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01.08.2022 | Recruiting | Interview | Online-Artikel

"Unbesetzte Stellen verursachen mehr Kosten als Freelancer"

verfasst von: Andrea Amerland

4:30 Min. Lesedauer

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Durch den Fachkräftemangel setzen Unternehmen verstärkt auf Freelancer, obwohl sich auch deren Leistungen verteuern. Springer Professional sprach mit Thomas Maas von Freelancermap über die aktuellen Trends auf dem Freiberufler-Markt und die Herausforderungen für Unternehmen.

 

Springer Professional: Laut Ihres Freelancer-Kompass 2022 sind die Stundensätze für Selbstständige auf einem neuen Höchststand.. Für welche Dienstleistungen und in welchen Branchen müssen Unternehmen aktuell besonders tief in die Tasche greifen?

Thomas Maas: Momentan zeichnen sich vor allem Dienstleistungen aus den Bereichen Beratung und Management, 113 Euro, und SAP, 116 Euro, mit einem überdurchschnittlich hohen Stundensatz aus. Unternehmen investieren in digitale Geschäftsmodelle. Das benötigte Know-how für die Umsetzung bringen zum großen Teil IT-Consultants und -Manager mit. Zukunftsthemen wie IT-Sicherheit, KI, Cloud Services oder Big Data werden für Firmen immer wichtiger. Aufgrund dieser Projekte brauchen sie ein Software-Gerüst und SAP bietet das am weitesten verbreitete ERP-System. Die Nachfrage nach SAP-Experten ist also hoch, das Angebot jedoch relativ gering. Daher können die Freelancer hier hohe Stundensätze verlangen.

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Auch in den Bereichen Verkehr, Transport, Logistik, Energie, Versicherungen und Banken sowie Finanzen sind höhere Stundensätze zu verzeichnen. Die Corona-Krise hat große Defizite bei der Digitalisierung in den Prozessen dieser Sektoren aufgezeigt. Zusammen mit der Energiekrise und dem wachsenden Bedarf an IT-Security, wurde so ein enormes Marktpotenzial für Digitalisierungskonzepte geschaffen, welches sich nun für Freiberufler in diesen Branchen auszahlt.

Freelancer arbeiten an der Kapazitätsauslastung und nehmen durchschnittlich jährlich nur neun von 94 angebotenen Projekten an, haben Sie ermittelt. Können Unternehmen vor diesem Hintergrund den Fachkräftemangel überhaupt mit Freiberuflern ausgleichen?

Die Gründe für den Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt sind sehr facettenreich und lassen sich von Unternehmen daher nicht ausschließlich durch Freelancing aufarbeiten. Dennoch ist es möglich, den Personalmangel bis zu einem gewissen Grad durch Selbstständige auszugleichen. Für die Beschäftigung von Freiberuflern offen zu sein, stellt aber nur einen Teillösung dieses Problems dar. Weitere Punkte sind die bessere Aus- und Weiterbildung von Arbeitskräften, in die Unternehmen investieren müssen. 

Die IT-Branche ist außerdem immer noch eine Männerdomäne. Hier sollte verstärkt daran gearbeitet werden, dass auch mehr Frauen vertreten sind. Zusätzlich können die Förderung qualifizierter Zuwanderung oder Quereinsteiger dabei helfen, den Fachkräftemangel einzudämmen. Eine weitere Problematik stellt die deutsche Gesetzgebung für Selbstständige dar. Die Politik muss ihre konservative Arbeitsideologie reformieren und darf Festanstellung nicht mehr als alternativlose Arbeitsform in Deutschland betrachten.

Nach welchen Kriterien trennen Freelancer denn bei der Projektauswahl die Spreu vom Weizen und was sollten potenzielle Auftraggeber in Hinblick darauf auf dem Schirm haben?

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass vor allem ein zufriedenstellender Stundensatz eine entscheidende Rolle bei der Projektwahl spielt. Allerdings ist für einen Großteil auch wichtig, dass das Projekt zu den eigenen Fähigkeiten der Freelancer passt.  Weitere Kriterien sind die Möglichkeit auf Homeoffice und die Verfügbarkeit, da rund 64 Prozent der Freiberufler auch passende Angebote aufgrund von fehlenden Kapazitäten ablehnen müssen.

Wie können Unternehmen angesichts der knappen Ressourcen von Freiberuflern sicherstellen, die besten Köpfe für ihre Projekte zu bekommen?

Hierbei ist es wichtig, die genannten Kriterien der vorherigen Frage zu erfüllen. Beim Thema Homeoffice sollte bereits im Recruiting-Prozess auf eine Remote-Option gesetzt werden. Außerdem ist es für die Zusammenarbeit essenziell, dass der Freiberufler gut in die Abläufe der Firma eingebunden wird und das Projektmanagement sauber strukturiert ist. So muss der Freelancer nicht zwangsläufig vor Ort sein und es kann trotzdem eine einwandfreie Kommunikation gewährleistet werden. Für Unternehmen ist es ratsam, die Durchschnittsstundensätze der Freelancer im gesuchten Bereich zu recherchieren und das Budget realistisch zu kalkulieren, um unangenehme Überraschungen während des Projekts zu vermeiden. 

Bei der Ausschreibung sollten Firmen darauf achten, dass diese mit klaren Anforderungen versehen sind. Wichtige Eckpunkte wie Konzept, Rahmenbedingungen und Zielsetzung des Projekts sollten sichtbar sein. Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Selbständige zu ungenaue Projektanfragen bekommen und deshalb auch Angebote ablehnen. Deshalb ist eine aussagekräftige Projektbeschreibung, der erste Kontakt und die Kommunikation enorm wichtig.

Wie muss die Beschaffung beziehungsweise der Einkauf in Unternehmen angesichts der steigenden Stundensätze von Freelancern gegebenenfalls Arbeitsweisen anpassen?

Im ersten Schritt haben Unternehmen die Möglichkeit, Zeit einzusparen, die sie für ihre langwierigen und teuren Suchen nach festangestellten Mitarbeitern benötigen. Unsere Erfahrung zeigt, dass es in der Beschaffung günstiger ist Freelancer zu rekrutieren als einen Festangestellten. Vor allem in der IT-Branche dauert es, aufgrund von Spezialisierung und komplexen Aufgabenbereichen der ausgeschriebenen Stellen, länger eine Stelle zu besetzen. Dieser Trend soll  sich noch verschärfen. 2020 zeigte eine Bitkom-Studie, dass es sechs Monate dauert, eine offene IT-Stelle zu besetzen. Bei Freiberuflern ist es ein Monat. 

Grund für die lange Suche scheinen mangelnde Ressourcen und veraltete Recruiting-Tools zu sein. Oft haben konservative Geschäftsführer auch Angst vor unbekannten Vertragsmodellen mit Freelancern oder Strafzahlungen wegen Scheinselbstständigkeit. Auch der auf den ersten Blick hohe preisliche Unterschied zu Festangestellten schreckt manche Unternehmen ab. Hier sollte die Geschäftsführung verstehen, dass eine unbesetzte Stelle mehr Kosten verursacht als ein Freelancer, der projekt-basiert arbeitet und kostspielige Lücken schließen kann.

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