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22.09.2020 | Rating | Im Fokus | Onlineartikel

Mit starker Bonität Finanzierungssicherheit gewinnen

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
5:30 Min. Lesedauer

Sind Unternehmen nicht direkt von den Auswirkungen der aktuellen Krise betroffen, so spüren sie doch meist finanzielle Nöte von Geschäftspartnern und Kunden – mit Folgen für die eigene Bewertung. Unternehmen sollten im Rating-Gespräch clever agieren.

Für Unternehmen weltweit wird es im Zuge der Corona-Wirtschaftskrise finanziell eng: Der Kreditversicherer Atradius rechnet in einer aktuellen Insolvenzprognose in zahlreichen Ländern inner- und außerhalb Europas mit mehr Firmenpleiten als nach der Finanzkrise von 2008/2009. "Mit Frankreich, der Schweiz, Belgien, Spanien, Portugal und Norwegen sind auch mehrere große Außenhandelspartner Deutschlands unter den Volkswirtschaften, bei denen es 2020 und 2021 zu Rekordzahlen bei den Firmenpleiten kommen könnte", heißt es in dem Bericht. Die höchsten Insolvenzzahlen wird es laut Atradius voraussichtlich in der Türkei, in den USA, in den Niederlanden und im Vereinigten Königreich geben. Das Unternehmen geht davon aus, dass die weltweiten Firmenpleiten bis Ende 2020 um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr zunehmen.

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Rechnungslegung in der Krise

Auch wenn es in der Krise in der Regel an finanziellen und organisatorischen Mitteln fehlt, für eine ordnungsgemäße Rechnungslegung zu sorgen, dürfen diese scheinbar formalen Vorgaben schon allein aus haftungsrechtlichen Gesichtspunkten auf der Ebene der Geschäftsführung nicht unterschätzt werden. Die straf-, steuer- und zivilrechtliche Haftung knüpft vor allem auch an die ordnungsgemäße Rechnungslegung an.

Pleitewelle schmälert mittelbar die Liquidität vieler Unternehmen

Für Geschäftspartner und Firmenkunden kann diese drohende Insolvenzwelle zu einer ernsten Gefahr werden, die die eigene Liquidität schmälert und das Rating verschlechtert. Denn damit trüben sich langfristig die Chancen ein, mittels Fremdfinanzierung notwendige Investitionen zu tätigen oder in neue Geschäftsmodelle, Produkte und Märkte zu investieren.  

Nur eine gute Bonität gewährleistet einem Unternehmen langfristig die Finanzierungssicherheit für solche Pläne. Wie die wirtschaftliche Prognose für ein Unternehmen aussieht, bestimmt in aller Regel der Jahresabschluss. "In welchem Umfang Bewertungswahlrechte genutzt wurden, ist nur teilweise transparent. Das Interesse eines Kreditgebers ist es, das ausgeliehene Geld im Rahmen der Vereinbarungen nebst Zinsen zurückzuerhalten", meint Christopher Käser-Ströbel im Buchkapitel "Bonitätseinstufung und Berichtswesen – Erfolgsfaktoren und Steuerungsgrößen" auf Seite 63.

Im Rahmen der Abstimmungen zwischen Gesellschafter des Unternehmens, Geschäftsführung, Steuerberater, der Bank (je nach persönlichem Vertrauensverhältnis) und den Verantwortlichen für die Buchführung sollte stets auch der mittelfristige Kapitalbedarf im Blick gehalten werden. Bezogen auf die Unternehmenszahlen gründen Kreditentscheidungen in Banken zumeist auf drei vergangenen Geschäftsjahren und der Planung. Auch vor diesem Hintergrund sind daher konstante Bilanzierungs- und Bewertungsansätze vorteilhaft", erläutert der Springer-Autor.

Qualitative Einflussfaktoren der Unternehmensbewertung

Eine Vielzahl von Faktoren bestimmt die Bewertung eines Firmenkunden. Unternehmer, die sich derzeit um eine Finanzierung bemühen, sollten diese auf jeden Fall kennen. Einen Überblick gibt Käser-Ströbel in folgender Tabelle:

Qualitative Einflussfaktoren

Kontoführungsverhalten (Umsätze in Relation zur Kreditlinie, Anzahl der Transaktionen, Überziehungen des Kontos beziehungsweise der KK-Linie, Scheck-/Lastschriftrückgaben)

Kontopfändungen

Dauer der Kundenbeziehung

Beständigkeit in der Geschäftsführung und Qualifikation des Managements

Sofern relevant: geregelte Nachfolgeplanung

Private Verhältnisse der geschäftsführenden Gesellschafter

Abhängigkeiten zu Kunden oder Lieferanten

Personalpolitik, Mitarbeiterentwicklung und -bindung

Wettbewerbsintensität, Marktanteile, Marktwachstum

Transparente Unternehmensstrategie, Kommunikationsverhalten zur Bank

Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells

Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten

Quelle: Christopher Käser-Ströbel im Buch "Quick Guide Unternehmensfinanzierung für KMU und Start-ups", 2021

Bilanzstichtag verschieben

Zwar lassen sich nicht alle Faktoren aktiv beeinflussen, doch der Blick in die eigene Organisation und auf mögliches Optimierungspotenzial bei Prozessen und Abläufen kann durchaus helfen. "Ein einfaches Gestaltungsmittel zur Optimierung der Bonitätskennziffern, die sich auf statische Bilanzwerte beziehen, ist die aktive Steuerung des Umlaufvermögens und der kurzfristigen Verbindlichkeiten zum Bilanzstichtag", sagt Käser-Ströbel. Je nach Geschäftsmodell könne generell überlegt werden, den Bilanzstichtag zu verschieben.

