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"Die Baulust der Hyperscaler ist derzeit beachtlich"

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Energieexperte Dr. Pascal Hütt erläutert im Interview, warum grüne Rechenzentren ohne Zweifel ein Geschäftsmodell mit Zukunft sind – und somit auch in die strategische Planung von Stadtwerken und Energieversorgern gehören.

Dr. Pascal Hütt ist Partner bei der Strategieberatung Arthur D. Little und unterstützt Stadtwerke bei der Transformation hin zum Lösungsgeschäft und betreut in diesem Zusammenhang auch Projekte im Bereich "Datacenter".


springerprofessional.de: Herr Dr. Hütt, welche Rolle spielt der aktuelle Bauboom bei Rechenzentren für die Energiebranche?

Dr. Pascal Hütt: Die Baulust der Hyperscaler, aber auch kleinerer Player, ist derzeit beachtlich und hat natürlich auch die Strategen der Energiebranche auf den Plan gerufen. Datacenter genießen aktuell eine hohe Relevanz in der Industrie. Insbesondere Stadtwerke und Energieversorger in Großstädten und im Bereich von kritischen Knotenpunkten – man beachte hier insbesondere die Rhein-Main-Region – sehen Möglichkeiten für ein hochattraktives Geschäftsfeld. So soll sich das Datenvolumen bis 2030 vervierfachen. Stadtwerke als der vertraute Partner wollen auch mit ihren Internet- und Glasfaserprodukten an dieser Stelle für den Kunden Wert stiften. Ein weiterer Fokus liegt naturgemäß auf der Stromversorgung bzw. gar auf den Potentialen der dezentralen Stromproduktion.

Inwieweit ist hier das Green Datacenter ein Geschäftsmodell mit Zukunft?

Green Datacenter sind vor allem ein Geschäft für die Betreiber - Stadtwerke besitzen nüchtern betrachtet in Eigenregie nur bedingt die Fähigkeiten, um ein solches Center zu errichten und erfolgreich zu betreiben. Es gibt Ausnahmen, in denen Stadtwerke durch kleinere Datacenter Ihren Kunden zusätzliche Leistungen anbieten. Stadtwerke und Energieversorger können nichtsdestotrotz vor allem durch die Bereitstellung einer sicheren Stromversorgung und durch einen ausreichend dimensionierten Netzzugang als attraktiver Partner für die Betreiber von Datacentern punkten. Deshalb entstehen die Datacenter auch in der Regel immer direkt an einem ausreichend großen Erzeugungsstandort. Also in der Nachbarschaft von Gaskraftwerken oder Biomasse- und Müllverbrennungsanlagen, bei denen typischerweise bereits ein Netzanschluss mit ausreichend installierter Kapazität vorhanden ist.

Für Betreiber der Datacenter sind Stadtwerke und Energieversorger als Partner vor allem deswegen attraktiv, weil sie so eine sichere Stromversorgung erhalten, was stets absolute Priorität bei der Standortwahl hat. Außerdem kann durch eine Partnerschaft in der Regel vermieden werden, überhöhte Kosten für die Errichtung des Netzanschlusses zu zahlen. So ergibt sich eine natürliche Win-Win-Situation. Diese wird oft sogar dadurch verstärkt, dass viele Stadtwerke zusätzlich die Abwärme der Datacenter im Rahmen der Fernwärmeversorgung nuten, so dass ein zusätzlicher, positiver Nebeneffekt dazukommt. Dieser hilft zum einen dem Betreiber das Datacenter effizienter und nachhaltiger zu positionieren, was unter anderem die Finanzierung und Genehmigung erleichtert. Für die Stadtwerke ergibt sich eine "kostenlose" Wärmequelle. Ich glaube daher, dass diese Symbiose sich vielerorts vertiefen kann, sodass Stadtwerke perspektivisch noch zusätzliche Services erbringen werden. 

Wie können sich Energieunternehmen smart aufstellen und als Partner für Datacenter-Lösungen positionieren?

Wie beim Immobilienkauf ist derzeit der maßgebliche Faktor für die Attraktivität eines Stadtwerkes zu definieren mit: Lage, Lage, Lage! Hyperscaler Datacenter werden nur dort errichtet, wo ausreichend Kapazität benötigt wird. Das können Stadtwerke oder Energieversorger weder beeinflussen noch aus eigenem Antrieb ändern. Großprojekte in Deutschland finden sich an wichtigen internationalen Routen. Ferner beobachten wir: selbst, wenn ein Stadtwerk in einer präferierten Region aktiv ist, ist es nur dann attraktiv als Partner für die Betreiber bzw. Investoren, wenn es zum einen über ausreichende Erzeugungskapazität verfügt und ferner einen schnellen Netzanschluss und ein ausreichend dimensioniertes Netz zur Verfügung stellen kann.

Womit muss hier das eigene Portfolio erweitert werden?

Neben den klassischen Lösungen rund um Energieversorgung, Glasfaser etc. sehen wir vor allem einen Trend hin zur dezentralen Versorgung vor Ort. Wie erläutert kann die Abwärme von Versorgern ebenfalls genutzt werden. Natürlich können Stadtwerke weitere Dienstleistungen vor Ort anbieten – etwa den Betrieb von Ladesäulen bei großen Centern.

Wie groß sind die Chancen in den kommenden Jahren?

Wir sehen gerade eine wahren Ankündigungswelle von großen wie kleineren Projekten. Bis 2030 werden in Deutschland eine Vielzahl neuer Rechenzentren an den attraktiven Knotenpunkten, wie Frankfurt am Main, Berlin, Köln, Düsseldorf oder München gebaut werden. Attraktive Stadtwerke werden von den Betreibern und Investoren bereits heute regelmäßig angesprochen, ob Interesse an Partnerschaften bestehen. Dadurch können Stadtwerke ein attraktives Geschäftsfeld mit einer stabilen Umsatzquelle erschließen. Klar ist aber auch, dass Datacenter für Stadtwerke sicherlich nicht der Heilsbringer sind, wodurch zum Beispiel das rückläufige Gasgeschäft abgefangen werden kann. In meinen Augen sind Datacenter vor allem ein Baustein des künftigen Portfolios und eignen sich besonders für die Transformation zum Lösungsanbieter.

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