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22.11.2021 | Rating | Im Fokus | Onlineartikel

Finanzbranche hat bei ESG-Daten die Qual der Wahl

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
3 Min. Lesedauer

Die Zahl nachhaltiger Finanzprodukte steigt und damit auch der Bedarf der Finanzindustrie an ESG-Daten von Research-Instituten. Doch deren Ratings und Scores differieren mitunter deutlich, zeigt eine aktuelle Analyse. Gut aufgestellt ist, wer auf eine breite Anbieterbasis setzt.

Environment, Social und Governance (ESG) sind in vielen Unternehmensstrategien zu zentralen Faktoren geworden. Politik, Regulatoren, Behörden und Verbände beschäftigen sich daher mit grünen Standards, Richtlinien für nicht-finanzielle Berichterstattung und die Einhaltung ausgegebener Nachhaltigkeitsziele. Unternehmen, die hier patzen, riskieren nicht nur Kunden, Geschäftspartner und Investoren zu verlieren. Auch Banken und Fondsgesellschaften, die ihre Anlageprodukte immer stärker ESG-konform ausrichten, sortieren Werte, die ihren ökologischen oder sozialen Ansprüchen nicht genügen, aus ihren Portfolios aus. 

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ESG-Risiken und ihre Quantifizierung

Allgemeine Beispiele für den Bereich Environment sind Höhe des Energieeinsatzes, Anteil erneuerbarer Energieträger, Strategie rund um das Thema Klimawandel, Emissionsausstoß. Unter Social sind Aspekte wie beispielsweise Achtung der Menschenrechte, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, Chancengleichheit und Diversität, Arbeitsplatzgestaltung, Weiterentwicklung zu verstehen. Das Kriterium Governance zielt darauf ab, inwieweit Nachhaltigkeit strukturell im Unternehmen verankert ist. 

Als Reaktion auf ungenügend gemanagte Risiken sowie nicht ausreichend genutzte Chancen im Nachhaltigkeitsbereich steigt der Bedarf von Investoren "an verlässlichen, vollständigen, genauen und aktuellen Informationen zur ESG-Performance und dem ESG-Management von Unternehmen", erläutert Philipp Gaggl im Buchkapitel "Nachhaltigkeitscontrolling" die Situation (Seite 334). Ebenso verhalte es sich mit einer wachsenden Zahl von Fondsgesellschaften, welche ESG-Informationen für ihre Unternehmensbewertung benötigen. "Durch diesen Informationsbedarf ist eine Zunahme von dezidierten ESG-Ratings und Rankings in den letzten Jahren festzustellen", so der Springer-Autor.

Nachhaltigkeitsanalysen unterscheiden sich stark

Wie eine aktuelle Marktanalyse des Beratungshauses Cofinpro zu ESG-Datenanbietern zeigt, unterscheiden sich die angebotenen Nachhaltigkeitsanalysen aber in ihren Erhebungsmethoden, ihrer Zusammenstellung und ihren Ergebnissen deutlich. Dies mache die Auswahl des passenden Dienstleisters kompliziert. Sicherheit vor Greenwashing bietet laut Studienautoren derzeit die Nutzung gleich mehrerer Datenlieferanten.

Die Grundlage für ein ESG-Rating liefern dabei sektorspezifische Rahmenwerke, welche jeweils für die Säulen 'E', 'S' und 'G' qualitative sowie quantitative Kriterien berücksichtigen und zu einer Kennzahl verdichten. Ratings unter einer gewissen Mindestgröße (< 3 auf einer Skala von 0 'sehr schwach' bis 10 'sehr stark') werden als Tail-Risk eingestuft. Also als Risiko, das trotz einer geringen oder moderaten Eintrittswahrscheinlichkeit im Fall der Fälle zu extrem hohen Wertverlusten führen kann", erklärt Christoph Berger im Buchkapitel "Investieren für eine bessere Welt" auf Seite 252 die Methodik.

Finanzdienstleister brauchen mehrere Datenquellen

Um klimapolitische Risiken oder ethische Aspekte exakt zu bestimmen, braucht es daher vertrauenswürdige und aktuelle ESG-Ratings und -Scores, attestiert Robert Wagner, Nachhaltigkeitsexperte bei Cofinpro. Mit den sich verschärfenden Regularien seien in den vergangenen Jahren zwar auch die Kriterien, um Nachhaltigkeit zu messen und zu bewerten, näher definiert worden. "Jedoch sind übergreifende und konkrete Standards in vielen ESG-Bereichen noch nicht etabliert."

Viele Datennutzer seien deshalb gezwungen, sich auf absehbare Zeit mehrere Datenquellen zu erschließen, betont Wagner. Er empfiehlt bei der ESG-Risikobewertung daher, eine "ausgeglichene und breit gestreute Balance zu finden, die optimale Ergebnisse liefert". Hierzu gehöre zum Beispiel auch, Nischenanbieter in die engere Wahl einzubeziehen.

Nicht-öffentliche Daten werden für ein ganzheitliches ESG-Bild sorgen

Wagner glaubt, dass in Zukunft Anbieter vor allem das Sammeln der Rohdaten optimieren werden, um aussagekräftigere ESG-Scores zu erhalten. "Die Bezugsquellen, die Gewichtung der verschiedenen Daten und das eigene Bewertungsmodell entscheiden über die Qualität der Analyse." Voraussichtlich werden in Zukunft vor allem nicht-öffentliche Daten für ein ganzheitliches ESG-Bild sorgen. "Neue Datenquellen und qualitativ hochwertigere Rohdaten werden aber auch dazu führen, dass Datenprovider neue Analyse-Methoden einführen. Andernfalls kann die schiere Masse an Informationen nicht mehr sinnvoll verarbeitet werden", so der Nachhaltigkeitsexperte. 

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