimmen lässt. Dieser Beitrag beschreibt die vielfältigen Möglichkeiten, wissenschaftliche Quellen gezielt zu kontaminieren, um der Laien- wie der professionellen Öffentlichkeit vorzugaukeln, ein bestimmtes Medikament oder eine bestimmte Methode sei wirksam, besonders hilfreich und somit unbedingt einzusetzen. Dabei gibt es Mittel und Wege, die Fallstricke zu erkennen und gezielte Einflussnahmen abzuwenden.
Thomas Zimmermann

Wenn die Presse Ängste schürt oder Hoffnungen weckt. Erfahrungen des Deutschen Presserates mit dem Gesundheitsjournalismus

Der Autor, der in den Jahren 1985 bis 2005 die Spruchpraxis des Deutschen Presserates in dessen Schwarzweiß- und Jahrbüchern dokumentiert hat, schildert in seinem Beitrag die Erfahrungen der Freiwilligen Selbstkontrolle der Printmedien mit dem Gesundheitsjournalismus. Aus rund einhundert Beschwerdefällen über die Berichterstattung zu medizinischen Themen, die der Presserat in den letzten 25 Jahren zu prüfen hatte, greift er eklatante Beispiele für journalistische Fehlleistungen heraus. Zugleich konstatiert er, dass die Fallzahlen angesichts der Fülle an gesundheitlichen Themen im Blätterwald erstaunlich niedrig sind. Generelle Rückschlüsse auf die tatsächliche Qualität des Gesundheitsjournalismus könnten daraus allerdings nicht gezogen werden: Wo kein Kläger sei, könne es auch keinen Richter geben. Dessen ungeachtet seien insbesondere die Journalisten, die über gesundheitliche Fragen berichten, zur wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit verpflichtet. Wenn die Presse bei ihren Lesern ohne Belege Ängste auslöse oder Hoffnungen wecke, stelle sie ihre Glaubwürdigkeit in Frage.
Horst Schilling

Gesundheitsjournalismus und Praxis: Entwicklungsperspektiven des Gesundheitsjournalismus

Frontmatter

Transparenz oder Konfusion? Methodik und empirische Basis des Datenjournalismus in der Medizin

Das Gesundheitswesen ist ein soziales System mit Universalzugriff: Von der Geburt bis zum Lebensende interagiert jeder Bürger mit ihm. Kostendruck und Qualitätsmängel drängen die Frage auf: Wie gut arbeitet das System, wie sicher ist es, wird es der Verantwortung guten Wirtschaftens angesichts seiner öffentlichen Finanzierung gerecht? Datenjournalismus bietet hier den wohl vielversprechendsten Rechercheansatz, aber auch – wegen der herausragenden Bedeutung des Systems und seiner immensen Lebenswelt-Relevanz – ein ideales Betätigungsfeld zu seiner Profilierung. Wir zeigen die Divergenz und Pluralität der datenjournalistischen Traditionen, vom „Precision Journalism“ Philip E. Meyers als angewandter Sozialforschung bis hin zur Datenlese und Visualisierungskunst gegenwärtiger „Programmer Journalists“. Anhand einer eigenen Fallstudie zur Lebertransplantation in Deutschland legen wir dar, dass bei allem Enthusiasmus auch Risiken und Unzulänglichkeiten der datenjournalistischen Methode ins Gewicht fallen: nämlich insbesondere dann, wenn die primären Datenquellen, hier offizielle Transplantationsdaten, unzuverlässig sind. In diesem Falle zeigt sich, dass „klassischer“ politischer Druck von Nöten ist, um die Akteure im Gesundheitswesen zur Verantwortungsübernahme zu bewegen und Rechenschaft und Transparenz einzufordern.
Christoph Koch, Volker Stollorz

Qualitätssicherung redaktioneller und nutzergenerierter Inhalte – Erfahrungen eines Gesundheitsportals

Wer sich über Krankheiten, Beschwerden oder eine gesunde Lebensweise informieren will, recherchiert in der Regel mit einer Suchmaschine wie Google im Internet nach passenden Informationen. Neben redaktionell erstellten Artikeln und Tools findet sich eine Vielzahl an Beiträgen, die andere Nutzer verfasst haben, etwa in Foren. Wie Anbieter die Qualität der Inhalte sichern können und worauf Nutzer bei ihrer Recherche achten sollten, stellt dieser Beitrag anhand des Vorgehens beim Gesundheitsportal Onmeda.de vor. Auf der einen Seite ist die Fachkompetenz und Unabhängigkeit einer Medizinredaktion relevant, in puncto Foren kommen der Betreuung durch Experten sowie technischen Maßnahmen große Bedeutung zu. Und nicht zuletzt regeln die Forennutzer untereinander viele Unstimmigkeiten im konstruktiven Diskurs.
Fabian Weiland

Qualität im Gesundheitsjournalismus – welche Rolle kann ein Science Media Centre spielen?

Science Media Centres (SMCs) sind nationale Pressestellen für die Wissenschaft, die sich zum Ziel gesetzt haben, die „Stimme der Wissenschaft“ immer dann medienöffentlich zu Gehör zu bringen, wenn kontroverse Themen auf dem Weg in die Schlagzeilen sind. Häufig sind dies Themen mit Gesundheitsbezug. Das erste SMC wurde vor etwa zehn Jahren in Großbritannien gegründet und ist seither zu einem ebenso bedeutenden wie umstrittenen Akteur in der dortigen Wissenschaftskommunikationslandschaft geworden. Der Beitrag widmet sich der Frage, wie das britische SMC Qualität im Journalismus definiert und welche Rolle SMCs für den Gesundheitsjournalismus in Zukunft spielen können. Dies ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil es in Deutschland aktuell Überlegungen gibt, ein SMC zu gründen. Auf der Grundlage von Dokumentenanalysen und Interviews wird als institutionelles Ziel des Zentrums herausgearbeitet, die Wissenschaftsberichterstattung mit Hilfe der „Stimme der Wissenschaft“ zu versachlichen. Expertenkommentare und Leitlinien werden als zwei Instrumente charakterisiert, mit denen das Versachlichungs-Ziel erreicht werden soll. In der Diskussion wird der Versachlichungsbegriff des SMC aus soziologischer Perspektive reflektiert. Unter der Prämisse, dass wissenschaftliche Experten im Normal-, nicht nur im Krisenfall streiten, wird der Option des SMC, über die Wissenschaft als einer Institution zu berichten, die mit einer Stimme spricht, die Option gegenübergestellt, die Spaltung der Wissenschaft in fast jeder Frage in die Öffentlichkeit zu tragen. Die gewählte Position als Präferenz für Expertenkonsens oder -dissens zu reflektieren, statt sie à priori für „sachlich“ zu erklären, ist eine erste Voraussetzung, die Qualitätsdebatte im Journalismus ihrerseits zu versachlichen.
Simone Rödder
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