"Ziel ist hierbei ein Zeitpunkt im Jahr, bei dem üblicherweise der Warenbestand und die Forderungen niedrig sind und hierdurch die Verschuldung reduziert und insgesamt die Bilanzsumme auf tiefen Niveau ist." Zahlreiche Bilanzkennziffern könnten hierdurch auf einfache Art und Weise und bereits ohne Nutzung von Bewertungsspielräumen optimiert werden.

Bilanzielle und steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten

"Die Finanzierungssicherheit, bezogen auf die externen Finanzierungsmittel, ist in hohem Maße auch von der Nutzung bilanzieller und steuerlicher Möglichkeiten abhängig", meint der Autor. Das Handels- und Steuerrecht eröffne ein breites Feld an legalen Möglichkeiten, um etwa die Steuerlast zu minimieren und damit die Bewertung zu verbessern.

Laut Käser-Ströbel sind häufig genutzte Bewertungsansätze  

  • unfertige Leistungen/Erzeugnissen,
  • Warenbeständen,
  • Wertberichtigungen auf Forderungen,
  • aktivierte Eigenleistungen (zur Verbesserungen des Ergebnisses, von Banken jedoch häufig als Abzugsposition angesehen),
  • Teilwertabschreibungen im Anlagevermögen,
  • Bildung von Rechnungsabgrenzungsposten oder Verbuchung im Aufwand,
  • Bildung und Auflösung einer Vielzahl an Rückstellungsposten.

"Selbstverständlich kann durch eine aktive Steuerung und Beeinflussung der Unternehmenszahlen eine verbesserte Rating-Einstufung erfolgen. Aus der Erfahrung heraus führt dies bei den so handelnden Unternehmen dann auch zu einer langfristig optimierten Steuerung des Vorratsvermögens sowie eines verbesserten Debitoren- und Kreditorenmanagements und im Ergebnis zu stabileren Unternehmen", meint der Springer-Autor.

Stille Reserven aktivieren, Sale-and-Lease-Back-Modelle und Beteiligungen

Sascha Kugler und Steffen Girmscheid nennen im Buchkapitel "Quick-Win-Core-Training: Kurzfristige Sofortmaßnahmen aus eigener Kraft" weitere Möglichkeiten, die Unternehmer ausloten können (Seite 28 f.). Etwa stille Reserven aus vergangenen Jahren aktivieren. "Stille Reserven entstehen dadurch, dass Ihre Buchhaltung Ihr Vermögen mit einem geringeren Wert verzeichnet, als Sie ihn zum jeweiligen Zeitpunkt am Markt erzielen würden. Deshalb können Sie Grundstücke, Gebäude, Beteiligungen, Aktien, Ihren Fuhrpark und sonstige Vermögenswerte womöglich gewinnbringend verkaufen." 

Eine interessante Option sei außerdem das Sale-and-Lease-Back-Modell: "Verkaufen Sie Maschinen oder andere Wirtschaftsgüter zunächst und lösen Sie dabei stille Reserven auf. Anschließend leasen Sie die Gegenstände zurück. Bis auf die unmittelbar anstehenden Leasingraten stehen Ihnen die Erlöse aus dem Verkauf nun als liquide Mittel zur Verfügung", so die Autoren. Allerdings seien Leasingmodelle teurer als ein Kauf und enthielten Risiken im Falle von Schäden oder Verlust, geben sie zu bedenken. 

Auch eine Gesellschafterbeteiligung stellt laut Kugler und Girmscheid eine schnelle Alternative dar. Möglich sei dies etwa im Wege von Friends-and-Family-Programmen oder über strategische oder institutionelle Beteiligungen. "Auch die öffentliche Hand ermöglicht Beteiligungen", so die Springer-Autoren. Wichtig sei, dass die neuen Gesellschafter inhaltlich, strategisch sowie menschlich zum Unternehmen und dessen Zielen passen. 

Bei Maßnahmen langfristige Unternehmensziele im Blick behalten

Jegliche Maßnahmen zur Optimierung der Steuerlast oder der Bonität sollten aber "langfristig sinnvoll, praktikabel und auch wirtschaftlich mit Blick auf zeitliche Ressourcen und Transparenz" sein, lautet der Rat von Käser-Ströbel. 

Sowohl das Reduzieren der Steuerlast, als auch das Optimieren der Bonität sollte niemals Selbstzweck sein, sondern dem Erreichen der mittel- und langfristigen Unternehmensziele dienen. Eine pauschale Aussage an den Steuerberater, dass dieser die Steuerlast zu minimieren hat, wird leider zu oft getätigt. Die Verantwortung für eine schlechte Unternehmensbonität liegt auch in diesem Fall beim Unternehmer, nicht beim Steuerberater."

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